Bundesrat beharrt auf genauerer VolkszÀhlung
Die LĂ€nder haben wegen der geplanten VolkszĂ€hlung erstmals in Zeiten der groĂen Koalition den Vermittlungsausschuss mit dem Bundestag angerufen, wobei es unter anderem auch ums Geld geht.
Der Bundesrat hat am heutigen Freitag wegen der nĂ€chsten VolkszĂ€hlung erstmals in Zeiten der groĂen Koalition den Vermittlungsausschuss mit dem Bundestag angerufen. Die LĂ€nderchefs folgten dabei der Empfehlung [1] des Innenausschusses der Kammer, das umstrittene Vorbereitungsgesetz fĂŒr den 2011 geplanten registergestĂŒtzten Zensus nicht passieren zu lassen. Die LĂ€nderkammer hatte im Mai zahlreiche Ănderungen [2] am inzwischen vom Parlament verabschiedeten [3] Gesetzesentwurf der Bundesregierung gefordert, in denen es um eine umfassendere Anlage und genauere DurchfĂŒhrung des Zensus sowie ums Geld geht. Zur BestĂ€tigung ihrer Forderungen lassen die LĂ€nder es nun auf ein Vermittlungsverfahren ankommen, auch wenn dies laut Hessens Bundesratsminister Volker Hoff (CDU) als "unfreundlicher Akt" angesichts der allgemeinen BemĂŒhungen zu Erhalts des Friedens im RegierungsbĂŒndnis gesehen werden kann.
Die Bundesregierung will die von BrĂŒssel vorgesehene gemeinschaftsweite Volks- und WohnungszĂ€hlung im Jahr 2011 im Wesentlichen durch eine Auswertung von Melderegistern, Daten der Bundesanstalt fĂŒr Arbeit sowie Dateien zum Personalbestand der öffentlichen Hand bewerkstelligen. Vorgesehen ist zur ErgĂ€nzung eine direkte Informationserhebung bei GebĂ€ude- und WohnungseigentĂŒmern sowie eine Stichprobenerhebung zur Sicherung der DatenqualitĂ€t und zur Erfassung weiterer zensustypischer Erhebungsmerkmale wie der ErwerbstĂ€tigkeit oder des Bildungsgrades bei etwa sieben Millionen BĂŒrgern. Abgerundet werden soll die rechnergestĂŒtzte VolkszĂ€hlung durch eine Befragung der rund 17,5 Millionen Verwalter oder Bewohner von GemeinschaftsunterkĂŒnften.
Geht es nach dem Bundesrat, sollen zur QualitĂ€tssicherung Unstimmigkeiten bei den ĂŒbermittelten Daten auch anhand von EinzelprĂŒfungen durch die Meldebehörden geklĂ€rt werden dĂŒrfen. Bundesregierung und Bundestag haben diesen Wunsch bislang aus verfassungsrechtlichen Bedenken verworfen. Ihrer Ansicht nach darf der Zensus nicht genutzt werden, um Fehler im Melderegister zu korrigieren.
Ferner soll nach Ansicht der LĂ€nder eine Regelung ĂŒber Finanzzuweisungen des Bundes an sie aufgenommen werden. Hierdurch könnten entstehende finanzielle Mehrbelastungen â wie bei frĂŒheren VolkszĂ€hlungen â ausgeglichen werden. Die im jetzigen Zensusvorbereitungsgesetz vorgesehene Verteilung bezeichnet der Bundesrat als untragbar: WĂ€hrend LĂ€nder und Kommunen mit etwa 137 Millionen Euro belastet wĂŒrden, hĂ€tte der Bund nur etwa 39 Millionen Euro aufzubringen. SchlieĂlich pocht der Bundesrat auf die Aufnahme einer Regelung in das Gesetz, nach der das entsprechende Verwaltungsverfahren fĂŒr die LĂ€nder verbindlich vorgeschrieben wird. Das Projekt könne nur dann zum Erfolg fĂŒhren, wenn die Vorgehensweise im Bund und den LĂ€ndern einheitlich sei. Folge einer solchen Regelung wĂ€re, dass das Gesetz der direkten Zustimmung des Bundesrates bedĂŒrfen wĂŒrde.
Grundlegende Bedenken gegen den neuen Zensus hat der Bundesrat nicht. Auch DatenschĂŒtzer haben angesichts des Stichproben-Ansatzes kaum mehr Bedenken gegen das bisher beschlossene Verfahren. Das war im Vorfeld der jĂŒngsten VolkszĂ€hlung 1987 noch ganz anders. Damals fegte eine Protestwelle durch die alte Bundesrepublik. Die Gegner misstrauten dem Vorhaben und unterstellten dem Staat, seine BĂŒrger zu durchleuchten und Daten zu missbrauchen. Heute halten neben Politikern auch Statistiker und Planer einen neuen Zensus fĂŒr nötig. Sie schĂ€tzen, dass nicht 82 Millionen Menschen in Deutschland leben, sondern 1,3 Millionen weniger. Solche Daten bilden aber die Grundlage fĂŒr viele politische Entscheidungen wie den Finanzausgleich oder den Bau von Schulen, Kliniken, Wohnungen. Die Zahl der Einwohner bestimmt auch die Anzahl der Stimmen eines Landes im Bundesrat und die GröĂe eines Wahlkreises. (Stefan Krempl) / (vbr [4])
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[2] https://www.heise.de/news/Bundesrat-fuer-umfassendere-Volkszaehlung-und-gegen-Open-Access-177656.html
[3] https://www.heise.de/news/Weg-frei-fuer-registergestuetzte-Volkszaehlung-Update-177165.html
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