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Autostrom gratis: ADAC bietet öffentliche Ladestation an

ssu

Zunächst in Mülheim im stauge­plagten Ruhrgebiet lassen sich die Batterien gratis nachladen. Und einiges spricht dafür, dass der ADAC E-Mobility als Geschäftsfeld der Zukunft entdeckt hat.

Mülheim an der Ruhr, 7. Juli 2009 – Wenn zur Einweihung einer neuen ADAC-Geschäftsstelle in einer 170.000-Einwohner-Stadt Schnittchen und Kaltgetränke gereicht werden und eine Band aufspielt, dann ist das normalerweise kein Anlass, zu dem eine nennenswerte Anzahl Redakteure erwartet wird. Dass sich in der Mellinghoferstraße 165 in Mülheim an der Ruhr jedoch Kamerateams und Reporter unter praller Sonne vor kurzem ein Stelldichein gaben, ist ein Indiz dafür, dass das Thema Elektromobilität [1] inzwischen eine Zugnummer ist: Denn gleichzeitig mit der symbolischen Schlüsselübergabe für sein neues Domizil weihte der Automobilclub eine Ladesäule für Elektoautos ein – mit dabei waren der Präsident des ADAC, Peter Meyer, NRW-Wirt­schafts­ministerin Christa Thoben (CDU), RWE-Vorstand Dr. Leonhard Birnbaum und Mülheims Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld (SPD). Ein Tesla Roadster sowie weitere Elektrofahrzeuge bildeten den passenden Rahmen für die Festreden.

Der Stromspender auf dem Parkplatz der Geschäftsstelle ist dem Club zufolge die erste öffentliche Ladesäule in ganz Nordrhein-Westfalen (NRW) überhaupt. Immerhin zwei E-Mobile gleichzeitig können dort ihre Stromreserven auffrischen. Bis auf weiteres geschieht das kostenlos, die Ladestation selbst hat RWE gestiftet – der in der Nachbarstadt Essen beheimatete Stromkonzern hat mit dem ADAC eine strategische Partnerschaft geschlossen, um das Thema E-Mobility voranzubringen. Dem ADAC zufolge sind derzeit gerade einmal rund 250 Batterie­fahrzeuge in ganz NRW im Einsatz – und die Mehrheit von ihnen dürfte ihren Strom ohnehin auf firmeneigenen oder kommunalen Betriebs­höfen tanken. Doch will der Automobilclub mit weiteren Ladestationen, zunächst an seinen Standorten Düsseldorf und Dortmund, weitere errichten und so sein Scherflein zur Lösung des vielfach beklagten Henne-Ei-Problems [2] beitragen, dass alternative Antriebe nur dann eine Chance im Markt haben, wenn eine hinreichende Versorgungsinfrastruktur vorhanden ist.

Autostrom gratis: ADAC bietet öffentliche Ladestation an (0 Bilder) [3]

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Ob die Zahl der Elektroautos in NRW tatsächlich die von der NRW-Wirtschaftsministerin angepeilte Marke von 200.000 im Jahr 2020 erreicht, kann zum jetzigen Zeitpunkt niemand seriös vorhersagen, doch könnte dem ADAC eine Schlüsselrolle bei der Verwirklichung dieses Ziels zukommen: So pflegt der eingetragene Verein mit bundesweit 16,5 Millionen Mitgliedern sein Image als "gelber Engel" für Autofahrer in Not. Und mit der Mitgliederzeitschrift Motorwelt besitzt der Club auch ein monatliches Sprachrohr, das gemessen an der Auflage und dank seiner Verbreitung in allen möglichen Alters- und Bildungsschichten eine Ausnahmestellung unter deutschsprachigen Zeitschriften einnimmt und entsprechendes Potenzial besitzt, das Thema Elektromobilität "auf die Agenda zu setzen".

Praktisches City-Vehikel und Werbeträger zugleich ist der Elektroroller, mit dem Servicemitarbeiter der Mülheimer Geschäftsstelle künftig unterwegs sein werden. Das Zweirad wirft darüber hinaus ein Schlaglicht auf die Verkehrssituation im Ballungsraum "Ruhrgebiet", der fast täglich der Kollaps droht: Einspurige Fahrzeuge sind zu Stoßzeiten noch am besten geeignet, um sich Wege an den nicht enden wollenden Staus vorbei zu bahnen, die zum Beispiel der A 40 mit der offiziellen Bezeichnung "Ruhrschnellweg" längst den treffenderen Beinamen "Ruhrschleichweg" eingebracht haben.

Auch der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) ist in seiner jetzigen Form nur bedingt eine Alternative für die Mobilitätsbedürfnisse der über 5  Millionen Bewohner des Ruhrgebiets [5]. Zwar hat der Ballungs­raum de facto viele Gemeinsamkeiten mit anderen Metropolregionen, doch fehlt ihm ein ÖPNV-Konzept aus einem Guss, wie es etwa der Berliner S-Bahn-Ring oder die Londoner "Tube" bieten. Stattdessen leisten sich die aneinander grenzenden und mitunter nahtlos in einander übergehenden Städte separierte ÖPNV-Netze, die vor allen Dingen die jeweils zur eigenen Stadt gehörenden Außenbezirke mit der eigenen City verbinden. Das Fehlen einer Ringbahn führt dazu, dass sich das grüne Idyll, das die zu Mülheim oder Essen eingemeindeten Städtchen und Gehöfte entlang der Ruhr bilden, tatsächlich nur per Individualverkehrsmittel erschließt, sei es per Motorrad, Cabrio oder mit dem Drahtesel.

Mit einer Bevölkerungsdichte von 1850 Einwohnern je Quadrat­kilometer liegt Mülheim deutlich unter dem Wert, wie ihn beispielsweise Nordrhein-Westfalens größte Stadt Köln mit knapp 2500 Einwohnern pro Quadrat­kilometer oder gar das zum Ruhrgebiet zählende Herne mit knapp 3300 Menschen auf der gleichen Fläche aufweist. Mit seiner Bevölkerungsdichte und Siedlungsstruktur bietet sich Mülheim als Testgebiet für die Mobilität von morgen an. Ein Konzept wie das von Daimler vorgestellte car2go [6], das in Ulm Autos zur spontanen Einwegmiete bietet, drängt sich förmlich als Ergänzung zum Elektro-Tankstellennetz auf, zumal sich Daimler selbst durchaus eine Vermarktung über Franchise-Partner vorstellen kann.

Auch wenn eine Zusammenarbeit der beiden Institutionen der Automobilwelt zur jetzigen Zeit reine Spekulation ist: Über eine starke Marke und eine geeignete Vertriebsorganisation verfügt der ADAC alle Male: Unter dem Dach des eingetragenen Vereins finden sich längst kommerzielle Anbieter zum Beispiel von Reisen, Versicherungen und Finanzdienstleistungen. Die jüngst bekannt gewordenen Pläne für eine Expansion ins Ausland [7] führen zugleich vor Augen, dass das heimische Geschäft mit Pannenhilfe und Schutzbrief die Grenzen des Wachstums im wesentlichen erreicht hat. Als Folgen einer sinkenden Einwohner­zahl, Restriktionen wie Umweltzonen oder Citymaut und/oder Kaufkraft­schwund in der breiteren Bevölkerung könnte zudem die Zahl privater Kfz-Halter in Deutschland in Zukunft sinken und zu Rückgängen der Mitgliederzahl führen – vieles spricht also dafür, dass es dem Automobilclub in Mülheim um deutlich mehr ging als um eine zeitgeistkonforme Geste für den Klimaschutz. (ssu [8])


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[1] https://www.heise.de/news/Erster-Deutscher-Elektro-Mobil-Kongress-in-Bonn-455757.html
[2] https://www.heise.de/news/Wann-kommt-die-Infrastruktur-fuer-Elektrofahrzeuge-455775.html
[3] https://www.heise.de/bilderstrecke/4715935.html?back=457279;back=457279
[4] https://www.heise.de/bilderstrecke/4715935.html?back=457279;back=457279
[5] http://de.wikipedia.org/wiki/Ruhrgebiet
[6] https://www.heise.de/news/Car2go-Mietwagenprojekt-geht-in-die-oeffentliche-Phase-448953.html
[7] https://www.heise.de/news/ADAC-will-zum-Vorreiter-bei-Elektromobilitaet-werden-476421.html
[8] mailto:ssu@ct.de