Bildnis 90

Die BMW Concept Ninety, die im Auftrag von BMW Motorrad von Design-Guru Roland Sands in Kalifornien entworfen wurde, soll an die R 90 S aus den 70er erinnern. Die bayerische Marke feiert damit gleichzeitig den vierzigsten Geburtstags ihres Sportbikes und neunzig Jahre BMW-Motorradbau

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Von
  • Ingo Gach
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München, 4. Juni 2013 – Heute mal was Einzigartiges: Die BMW Concept Ninety, die von Motorrad-Design-Guru Roland Sands in Kalifornien entworfen wurde. Das Konzept im Auftrag von BMW Motorrad soll an die R 90 S aus den 70er erinnern. Die bayerische Marke feiert damit gleichzeitig den vierzigsten Geburtstag ihres Sportbikes und 90 Jahre BMW-Motorradbau, unter anderem auf dem Concorso d`Eleganza Villa d´Este 2013.

Hersteller feiern sich ja gerne selbst. Besonders praktisch ist es, wenn man mal ein spektakuläres Motorrad mit der "90" in der Modellbezeichnung im Programm hatte, das zudem noch just zum 90sten Jubiläum der Motorradproduktion einen runden Geburtstag feiert: Die R 32 gab es schon fünf Jahre vor dem ersten Auto mit einem weiß-blauen Logo – und vor just vier Jahrzehnten erblickte die R 90 S das Licht der motorisierten Welt. Sie wird heute als Meilenstein im Sportmotorradbau angesehen – zumindest vom bayerischen Konzern. Immerhin packte sie damals schon die 200 km/h, hatte als erstes Serienbike eine Halbschalenverkleidung und wurde tatsächlich auch im Rennsport eingesetzt.

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Eine Ikone wird wiedergeboren. Die Concept Ninety ist eine moderne Interpretation der BMW R 90 S aus dem Jahr 1973.

Es stand außer Frage, dass BMW diese Konstellation gebührend begehen musste. Doch wie ließen sich die beiden Jubiläen möglichst spektakulär der Öffentlichkeit präsentieren? Ein Konzept-Bike musste her! Aber so ein heikles Projekt überließ man dann doch nicht allein der eigenen Designabteilung, sondern fragte bei der ultimativen Instanz nach.

Die befindet sich nicht in irgendeinem klinisch sauberen High-Tech-Entwicklungszentrum mit Horden von Computerexperten, sondern in Long Beach im sonnigen Kalifornien. Hier residiert Roland Brown, Ex-Motorradrennfahrer, Magier an der Werkbank und Genie am Zeichenbrett.

Der Mann lebt, denkt und atmet Motorrad-Design. Dabei hat er nie eine Mechanikerlehre absolviert oder gar eine Designschule besucht. Wer etwas Besonderes auf zwei Rädern haben will, pilgert zu RSD – Roland Sands Design. Er würde vermutlich auch aus einem Haufen Kernschrott noch ein Edelbike erschaffen.

In enger Zusammenarbeit mit der BMW Motorrad-Designabteilung entstand die Concept Ninety als Reminiszenz an die altehrwürdige R 90 S. „Mit der BMW Concept Ninety wollten wir zeigen, wie reduziert und pur ein emotionales BMW Motorrad sein kann“, erklärte Ole Stenegard, Leiter Fahrzeug Design BMW Motorrad. Eigentlich wurde sie um den Boxer-Motor – aus optischen Gründen noch der luftgekühlte R 1200-Motor – herumgebaut.

Eine sehr knappe Halbschalenverkleidung, ein kurzer, runder Sitzhöcker und ein vom Meister selbst gedengelter Tank. Natürlich alles in Glitzerorange lackiert, wie beim historischen Vorbild. Ein sündhaft teures Fahrwerk vom schwedischen Hersteller Öhlins – die Concept Ninety hat kein Telelever, sondern eine Upside-Down-Gabel – sorgen für bestes Ansprechverhalten. Ein edler Radsatz, gewaltige Bremsscheiben und eine sehr stylische Doppelrohr-Auspuffanlage machen aus ihr einen echten Hingucker.

Viele Details am Motor und Fahrwerk sind von Sands in akribischer Kleinarbeit erstellt worden, was sich dem Auge des Betrachters erst bei näherer Begutachtung erschließt. Allein das „RSD“-Logo auf dem Ventildeckel ist schon ein kleines Kunstwerk, die Deckel selber im Stil der 1970er Jahre gehalten. Die Gabelbrücken sind zum Niederknien schön gefräst, genauso wie die Instrumentenfassungen, die Lampenhalterung, der Tankdeckel und die Fußrasten. Selbst die breiten Felgen – nur teilweise schwarz lackiert, um das blanke Metall zur Geltung kommen zu lassen – wurden bei RSD gefräst. Das i-Tüpfelchen: Der nostalgisch anmutende R 90 S-Schriftzug stammt nicht aus dem BMW-Ersatzteilregal, sondern aus der Handarbeit von Roland Sands.

Doch auch die Moderne sollte in dem Konzept zum Tragen kommen. Der runde Scheinwerfer wirft daher ein gleissendes LED-Licht auf die StraĂźe und im Cockpit kommt ein digitales Display zum Einsatz.

Dass die Concept Ninety Slicks trägt, ist kein optischer Gag. Roland Sands hat lange Zeit sehr ernsthaft Rennsport betrieben und war sogar mal amerikanischer 250er-Champion. Er war sich daher mit BMW einig, dass die Concept Ninety nicht das Schicksal so vieler Konzept-Studien erleiden durfte, nie gefahren zu werden. Sie sollte auf dem Concorso d’Eleganza in Villa d’Este der verblüfften Öffentlichkeit präsentiert werden und dort auch fahren. Und zwar per Motorantrieb. Kein geringerer als Roland Sands höchstpersönlich testete vorher seine Kreation auf einem Flugfeld irgendwo in Kalifornien auf Fahrbarkeit. Er zeigte sich am Ende des Tages sehr zufrieden.

BMW-Fans, die jetzt schon jubelnd durch die Wohnung tanzen, müssen allerdings enttäuscht werden. Die Concept Ninety wird so nie in Serie gehen. Allein schon weil jeder TÜV-Angestellte bei ihrer Vorführung direkt einem Herzinfarkt erliegen würde.

Aber BMW würde natürlich nicht so einen Aufwand betreiben, nur um ein Konzept-Bike einmal kurz am Comer See spazieren zu fahren. Schon seit geraumer Zeit drehen mit Boxermotoren bestückte Prototypen im Retro-Design in einigen Ecken der Welt ihre geheimen Testrunden. Nostalgisch getrimmte Motorräder liegen voll im Trend und BMW will auf den Zug aufspringen. Zwar zeigt keines der bisherigen Erlkönig-Fotos eine Halbschalenverkleidung oder einen runden Höcker, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Wer 90 Jahre Geschichte vorweisen kann, dem stehen alle Möglichkeiten offen. Durchaus wahrscheinlich, dass die Retro-Bikes einige Design-Elemente aus Roland Sands Feder tragen werden. Dann sogar mit TÜV-Segen. (fpi)