CDU-Arbeitsgruppe probt Ausstieg aus der Netzpolitik
Laut einem Strategiepapier der CDU will die Union von einem "Internetminister" oder einem stĂ€ndigen Parlamentsausschuss fĂŒr Netzpolitik nichts mehr wissen. Der mögliche Koalitionspartner findet das "unterambitioniert".
Ein GesprĂ€chskreis der CDU zur "Digitalisierungspolitik" in der neuen Legislaturperiode hat vorgeschlagen, anstelle eines "Internetministers" nur einen zusĂ€tzlichen StaatssekretĂ€r in der Bundesregierung zu etablieren. Dieser solle "die Kompetenzen und ZustĂ€ndigkeiten fĂŒr Themen der Digitalisierung" auf Regierungsebene stĂ€rker bĂŒndeln" und könne beim Innen- oder Wirtschaftsministerium angesiedelt werden. Auf parlamentarischer Ebene reiche es aus, einen Unterausschuss fĂŒr Digitalpolitik als AnhĂ€ngsel des Innen- oder Wirtschaftsausschusses einzureichen, heiĂt es in einem heise online vorliegenden Strategiepapier der Arbeitsgruppe mit dem Titel "VorschlĂ€ge zur Digitalisierungspolitik".
Der Begriff "Netzpolitik" taucht in dem Dreiseiter, der eine "digitale Strategie fĂŒr Deutschland" umreiĂen soll, gar nicht auf. Die VorschlĂ€ge bleiben so weit hinter den BeschlĂŒssen des jĂŒngsten CDU-Parteitags sowie interfraktionellen Konsensbekundungen aus der vergangenen Wahlperiode zurĂŒck. Abgeordnete von Union und FDP hatten sich nach den Beratungen der Enquete-Kommission "Internet und digitale Gesellschaft" im Februar dafĂŒr stark gemacht [1], der Netzpolitik im Bundestag einen prominenteren Rang einzurĂ€umen. Im April sprach sich der Bundestag dafĂŒr aus [2], einen gleichnamigen stĂ€ndigen Hauptausschuss einzurichten, was auch die Wirtschaft befĂŒrwortet [3]. Netz- und Medienpolitiker waren sich auch weitgehend einig [4], dass es auf Regierungsebene einen ZustĂ€ndigen geben mĂŒsse, der mit am Kabinettstisch sitzt.
"Das Thema Internet ist viel zu wichtig, um der Unterausschuss von irgendetwas zu sein", hatte der CDU-Abgeordnete Thomas Jarzombek im FrĂŒhjahr betont. Bislang war dafĂŒr ein Ableger des Kulturausschusses zu "Neuen Medien" [5] zustĂ€ndig, der im Parlamentsbetrieb eher ein Schattendasein fristete. Die mittlerweile abgegebenen Empfehlungen seiner Parteikollegen begeisterten ihn daher nicht, erklĂ€rte Jarzombek am Donnerstag gegenĂŒber heise online. Er selbst habe an der GesprĂ€chsrunde nicht teilnehmen können. So hĂ€tten sich in dem Papier offenbar fĂŒhrende CDU-Rechtspolitiker weitgehend durchgesetzt, die kein groĂes Interesse an einem weiteren Hauptausschuss hĂ€tten.
Das frĂŒhere Mitglied der Enquete-Kommission zur digitalen Gesellschaft hielt dem unter anderem die Thesen der CDU-Netzpolitiker aus dem cnetz [6] entgegen, die diese vor der Wahl gemeinsam mit der Schwesterorganisation CSUnet aufgestellt hĂ€tten. Darin werde neben einem "Internetstaatsminister" auch ein einschlĂ€giger stĂ€ndiger Ausschuss im Bundestag gefordert. Dies decke sich weitgehend mit CDU-ParteitagsbeschlĂŒssen, auch wenn diese Passagen es nicht ins "Regierungsprogramm [7]" der Konservativen geschafft hĂ€tten.
Beim voraussichtlichen Koalitionspartner SPD gelten die Ăberlegungen der CDU als "völlig unterambitioniert". Die Netzpolitik solle damit offenbar auf der "Resterampe" aussortiert werden, heiĂt es in Parteikreisen. Die SPD hatte als einzige Partei schon in ihrem Schattenkabinett mit der Design-Professorin Gesche Joost eine "Internetministerin" vorgesehen [8]. Auch wenn diese sich mittlerweile aus dem Team zurĂŒckgezogen hat, liebĂ€ugeln die Sozialdemokraten weiter mit einer solchen Funktion.
Weniger kontrovers dĂŒrften inhaltliche Punkte der "CDU-Digitalisierungsagenda" fĂŒr die wahrscheinlichen Koalitionspartner sein. So möchten die Christdemokraten die NetzneutralitĂ€t mittels einer Pflicht zum "Gleichbehandeln von Datenpaketen" gewĂ€hrleisten, "offene IT-Standards fördern und InteroperabilitĂ€t sicherstellen" sowie die Potenziale von offenen WLANs unter anderem durch eine "Haftungsbegrenzung" erschlieĂen, die Schwarz-Gelb im Juni noch abgelehnt [9] hatte. Die EU-Datenschutzreform soll "durch deutsche VorschlĂ€ge" gestaltet und "zeitnah" verabschiedet, das umstrittene IT-Sicherheitsgesetz [10] beschlossen werden. (vbr [11])
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[2] https://www.heise.de/news/Internet-Enquete-zieht-im-Bundestag-positive-Bilanz-1845105.html
[3] https://www.heise.de/news/Bundestagswahl-2013-Internet-Wirtschaft-fordert-zentrale-Rolle-fuer-Netzpolitik-1964785.html
[4] https://www.heise.de/news/Netzpolitiker-streiten-ueber-kuenftigen-Internetminister-1886771.html
[5] https://www.heise.de/news/Netzpolitik-im-Bundestag-soll-raus-aus-der-Nische-982964.html
[6] http://c-netz.de/2013/06/10/csunet-und-cnetz-erarbeiten-netzpolitische-wahlprufsteine/
[7] https://www.heise.de/hintergrund/Programme-und-Positionen-zur-Bundestagswahl-2013-Die-CDU-CSU-1953590.html
[8] https://www.heise.de/hintergrund/Programme-und-Positionen-zur-Bundestagswahl-2013-Die-SPD-1954739.html
[9] https://www.heise.de/news/Schwarz-Gelb-lehnt-Haftungsklarstellung-fuer-WLAN-Betreiber-ab-1883926.html
[10] https://www.heise.de/news/Wirtschaft-wettert-gegen-geplantes-IT-Sicherheitsgesetz-1833835.html
[11] mailto:vbr@heise.de
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