Dem Chiphersteller Qimonda lÀuft die Zeit davon
Die Hoffnungen, bis Ende MĂ€rz einen seriösen Investor zu finden, sind in den vergangenen Tagen keinen Nanometer gestiegen, zumal die Preise fĂŒr Speicherchips aktuell wieder sinken.
Im Alltag des insolventen Chipherstellers Qimonda [1] Dresden gibt es momentan Anforderungen, an die man vor einem Jahr nicht im Traum gedacht hĂ€tte. Selbst MĂŒllbeutel sind neuerdings antragspflichtig und mĂŒssen bei Insolvenzverwalter Michael JaffĂ© und der Chefetage bestellt werden. Rund 2,5 Millionen Euro kostet die Produktion hier jede Woche. "Die LiquiditĂ€t ist schon ein Problem", sagt JaffĂ©s Sprecher Sebastian Brunner. FĂŒr das Geld der Mitarbeiter kommt noch bis Ende MĂ€rz der Steuerzahler auf.
Die Hoffnungen, bis dahin einen seriösen Investor zu finden, sind in den vergangenen Tagen keinen Nanometer gestiegen, zumal die Preise fĂŒr Speicherchips aktuell wieder sinken. Deshalb arbeitet JaffĂ© schon fĂŒr die Zeit nach dem 31. MĂ€rz. Parallel zur Investorenwerbung werde intensiv ĂŒber Finanzierungsmöglichkeiten verhandelt, um den "Betrieb befristet fĂŒr einige Monaten auch nach dem 31. MĂ€rz 2009 aufrecht zu erhalten", heiĂt es aus dem Haus JaffĂ©. Schon jetzt steht fest, dass mehr Zeit fĂŒr die Suche nach einem neuen EigentĂŒmer nötig ist.
Rund einen Monat nach dem Insolvenzantrag haben die Mitarbeiter eine zweite BeschĂ€ftigung gefunden â als Demonstranten. Neben einer Mahnwache vor den Toren des Unternehmens im Dresdner Norden kĂ€mpfen sie auch bei Demonstrationen in der Innenstadt ums Ăberleben. Sachsens Staatskanzlei trĂ€gt seit Wochen ein Pokerface zur Schau und verweist bei Anfragen nach dem Fortgang der Verhandlungen auf deren Vertraulichkeit. Ob sich bei der Suche nach Investoren Konkretes ergab, weiĂ man nicht.
"In den letzten vier Wochen vor Ende des Insolvenzgeldes kommt in der Regel kein Name mehr auf den Tisch", berichtet der Dresdner IG Metall-Chef Willi Eisele von Erfahrungen. Zu groĂ sei das Risiko, bei einem Scheitern der Verhandlungen wie ein Depp dazustehen. Bei Qimonda selbst hat er eine "zornige Stimmung" ausgemacht. Man sehe zwar noch eine Chance, viele Mitarbeiter wĂŒrden sich aber schon nach einem neuen Job umsehen. "Den BeschĂ€ftigten ist klar: Wenn es weitergeht, wird es nicht in der bisherigen GröĂenordnung weitergehen."
"Die Moral der Belegschaft ist trotz fundamentaler Verunsicherung und existenzieller Bedrohung jedes Einzelnen gut, fast trotzig", sagt ein Qimondaner, der wie andere anonym bleiben will. In solchen Zeiten bleibt das Visier gern unten. Wer es öffnet, hat spĂ€ter vielleicht nicht die besten Karten. Das Engagement betreffe alle Bereiche des Unternehmens. Ăhnliche MotivationsschĂŒbe habe es frĂŒher schon gegeben, "wenn Standorte dichtmachten und die Kollegen noch einmal zeigen wollten, was fĂŒr einen Verlust das bedeutet", heiĂt es.
Diese Einstellung grĂŒndet sich vor allem auf Selbstbewusstsein. Denn trotz der Insolvenz sieht sich Qimonda der Konkurrenz um Monate voraus. Das Zauberwort heiĂt Buried-Wordline-Technologie (bWL) und steht fĂŒr ein anderes Chip-Design. Sein Vorteil liegt in einer einfacheren Fertigung. Das Unternehmen verspricht sich von der Umstellung ProduktivitĂ€tszuwĂ€chse von bis zu 200 Prozent. Die neuen 46-Nanometer-Speicherchips sollen auĂerdem deutlich weniger Strom verbrauchen. Ein Teil der Produktion wurde bereits auf bWL umgestellt. FĂŒr die gesamte Konversion â in Dresden waren es bis zur Insolvenz 6000 wspw (Wafer Starts Per Week) â mĂŒsste jedoch in zusĂ€tzliche Maschinen investiert werden.
Ohnehin ist ein Investor mit Weitblick gefragt. Als gewinnbringend gilt heute eine KapazitĂ€t von 20.000 wspw ab dieser GröĂe werden Kosten fĂŒr Infrastruktur, Personal und alles andere erst rentabel. Deshalb ist das in Dresden geplante neue Fertigungsmodul mit einer KapazitĂ€t von 14.000 wspw ĂŒberlebenswichtig. DafĂŒr werden bis zu eine Milliarde Euro veranschlagt.
"Ein neues Qimonda wird sich stark auf seine Kernkompetenzen rund um die Buried-Wordline-Technologie fokussieren und zunĂ€chst mit einem reduzierten Produktportfolio und einer kleinen KapazitĂ€tsbasis operieren", erklĂ€rt JaffĂ©. AktivitĂ€ten, die nicht zum KerngeschĂ€ft einer neuen Firma zĂ€hlten, wĂŒrden prinzipiell zur Disposition stehen. "Die Braut soll schön gemacht werden. Bis zur Hochzeit braucht man dennoch eine Zwischenfinanzierung", meint ein Mitarbeiter in Dresden.
Siehe dazu auch:
- Speicherchip-Hersteller Qimonda drohen weitere Einschnitte [2]
- Zwei Qimonda-Töchter in den USA pleite [3]
- Bundeswirtschaftsminister wirbt in BrĂŒssel fĂŒr Qimonda [4]
- Qimonda-Mitarbeiter zeigen Gesicht [5]
- Qimonda-BeschÀftigte schreiben offenen Brief an Seehofer [6]
- Qimonda drosselt Produktion in Dresden [7]
- Aufsichtsratschef von Infineon sucht Geldgeber [8]
- Qimonda stoppt Chip-Produktion auf 300-mm-Wafern in den USA [9]
- Preise fĂŒr DRAM-Chips steigen nach Qimonda-Insolvenz [10]
- CDU gibt BrĂŒssel Mitschuld am Scheitern von Qimonda [11]
- FDP: Qimonda-Insolvenz bedeutet nicht das Ende von "Silicon Saxony" [12]
- Qimonda stellt Insolvenzantrag [13]
(Jörg Schurig, dpa) / (jk [14])
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[2] https://www.heise.de/news/Speicherchip-Hersteller-Qimonda-drohen-weitere-Einschnitte-199673.html
[3] https://www.heise.de/news/Zwei-Qimonda-Toechter-in-den-USA-pleite-199170.html
[4] https://www.heise.de/news/Bundeswirtschaftsminister-wirbt-in-Bruessel-fuer-Qimonda-198670.html
[5] https://www.heise.de/news/Qimonda-Mitarbeiter-zeigen-Gesicht-197072.html
[6] https://www.heise.de/news/Qimonda-Beschaeftigte-schreiben-offenen-Brief-an-Seehofer-196700.html
[7] https://www.heise.de/news/Qimonda-drosselt-Produktion-in-Dresden-194006.html
[8] https://www.heise.de/news/Aufsichtsratschef-von-Infineon-sucht-Geldgeber-206488.html
[9] https://www.heise.de/news/Qimonda-stoppt-Chip-Produktion-auf-300-mm-Wafern-in-den-USA-205008.html
[10] https://www.heise.de/news/Preise-fuer-DRAM-Chips-steigen-nach-Qimonda-Insolvenz-204525.html
[11] https://www.heise.de/news/CDU-gibt-Bruessel-Mitschuld-am-Scheitern-von-Qimonda-201514.html
[12] https://www.heise.de/news/FDP-Qimonda-Insolvenz-bedeutet-nicht-das-Ende-von-Silicon-Saxony-201461.html
[13] https://www.heise.de/news/Qimonda-stellt-Insolvenzantrag-Update-201423.html
[14] mailto:jk@heise.de
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