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Computerschach mit Erdöl-Dollars (Update)

Lars Bremer

Im Rahmen eines Schachturniers in Abu Dhabi fordert das Programm Hydra den Führenden der Computerrangliste Shredder heraus.

Heute beginnt in den Vereinigten Arabischen Emiraten ein Schach-Wettkampf der besonderen Art. Im Rahmen des alljährlichen Turniers [1] in Abu Dhabi tritt das von der lokalen PAL Group of Companies finanzierte Programm Hydra [2] gegen den Ranglistenführer [3] Shredder [4] zu einem Match über acht Partien an. Im Unterschied zu Shredder ist Hydra aber kein normales Schachprogramm, das man auf CD beim Elektro-Discounter um die Ecke kaufen kann, sondern eine Spezial-Hardware, ähnlich wie einst Deep Blue.

Deep Blue bestand aus Karten mit eigens entwickelten Schach-Prozessoren, die in 32 parallel geschalteten RS/6000-Workstations steckten. Hydra arbeitet mit FPGA-Karten (Field Programmable Gate Arrays), die in PCI-Slots vernetzter PCs stecken. Die Idee, FPGAs zu verwenden, stammt von Ken Thompson, der nicht nur an der Entwicklung von Unix und C beteiligt war, sondern auch schon eine Schachmaschine gebaut hat. Außerdem gab Thompson (mit einem Zuggenerator in LDE und einem LDE-nach-Verilog-Konverter) den Anstoß zu diesem Projekt [5].

Die FPGAs sind zwar langsamer als die DeepBlue-ASICs, dafür aber programmierbar; spielerische Schwächen und Fehler lassen sich so jederzeit beseitigen. Die Arbeitsweise ähnelt ebenfalls der von Deep Blue: Hydra durchsucht den Spielbaum auf den beteiligten PCs rein per Software bis zu einer bestimmten Tiefe und übergibt die erreichten Endstellungen an die FPGA-Karten. Diese hängen noch eine kurze Suche hintendran, bewerten die resultierende Stellung und übergeben wieder an die PC-Software, die dann mit anderen Varianten das Gleiche macht.

Die Schwierigkeit an dieser Technik ist die Redundanz: Es ist nicht gerade einfach, eine Suche im Spielbaum zu parallelisieren, ohne Berechnungen dabei doppelt und dreifach ausführen zu müssen. Für die Koordinierung der momentan 16 Virtex-I-Karten und der Rechner, auf die sie verteilt sind, hat sich das Hydra-Team daher einen Spezialisten ins Boot geholt, Dr. Ulf Lorenz [6] von der Universität Paderborn, der seit Jahren auf diesem Gebiet forscht.

Die PAL Group engagierte den deutsche Schach-Großmeister Christopher Lutz für die Eröffnungsvorbereitung und den aus den Vereinigten Arabischen Emiraten stammende Großmeister Talib Mousa, um das Spielverständnis ihres Schach-Babys zu verbessern. Das wird auch nötig sein, denn ihr Gegner, der ehemalige Computerschach-Weltmeister und Zweite der letzten WM Shredder, führt die Computerrangliste seit zwei Jahren ununterbrochen an und läuft auf einem System mit vier Opteron-Prozessoren, die mit 2,2 GHz getaktet sind. So fliegt Shredders Autor Stefan Meyer-Kahlen hoffnungsfroh nach Abu Dhabi; er rechne mit einem knappen Sieg in dem auf acht Partien angesetzten Match, sagte er gegenüber heise online. Auch Hydra-Programmierer Chrilly Donninger gibt sich vorsichtig optimistisch: "Ich hoffe schon, dass Hydra das Match gewinnt. Shredder ist aber schwer zu biegen. Wir hatten in der Vorbereitung ganz gute Ergebnisse. Aber das haben immer alle."

Auf Playchess [7] ist eine Übertragung der Partien geplant. Windows-Anwender müssen dazu den kostenlosen Client herunterladen; Linux- und Mac-Anwender bleiben aber außen vor, weil der Ausrichter offenbar keine Übertragung per Java-Applet plant. (Lars Bremer) / (ad [8])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-99922

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.abudhabichess.com/index.html
[2] http://www.hydrachess.com/
[3] http://w1.859.telia.com/~u85924109/ssdf/list.htm
[4] http://www.shredderchess.de/
[5] http://www.chessbase.de/spotlight/spotlight2.asp?id=12
[6] http://wwwcs.upb.de/fachbereich/AG/monien/PERSONAL/FLULO/
[7] http://www.schach.de
[8] mailto:ad@ct.de