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Die US-Wahl im Internet

Andreas Wilkens

John F. Kerry oder George W. Bush? Die Frage, wer der nÀchste US-PrÀsident wird, ist auch im Internet ein weit verbreitetes Thema. Sie wird -- womöglich mit Verzögerung -- dort auch beantwortet.

Am kommenden Dienstagabend schließen in den USA die Wahllokale zur PrĂ€sidentschaftswahl. Ob an dem Abend bereits mit einer Entscheidung darĂŒber zu rechnen ist, ob George Walker Bush in seinem Amt bleiben kann oder der Demokrat John Forbes Kerry ins Weiße Haus einziehen wird, möchte so mancher, der sich an die Wahl vor vier Jahren erinnert, kaum glauben. Seinerzeit stand das entscheidende Ergebnis des Bundesstaats Florida 36 Tage lang auf der Kippe, bis der oberste Gerichtshof dem NachzĂ€hlungsmarathon ein Ende machte und Bush sich die 27 WahlmĂ€nnerstimmen des Sonnenstaates sichern konnte. Eine NachzĂ€hlung aller Stimmen [1] in Florida hĂ€tte nach Meinung eines Medienkonsortiums sogar ergeben, dass der Demokrat Al Gore 43. PrĂ€sident der USA geworden wĂ€re.

Seit Wochen wird in einigen Bundesstaaten bereits gewĂ€hlt, darunter auch Florida. Ausgerechnet dort gab es im Wahlbezirk Palm Beach bei einem Test der Touchscreen-Wahlmaschinen Probleme [2]. In Fort Lauderdale fielen wegen eines technischen Fehlers Computer aus. Die Wahlwilligen konnten stundenlang ihre Stimme nicht abgeben. In einigen Staaten haben sich BĂŒrger zusammengefunden, um gegen elektronische Urnen zu klagen [3], da sie keine Kopie der Stimmabgabe auf Papier verfertigen und damit keine NachzĂ€hlung zulassen. Die Zweifel an einer korrekten Wahlabwicklung hat dazu gefĂŒhrt, dass die OSZE Wahlbeobachter [4] in das selbsternannte "Mutterland der Demokratie" schickt. Kritiker sagen, dass es bei dieser Wahl noch mehr Probleme [5] als vor vier Jahren geben wird. Dabei wird die von der OSZE entsandte internationale Wahlbeobachtungskommission keine Möglichkeit haben [6], die korrekte StimmauszĂ€hlung der elektronischen Wahlmaschinen zu ĂŒberprĂŒfen, an denen diesmal schon rund ein Drittel der WĂ€hler ihr Votum abgibt.

Viel steht auf dem Spiel, beispielsweise fĂŒr die Wissenschaftler in den USA, die sich fĂŒr eine Abwahl [7] von Bush ausgesprochen haben und darauf hoffen, dass Kerry Mittel aus dem RĂŒstungshaushalt fĂŒr ihre Zwecke zurĂŒckschichtet. Fraglich ist nach Veröffentlichung [8] einer Umfrage des Program on International Policy Attitudes, ob das Wahlvolk insgesamt von solch rationalen Überlegungen gelenkt wird. Nach dieser Umfrage glaubt die Mehrzahl der Bush-AnhĂ€nger noch immer, dass der Irak Massenvernichtungswaffen hatte und al-Qaida unterstĂŒtzte. Gerne hĂ€tten sich auch Nicht-Amerikaner ĂŒber die Absichten des aktuellen PrĂ€sidenten informiert, doch die offizielle Wahlkampfseite Georgewbush.com ist fĂŒr AuslĂ€nder gesperrt [9].

Wenigstens wissen wir durch Bushs Antworten [10] auf einen Fragebogen der Computer Technology Industry Association, dass er sich prinzipiell fĂŒr den Schutz geistigen Eigentums einsetzt. Kerry appellierte am Dienstag an die nationale Ehre der US-amerikanischen Unternehmen und versprach, das Offshore-Outsourcing von IT-ArbeitsplĂ€tzen einzudĂ€mmen [11]. Kerry Wahlkampfsite [12] ist ĂŒbrigens auch fĂŒr nicht US-Amerikaner frei zugĂ€nglich. Zeitweise ließ sich die Sperre fĂŒr Georgewbush.com durch Eingabe der IP-Adresse (http://65.172.163.222 [13]) in den Browser umgehen.

Unentschiedene WĂ€hler, die sich mit Hilfe des Computers zu ihrer Stimmabgabe leiten lassen wollen, bekommen Ă€hnlich wie zur Bundestags- und Europawahl hierzulande vom Wahl-O-Mat [14] in den USA UnterstĂŒtzung durch den President Match [15] von AOL und Time. Allerdings sind dort nur die politischen Programme von Bush und Kerry berĂŒcksichtigt, nicht aber zum Beispiel das von Ralph Nader. Er steht trotz der Bitten einiger US-Aktivisten, seine Kandidatur zu Gunsten von John Kerry zurĂŒckzuziehen, weiterhin zur Wahl [16] und wird so wohl auch in diesem Jahr die Zunge an der Waage sein, sagen einige Meinungsforscher.

Seit Monaten, spĂ€testens seit John Kerry als demokratischer Kandidat feststeht, arbeiten sie in den USA auf Hochtouren. Zuvor hatte sich die Kandidatur des demokratischen KandidatenanwĂ€rters Howard Dean als Rohrkrepierer erwiesen [17]. Die Netzgemeinde spekulierte darĂŒber, ob die hauptsĂ€chlich im Internet aufgezogene Kampagne Ă€hnlich der Dotcom-Blase geplatzt ist. Wenigstens hatte sich Dean standesgemĂ€ĂŸ als erstes in seinem Weblog vom PrĂ€sidentschaftstraum verabschiedet.

Wie es nun um die Chancen des verbliebenen demokratischen Kandidaten bestellt ist, darĂŒber liefern unzĂ€hlige Websites Informationen. Wer nicht alle abklappern möchte, bekommt bei Pollingreport.com [18] einen aktuellen Überblick ĂŒber die aktuellen Umfragewerte der verschiedenen Meinungsforschungsinstitute. Dort war auch erkennbar, dass Bush trotz der vermeintlichen Unterlegenheit in den Fernsehdebatten [19] sogar mitunter seinen Vorsprung vor Kerry ausbauen konnte.

Doch Prozentergebnisse auf Basis von nationalen Umfrage nĂŒtzen angesichts des Wahlverfahrens in den USA wenig. Dave Leip's Atlas of U.S. Presidential Elections [20] geht einen anderen Weg und rechnet Einzelumfragen aus den Bundesstaaten in WahlmĂ€nnerstimmen hoch. Die nĂŒchtern, aber höchst informativ gehaltene englischsprachige Website bietet sich ĂŒbrigens fĂŒr statistisch Begeisterte gut dafĂŒr an, sich mit diversen Tabellen und Grafiken zu frĂŒheren Abstimmungen auf die Wahlnacht einzustimmen. Informationen zum Wahlrecht auf Deutsch bietet die Website der US-Botschaft [21].

Der Wahlatlas bietet sich am Dienstag auch dafĂŒr an, die aus den einzelnen Bundesstaaten eintrudelnden Ergebnisse entsprechend der Election Night Timeline [22] zu verfolgen. Interessant erscheint, dass die KursverlĂ€ufe der Wahlstreet [23], wo auch zu dieser US-Wahl Aktien auf die Kandidatenchancen gehandelt werden können, Ă€hnlich verlaufen wie die kumulativen Umfrageergebnisse bei Dave Leip, sich die Kurven von Bush und Kerry also bis zuletzt annĂ€herten und nahezu gleiche Chancen anzeigten. Mittlerweile werden Bush auf beiden Meinugsplattformen wieder bessere Chancen zugesprochen. Welche Rolle die nun aufgetauchte Videobotschaft Osama bin Ladens [24] bei der Wahlentscheidung gespielt haben könnte, werden die Forscher wohl erst nach dem 2. November ermitteln können.

Multimedialer als beim Wahlatlas wird es auf den einschlÀgigen Seiten der US-amerikanischen Fernsehanstalten CNN [25], CBS [26], NBC [27] oder ABC [28] zugehen. Im deutschen Fernsehen sendet die ARD [29] am 2. November ab 23.00 Uhr bis 5.30 Uhr, das ZDF [30] geht eine Stunde spÀter auf Sendung. Auf Wunsch des US-amerikanischen Filmemachers und Bush-Kritikers Michael Moore zeigen am Montagabend die Sender Pro Sieben [31], SF 2 und ORF 1 seinen Film Fahrenheit 9/11. Moore versucht darin nachzuweisen, dass der US-PrÀsident die AnschlÀge vom 11. September 2001 dazu benutzte, seine eigene politische Agenda durchzusetzen. Der Film tauchte angeblich mit Billigung des Regisseurs kurz nach dem Kinostart bereits in Internet-Tauschbörsen [32] auf. Im US-amerikanischen Fernsehen wird der Film nicht gezeigt. Der Pay-per-View-Sender In Demand nahm Abstand von der Ausstrahlung [33].

Einen Report zu elektronischen Wahlmaschinen [34] in den USA bringt die kommende c't 23/2004, die ab dem morgigen Montag, den 1. November, im Handel ist, auf Seite 100: E-Voting - ein Spiel mit dem Feuer. (anw [35])


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[1] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/11100/1.html
[2] https://www.heise.de/news/Florida-aerger-mit-E-Vote-109266.html
[3] https://www.heise.de/news/US-Buerger-wollen-gegen-elektronische-Wahlmaschinen-klagen-109797.html
[4] https://www.heise.de/news/OSZE-ueberwacht-Praesidentschaftswahlen-in-den-USA-105995.html
[5] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/te/18666/1.html
[6] https://www.heise.de/news/Wahlbeobachter-bei-den-US-Praesidentschaftswahlen-in-der-Hightech-Falle-111942.html
[7] https://www.heise.de/hintergrund/Biosprit-und-Stammzellen-276955.html
[8] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/18637/1.html
[9] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/te/18665/1.html
[10] https://www.heise.de/news/Bush-und-Kerry-zu-IT-Themen-befragt-110538.html
[11] https://www.heise.de/news/US-Praesidentschaftskandidat-stellt-sich-gegen-IT-Outsourcing-111381.html
[12] http://www.johnkerry.com/
[13] http://65.172.163.222
[14] https://www.heise.de/news/Online-Entscheidungshilfe-fuer-die-Europawahl-101521.html
[15] http://www.presidentmatch.com/Main.jsp2?cp=main
[16] http://www.politics1.com/p2004.htm
[17] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/te/16790/1.html
[18] http://www.pollingreport.com
[19] https://www.heise.de/news/Die-multimediale-Schlacht-ums-Weisse-Haus-106380.html
[20] http://uselectionatlas.org/USPRESIDENT/GENERAL/CAMPAIGN/2004/polls.php
[21] http://usa.usembassy.de/regierung-wahlen.htm
[22] http://uselectionatlas.org/INFORMATION/ARTICLES/ElectionNight2004/pe2004elecnighttime.php
[23] http://www.wahlstreet.de/cgi-bin/open/esm.fpl?do=orderbook&esm=WS&bundle=ws01b
[24] http://www.heise.de/tp/deutsch/special/auf/18692/1.html
[25] http://www.cnn.com/ELECTION/2004/
[26] http://www.cbsnews.com/sections/politics/main250.shtml
[27] http://www.msnbc.msn.com/id/3032553/
[28] http://abcnews.go.com/Politics/Vote2004/
[29] http://www.tagesschau.de/thema/0,1186,OID2826302_NAVSPM1_REF1,00.html
[30] http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/20/0,1872,2072820,00.html
[31] http://www.prosieben.de/spielfilm_serie/spielfilme/blockbuster/fahrenheit/home/
[32] https://www.heise.de/news/Streit-um-Michael-Moore-Film-im-Internet-104063.html
[33] http://www.indemand.com/special.jsp
[34] https://www.heise.de/news/Wahlbeobachter-bei-den-US-Praesidentschaftswahlen-in-der-Hightech-Falle-111942.html
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