Der Trick mit der Elektronik
Allradtechnik war immer schon von Kompromissen geprÀgt, von Zielkonflikten zwischen Gewicht und Dynamik, Schnelligkeit und GelÀndegÀngigkeit. Der Mecedes-Benz GLC ist der erste AutobahngelÀndewagen, der auch richtig gut GelÀnde kann (ein bisschen Trick ist aber auch dabei)
Wien, 27. Juli 2015 â Eigentlich sind jetzt alle Hardcore-GelĂ€ndewagen blamiert. Bei der PrĂ€sentation des Mercedes GLC wurden GelĂ€ndeĂŒbungen vorgefĂŒhrt, die man bisher nur von der G-Klasse kannte. Extreme Steigung, extreme SchrĂ€glage, extreme AchsverschrĂ€nkung. Nie und nimmer wĂŒrde man sich als normaler auch einigermaĂen gelĂ€ndekundiger Autofahrer auf so ein Terrain wagen. Man hĂ€tte ganz einfach Angst um Leib, Leben und vor allem um das teure Vehikel. Denn wahrscheinlich wĂŒrde wegen missbrĂ€uchlicher Verwendung des Automobils auch die Kasko-Versicherung aussteigen, wenn da was passiert.
Aber es passiert nix. Du fÀhrst rauf, das Auto fÀhrt quasi von selber runter. Ende. Der Wagen schiebt, der Wagen kippt, der Wagen bewegt sich vorwÀrts. Er Àchzt nicht im GebÀlk. Er macht, was der Fahrer per Lenkrad und Gaspedal diktiert. Alles immer unter Kontrolle.
Der Trick mit der Elektronik (0 Bilder) [1]
Wie kann es so etwas geben? Allradtechnik war doch immer schon von Kompromissen geprÀgt, von Zielkonflikten zwischen Gewicht und Dynamik, Schnelligkeit und GelÀndegÀngigkeit. Und jetzt der erste AutobahngelÀndewagen, der auch richtig gut GelÀnde kann (ein bisschen Trick ist aber auch dabei).
Auf höherer Ebene wieder einfach
Der Aufstieg der gleichermaĂen höchst kritisierten wie auch höchst beliebten Fahrzeugklasse namens Sports Utility Vehicle und eigentlich des Themas Allradantrieb fĂŒr den Alltag begann bescheiden. Und im Grunde ist es immer so in der Technik: Am Anfang stehen einfache Lösungen, mit zunehmenden AnsprĂŒchen und steigender Machbarkeit wird alles immer komplizierter. Und am Ende erscheint alles auf einer höheren Ebene wieder ganz einfach wie hier und jetzt. Keine Sperrdifferenziale mehr, keine schwerfĂ€llige GelĂ€ndeĂŒbersetzung und trotzdem oder gerade deswegen so viel Power und Geschmeidigkeit abseits der StraĂe wie nie zuvor.
Ein wenig Allrad-Einmaleins hilft vielleicht, dem PhĂ€nomen nĂ€her zu kommen: Die Einbausituation des Motors ist bereits von erheblicher Bedeutung fĂŒr die Eigenschaften des Allradantriebs. Bei quer eingebautem Motor, dem Normalfall bei Basis Fronttrieb, etwa dem GLA, wird heutzutage ĂŒber eine Reiblamellenkupplung Drehmoment zum Hinterachsdifferenzial geleitet, wenn gröĂerer Schlupf an der Vorderachse auftritt. Diese so genannte Hang-On-Lösung funktioniert schon sehr gut [3], die elektronische Steuerung der Lamellenkupplung arbeitet dermaĂen schnell, dass man normalerweise gar nichts mehr davon mitbekommt. Aber im Grunde ist und bleibt so ein Auto ein Fronttriebler, der bei Bedarf halt auch die HinterrĂ€der mitspielen lĂ€sst.
LÀngseinbau ermöglicht permanenten Allradantrieb
Hier im GLC ist der Motor aber lĂ€ngs eingebaut. Das ist schon vom Layout her deutlich aufwendiger. WĂ€hrend beim quer eingebauten Motor (GLA) an des Getriebe gleich das Vorderachsdifferenzial und die Abzweigung zum Hinterradantrieb als Einheit drangebaut werden kann, sitzt hier im GLC am hinteren Ausgang des Getriebes (in diesem Fall die neue Neunstufen-Wandlerautomatik) das Verteilergetriebe. Vom Verteilergetriebe aus werden sodann ĂŒber ein mittleres Differenzial mit integrierter Lamellenbremse, und einen Planetenradsatz 55 Prozent des Drehmoments an die Hinterachse und 45 Prozent an die Vorderachse geleitet. Das heiĂt, seitlich am Getriebe verlĂ€uft wieder eine Antriebswelle zum Vorderachsdifferenzial.
Im Grunde ist das eine Architektur, wie sie auch seriösen GelĂ€ndewagen zu eigen ist. Das Wesentliche ist aber, es gibt keine GelĂ€ndereduktion. Beim groĂen Bruder GLE, dem Nachfolger der alten M-Klasse, kann man ja ein Offroad-Paket bestellen, das auch eine GelĂ€ndereduktion enthĂ€lt, mit 100-Prozent Sperre des Mitteldifferanzials. Das gibt es im GLC nicht. Hier schafft man (scheinbar) alles auch ohne extreme Langsamfahrstufen. Das spart Gewicht, Bauraum und letztlich auch Spirit (fĂŒr den Flottenverbrauch).
Und noch ein wesentlicher Unterschied zu Hardcore-GelĂ€ndewagen: Es gibt keine Sperren an den Achsdifferenzialen. Das heiĂt, dieser Allradantrieb ist schlanker als bei echten GelĂ€ndewagen, kann aber gleich viel (fast).
Der springende Punkt liegt jenseits der Mechanik, nĂ€mlich in der enorm gestiegenen Rechnerleistung sowohl des Fahrdynamiksystems als auch der Motor- und Getriebesteuerung, die alle zusammenwirken. Und zwei Faktoren kommen noch hinzu: hohes Motordrehmoment als grundsĂ€tzliche Voraussetzung und eine weitere kurzfristige DrehmomentĂŒberhöhung durch den Wandler des Automatikgetriebes.
Bremseingriff vernichtet weiterhin Drehmoment
Die hohe Kunst liegt also darin, ĂŒber einen extrem ausgeklĂŒgelten Bremseingriff Differenzialsperren zu ersetzen. Und das ist nicht so einfach, schlieĂlich wird durch den Bremseingriff Drehmoment nicht umgeleitet, sondern vernichtet. Und am anderen Rad muss immer noch genĂŒgend Drehmoment ankommen, dass sich der Wagen auch auf extremer Steigung vorwĂ€rts bewegen kann.
Hier im GLC zeigt man nun, dass durch besonders flexible und schnelle Steuerung von Motor, Getriebe und Bremsen phĂ€nomenale GelĂ€ndeauftritte ohne Hardcore-GelĂ€ndetechnik möglich sind. Die Gefahr, dass damit echte GelĂ€ndewagentechnik völlig ĂŒberflĂŒssig werden könnte, besteht trotzdem nicht. Im Wesentlichen wurden durch Verbesserung der Elektronik nur die Grenzen deutlich weiter hinaus geschoben, an denen die Bremsen heiĂ werden, der Motor aus Ăberlastung einfach abstirbt oder Antriebswellen brechen. Die Gesetze der Physik gelten unverĂ€ndert.
Dem Konstrukteur eines echten GelĂ€ndewagens wĂŒrde man also auch heute noch die Klassiker GelĂ€ndeĂŒbersetzung und mechanische Differenzialsperren beauftragen. Plus eine deutlich bessere Fahrwerksbeweglichkeit plus Freigangswinkel, die ihren Namen verdienen, plus eine dazu passend robuste Fahrwerksauslegung â höchstwahrscheinlich sogar mit Kugelumlauflenkung â plus Verzicht auf elektronische Komponenten, wo nicht unbedingt nötig zur Einhaltung der Abgasgesetze. So ein Auto wird allerdings, abgesehen vielleicht von militĂ€rischen AuftrĂ€gen, wohl nicht mehr neu neu aufgelegt werden. (fpi [4])
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