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China: "GefÀhrlich leben im Internet"

Tim Gerber

Zum internationalen Tag "Writers in Prision" erinnert die Organisation "Reporter ohne Grenzen" anhand des Falles der inhaftierten Liu Di an das Zensur-Regime in China -- aber nicht nur dort.

"Wie kann eine junge Internetnutzerin, die sich politisch nicht engagiert, eine Gefahr fĂŒr die Sicherheit der Volksrepublik China sein?", fragt die internationale Menschrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen (RoG [1]) aus Anlass des heutigen Tages "Writers in Prision". Der Fall [2] der ansonsten politisch unauffĂ€lligen Studentin Liu Di hatte in den letzten Wochen fĂŒr einiges Aufsehen [3] gesorgt. Die 23-JĂ€hrige war am 7. November in Peking verhaftet worden, nachdem sie sich in einem Chat ĂŒber die kommunistische FĂŒhrung lustig gemacht hatte.

Nach einem Bericht [4] von RoG unter dem Titel "GefĂ€hrlich leben im Internet" arbeiten in China 30.000 staatliche Kontrolleure, um "subversiven Äußerungen" in den Chatrooms auf die Spur zu kommen. Aber das ist bei weitem nicht der einzige Angriff auf das Recht der freien MeinungsĂ€ußerung. 135 Journalistinnen und Journalisten sitzen zurzeit weltweit hinter Gittern, mehr als 350 waren in diesem Jahr bereits zeitweilig in Haft und ĂŒber 600 wurden bedroht. Journalisten leben in vielen Regionen extrem gefĂ€hrlich. Sie gehören hĂ€ufig zu denjenigen, die als Erste ihre Freiheit verlieren, wenn Regierungen Kritik im Keim ersticken und freie Meinungsbildung verhindern wollen, erinnert RoG.

30 Journalisten sind allein auf Kuba inhaftiert. 26 von ihnen wurden im MĂ€rz in einer Verhaftungswelle festgenommen und wenig spĂ€ter vor Schnellgerichten zu GefĂ€ngnisstrafen zwischen 14 und 24 Jahren verurteilt. Nach einer Zeit der relativen Toleranz gegenĂŒber der nichtstaatlichen Presse ist Kuba ĂŒber Nacht zum weltweit grĂ¶ĂŸten GefĂ€ngnis fĂŒr Journalisten avanciert. Zu den grĂ¶ĂŸten Journalisten-GefĂ€ngnissen gehört auch Nepal mit 16 Gefangenen, gefolgt von Birma (15), Eritrea (14) und dem Iran (13). Insgesamt 26 LĂ€nder halten am heutigen Tag Journalisten gefangen, darunter auch die europĂ€ischen Staaten Russland und die TĂŒrkei sowie die ehemaligen GUS-LĂ€nder Weißrussland und Usbekistan.

"Durchschnittlich wird pro Tag mindestens eine Journalistin oder ein Journalist irgendwo auf der Welt festgenommen. Manche kommen fĂŒr einige Stunden oder Tage in Polizeigewahrsam, oftmals ohne offizielle BegrĂŒndung, um Druck auf sie auszuĂŒben und sie einzuschĂŒchtern. Manche werden gleich fĂŒr Jahre weggesperrt, damit sie schweigen", beschreibt Elke SchĂ€fter, GeschĂ€ftsfĂŒhrerin von Reporter ohne Grenzen, die schwierige Arbeitssituation von Journalisten in vielen LĂ€ndern. Als Vorwand dienten hĂ€ufig StraftatbestĂ€nde wie Anstiftung zur Aufruhr oder die GefĂ€hrdung der Sicherheit des Staates. Selbst wegen Diffamierung, Beleidigung und Verbreitung falscher Informationen landeten Journalisten hinter Gittern.

"Das einzige Verbrechen dieser Journalisten liegt darin, die Öffentlichkeit zu informieren. Sie zahlen einen hohen Preis, fĂŒr das Recht auf freie Information. Sie brauchen unsere UnterstĂŒtzung. Internationaler Protest hat schon viele GefĂ€ngnistĂŒren geöffnet", erklĂ€rt SchĂ€fter die Motivation fĂŒr den Aktionstag. Nach EinschĂ€tzung von Reporter ohne Grenzen ist Pressefreiheit in mehr als der HĂ€lfte aller Staaten mit Sitz bei den Vereinten Nationen nur ein leeres Versprechen, obwohl die meisten von ihnen internationale VertrĂ€ge, Abkommen und Übereinkommen zum Schutz der Pressefreiheit ratifiziert haben.

Problematisch beurteilt RoG auch die Tatsache, dass selbst demokratische LĂ€nder wie Frankreich oder Italien Journalisten hohe Haftstrafen fĂŒr Delikte wie Beleidigung und Verleumdung androhen. Dies entspreche nicht internationalen Standards und gebe gegenĂŒber autoritĂ€ren Regimen ein falsches Beispiel. "SelbstverstĂ€ndlich mĂŒssen Journalisten verantwortlich berichten, aber dass sie fĂŒr eine friedliche MeinungsĂ€ußerung ins GefĂ€ngnis sollen, widerspricht aller VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit. Solche Gesetze mĂŒssen geĂ€ndert werden", betont SchĂ€fter. Die Androhung von Haftstrafen fördere weltweit Selbstzensur aus Angst vor Repressionen und trage in vielen LĂ€ndern dazu bei, dass Journalisten es nicht wagten, von der offiziellen Linie der Regierung abzuweichen.

Die auf der RoG-Website [5] belegten Schicksale von Akbar Ganji [6] (Iran), RaĂșl Rivero [7] (Kuba) und Lui Di [8] (China) stehen exemplarisch fĂŒr die in vielen LĂ€ndern alltĂ€glichen Angriffe auf die Pressefreiheit.

Zur Situation speziell in China und dem Vorgehen des Staates gegen Internet-Aktivisten in den vergangenen Wochen siehe auch: (tig [9])


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[3] https://www.heise.de/news/Haftbefehl-in-China-gegen-Internet-Autor-88589.html
[4] http://www.rsf.org/article.php3?id_article=6793
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[6] http://www.reporter-ohne-grenzen.de/cont_dateien/ganji.php
[7] http://www.reporter-ohne-grenzen.de/cont_dateien/rivero.php
[8] http://www.rsf.org/article.php3?id_article=5544
[9] mailto:tig@ct.de
[10] https://www.heise.de/news/Haftbefehl-in-China-gegen-Internet-Autor-88589.html
[11] https://www.heise.de/news/China-Drei-Jahre-Haft-fuer-Forderung-nach-Freiheit-fuer-Studentin-88517.html
[12] https://www.heise.de/news/Internet-Nutzer-in-China-zu-drei-Jahren-Haft-verurteilt-88435.html
[13] https://www.heise.de/news/Erneut-Internet-Benutzer-in-China-vor-Gericht-gestellt-88371.html
[14] https://www.heise.de/news/Chinas-Staatssicherheit-hat-Angst-vor-einer-Maus-im-Internet-88137.html
[15] https://www.heise.de/news/Chinesischer-Buergerrechtler-zu-acht-Jahren-Haft-verurteilt-88113.html
[16] https://www.heise.de/news/China-stellt-erneut-Internet-Aktivisten-vor-Gericht-87919.html
[17] https://www.heise.de/news/Pekinger-Gericht-hoert-Berufung-von-Internet-Dissidenten-87863.html
[18] https://www.heise.de/news/Erneut-Internet-Aktivist-in-China-vor-Gericht-gestellt-87587.html
[19] https://www.heise.de/news/China-will-Internet-Cafes-unter-Kontrolle-bringen-87487.html
[20] https://www.heise.de/news/Verfahren-gegen-Cyber-Dissidenten-in-China-86445.html
[21] https://www.heise.de/news/Verurteilter-chinesischer-Internet-Aktivist-im-Hungerstreik-80027.html
[22] https://www.heise.de/news/Langjaehrige-Haftstrafen-fuer-Online-Oppositionelle-in-China-79825.html
[23] https://www.heise.de/news/Chinas-Internet-Zensoren-schlagen-wieder-zu-71777.html
[24] https://www.heise.de/news/Chinesische-Internetprovider-verpflichten-sich-zum-Schutz-ihres-Landes-68653.html