CFP: Lotus-GrĂŒnder Mitch Kapor im Clinch mit Hollywood
Der PreistrÀger des "Pionier Award" der Electronic Frontier Foundation sieht durch die unbewegliche Entertainment-Industrie die Innovationsfreiheit im Internet gefÀhrdet.
Mitch Kapor [1], GrĂŒnder der legendĂ€ren und lĂ€ngst von IBM geschluckten Computerfirma Lotus, sieht in den GeschĂ€ftspraktiken der Entertainment-Industrie eine der gröĂten gegenwĂ€rtigen Gefahren fĂŒr das VorwĂ€rtskommen der vernetzten Hightech-Welt. "Wir mĂŒssen sicherstellen, dass Entwickler die Technologie weiter frei und innovativ zum Vorteil der Menschheit vorantreiben dĂŒrfen", erklĂ€rte der Erfinder der modernen Tabellenkalkulation am Mittwochabend bei der Entgegennahme des "Pionier Award" der in Kalifornien beheimateten Electronic Frontier Foundation (EFF [2]) am Rande der Konferenz Computers, Freedom & Privacy (CFP [3]) in Seattle. Ohne Hollywood und die Musikindustrie sowie deren juristischen Kampf [4] gegen Tauschbörsenbetreiber vor dem obersten US-Gerichtshof direkt zu erwĂ€hnen, sprach er in diesem Zusammenhang von einer "Schlacht an einer Grenze mit Unternehmen, die denken, dass ihre GeschĂ€ftsmodelle absolut geschĂŒtzt sein mĂŒssten". Ein derartiges Verhalten bĂŒrde der Gesellschaft insgesamt "unvorstellbare groĂe Kosten" auf.
Sein Laudator, der frĂŒhe Sun-Mitarbeiter und Cyberrechtler John Gilmore, hatte bei der Preisverleihung im Science Fiction Museum [5] der WestkĂŒstenstadt zuvor bereits das Copyright als "eines der gröĂten Streitthemen" in der digitalen Welt ausgemacht. Kapor selbst, der die EFF vor 14 Jahren als BĂŒrgerrechtsorganisation fĂŒr den Cyberspace zunĂ€chst gemeinsam mit Gilmore und dem Grateful-Dead-Songschreiber John Perry Barlow ins Leben gerufen, sich dann aber von seinem Baby zurĂŒckgezogen hatte, stellte Vergleiche mit den Anfangszeiten der Lobbyvereinigung an. Damals hĂ€tten "ein paar Kinder sich in die damaligen vernetzten Computersysteme eingehackt", um sich einfach Zugang zum frĂŒhen Internet zu verschaffen. Das FBI habe dies aber als schwere Straftat angesehen und GefĂ€ngnisstrafen ins Spiel gebracht. "Das fanden wir wirklich verstörend", erlĂ€uterte Kapor, der mittlerweile auch die Open Source Applications Foundation [6] gegrĂŒndet hat. Schon damals sei völlig unverhĂ€ltnismĂ€Ăig auf neue technische Entwicklungen und ihre soziale Nutzung reagiert worden, weshalb sich die EFF der AufklĂ€rung verschrieben habe.
Neben Kapor erhielten auch Patrick Ball [7], der die Mittel der Computerstatistik fĂŒr den Erhalt der Menschenrechte einsetzt und beispielsweise bereits vor dem Internationalen Strafgerichtshof zur AufklĂ€rung der Verbrechen im ehemaligen Jugoslawien gegen den ehemaligen serbischen PrĂ€sidenten Milosevic ausgesagt hat, sowie der Computerwissenschaftler Ed Felten die EFF-Auszeichnung. Letzterer wĂ€re ebenfalls bereits fast ĂŒber zu enge Urheberrechtsregelungen gestolpert: Die Secure Digital Music Initiative (SDMI), eine frĂŒhe Industrievereinigung [8] zur EinfĂŒhrung eines flĂ€chendeckenden digitalen Rechtekontrollmanagements, hatte ihn zunĂ€chst eingeladen, ihre angeblich "unknackbaren" Anti-Kopierschutzmechanismen zu ĂŒberprĂŒfen. Als er darin Löcher fand, wollte die SDMI ihn aber daran hindern, seine Ergebnisse zu veröffentlichen. Erst nach einer Gerichtsklage, in der die EFF Felten unterstĂŒtzte, stand ihm dieser Weg offen.
Zum Urheberrechtsverfechter sei er geworden, berichtete der Professor in Seattle, nachdem er einen frĂŒhen Entwurf des Digital Millenium Copyright Acts, dem Vorbild fĂŒr weltweite Regelungen [9] zum rechtlichen Schutz technischer KopierschutzmaĂnahmen, gelesen hatte. "Ich habe festgestellt, dass damit meine Forschungsarbeit illegal werden wĂŒrde", erinnerte sich Felten. So sei er rein zufĂ€llig in diesem rechtlichen Gebiet aktiv geworden.
Zur Konferenz Computers, Freedom & Privacy siehe auch:
- Vom kafkaesken Schwinden der AnonymitÀt [10]
- BĂŒrgerrechtler erwarten "digitales Tschernobyl" bei BiometriepĂ€ssen [11]
- Unterwachung statt Ăberwachung [12]
- Zivilgesellschaft startet Projekt gegen "PolitikwÀsche" [13]
(Stefan Krempl) / (anw [14])
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[2] http://www.eff.org/
[3] http://www.cfp2005.org/
[4] https://www.heise.de/news/Tauschboersenklage-Oberste-US-Richter-sorgen-sich-um-die-Innovation-148663.html
[5] http://www.sfhomeworld.org/
[6] http://www.osafoundation.org/
[7] http://www.wired.com/news/politics/0,1283,51106,00.html
[8] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/musik/8082/1.html
[9] https://www.heise.de/news/Das-US-Copyright-fuer-den-Rest-der-Welt-127133.html
[10] https://www.heise.de/news/CFP-Vom-kafkaesken-Schwinden-der-Anonymitaet-152379.html
[11] https://www.heise.de/news/CFP-Buergerrechtler-erwarten-digitales-Tschernobyl-bei-Biometriepaessen-152709.html
[12] https://www.heise.de/news/CFP-Unterwachung-statt-ueberwachung-152761.html
[13] https://www.heise.de/news/CFP-Zivilgesellschaft-startet-Projekt-gegen-Politikwaesche-152791.html
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