Chefregulierer sieht Energiewende in Gefahr
Der neue PrĂ€sident der Bundesnetzagentur moniert das zögerliche Tempo beim Ausbau der Stromnetze, um diese fĂŒr den Atomausstieg fit zu machen, Im Winter hĂ€tten Versorger mehrfach auf die so genannte Kaltreserve zurĂŒckgreifen mĂŒssen.
Der neue PrÀsident der Bundesnetzagentur (BNetzA [1]), Jochen Homann, hat zu mehr Anstrengung beim Ausbau der Stromnetze in Deutschland aufgerufen. Der durch die Energiewende notwendige Ausbau komme nur zögerlich voran, sagte Homann anlÀsslich der Vorlage des Jahresberichts 2011 [2] (PDF-Datei) der Regulierungsbehörde in Bonn.
(Bild:Â Bundesnetzagentur)
Von 1834 Kilometern seien erst 214 Kilometer realisiert. "Das ist nicht besonders berauschend", sagte Homann. Von diesen 214 Kilometern seien bisher weniger als 100 Kilometer tatsĂ€chlich in Betrieb. Bei weiteren Vorhaben hĂ€tten die FahrplĂ€ne teils um ein bis zwei Jahre nach hinten geschoben werden mĂŒssen. "FĂŒr die Energiewende ist dies eine besorgniserregende Nachricht." [Update: Der Sollwert von 1834 km [3] ergebe sich aus dem Gesetz zum Ausbau von Energieleitungen (EnLAG [4]) von 2009, erlĂ€uterte eine BNetzA-Sprecherin gegenĂŒber heise online.]
FĂŒr die kommende Woche kĂŒndigte Homann einen Bericht zur Netzsituation und zur Lage auf den Strom- und GasmĂ€rkten im vergangenen Winter an. Anlass zur Entwarnung werde es nicht geben. So habe zwischen Dezember 2011 und MĂ€rz 2012 dreimal auf die "Kaltreserve [5]" zurĂŒckgegriffen werden mĂŒssen, um die Stromnetze stabil zu halten. Auch die Zahl der Eingriffe der Netzbetreiber in Netze und Produktion habe deutlich zugenommen.
[Update: Homann kĂŒndigte auch steigende Stromkosten durch die steigenden Netzkosten an. "Dies muss ehrlich ausgesprochen werden." Der beschleunigte Ausbau von Infrastrukturen sei nicht kostenlos zu haben. "Tempo hat seinen Preis", sagte er. Seine Behörde werde aber alles daran setzen, dass die Kosteneffizienz gewahrt bleibe.]
Damit die Situation weiterhin beherrschbar bleibe, kĂŒndigte Homann mehrere VorschlĂ€ge an. ZunĂ€chst werde seine Behörde empfehlen, Kraftwerke nicht ungeplant stillzulegen. Abgeschaltete Kraftwerke mĂŒssten im Zweifel als Kaltreserve verfĂŒgbar bleiben. Zudem mĂŒsse die Versorgung systemrelevanter Gaskraftwerke mit dem Brennstoff gesichert werden. Dabei mĂŒsse die Zusammenarbeit zwischen Netzbetreibern im Strom- und im Gasbereich verbessert werden. JĂŒngst hatte auch der VDE nach einem "Rettungsschirm fĂŒr die Energiewende [6]" verlangt.
Mit Jochen Homann rĂŒckte [7] im Februar erstmals ein Energieexperte an die Spitze der Bundesnetzagentur. Die Bonner Behörde ging aus der vormaligen Regulierungsbehörde fĂŒr Telekommunikation und Post (RegTP) hervor, die nach der Liberalisierung des Postmarkts und der Abschaffung des Bundespostministeriums 1998 ihre Arbeit aufgenommen hatte. Der Name des ersten RegTP-PrĂ€sidenten, Klaus-Dieter Scheurle, ist bis heute mit der spektakulĂ€ren UMTS-Auktion [8] des Jahres 2000 verbunden, die rund 100 Milliarden DM in die Bundeskasse spĂŒlte. Nach seinem Amtsende wechselte [9] der Bad CannstĂ€tter Schwabe (Scheurle ĂŒber Scheurle) in die private Telecom-Wirtschaft.
Unter seinem Nachfolger Matthias Kurth wurde die RegTP zur Bundesnetzagentur ausgebaut und erhielt die ZustĂ€ndigkeit fĂŒr weitere netzgebundene Industrien wie Strom- und Gasversorgung sowie die Eisenbahn. 2006, ein Jahr nach dem Amtsantritt von Angela Merkel, kandidierte [10] der SPD-Mann Kurth erfolglos fĂŒr den Chefposten der International Telecommunications Union (ITU). Kurth blieb schlieĂlich bis Anfang 2012 BNetzA-PrĂ€sident, bevor ihm mit Homann der Wunschkandidat von Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) folgte.
Der Volkswirt Homann wurde 1953 geboren und war nach 1982 im Bundeswirtschaftsministerium tĂ€tig, seit 2008 als beamteter StaatssekretĂ€r. Zuvor schrieb unter anderem fĂŒr die Minister Martin Bangemann und Helmut Haussmann (beide FDP) Reden. Der spĂ€tere EU-Kommissar Bangemann war in die Kritik geraten, nachdem er mit dem spanischen Ex-Monopolisten TelefĂłnica einen Beratervertrag geschlossen [11] hatte. (mit Material der dpa) (ssu [12])
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[1] http://www.bundesnetzagentur.de/cln_1912/DE/Home/home_node.html
[2] http://www.bundesnetzagentur.de/SharedDocs/Downloads/DE/BNetzA/Presse/Berichte/2012/Jahresbericht2011pdf.pdf?__blob=publicationFile
[3] http://www.bundesnetzagentur.de/cln_1912/DE/Sachgebiete/ElektrizitaetGas/StromNetzEntwicklung/EnLAG/EnLAG_node.html
[4] http://www.gesetze-im-internet.de/enlag/BJNR287010009.html
[5] http://de.wikipedia.org/wiki/Kaltreserve
[6] https://www.heise.de/news/Hannover-Messe-Energiewende-elektrisiert-Aussteller-1547255.html
[7] https://www.heise.de/news/Bundesnetzagentur-bestaetigt-Kandidaten-fuer-neues-Praesidium-1394000.html
[8] https://www.heise.de/news/UMTS-Ein-noch-nicht-eingeloester-Wechsel-auf-die-Zukunft-47188.html
[9] https://www.heise.de/news/Hintergrund-Der-oberste-Telekom-und-Post-Regulierer-geht-29864.html
[10] https://www.heise.de/news/Hamadoun-Toure-neuer-Generalsekretaer-der-International-Telecommunications-Union-116596.html
[11] https://www.heise.de/news/Bangemann-bleibt-Berater-bei-spanischer-Telefonica-42608.html
[12] mailto:ssu@ct.de
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