Die Jagd auf dunkle Materie: Teilchenbeschleuniger LHC lÀuft wieder
(Bild: Maximilien Brice/CERN)
Nach einer verlÀngerten Pause und weiteren Ausbauarbeiten hat das CERN den Large Hadron Collider wieder in Betrieb genommen. Die Ingenieure hoffen auf noch bessere Ergebnisse, vor allem bei der Suche nach dunkler Materie.
Die mĂ€chtigen Magnete sind 100 Meter unter der Erde schon wieder in Betrieb. In riesigen Metallzylindern und -gehĂ€usen sind tausende der filigransten MessgerĂ€te gewartet und auf den neusten Stand gebracht worden. Hier beginnt nun die Jagd auf eines der gröĂten RĂ€tsel der Physik: die dunkle Materie. Nach dem Ende der alljĂ€hrlichen Winterpause ist der gigantische Teilchenbeschleuniger nun wieder in Betrieb [1].
Forschung mit gigantischen Maschinen
Wie alle, die zum weltgröĂten Teilchenbeschleuniger der EuropĂ€ischen Organisation fĂŒr Kernforschung (CERN), dem Large Hadron Collider (LHC), in die Tiefe hinabsteigen [2], hat Karl Jakobs ein Dosimeter zur Messung radioaktiver Strahlung dabei. Der Freiburger Physiker leitet mit ATLAS eines der beiden Experimente, die suchen, was niemand je gefunden hat. "Wir sind an der vordersten Grenze der Technologie", sagt Jakobs im Aufzug in die Tiefe.
Der Teilchenbeschleuniger ist seit 2009 in Betrieb. Hier wird Grundlagenforschung ĂŒber den Aufbau von Materie betrieben. 2012 kam seine bisherige Sternstunde: die Physiker konnten das Higgs-Teilchen nachweisen [3], das eine uralte Frage löste, nĂ€mlich wie die kleinsten Bausteine des Universums ihre Massen bekommen. Die Theorie stammte aus dem Jahr 1964, konnte aber bis dahin nie bewiesen werden. Jakobs war dabei, und er wurde fĂŒr seinen Beitrag zu der "epochalen Entdeckung" 2015 mit dem höchsten deutschen Preis fĂŒr experimentelle Physik, die Stern-Gerlach-Medaille, ausgezeichnet.
Der Teilchenbeschleuniger ist das gröĂte wissenschaftliche Instrument der Welt. Er befindet sich in einem knapp 27 Kilometern langen kreisförmigen Tunnel. Rennbahn, sagt Jakobs, weil die Protonen fast mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs sind. Bei mehr als 11.000 UmlĂ€ufen pro Sekunde bringen elektromagnetische Wellen und Magnetfelder sie auf Kollisionskurs.
Ein Besuch beim CERN (0 Bilder) [4]
Blick zum Anfang
"Wir wollen sehen, was in der ein milliardstel Sekunde nach dem Urknall passiert ist", sagt Jakobs. Er schreit es fast, denn die KĂŒhlsysteme der Magneten machen einen HöllenlĂ€rm. Wie Gulliver in Brobdingnag in Jonathan Swifts Klassiker "Gullivers Reisen" wirken die Arbeiter, die in diesem gigantischen TunnelstĂŒck letzte Hand an Jakobs' Atlas-Experiment anlegen: Sie sind im Vergleich zu der 24 mal 45 Meter groĂen Maschine winzig.
Die eigentliche Röhre, durch die demnĂ€chst wieder die Teilchen schieĂen, hat einen Durchmesser von knapp vier Metern. Die Protonen kommen aus einer 10-Liter-Wasserstoffflasche. Sie werden in eine Vakuumröhre geschossen und mit Hilfe von elektrischen Feldern und Magneten auf Touren gebracht. Zig Milliarden davon, die HĂ€lfte im Uhrzeigersinn, die andere HĂ€lfte in entgegengesetzter Richtung.
Die Physiker interessiert nur der Bruchteil der Sekunde, an dem die Protonen kollidieren. Entsteht dabei die dunkle Materie, nach der sie suchen? ErklĂ€rt das, woraus der GroĂteil des Universums besteht, der sich nicht aus den bislang vertrauten Bausteinen zusammensetzt?
Wozu ĂŒberhaupt?
Auf die Frage "Wozu das alles?" , antwortet Jakobs mit dem britischen Naturforscher Michael Faraday (1791-1867). Der soll auf die Frage seines Finanzministers, wozu ElektrizitĂ€t ĂŒberhaupt gut sei, gesagt haben: "Zum Beispiel, weil sie vielleicht eines Tages Steuern darauf erheben können."
Jakobs verweist auf die Errungenschaften der physikalischen Forschung: Ohne die Arbeiten von Faraday und seinen Kollegen im 19. Jahrhundert sei die heutige Welt nicht denkbar. Die elektromagnetische Wechselwirkung dominiere das Alltagsleben, ĂŒber Handys, Transistoren und vieles mehr. Nachweisdetektoren, die Physiker fĂŒr ihre Experimente am Cern gebaut hĂ€tten, wĂŒrden heute in der Medizin verwendet.
Jakobs hofft, dass die dunkle Materie entdeckt wird. Nicht, in dem Moment, wo sie entsteht. Vielmehr werden Millionen Messdaten erstmal gesammelt und monatelang aufbereitet, ehe Physiker am Computer Zugang bekommen. "Wir wissen, wie sich die Signatur von dunkler Materie zeigen wĂŒrde", sagt Jakobs. Bei solchen Entdeckungen reiĂt es die sonst so kĂŒhlen Wissenschaftler durchaus aus den StĂŒhlen, wie Jakobs in Erinnerung an den Moment des Higgs-Nachweises sagt: "Da springt man schon mal auf am Computer."
Strahlung entsteht nicht, sagt Jakobs. Einzig geladene Myonen könnten nach auĂen kommen, wenn der Beschleuniger in Betrieb ist. Sie könnten den menschlichen Körper mit ihrer ionisierenden Strahlung schĂ€digen. Deshalb darf niemand in die Tiefe, wenn der Beschleuniger lĂ€uft. Zur Sicherheit wird aber bei jedem Besuch gemessen. Wie erwartet zeigt das Dosimeter: "00,00" Mikrosievert an â keine Strahlung. (mho [6])
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[1] http://home.cern/about/updates/2017/04/lhc-has-restarted-its-2017-run
[2] https://www.heise.de/hintergrund/Die-Herren-der-Ringe-Ein-Besuch-beim-CERN-2445447.html
[3] https://www.heise.de/news/Higgs-Boson-CERN-weist-neues-Elementarteilchen-nach-1631922.html
[4] https://www.heise.de/bilderstrecke/1374970.html?back=3701208;back=3701208
[5] https://www.heise.de/bilderstrecke/1374970.html?back=3701208;back=3701208
[6] mailto:mho@heise.de
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