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Daimler beteiligt sich an Elektroautohersteller Tesla

Gernot Goppelt

Ăśberraschung aus Stuttgart: Daimler beteiligt sich am Elektroautohersteller Tesla. Das finanzielle Risiko dĂĽrfte dabei weit kleiner sein als die Chancen auf dem US-Markt

Stuttgart, 19. Mai 2009 – Überraschende Neuigkeiten aus Stuttgart: Daimler steigt mit einem Anteil von knapp 10 Prozent bei Tesla ein, dem Hersteller des gleichnamigen Elektro-Roadsters, der bisher durchaus kontrovers diskutiert wurde. Aus Consumerbatterien sei der Akkupack für den Tesla zusammenbaut, um eine gezielte Entwicklung für eine Fahrzeuganwendung handele es sich nicht, sagte [1] etwa Conti-Vorstand Karl-Thomas-Neumann noch im September vergangenen Jahres. Andere zweifeln, dass der Elektrorenner mit seinen sagenhaften Leistungsdaten wirklich die versprochenen 300 km durchhält oder halten ein Elektroauto für Langstrecken ohnehin für ein technisches Missverständnis.

HĂĽbsch gemacht
Doch man muss den Tesla-Erbauern lassen, dass sie tatsächlich ein rein elektrisch fahrendes Kleinserienfahrzeug auf die Beine gestellt haben und besonders in den USA Trendsetter sind. Selbst zwischenzeitliche Finanzprobleme [2] konnten offenbar nichts daran ändern, dass sich der Elektrosportwagenbauer zu einem attraktiven Partner für Daimler entwickelt hat. Mit dem Stuttgarter Automobil­hersteller bestand bereits eine Vereinbarung über die Zusammenarbeit bei der Integration von Lithium-Ionen-Modulen und die Ladeeinheiten für die ersten 1000 Exemplare des Elektro-Smart. Die heutige Vereinbarung sieht vor, dass die beiden Unternehmen bei der Entwicklung von Batterie­systemen, Elektroantrieben und einzelnen Fahrzeugantrieben kooperieren wollen.

Daimler beteiligt sich an Elektroautohersteller Tesla (0 Bilder) [3]

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Laut Daimler-Entwicklungsvorstand Thomas Weber steht Tesla als „junges und dynamisches Unternehmen für visionäre Kraft und Pioniergeist“. Gebündelt mit mehr als 120 Jahren Automobilerfahrung stelle die Zusammenarbeit eine einzigartige Kombination der Stärken zweier Unternehmen dar. Aus Sicht von Tesla-Vorstand Elon Musk ist vor allem die von Daimler speziell für den Einsatz im Automobil konzipierte Lithium-Ionen-Batterie mit Flachzellen interessant. Er glaubt, dass die Kooperation die Produktionsreife der Limousine Tesla S beschleunigen werde und sicherstellt, dass „es in allen Belangen ein Fahrzeug der Superlative“ werde.

Bereits im März hatte Daimler zusammen mit der Evonik Industries AG das Gemeinschaftsunternehmen [5] Deutsche Accumotive GmbH gegründet. Man werde damit weltweit zum ersten Automobilhersteller, der Batterien für Automobilanwendungen entwickelt, produziert und vertreibt. Zudem beteiligte sich Daimler im vergangenen Dezember mit 49,9 Prozent am aus der Evonik hervorgegangen Batteriezellen­hersteller Li-Tec.

Bekenntnis zum Elektroauto
Daimler gehörte zu den ersten deutschen Automobilbauern, die sich offensiv zur Elektromobilität bekannten. Mit seiner Äußerung, dass der Weg der Automobilindustrie letztendlich zu emissionsfreien Fahrzeugen führen werde, sprach sich [6] Daimler-Chef Dieter Zetsche vor fast genau einem Jahr überraschend deutlich für Elektrofahrzeuge aus. Dabei ist der Tesla Roadster [7] aus bisheriger Sicht eher ein untypischer Vertreter dieser Gattung: Einerseits fährt er rein elektrisch, andererseits ist er ein Sportwagen mit einer Beschleunigung von 3,9 Sekunden auf 100 km/h und soll dennoch mit einer Reichweite von 300 km langstrecken­tauglich sein. Laut Daimler ist er das erste in Europa und den USA zertifizierte Elektrofahrzeug mit Lithium-Ionen-Batterie. Der Tesla S [8] soll als Limousine auf dem Erfolg des Roadsters aufbauen, seine Produktion soll Ende 2001 beginnen.

GruĂź an Obama
Was sich Daimler vom Einstieg bei Tesla konkret verspricht, bleibt abzuwarten. Vielleicht ist es kein Zufall, dass das Unternehmen sein Vorhaben ausgerechnet heute verkündete – fast zeitgleich mit Präsident Obamas Ankündigung, die Verbrauchs- und Emissions­standards in den USA zu verschärfen. Demnach ist ab 2016 unter anderem ein Durchschnittsverbrauch von 35,5 Meilen pro Gallone vorgeschrieben, umgerechnet sind das etwa 6,6 Liter auf 100 km, und das im amerikanischen Verbrauchszyklus, der weniger gnädig ist als der europäische NEFZ.

Daimler gibt Strom
Das Risiko erscheint überschaubar – Thomas Weber spricht von einem zweistelligen Millionenbetrag für den Einstieg. Die Chancen, die sich ergeben könnten, bewegen sich auch finanziell in völlig anderen Regionen. Sollte sich die Technik für Elektrofahrzeuge wie gewünscht entwickeln – Knackpunkte sind bekanntlich vor allem die Batterietechnik und der Aufbau einer Ladeinfrastruktur – wäre Daimler über Tesla bereits im US-Markt etabliert, mit einer Marke, die in Amerika bereits als imageträchtiger Pionier wahrgenommen wird. Ob es dann wirklich ein Langstrecken-Elektroauto werden muss, oder nicht vielleicht doch Stadtfahrzeuge und Range Extender das Rennen machen, ist vor diesem Hintergrund nicht entscheidend. Die heutige Ankündigung ist vor allem eine deutliche Botschaft, dass Daimler auch in Nordamerika bei der Elektromobilität kräftig mitmischen will.

Siehe dazu auch:

– Elektroautos: Branchenübergreifende Initiative gegründet [9]

– Elektroautos: Neue Steckverbindung auf dem Weg zur Norm [10]

– Wankel-Mut: Verbrennungsmotoren bringen Elektroautos weiter [11]

– Hamburg will Zentrum für emissionsfreie Mobilität werden [12]

– Daimler und Evonik wollen gemeinsam Li-Ion-Batterien für Autos bauen [13]

– E-Mobility Berlin: Elektroauto-Pilotprojekt gestartet [14]

– Roaring Roadster: Brabus bringt den Tesla Roadster zum Klingen [15]

– Das Henne-Ei-Problem: Wann kommt die Infrastruktur für Elektrofahrzeuge? [16] (ggo [17])


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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/news/Continental-startet-Produktion-von-Li-Ion-Batterien-463981.html
[2] https://www.heise.de/news/Elektroautos-Geht-Tesla-Motors-der-Saft-aus-214639.html
[3] https://www.heise.de/bilderstrecke/4713949.html?back=453253;back=453253
[4] https://www.heise.de/bilderstrecke/4713949.html?back=453253;back=453253
[5] https://www.heise.de/news/Daimler-und-Evonik-wollen-gemeinsam-Li-Ion-Batterien-fuer-Autos-bauen-437985.html
[6] https://www.heise.de/news/Daimler-Der-Weg-der-Autoindustrie-fuehrt-zu-emissionsfreien-Fahrzeugen-475891.html
[7] https://www.heise.de/news/Elektrisch-abgefahren-Tesla-Roadster-1-5-Signature-Edition-487704.html
[8] https://www.heise.de/news/Familien-Tesla-Erste-Bilder-vom-Model-S-448747.html
[9] https://www.heise.de/news/Elektroautos-Branchenuebergreifende-Initiative-gegruendet-452405.html
[10] https://www.heise.de/news/Neue-Steckverbindung-auf-dem-Weg-zur-Norm-451521.html
[11] https://www.heise.de/news/Verbrennungsmotoren-bringen-Elektroautos-weiter-448779.html
[12] https://www.heise.de/news/Hamburg-will-Zentrum-fuer-emissionsfreie-Mobilitaet-werden-448399.html
[13] https://www.heise.de/news/Daimler-und-Evonik-wollen-gemeinsam-Li-Ion-Batterien-fuer-Autos-bauen-437985.html
[14] https://www.heise.de/news/E-Mobility-Berlin-Elektroauto-Pilotprojekt-gestartet-462212.html
[15] https://www.heise.de/news/Bergwertung-Porsche-Boxster-RS-60-Spyder-488645.html
[16] https://www.heise.de/news/Wann-kommt-die-Infrastruktur-fuer-Elektrofahrzeuge-455775.html
[17] mailto:ggo@heise.de