Daimler und Evonik wollen gemeinsam Li-Ion-Batterien für Autos bauen
Der Autobauer und der Chemiekonzern wollen ihr Know-how in der Li-Ion-Technik bündeln und bevorzugt Akkus für Mercedes-Pkw und -Nutzfahrzeuge liefern. Schon zuvor hatten Elektro- und Automotive-Firmen ähnliche Kooperationen bekannt gegeben
- ssu
Essen/Stuttgart, 15. Dezember 2008 – Um das Bündnis zweier Großkonzerne reicher ist der Markt für Lithium-Ionen- (Li-Ion)-Akkusysteme für Automobile: Der Stuttgarter Autobauer Daimler und der Essener Konzern Evonik Industries gaben heute ihre umfangreiche Kooperation auf diesem Gebiet bekannt und kündigten zusätzlich an, ein neues Gemeinschaftsunternehmen gründen zu wollen. Schon zuvor hatten mehrere Konzerne aus den Bereichen Elektronik und Automotive ihre Investitionen in diesen Sektor verstärkt oder vergleichbare Bündnisse geschmiedet – eine Übersicht finden Sie am Schluss dieses Beitrages. Erst am Wochenende wurde bekannt, dass auch Chip-Gigant Intel über einen Einstieg in dieses Marktsegment nachdenkt. Doch für die Firmenchefs, Dr. Dieter Zetsche und Ex-Bundeswirtschaftsminister Werner Müller, schreiben Daimler und Evonik mit ihrer Kooperation ein "Stück Industriegeschichte": "Wir holen eine Technologie zurück nach Deutschland, die es hier schon lange nicht mehr gegeben hat", erklärten sie heute gemeinsam.
Akkuzellen von Li-Tec
Mit heutiger Wirkung erwirbt Daimler zum einen 49,9 Prozent an der Li-Tec Vermögensverwaltung GmbH (Li-Tec), an der Evonik bereits 50,1 Prozent hält. Die von Li-Tec gefertigten Akkuzellen sollen "kurzfristig" in Elektrofahrzeugen von Mercedes-Benz eingesetzt werden. Angestrebt sei außerdem die Beteiligung eines dritten Gesellschafters für Li-Tec, der über Kompetenzen im Bereich der Systemintegration von Elektrik und Elektronik verfüge, teilten die Unternehmen ferner mit.
Daimler und Evonik wollen gemeinsam Li-Ion-Batterien für Autos bauen (3 Bilder)

Energiekonzerne und Autohersteller testen - wie hier in Berlin - Zapfstellen für Plug-in-Hybride.
Spezialchemie, Energiewirtschaft und Autobau
Evonik hat nach eigenen Angaben in den vergangenen Jahren rund 80 Millionen Euro in die Weiterentwicklung der Li-Ion-Technik investiert und reklamiert für seine Akkus einen Vorsprung in puncto Lebensdauer, Gewicht und Sicherheit gegenüber Konkurrenzfabrikaten. Das Essener Unternehmen ist im übrigen aus der RAG Aktiengesellschaft hervorgegangen, in ihm sind die Chemie- (früher: Degussa), Energie- (vormals Steag) und Immobiliensparte der früheren Ruhrkohle AG zusammengefasst. Daimler wiederum verweist darauf, in in den letzten 30 Jahren über 600 Patente zu batteriegetriebenen Fahrzeugen angemeldet zu haben – davon 230 auf dem Gebiet der Li-Ion-Technologie.
Daimler und Evonik wollen gemeinsam Li-Ion-Batterien für Autos bauen
Außerdem wollen Daimler und Evonik ein Joint-Venture gründen, das auf die Entwicklung und Produktion von Batterien und Batteriesystemen für automobile Anwendungen spezialisiert ist. An diesem Gemeinschaftsunternehmen soll der Autokonzern 90 Prozent und Evonik 10 Prozent halten. Nähere Angaben zu finanzieller und personeller Ausstattung oder Produktionsstandorten des JV machten die Unternehmen bislang nicht. Langfristig solle die Zahl von heute 100 Arbeitsplätzen bei Evonik in diesem Bereich auf 1000 steigen, kündigte Vorstandschef Müller heute an. Die dort produzierten Lithium-Ionen Batterien sollen sowohl in Pkw als auch in Nutzfahrzeugen verbaut werden. Die verfügbaren Kapazitäten von Li-Tec und des Joint-Venture seien zunächst auf den Bedarf der Daimler AG "konzentriert". Darüber hinaus sei aber auch der Verkauf von Zellen und Batteriesystemen an Dritte vorgesehen. Dabei ist es in der Automobilindustrie nicht üblich, sich bei Schlüsselkomponenten an einen einzigen Zulieferer zu binden. Daher spricht einiges dafür, dass der Autozulieferer Conti, der bereits Li-Ion-Batterien an Daimler liefert, weiter im Geschäft bleibt.
Steiniger Weg zur Großserie
Während Optimisten in der Elektromobilität einen Milliardenmarkt sehen – Daimler und Evonik beziehen sich auf Prognosen, die das Marktvolumen für leistungsstarke Lithium-Ionen-Autobatterien im nächsten Jahrzehnt auf mehr als zehn Milliarden Euro und das für Ausgangsmaterialien auf vier Milliarden Euro klettern sehen –, stehen die Autokonzerne bis heute vor dem Problem, dass Batterien für eine Großserienproduktion von Elektroautos zum einen hinreichend leistungsfähig und in ausreichender Stückzahl verfügbar sein müssen, zudem die Sicherheitsanforderungen im Straßenverkehr erfüllen und zugleich zu einem konkurrenzfähigen Preis angeboten werden müssen.
Angesichts der sinkenden Nachfrage nach Neuwagen und des deutlichen Rückgangs der Benzinpreise seit dem Sommer ist die Lösung dieses Zielkonflikts nicht einfacher geworden. Bislang haben Fahrzeuge mit reinem Elektroantrieb, die bei Fahrleistungen und Reichweite mit konventionellen Pkw mithalten können, Exotenstatus und sind für breite Käuferschichten unerschwinglich. Paradebeispiele sind der schon verfügbare Tesla Roadster, von dem aber gerade 250 Exemplare nach Europa kommen sollen – zu einem Stückpreis von 118.000 Euro – oder der ebenfalls rein elektrisch betriebene Mini E. Diese in einer Kleinserie gefertigte Mini-Variante steht nur einer ausgewählten Schar von Leasing-Kunden zur Verfügung. Beide Elektroflitzer haben zudem den Nachteil gemein, reine Zweisitzer mit geringem Kofferraumvolumen zu sein: Die in beiden Fällen vom US-Spezialisten AC Propulsion stammenden Li-Ion-Batterien haben einen großen Platzbedarf und sorgen zudem für ein erhebliches Mehrgewicht gegenüber einem vergleichbaren Benziner.
Daimler und Evonik wollen gemeinsam Li-Ion-Batterien für Autos bauen
Rahmenflachzelle und Baukastensystem
Fortschritte bei der Speicherung von elektrischer Energie im Auto erwarten Evonik und Daimler von dem von den Schwaben in die Kooperation eingebrachte Konzept der "Rahmenflachzelle": Diese laut Mercedes nach dem Grundprinzip eines Brennstoffzellen-Stacks konstruierte Akku-Einheit ermögliche eine standardisierte Fertigung innerhalb eines Baukastensystems. Außerdem hat Mercedes mit A- und B-Klasse zwei Baureihen im Programm, die prädestiniert für den Einbau solcher Flachzellen sind: Verschwinden diese im Sandwichboden des Fahrzeugs, bleibt das Raumangebot gegenüber dem Schwestermodell mit Verbrennungsmotor unverändert. Anfang Januar will Mercedes die mit seriennahen Konzeptautos einen Ausblick auf Hybrid-Varianten der kommenden B-Klasse geben.
Elektro-Agenda 2020
Ungeachtet der Nachteile derzeitiger E-Mobile will die Bundesregierung Deutschland zu einem "Leitmarkt für Elektromobilität" entwickeln: Bis 2020 soll eine Million Autos, die mit Strom "betankt" werden können (Plugin-Hybrid- Fahrzeuge), auf deutschen Straßen unterwegs sein. Im Verein mit den Autoherstellern stricken die Energieversorger an Lösungen für ein "Stromtankstellennetz", das eines Tages der Mineralölwirtschaft Paroli bieten können soll. In Berlin haben BMW und Vattenfall sowie RWE und Daimler entsprechende Pilotversuche gestartet.
Siehe dazu auch:
– Continental startet Produktion von Li-Ion-Batterien
– Johnson Controls-Saft entwickelt Li-Ion-Akkus für Plug-In-Hybride
– Conti beteiligt sich an japanischem Lithium-Ionen-Spezialisten
– Nissan und NEC vor der Serienproduktion von Li-Ion-Akkus
– GE investiert verstärkt in Li-Ion-Technik für Autos
– Auch Magna Steyr baut Lithium-Ionen-Akkus für Autos
– Erstes Werk für die Produktion von Lithium-Ionen-Batterien in Europa
(ssu)