Chefregulierer: Neue AnsÀtze notwendig
Matthias Kurth, PrĂ€sident der Bundesnetzagentur, Ă€uĂert sich gegenĂŒber heise online zur Diskussion um ein Anreizsystem fĂŒr den Ausbau der neuen Netze.
Die EU-Kommission hat fĂŒr den Herbst eine Empfehlung fĂŒr die Next Generation Networks (NGN) angekĂŒndigt [1], die ein Anreizsystem fĂŒr den Ausbau der neuen Netze vorsehen soll. In der Kommission und im EU-Parlament wird nun diskutiert, ob den Netzbetreibern eine PrĂ€mie zugesichert werden soll, wenn sie die Nutzung ihrer Infrastruktur fĂŒr andere Telecom-Anbieter öffnen. Im GesprĂ€ch mit heise online bezeichnete Matthias Kurth [2], PrĂ€sident der Bundesnetzagentur, dies als "wichtige" Debatte: "Wir mĂŒssen den besten Weg finden, um Anreize fĂŒr mehr Investitionen zu setzen, andererseits mĂŒssen wir den in vielen LĂ€ndern bereits bestehenden Infrastrukturwettbewerb aufrechterhalten." Deshalb mĂŒsse eine vernĂŒnftige Balance und "adĂ€quate Regulierung" gefunden werden.
GeklĂ€rt werden mĂŒsse laut Kurth etwa, um welche Investitionen es sich handelt. Im Bereich der Backbone-Netze finde bereits ein Umbau statt â ohne dass es dafĂŒr neue Anreize brĂ€uchte. Im Anschlussnetz hingegen mĂŒssten noch die ĂbertragungskapazitĂ€ten durch GlasfaseranschlĂŒsse erhöht werden. Gleichwohl dĂŒrfe durch die Regulierung der Infrastrukturwettbewerb nicht beeintrĂ€chtigt werden. Hierzu erarbeitet die Kommission derzeit eine Empfehlung, auch die Bundesnetzagentur hat bereits verschiedene Regelungsmöglichkeiten diskutiert. FĂŒr Kurth ist dabei wichtig, die unterschiedlichen Rahmenbedingungen in den Mitgliedsstaaten zu berĂŒcksichtigen.
In Deutschland wurde bereits beschlossen, dass das marktbeherrschende Unternehmen Leerrohre zur Mitbenutzung öffnen muss. Die Deutsche Telekom hat hierzu vor 14 Tagen den WettbewerberverbĂ€nden ein bepreistes Angebot zur Leerrohrmitbenutzung unterbreitet. "Hier sind wir klar in einer europĂ€ischen Vorreiterrolle", sagte Kurth. Ein weiterer Vorschlag betrifft den Glasfaseranschluss ans Haus oder in die Wohnung durch alternative Netzbetreiber. Hier begleitet die Bundesnetzagentur die Entwicklung verschiedener Verlege-Modelle. Kurth verweist dabei auf Italien: Dort gebe es eine Vereinbarung zwischen FastWeb und der Telecom Italia, gemeinsam Rohre zu verlegen, aber dabei dritte Anbieter nicht auszuschlieĂen. "Wenn ein Drittzugang auf kommerzieller Basis gewĂ€hrt wird, kann man gegebenenfalls dann auf eine Vorab-Regulierung der Preise verzichten, wenn keine kartellrechtlichen Probleme vorliegen. Oder man setzt den Grundsatz der Nichtdiskriminierung um und ermöglicht einen Drittzugang zu denselben Preisen."
Aus der BrĂŒsseler GerĂŒchtekĂŒche ist derzeit zu hören, die Kommission prĂ€feriere einen Zuschlag von 15 Prozent. Kurth hĂ€lt dies aber fĂŒr eine "verfrĂŒhte Diskussion": "Wir sollten vielleicht erst einmal klĂ€ren, ob wir eine Ex-Ante-Preisregulierung wollen oder ob wir, falls der Drittzugang gewĂ€hrt und Diskriminierung beschrĂ€nkt wird, eine Ex-Post-Aufsicht machen." Er verweist darauf, dass in Deutschland auch die VDSL-Technik bislang nur bei Substituierbarkeit zugangsreguliert ist.
Auch gebe es keinen regulierten Zugang fĂŒr Glasfasernetzwerke ins Haus. Denn es entstĂŒnden mit diesen neuen kooperativen Modellen auch neue Marktstrukturen mit völlig neuen Anschlussnetzen, die nicht ausschlieĂlich von den marktbeherrschenden Unternehmen, sondern auch von den Wettbewerbern mitgestaltet oder sogar, wie im Falle des Glasfasernetzaufbaus [3] durch Netcologne, auf regionalen MĂ€rkten aufgebaut werden. FĂŒr Kurth stellt sich die Frage, "ob wir hier nicht Elemente einer symmetrischen Regulierung diskutieren mĂŒssen, als ErgĂ€nzung zur bislang asymmetrischen Regulierung des marktbeherrschenden Unternehmens." Er hĂ€lt deshalb "Diskussionen ĂŒber Symmetrie und Gleichbehandlung und Drittzugang fĂŒr notwendig". (Christiane Schulzki-Haddouti) / (anw [4])
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[1] https://www.heise.de/news/Reding-zeigt-sich-bei-Superregulierungsbehoerde-verhandlungsbereit-214119.html
[2] http://www.bundesnetzagentur.de/enid/Management/President_Matthias_Kurth_xo.html
[3] https://www.heise.de/news/NetCologne-bietet-100-MBit-s-via-Glasfaser-fuer-40-Euro-im-Monat-137757.html
[4] mailto:anw@heise.de
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