Bundesrat fordert umfassende NetzneutralitÀt auf EU-Ebene
Die LĂ€nderkammer hat derart starke Bedenken gegen die Initiative der EU-Kommission fĂŒr einen digitalen Binnenmarkt, dass sie dafĂŒr plĂ€diert, den Entwurfs zurĂŒckzunehmen. Ein Stein des AnstoĂes sind die BrĂŒsseler PlĂ€ne zum offenen Internet.
Der Bundesrat hat am Freitag eine ausfĂŒhrliche Stellungnahme [1] verabschiedet, in der er kaum ein gutes Haar an der Initiative der EU-Kommission fĂŒr einen digitalen Binnenmarkt [2] lĂ€sst. Die Bedenken der LĂ€nderkammer sind so groĂ, dass sie dafĂŒr plĂ€diert, den Verordnungsentwurf zur weiteren Harmonisierung der Regulierung von Telekommunikationsfirmen zurĂŒckzunehmen. Der Bundesrat empfiehlt stattdessen, "auf Basis einer intensiven Diskussion mit den Mitgliedsstaaten und den nationalen Regulierungsbehörden zu prĂŒfen", wo und in welcher Form tatsĂ€chlich Reformbedarf besteht.
Gleichberechtigung fĂŒr alle Datenpakete
Ein Stein des AnstoĂes sind die VorschlĂ€ge aus BrĂŒssel fĂŒr den Erhalt des offenen Internets. Laut der Kommission soll sich der Grundsatz der NetzneutralitĂ€t nur auf den Zugang zum Datenraum beziehen, nicht jedoch auf die darĂŒber vermittelten Angebote: Provider dĂŒrften so "Spezialdienste" mit garantierter ServicequalitĂ€t anbieten, wenn dadurch Anschlussdienste nicht "substanziell beeintrĂ€chtigt" werden.
Der LĂ€nderkammer scheint dieser Ansatz "nicht geeignet", damit die BĂŒrger gleichberechtigt und uneingeschrĂ€nkt am offenen Internet teilhaben können. Sie meint, dass alle Datenpakete unabhĂ€ngig von Inhalt, Anwendung, Herkunft und Ziel grundsĂ€tzlich gleich behandelt werden mĂŒssen. Abweichungen von diesem Prinzip sollten nur mit eng definierten Ausnahmen mit "objektiv ĂŒberprĂŒfbaren Kriterien" zulĂ€ssig sein.
Innovation und Wettbewerb
Ein solches VerstĂ€ndnis von NetzneutralitĂ€t sei Voraussetzung fĂŒr Innovation und einen funktionierenden Wettbewerb, fĂŒhrt der Bundesrat aus. Es bilde die Basis fĂŒr die Meinungs-, Informations- und Unternehmensfreiheit sowie ein hohes Verbraucherschutzniveau. Der Plan der EU-Kommission fĂŒhre dagegen zu einem "VerdrĂ€ngungswettbewerb" der von Spezialdiensten beanspruchten hohen ĂbertragungsqualitĂ€t mit den ĂŒbrigen Inhalten, Diensten und Anwendungen des nach dem "Best-Effort-Prinzip" funktionierenden offenen Internets, in dem alle Datenpakete möglichst mit gleicher PrioritĂ€t transportiert werden.
Die von der Kommission angestrebte Unterscheidung macht den LĂ€ndern zufolge auch Investitionen in den weiteren Breitbandausbau und das traditionelle Netz "wirtschaftlich unattraktiv". Sie könne zu einem Zwei-Klassen-Internet fĂŒhren, was erhebliche Nachteile fĂŒr die inhaltliche Vielfalt des Netzes mit sich bringe und "die Zukunft nichtkommerzieller, unabhĂ€ngiger Informations- und Kommunikationsangebote" stark gefĂ€hrde.
Verkehrsmanagement
Der Bundesrat betont, dass bei ProvidervertrĂ€gen mit begrenztem Volumen bestimmte Datendienste nicht beliebig aus diesem herausgerechnet oder von einer anstehenden Drosselung ausgenommen werden dĂŒrften. Generell mĂŒsse auch bei Volumentarifen ausgeschlossen werden, dass einzelne Inhalte des offenen Netzes willkĂŒrlich beschrĂ€nkt oder bevorzugst werden. Die Deutsche Telekom hatte zuvor erwogen [3], etwa ihr eigenes IPTV-Angebot Entertain nicht als Verbrauchsfaktor anzusetzen.
Als zu weit gefasst und missbrauchsanfĂ€llig erachtet der Bundesrat die EU-Kriterien fĂŒr "angemessenes" Verkehrsmanagement. Besonders kritisch sei der Punkt, mit dem private Zugangsanbieter "beliebige Rechtsvorschriften" durchsetzen könnten sowie Verbrechen nach eigenem Ermessen bekĂ€mpfen oder verhindern sollten. Ein solcher Ansatz sei "offensichtlich nicht mit den GrundsĂ€tzen der Rechtsstaatlichkeit vereinbar", da Provider damit "originĂ€r staatliche Befugnisse" wahrnĂ€hmen.
Kein Routerzwang
Stattdessen mĂŒssten Anbieter jede gesetzlich zu definierende Ausnahmesituation und hierbei veranlasstes Netzwerkmanagement dokumentieren und unverzĂŒglich nationalen Regulierern melden, meint der Bundesrat. Die Inhalte ĂŒbertragener Datenpakete dĂŒrften nicht etwa durch Deep Packet Inspection [4] eingesehen werden, sofern dies nicht unabdingbar sei, um erhebliche Nachteile fĂŒr den gesamten Datenfluss oder die IntegritĂ€t der Infrastruktur zu verhindern. EinschrĂ€nkungen der QualitĂ€t und VerfĂŒgbarkeit auf Basis eines "Routerzwangs [5]" dĂŒrften nicht erlaubt werden.
Ăbel stöĂt dem Bundesrat eine "deutliche Verschiebung der bisherigen Zielsetzung" des EU-Rahmens von der "Wettbewerbsförderung nationaler TelekommunikationsmĂ€rkte hin zu einer europĂ€ischen zentral gesteuerten Marktkonsolidierung zugunsten groĂer nationaler oder transnationaler Unternehmen" auf. Er hege "erhebliche Zweifel" daran, dass damit die KonkurrenzfĂ€higkeit der EU gegenĂŒber asiatischen oder amerikanischen LĂ€ndern gesteigert werden könne. Der bisherige Infrastrukturaufbau sei "vor allem das Ergebnis eines wettbewerblichen Umfelds [6]".
Das Harmonisierungsstreben BrĂŒssels geht den LĂ€ndern in mehreren Bereichen wie der Frequenzregulierung zu weit. Das Funkspektrum dĂŒrfe nicht allein als Wirtschaftsgut betrachtet, die Belange des Rundfunks mĂŒssten bedacht werden. Es werde daher hierzulande "auf absehbare Zeit" nicht möglich sein, das 700-MHz-Band fĂŒr die mobile Breitbandkommunikation [7] bereitzustellen. Beim Kundenschutz fehle in der EU-Initiative zudem etwa das Recht, bestimmte Rufnummernbereiche oder die Identifizierung des Mobilfunkanschlusses ĂŒber die WAP-Schnittstelle zu sperren. Unklar sei auch, ob das hiesige Aus fĂŒr kostenpflichtige Warteschleifen [8] aufrecht erhalten werden könne. (anw [9])
URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-2057798
Links in diesem Artikel:
[1] http://www.bundesrat.de/cln_350/SharedDocs/Drucksachen/2013/0601-700/689-1-13,templateId%3Draw,property%3DpublicationFile.pdf/689-1-13.pdf
[2] https://www.heise.de/news/Bruessel-legt-Entwurf-zur-Telecom-Verordnung-vor-1955051.html
[3] https://www.heise.de/news/Flatrate-Drosselung-Was-wird-aus-Videoload-1874780.html
[4] https://www.heise.de/news/Grosse-Koalition-gegen-Internet-Nacktscanner-2049850.html
[5] https://www.heise.de/news/Grosse-Koalition-will-Zwangsrouter-der-Provider-verhindern-2040896.html
[6] https://www.heise.de/news/Ex-Bundespostminister-Liberalisierung-ist-einzigartige-Erfolgsstory-2045347.html
[7] https://www.heise.de/news/Mobiles-Breitband-Telcos-beanspruchen-auch-DVB-T2-Frequenzen-2040906.html
[8] https://www.heise.de/news/Warteschleifen-werden-kostenlos-1874359.html
[9] mailto:anw@heise.de
Copyright © 2013 Heise Medien