Biometrie: Instrument fĂŒr weltweites Immigrationsmanagement
Auf der Hamburger Tagung ĂŒber "Biometrische Verfahren im praktischen Einsatz" wurde deutlich, welch hohen Stellenwert die Biometrie in den Kontrollprogrammen verschiedener LĂ€nder und Institutionen mittlerweile hat.
Auf der Hamburger Tagung ĂŒber "Biometrische Verfahren im praktischen Einsatz" wurde deutlich, welch hohen Stellenwert die Biometrie in den Kontrollprogrammen verschiedener LĂ€nder und Institutionen mittlerweile hat. So berichtete Ulf Cahn von Seelen, Vertreter der aus Iriserkennung spezialisierten Iridian Technology, von Dutzenden Projekten, in denen die Technik seiner Firma Eingang gefunden hat. In Abu Dhabi [1] wird sie eingesetzt, um abgeschobene Kriminelle bei der Wiedereinreise zu entdecken, die Vereinten Nationen nutzen sie, um in Pakistan diejenigen zu finden, die mehrfach FlĂŒchtlingshilfe kassieren wollen. Die gröĂten Erfolge erzielten jedoch die freiwilligen kostenpflichtigen Systeme wie CAN-Pass [2] in Kanada und Privium [3] am hollĂ€ndischen Flughafen Shiphol, bei denen die Personen schneller bei der Grenzkontrolle abgefertigt werden, die sich in die Augen blicken lassen.
Ein wichtiges Datum fĂŒr die Biometrie nannte Christian Engel von der Planungsgruppe Personaldokumente, Meldewesen und Biometrie im Bundesinnenministerium [4]: Am 19. Februar werden im Rahmen des EU-Ratstreffens der Justiz- und Innenminister die verschiedenen VorschlĂ€ge vorgestellt, den EU-Pass mit einer einheitlichen Biometrietechnik auszustatten. "Die internationale Einigung beim Einsatz der Biometrie ist absehbar, die VerstĂ€ndigung in der EU ist fast vollzogen", betonte Engel, der als nĂ€chste Schritte fĂŒr Deutschland die Aufnahme biometrischer Daten im Personalausweis und "perspektivisch" die sichere Authentifizierung der BĂŒrger in elektronischen Netzwerken skizzierte. Zuvor hatte Frank Paul, Biometrie-Referent bei der EuropĂ€ischen Union, die Anstregungen geschildert, die auf europĂ€ischer Ebene unternommen werden, die Vorteile der Biometrie zu nutzen. Als sehr erfolgreich bezeichnete er die Erfahrungen mit der Asylbewerber-Datenbank EURODAC [5], die seit Januar 2003 im Regelbetrieb arbeitet und als Black-Box funktioniert. Alle EU-Staaten ĂŒberprĂŒfen und speichern die FingerabdrĂŒcke aller Asylbewerber, die hĂ€ufig in mehreren Staaten einen Antrag stellen.
Welchen Fortschritt EURODAC bedeutet, machte Paul im Vergleich mit C-VIS [6], dem Visa-Informationssystem, deutlich, das ebenfalls um biometrische DatensĂ€tze erweitert wird. Durch inkompatible Computersysteme gezwungen, muss jeder EU-Staat einmal pro Woche Kuriere mit CDs der neuesten DatenbestĂ€nde in alle anderen EU-Staaten schicken -- bei 100 Millionen Visa-AntrĂ€gen in der gesamten EU pro Jahr nicht unbedingt eine optimale Lösung. Dass Biometrie im erweiterten Europa mehr denn je notwendig ist, begrĂŒndete Paul mit der fĂŒr das Jahr 2007 geplanten Aufnahme von RumĂ€nien und Bulgarien in die EU. Beide LĂ€nder seien extrem beschrĂ€nkt, was den Vorrat an Nachnamen anbelangt. "Auf eine Anfrage im Schengen-Informationssystem bekommen Sie eine Liste mit 150 und mehr Namen, da mĂŒssen zusĂ€tzliche Daten die Suche eingrenzen." Paul nannte es unausweichlich, dass ein "weltweites Immigrationsmanagament" entsteht, das biometrische Daten braucht, um in der schieren FĂŒlle der Namen, aber auch der unbegrenzten Möglichkeiten abweichender Schreibweisen von Namen ĂŒberhaupt noch einzelne Personen identifizierbar zu machen.
Beide Referenten beklagten in Hamburg die Dominanz der USA bei den biometrischen Techniken und forderten europĂ€ische Anstrengungen, damit der Grenzverkehr nicht unter Kontrolle auslĂ€ndischer Interessen gerĂ€t. EU-Vertreter Paul setzte dabei groĂe Hoffnungen in das European Biometrics Forum [7] in Dublin, das im Juli 2003 seine Arbeit aufgenommen hat und fĂŒr die biometrischen Komponenten zustĂ€ndig ist, die im Schengen Informationssystem II ab MĂ€rz 2005 zum Einsatz kommen sollen. Zwischen dem Vertreter der Bundesregierung und dem Abgesandten der EU gab es jedoch auch Differenzen, vor allem in der Frage der Templates, die auch die Privatwirtschaft beschĂ€ftigt [8]. So lehnen die Techniker in der EU Templates ab, um nicht von einem Hersteller abhĂ€ngig zu werden, und setzen auf Gesichtserkennung und Fingerabdruck im "Vollbildmous". Dagegen favorisieren die deutschen Fachleute im Meldewesen die sparsamen DatensĂ€tze der Templates und die Kombination aus Fingerabdruck und Iriserkennung.
Der Einsatz der Biometrie ist nicht mehr aufzuhalten, so könnte das Fazit der Biometrie-Tagung lauten. Als Defizit der Veranstaltung muss dabei jedoch festgehalten werden, dass diejenigen, die die ausufernde Nutzung der Biometrie kontrollieren sollen, nicht eingeladen waren. "Datenschutz ist nicht unser Thema", verkĂŒndete GeschĂ€ftsfĂŒhrer Reithmeier vom veranstaltenden Verband fĂŒr Sicherheitstechnik [9] schroff, gab sich aber am Ende gelĂ€utert und kĂŒndigte zum Jahresende eine weitere Tagung an, zu der DatenschĂŒtzer eingeladen werden sollen. (Detlef Borchers) / (jk [10])
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[1] https://www.heise.de/news/Iris-Scanning-an-den-Grenzen-der-Vereinigten-Arabischen-Emirate-77395.html
[2] http://www.cbsa-asfc.gc.ca/travel/canpass/menu-e.html
[3] http://www.airport-technology.com/projects/schiphol/
[4] http://www.bmi.bund.de
[5] https://www.heise.de/news/EU-startet-Fingerabdruck-Datenbank-fuer-Asylbewerber-73031.html
[6] https://www.heise.de/news/Biometrie-Von-Lagos-bis-Manila-ueber-Wiesbaden-82747.html
[7] http://www.eubiometricforum.com/
[8] https://www.heise.de/news/Biometrie-die-Praxis-ruft-Update-93443.html
[9] http://www.vfs-hh.de/
[10] mailto:jk@heise.de
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