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Bundesverfassungsgericht verlÀngert Schranken bei Vorratsdatenspeicherung

Stefan Krempl

Karlsruhe hat die Auflagen zum eingeschrÀnkten Zugriff auf verdachtsunabhÀngig vorgehaltene Verbindungs- und Standortdaten um sechs Monate verlÀngert. Ermittler erhalten demnach nur bei schweren Straftaten Zugang.

Das Bundesverfassungsgericht hat seine Auflagen [1] vom MĂ€rz zum eingeschrĂ€nkten Zugriff auf verdachtsunabhĂ€ngig vorgehaltene Verbindungs- und Standortdaten um sechs Monate verlĂ€ngert. Dies geht aus einem entsprechenden Beschluss [2] (PDF-Datei) hervor, den der BevollmĂ€chtigte der "Massenklage [3]" von ĂŒber 34.000 BĂŒrgern gegen die Vorratsdatenspeicherung, Meinhard Starostik, am heutigen Donnerstag veröffentlicht hat. Telekommunikationsanbieter mĂŒssen demnach weiterhin gemĂ€ĂŸ der Novelle der Regeln zur TelekommunikationsĂŒberwachung [4] die elektronischen Nutzerspuren protokollieren. Fahnder erhalten aber nur bei der Verfolgung schwerer Straftaten Zugang zu den Datenbergen.

Die zeitliche Ausdehnung der einstweiligen Anordnung beruht auf denselben GrĂŒnden wie der vorausgegangene Bescheid. Nicht die Datenarchivierung, sondern erst die Vorgabe zum Abruf und zur Verwendung der Informationen gilt den Verfassungsrichtern demnach als der besonders gefĂ€hrliche Eingriff in die Freiheit der BĂŒrger. Starostik hatte zuvor die komplette Aussetzung [5] der Vorratsdatenspeicherung gefordert. Er verwies dabei unter anderem auf eine Forsa-Umfrage, laut der "die Vorratsdatenspeicherung jeden zweiten BĂŒrger davon abhalte, in sensiblen Angelegenheiten telefonische Beratung in Anspruch zu nehmen". Die Maßnahme ziehe somit bereits jetzt irreparable BeeintrĂ€chtigungen nach sich.

Dieser Ansicht wollten sich die Richter in Karlsruhe vorerst nicht anschließen. Sie behielten sich aber neben der weiteren PrĂŒfung des Anliegens der BĂŒrgerrechtler ausdrĂŒcklich vor, den Beschluss im Hinblick auf die in Bayern neuen Möglichkeiten abzuĂ€ndern, gemĂ€ĂŸ denen Polizei und StaatschĂŒtzer im Freistaat auch zur Gefahrenabwehr und zu Aufgaben des Verfassungsschutzes auf die TK-Vorratsdaten zugreifen dĂŒrfen [6].

Das Gericht fordert die Bundesregierung auf, bis zum 1. MĂ€rz 2009 erneut ĂŒber die praktischen Auswirkungen der Vorratsdatenspeicherung und der einstweiligen Anordnung fĂŒr den Zeitraum August bis Januar zu berichten. Das federfĂŒhrende Bundesjustizministerium hatte zuvor entsprechend einer frĂŒheren Auflage aus Karlsruhe mitgeteilt [7], dass Ermittler allein zwischen Mai und Juli in 934 Strafverfahren auf verdachtsunabhĂ€ngig gespeicherte "Verkehrsdaten" zurĂŒckgegriffen haben. Laut BĂŒrgerrechtlern lĂ€sst sich aus den Zahlen aber nicht auf einen tatsĂ€chlichen Bedarf nach den auf Vorrat zu speichernden Telekommunikationsdaten schließen.

Starostik weist angesichts des neuen Beschlusses darauf hin, dass von 1. Januar 2009 an dann auch Internetprovider die Verbindungs- und Nutzerdaten ĂŒber den Zugang zum Netz und den Abruf von E-Mails vorhalten mĂŒssen. Vom Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung [8], einem Zusammenschluss von BĂŒrgerrechtlern und DatenschĂŒtzern, erklĂ€rte padeluun gegenĂŒber heise online, dass die Politik noch ein halbes Jahr BewĂ€hrungsfrist erhalten habe: "Bundesregierung und Parlament sollten jetzt möglichst rasch aus ErkenntnisgrĂŒnden die Vorratsdatenspeicherung selbst zurĂŒcknehmen." Zugleich bedauerte der Aktivist, "dass die krĂ€ftezehrende Zitterpartie fĂŒr die Bevölkerung weiter geht". Er zeigte sich aber optimistisch, dass die Bestimmungen zur Protokollierung der Nutzerspuren zugunsten einer anlassbezogenen Datenspeicherung gemĂ€ĂŸ dem "Quick Freeze"-Verfahren gekippt wĂŒrden. Ähnlich Ă€ußerte sich Constanze Kurz vom Chaos Computer Club (CCC): "Wenn die Richter die Zeit nutzen wollen, um ein bĂŒrgerfreundliches, ausgewogenes Urteil zu fĂ€llen, können wir uns mit der Frist abfinden."

Siehe dazu auch:

Zu den Auseinandersetzungen um die Terrorismus-BekÀmpfung, die erweiterte Anti-Terror-Gesetzgebung, die Anti-Terror-Datei sowie die Online-Durchsuchung siehe auch:

(Stefan Krempl) / (pmz [30])


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[1] https://www.heise.de/news/Bundesverfassungsgericht-schraenkt-Vorratsdatenspeicherung-ein-191464.html
[2] http://www.starostik.de/downloads/BVerfG-Verlaengerung-eAO.pdf
[3] https://www.heise.de/news/34-443-Klageschriften-gegen-die-Vorratsdatenspeicherung-185285.html
[4] https://www.heise.de/news/Bundesrat-segnet-Vorratsdatenspeicherung-ab-201027.html
[5] https://www.heise.de/news/Aussetzung-der-Vorratsdatenspeicherung-beantragt-196689.html
[6] http://www.heise.de/newsticker/Bayerischer-Landtag-setzt-den-Bayerntrojaner-frei--/meldung/110426
[7] https://www.heise.de/news/Bundesregierung-legt-erste-Zahlen-zur-Nutzung-der-TK-Vorratsdaten-vor-202755.html
[8] http://www.vorratsdatenspeicherung.de/
[9] https://www.heise.de/news/Bundesregierung-legt-erste-Zahlen-zur-Nutzung-der-TK-Vorratsdaten-vor-202755.html
[10] https://www.heise.de/news/Telekom-bei-Vorratsdatenspeicherung-im-Plan-201446.html
[11] https://www.heise.de/news/Datenschuetzer-werfen-Report-Muenchen-Meinungsmache-fuer-Vorratsdatenspeicherung-vor-199866.html
[12] https://www.heise.de/news/Umsetzungswirren-bei-der-Vorratsdatenspeicherung-198214.html
[13] https://www.heise.de/news/Aussetzung-der-Vorratsdatenspeicherung-beantragt-196689.html
[14] https://www.heise.de/news/Bundestag-verwirft-Petition-gegen-Vorratsdatenspeicherung-190964.html
[15] https://www.heise.de/news/EU-Liberale-kontra-Vorratsdatenspeicherung-Ihr-habt-Rechte-nutzt-sie-185980.html
[16] https://www.heise.de/news/Verhandlungen-zur-Vorratsdatenspeicherung-in-Luxemburg-und-Dublin-182705.html
[17] https://www.heise.de/news/Gruene-gegen-neue-Varianten-der-Vorratsdatenspeicherung-182120.html
[18] https://www.heise.de/news/ver-di-Vorratsdatenspeicherung-schraenkt-Koalitionsfreiheit-ein-214437.html
[19] https://www.heise.de/news/Internetwirtschaft-fordert-Verzicht-auf-Vorratsdatenspeicherung-213419.html
[20] https://www.heise.de/news/Forsa-Umfrage-Vorratsdatenspeicherung-beeinflusst-Telefonierverhalten-211882.html
[21] https://www.heise.de/news/Journalisten-Verband-fordert-Abschaffung-der-Vorratsdatenspeicherung-210560.html
[22] https://www.heise.de/news/Buergerrechtler-gehen-gegen-EU-Richtlinie-zur-Vorratsdatenspeicherung-vor-197142.html
[23] https://www.heise.de/news/Verfassungsgerichtsentscheidung-zur-Vorratsdatenspeicherung-sorgt-fuer-Konfusion-191728.html
[24] https://www.heise.de/news/Bundesverfassungsgericht-schraenkt-Vorratsdatenspeicherung-ein-191464.html
[25] https://www.heise.de/news/34-443-Klageschriften-gegen-die-Vorratsdatenspeicherung-185285.html
[26] https://www.heise.de/news/Bundesrat-segnet-Vorratsdatenspeicherung-ab-201027.html
[27] https://www.heise.de/news/Bundestag-verabschiedet-Gesetz-zur-Vorratsdatenspeicherung-und-TK-ueberwachung-193892.html
[28] http://www.heise.de/ct/hintergrund/meldung/99806
[29] http://www.heise.de/ct/hintergrund/meldung/95584
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