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"Die Feststoffraketen haben gezĂŒndet"

Hans-Arthur Marsiske

Drei Tage lang diskutierten Experten auf der Bremer Konferenz "To Moon and beyond" zukĂŒnftige Weltraummissionen. Mit dabei ein Mann, der vor 38 Jahren Geschichte schrieb: Apollo-11-Pilot Buzz Aldrin.

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Vor 38 Jahren betrat der heute 77-jÀhrige Buzz Aldrin als zweiter Mensch nach Neil Armstrong den Mond.

Die Zahl der Mondbewohner werde wohl immer begrenzt bleiben, glaubt Robert Laine. Anders ist es auf dem Mars mit seinen vielfĂ€ltigen Ressourcen. Dort kann sich der Chefingenieur von EADS Astrium [1] in Paris eher vorstellen, dass Forschungsstationen nach und nach zu Siedlungen und StĂ€dten wachsen. "Der Mond lĂ€dt nicht zum Bleiben ein – der Mars schon", unterstrich auch Apollo-11-Pilot Buzz Aldrin [2] zu Beginn des Symposiums "To Moon and beyond [3]". Doch die ĂŒber 80 Teilnehmer aus 16 LĂ€ndern, die drei Tage lang in Bremen ĂŒber zukĂŒnftige Weltraummissionen berieten, waren sich einig, dass der Weg zum Mars ĂŒber den Mond fĂŒhrt [4].

Klar ist auch, dass es nicht mehr darum geht, Fahnen aufzustellen und FußabdrĂŒcke zu fotografieren. Gefragt sind nachhaltige Konzepte fĂŒr den Aufbau einer dauerhaften Weltrauminfrastruktur. "Jedes VerbindungsstĂŒck ist eine Erweiterung der Erde und dient der UnterstĂŒtzung anderer Komponenten", sagt Ernesto Vallerani vom Politecnico di Torino [5]. FĂŒr ihren Aufbau sei eine langfristige Vision erforderlich, um vom angestrebten Zustand in 50 Jahren rĂŒckwĂ€rts die auf dem Weg dorthin erforderlichen Schritte zu identifizieren.

Ideen dafĂŒr gab es reichlich in Bremen. Neben der Entwicklung geeigneter Transportsysteme ging es in vielen VortrĂ€gen um die Nutzung außerirdischer Ressourcen. Mario Grasso vom Politecnico di Milano [6] etwa prĂ€sentierte eine Software, mit der sich nicht nur die Sauerstoffproduktion aus Mondstaub simulieren lĂ€sst, sondern alle Komponenten einer Mondbasis. Anders lĂ€sst sich eine dauerhafte PrĂ€senz von Menschen auf anderen Himmelskörpern nicht realisieren, da waren sich alle Konferenzteilnehmer einig.

Eine wichtige Ressource ist das Sonnenlicht. An den Mondpolen gibt es Regionen, wo es sich praktisch ununterbrochen zur Erzeugung von Strom nutzen lĂ€sst. Um diese Regionen besser nutzen zu können, stellte Kazuki Watanabe von der japanischen WEL Research Co. einen ausfahrbaren Turm vor, der am Mondnordpol errichtet werden soll, um mit seinen Solarzellen in 15 Meter Höhe die Energieversorgung einer Forschungsstation auch wĂ€hrend der 14-tĂ€gigen Mondnacht zu gewĂ€hrleisten. Naoko Hatanaka von der UniversitĂ€t Tokyo beschĂ€ftigte sich mit Baumaterialien: Aus den Rohstoffen auf dem Mond möchte sie Beton herstellen und als Strahlenschutz fĂŒr Mondbasen verwenden.

Statt Beton lassen sich zum Bau von Forschungsstationen auch vorgefertigte Module verwenden. Olga Bannova, Architektur-Professorin an der University of Houston, beschĂ€ftigte sich damit, welche Art modularer Bausteine dafĂŒr am besten geeignet wĂ€re. Dabei unterwarf sie sich realistischen BeschrĂ€nkungen: Die einzelnen Module durften maximal 15 Tonnen wiegen, und mussten in einen Laderaum von 3,75 Meter Durchmesser und 12 Meter LĂ€nge passen. Automatische LandegerĂ€te sollen sie mithilfe von Kabeln auf der MondoberflĂ€che absetzen und dann selbst an einer anderen Stelle landen, um möglichst wenig Staub aufzuwirbeln.

Selbst die Frage eines eigenen europĂ€ischen oder russisch-europĂ€ischen Systems fĂŒr bemannte Raumfahrt scheint kein Tabu mehr zu sein. Bislang sind europĂ€ische Astronauten auf Mitflugmöglichkeiten bei den Russen oder Amerikanern angewiesen. Eine AbhĂ€ngigkeit, die von vielen als schmerzlich empfunden wird und die dazu beitrĂ€gt, dass Europa nicht wirklich als vollwertiger Raumfahrtpartner anerkannt wird.

Bernhard Hufenbach vom ESA-Forschungszentrum ESTEC [7] im niederlĂ€ndischen Noordwijk hĂ€lt daher die im Jahr 2008 anstehende Entscheidung ĂŒber das "Crew Space Transportation System" (CSTS [8]) fĂŒr die wichtigste, um Europa zu einem "Global Player" zu machen. Bislang beteiligt sich die ESA mit zwei Millionen Euro an der Entwicklung dieses russischen Systems, was zunĂ€chst kaum mehr als eine AbsichtserklĂ€rung ist. Ernst Messerschmid, Astronaut und Professor fĂŒr Weltraumsysteme [9] an der UniversitĂ€t Stuttgart, unterstrich diesen Punkt auch noch einmal bei der abschließenden Pressekonferenz. Selbst die ebenfalls auf dem Podium vertretene Edelgard Bulmahn, die sich in ihrer Zeit als Forschungsministerin den Ruf einer "Astronautenfresserin" erworben hatte, widersprach nicht, sondern fragte: "Warum haben wir 1987 eigentlich den Bau der Raumstation beschlossen, statt gleich zum Mond zu fliegen?"

"Die Zeit ist reif", resĂŒmierte Manfred Fuchs, Chef der Bremer Raumfahrtfirma OHB Systems [10], das Ergebnis des Symposiums. TatsĂ€chlich scheint die Raumfahrtgemeinde in Deutschland von einer Aufbruchsstimmung erfasst, die sich seit der Dresdner DLR-Konferenz zur Weltraumexploration [11] vom vergangenen November noch verdichtet hat. Noch ist allerdings nichts entschieden. Wenn mit der Dresdner Konferenz das Haupttriebwerk gestartet wurde, dann haben jetzt die Feststoffraketen gezĂŒndet. Beim Space Shuttle ist das eine der gefĂ€hrlichsten Phasen des Fluges. (Hans-Arthur Marsiske) / (pmz [12])


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Links in diesem Artikel:
[1] http://www.astrium.eads.net/
[2] http://www.buzzaldrin.com/
[3] http://www.beyondmoon.de/
[4] https://www.heise.de/news/DLR-praesentiert-Parlamentariern-deutsche-Mond-Missionsplaene-151354.html
[5] http://www.polito.it/
[6] http://www.polimi.it/
[7] http://www.esa.int/esaCP/SEMOMQ374OD_index_0.html
[8] http://de.wikipedia.org/wiki/Crew_Space_Transportation_System
[9] http://www.irs.uni-stuttgart.de/institut/mitarbeiter/messerschmid.html
[10] http://www.ohb-system.de/
[11] https://www.heise.de/news/Deutschland-will-zum-Mond-und-weiter-120345.html
[12] mailto:pmz@ct.de