Bundesjustizministerin fordert besseren europÀischen Patentschutz
Um die Erteilung von PatentansprĂŒchen in der EU kostengĂŒnstiger zu machen, will Brigitte Zypries den Ausbau des Systems der vom EuropĂ€ischen Patentamt erteilten Schutzrechte einem eigenen EU-Gemeinschaftspatent vorziehen.
Skeptisch hat sich Bundesjustizministerin Brigitte Zypries am heutigen Donnerstag in Berlin ĂŒber den "letzten Anlauf" der EU-Kommission zu einem EU-Gemeinschaftspatent [1] geĂ€uĂert. Ihrer Ansicht nach erscheint es derzeit unwahrscheinlich, dass sich alle EU-Mitgliedstaaten auf einen entsprechenden Beschluss verstĂ€ndigen. Um der alten Forderung der Bundesregierung und der Industrie nach einem "kostengĂŒnstigeren und Rechtssicherheit schaffenden europĂ€isches Patentsystem" gerecht zu werden, sprach sich die SPD-Politikerin stattdessen dafĂŒr aus, die Vergabeordnung der vom EuropĂ€ischen Patentamt (EPA) in MĂŒnchen erteilten europĂ€ischen Patente auszubauen.
HauptsĂ€chlicher Streitpunkt beim Gemeinschaftspatent ist die Frage der vorgeschriebenen Ăbersetzungen in einzelne Sprachen der Mitgliedsregionen. Diese haben sich schon jetzt als Kostentreiber bei den "BĂŒndeln" nationaler Patente herausgestellt, welche das EPA vergibt. Konkret setzt sich die Bundesregierung nun nachdrĂŒcklich fĂŒr das baldige Inkrafttreten des Londoner Protokolls [2] zur Reduzierung der Ăbersetzungskosten um durchschnittlich die HĂ€lfte der bisherigen Ausgaben und die Verwirklichung des Streitregelungssystems EPLA [3] (European Patent Litigation Agreement) ein. Dabei handelt es sich um zwei ZusatzĂŒbereinkommen zum EuropĂ€ischen PatentĂŒbereinkommen [4], das die Grundlage fĂŒr die Erteilung eines zeitlich befristeten Monopolschutzes fĂŒr technische Erfindungen darstellt. Die bayerische Justizministerin Beate Merk hatte sich vor kurzem fĂŒr die gleiche Strategie ausgesprochen.
Zypries machte ihre Bemerkungen im Vorfeld eines GesprĂ€chs ĂŒber die Fortentwicklung des europĂ€ischen Patentsystems, zu dem sie nach eigenen Angaben "Vertreter zahlreicher WirtschaftsverbĂ€nde" empfangen hatte. Anlass war die laufende Konsultation [5] der EU-Kommission zum Patentschutzsystem in Europa. "Die Vertreter der innovativen Wirtschaft und der Forschungseinrichtungen haben heute dargelegt, dass sie zur StĂ€rkung ihrer internationalen WettbewerbsfĂ€higkeit rasch Fortschritte bei der Verbesserung des europĂ€ischen Patentschutzsystems brauchen", erklĂ€rte sie in diesem Zusammenhang. Sie werde sich daher "mit Nachdruck" dafĂŒr einsetzen, die beiden Vorhaben zur "Verbesserung des bestehenden europĂ€ischen Patentsystems voranzutreiben".
Vereinigungen wie den Bundesverband mittelstĂ€ndische Wirtschaft (BVMW [6]), die sich wiederholt gegen eine Ausweitung des Patentsystems etwa auf Computerprogramme stark machten, hatte die Justizministerin nicht zu der Anhörung geladen. Auf die Kritik am europĂ€ischen Patentsystem aus den Reihen von Softwarepatent-Gegner, wonach die Praxis des EPA [7]und seine Auslegung des EuropĂ€ischen PatentĂŒbereinkommens zu weit geht und zu viele grob gestrickte sowie innovationshemmende Trivialpatente hervorbringt, ging Zypries auch nicht ein. Die Anti-Softwarepatent-Fraktion fĂŒrchtet, dass mit den vom Justizministerium geforderten VerbesserungsvorschlĂ€gen die Vergaberichtlinien des EPA nicht konkretisiert werden und so die HintertĂŒr fĂŒr SchutzansprĂŒche auf "computerimplementierte Erfindungen" offen bleibt.
Zypries muss sich daher von den Kritikern Protest gegen die Anhörung gefallen lassen. "Es ist typisch, dass die Kritiker des EuropĂ€ischen Patentamts aus dem Mittelstand nicht gehört wurden, sondern nur Konzernlobbyisten und VerbĂ€nde, die von Konzernen kontrolliert werden", klagt Florian MĂŒller, GrĂŒnder der Kampagne NoSoftwarePatents.com [8]. "Man sieht daran, dass das Bundesjustizministerium wieder einmal parteiisch die Interessen des Patentwesens wahrnimmt und dafĂŒr das Schlagwort 'Innovation' als Vorwand gebraucht." Patentkritische MittelstĂ€ndler mĂŒssten sich aber auch an die eigene Nase fassen. Zum einen seien sie viel zu wenig aktiv in der Wahrnehmung ihrer politischen Interesse, zum anderen wĂŒrden sie auch noch MitgliedsbeitrĂ€ge dafĂŒr bezahlen, dass gewisse IT-BranchenverbĂ€nde gegen ihre eigenen Interessen arbeiten.
Zu den Auseinandersetzungen um Softwarepatente in Europa und die EU-Richtlinie zur Patentierbarkeit "computer-implementierter Erfindungen" siehe den Artikel auf c't aktuell (mit Linkliste zu den wichtigsten Artikeln aus der Berichterstattung auf heise online und zu den aktuellen Meldungen):
(Stefan Krempl) / (jk [10])
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[1] https://www.heise.de/news/EU-Kommission-wagt-letzten-Anlauf-beim-Gemeinschaftspatent-165772.html
[2] http://www.european-patent-office.org/news/info/2001_12_07_d.htm
[3] http://www.european-patent-office.org/epo/epla/
[4] http://www.european-patent-office.org/legal/epc/d/ma1.html
[5] http://europa.eu.int/comm/internal_market/indprop/patent/consultation_de.htm
[6] http://www.bvmwonline.de/
[7] https://www.heise.de/news/Softwarepatente-und-das-Gleichgewicht-des-Schreckens-111069.html
[8] http://www.nosoftwarepatents.com/
[9] http://www.heise.de/ct/aktuell/meldung/61230
[10] mailto:jk@heise.de
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