Bioethanol-Heizung als Reichweitenverlängerer

Ironie der Elektromobilität: Weil elektrische Antriebe zu wenig Wärmeverluste aufweisen, kostet elektrisches Heizen Reichweite. Eberspächer setzt auf Bioethanol, welches so vom Kraft- zum Brennstoff wird

vorlesen Druckansicht 21 Kommentare lesen
Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Gernot Goppelt
Inhaltsverzeichnis

Hamburg/Esslingen, 14. Juli 2011 – Die Firma Karabag ist in erster Linie ein auf Fiat Professional spezialisierter Anbieter von Nutzfahrzeugen, nach eigenen Angaben sogar der erfolgreichste in Deutschland. Zudem hat sich Karabag schon früh einen ordentlichen Namen mit Elektroautos gemacht, auch dies sind Modelle der Marke Fiat, die zu Elektroautos umgebaut sind. Das Angebot ist erstaunlich groß – Fiorino, Ducato, Doblo und den 500 kann man bei Karabag mit Elektroantrieb bestellen.

Wenn man sich einmal den Spaß macht, den "Konfigurator" zu benutzen, wird aber auch bei Karabag schnell deutlich, warum sich Elektroautos noch nicht so recht durchstarten: Der Kleinste, der Fiat 500, kostet schon fast 50.000 Euro, was freilich nicht Karabag anzukreiden ist, sondern ein mittlerweile sattsam bekanntes Kernproblem der Elektroautos ist – die Batterien sind extrem teuer, mangels Möglichkeiten für eine Großserie natürlich erst recht. Wir wollen aber jetzt nicht über Elektroautos herziehen, zumal Karabag über eine Neuerung berichtet, die eine interessante Facette der Elektromobilität darstellt.

Bioethanol-Heizung als Reichweitenverlängerer (3 Bilder)

Die Wasserheizung Hydronic 2 E4S nutzt die Wärmetauscher, wie sie in Autos mit Verbrennungsmotor verbaut sind.

(Bild: Eberspächer) (Bild: Eberspächer)

Das Problem: Im Winter wird die Reichweite zusätzlich beeinträchtigt, weil eine elektrische Heizung Strom abzwackt, den man eigentlich für den Antrieb bräuchte. Bei Verbrennungsmotoren ist das bekanntlich anders, ihr Nachteil der hohen Wärmeverluste wird im Winter zum Vorteil, weil man den Innenraum quasi umsonst heizen kann. Die Lösung: Ab sofort gibt es für Karabag-Stromer eine Heizung von Eberspächer, die mit Ethanol oder zur Not E85 betrieben wird, welches sogar an Tankstellen zu bekommen ist. Reines Bioethanol, die konsequent saubere Lösung, kann man zum Beispiel im Baumarkt in Kanistern kaufen. Weil Bioethanol rußfrei verbrennt, passt es aus Sicht des Anbieters wunderbar zur Elektromobilität. Es erlaube ein praktisch CO2-neutrales Heizen, beeinträchtige aber nicht die elektrische Reichweite des Fahrzeugs.

Nach eigener Darstellung ist Karabag mit seinem Anliegen an Eberspächer herangetreten, worauf die dortigen Experten ein Premiumheizgerät samt Steuerelektronik modifizierten, damit es der völlig anderen Charakteristik des Bioethanol-Kraftstoffes Rechnung trage. Tatsächlich befasst sich Eberspächer schon länger mit Zuheizern für Elektroautos, weil die Problematik des Innenraumheizens bei Elektroautos dort natürlich längst bekannt ist und sich dieses Geschäftsfeld bei einem Klima-Spezialisten anbietet. Die Wasserheizung Hydronic 2 Economy Typ E4S, heißt es bei Eberspächer, ist äußerst verbrauchsarm: Im Durchschnitt benötige sie zwischen 0,4 und 0,5 Liter Bioethanol pro Stunde.

Die Hydronic E4S ist eine Wasserheizung, nutzt also den in den Basisfahrzeugen vorhandenen Wärmetauscher. Dieser dient normalerweise dazu, die Wärme des Kühlwassers in Warmluft für den Innenraum umzusetzen. Im Fall des Fiorino kann also eine vorhandene Technik weitergenutzt werden, die eigentlich für den Betrieb in Verbindung mit einem Verbrennungsmotor vorgesehen war. Weil dies aber bei einem von vornherein als Elektroauto konzipierten Fahrzeug nicht der Fall sein wird, hat Eberspächer eine zweite Variante entwickelt, die übrigens ebenfalls auf der IAA gezeigt wird. Die so genannte Airtronic-Luft-Heizung wird mit reinem Bio-Ethanol betrieben, saugt aber die Luft über ein eigenes Gebläse an und wärmt den Innenraum direkt auf.

Daraus ergibt sich auch der Vorteil, das die Airtronic im Prinzip beliebig positioniert werden kann. Die bisher übliche Konfiguration – vom Wärmetauscher hinter der Spritzwand über Luftkanäle in der Instrumententafel zum Innenraum – muss nicht so ausgeführt werden, es sind völlig andere Heizkonzepte machbar. Die Wahrscheinlichkeit, dass man dies auch tut, ist hoch: Unter der Annahme, dass reine Elektroautos vorwiegend in der Stadt eingesetzt werden, sind ganz andere Karosseriekonzepte zu erwarten, bei denen ausladende Instrumententafeln nach heutigem Muster sogar hinderlich sein können, weil sie zum Beispiel den Innenraum zu sehr beeinträchtigen.

Eberspächer ist über das Prototypen-Stadium längst hinaus, hat mit der Airtronic E2 und E4 sogar schon zwei Modelle für unterschiedliche Innenraumgrößen vorgesehen, die ab Herbst verfügbar sind. Die E2 leistet maximal 2,2 kW, die E4 maximal 3,8 kW – Werte, die im Umkehrschluss auch illustrieren, dass die Klimatisierung von Fahrzeuginnenräumen eine Menge Energie benötigen kann. Wird dies elektrisch bewerkstelligt, so Eberspächer, reduziert der zusätzliche Strombedarf die Reichweite des Fahrzeugs um bis zu 50 Prozent. Dann doch lieber Kraftstoff als Brennstoff einsetzen, auch wenn das bei einem Elektroauto zunächst etwas merkwürdig klingt. (ggo)