Anspruch auf Homeoffice: Schon lÀngst ausgereizt?
(Bild: SFIO CRACHO, Shutterstock.com)
Die Politik will einen Rechtsanspruch auf Homeoffice einfĂŒhren. Ein Blick in die Praxis lĂ€sst zweifeln, ob das wirklich noch nötig ist.
Im Koalitionsvertrag steht: "Wir wollen mobile Arbeit fördern und erleichtern. DafĂŒr werden wir den rechtlichen Rahmen schaffen.â Jetzt hat die SPD in einem Strategiepapier einen Rechtsanspruch auf Homeoffice und mobiles Arbeiten beschlossen [1]. Unklar ist, ob die Unionsparteien auf den Vorschlag der SPD eingehen. Das ist Politik.
In der Praxis ist mobiles Arbeiten lĂ€ngst angekommen. In den 1990er Jahren hieĂ Homeoffice noch Telearbeit. Damals haben die Mitarbeiter von zu Hause aus gearbeitet, ĂŒber Standleitungen waren sie an die Rechner ihrer Arbeitgeber angeschlossen. Dieses Modell der festen ArbeitsplĂ€tze und Leitungen hat sich im Homeoffice fortgesetzt. Doch das ist ein streitbarer Begriff.
Mobilarbeit statt Homeoffice
Die Bezeichnung Homeoffice schrĂ€nkt den Ort der Handlung ein. "Das war uns zu wenig. Deshalb haben wir das Konzept rĂ€umlich und zeitlich so flexibel wie nur möglich gemacht und zu Mobilarbeit erweitertâ, sagt JĂŒrgen Lipp, bei BMW zustĂ€ndig fĂŒr das Thema. Mobiles Arbeiten darf bei dem Automobilbauer ĂŒberall dort stattfinden, wo es verantwortlich machbar ist, also Vertraulichkeit gewahrt bleibt. Schon 2012 hat das Unternehmen fĂŒr alle Mitarbeiter in einem GebĂ€ude in MĂŒnchen ein Pilotprojekt gestartet. Wer wollte, durfte mobil arbeiten. An dem Standort waren Mitarbeiter der Personalabteilung und FĂŒhrungskrĂ€fte die Piloten. "Die Ergebnisse waren positiv. Deshalb haben wir das Projekt 2013 in eine Betriebsvereinbarung ĂŒberfĂŒhrt und danach auf unsere Standorte weltweit ausgeweitetâ, so Lipp.
Bei BMW dĂŒrfen seitdem alle mobil arbeiten, wenn es die Aufgabe zulĂ€sst. Weltweit hatte das Unternehmen im vergangenen Jahr rund 54.000 mobile Arbeiter, in Deutschland sind es 34.000 gewesen. Das ist immerhin die HĂ€lfte des Stammpersonals, wenn man die Produktionsmitarbeiter am Band abzieht. Autos von daheim zusammenbauen geht nicht. Das Gros der mobilen BeschĂ€ftigten sind Entwickler, Programmierer und andere typische BĂŒroarbeiter. "Alle dienstlichen TĂ€tigkeiten auĂerhalb von BĂŒros oder ArbeitsrĂ€umen fallen unter den Begriff Mobilarbeit. Die Spanne reicht von der klassischen BĂŒroarbeit ĂŒber strategischer Konzeptarbeit bis hin zur Fernwartung von Produktionsanlagenâ, definiert Lipp die Zielgruppe. Die mobile Arbeit kann sich im Zeitrahmen von wenigen Stunden bis hin zu ganzen Tagen abspielen.
Keine groĂe Steigerung erwartet
Die Betriebsvereinbarung schafft fĂŒr alle BMW-Mitarbeiter den Rahmen fĂŒr mobiles Arbeiten. Darauf kann sich ein Mitarbeiter berufen, wenn er das tun möchte. âOb es seine Aufgabe zulĂ€sst, das muss er mit seinem Vorgesetzten besprechenâ, stellt Lipp klar. Mobiles Arbeiten setze bei den FĂŒhrungskrĂ€ften Vertrauen in die Mitarbeiter voraus und gehe mit dem bewussten Verzicht auf klassische Arbeitszeitkontrolle einher.
Auch bei BMW hatten anfangs manche Vorgesetzte Bedenken hinsichtlich dieser Arbeitsform. Die wurden mit Schulungen, Information und guten Beispielen ausgerĂ€umt. "Nicht jeder entscheidet sich fĂŒr eine Nutzung der Mobilarbeitâ, weiĂ Lipp. Eine persönliche AffinitĂ€t mĂŒsse schon vorhanden sein. Der Personaler geht davon aus, dass die Anzahl der mobilen Arbeiter bei BMW nicht mehr groĂ steigen wird. Mit der HĂ€lfte der möglichen BeschĂ€ftigten sei die Grenze fast schon erreicht.
AbschlieĂbares BĂŒro daheim mit Schreibtisch
Die R+V Versicherung bietet seit gut zehn Jahren Homeoffice an. Zuerst mit EinzelvertrĂ€gen, vor drei Jahren wurde eine Pilotphase mit einer Betriebsvereinbarung gestartet. "Die lĂ€uft im MĂ€rz aus, dann fĂŒhren wir sie zeitlich und inhaltlich flexibler fortâ, sagt Miriam Stein, Abteilungsleiterin in der Personalbetreuung. Bislang war Homeoffice auf zehn Prozent der Mitarbeiter begrenzt und die mussten mindestens 50 Prozent ihrer Arbeit von zu Hause erledigen.
Etwa die HĂ€lfte aller R+V-Mitarbeiter hat einen Laptop und kann damit anlassbezogen auch von zu Hause oder anderen Orten aus arbeiten. "Diese temporĂ€re Form mobilen Arbeitens ist nicht Teil unserer Betriebsvereinbarungâ, sagt Stein. In der ist ausdrĂŒcklich Homeoffice geregelt. Also abschlieĂbares BĂŒro daheim mit Schreibtisch und bei Bedarf Aktenvernichter. Die typischen Heimarbeiter der Versicherung haben eine dispositive TĂ€tigkeit, etwa den Einzug von BeitrĂ€gen, sind Programmierer oder bekommen ihre Aufgaben von einer Routine Engine vermittelt. Das ist Software, die Anfragen von Kunden an Mitarbeiter verteilt: E-Mails oder Anrufe zur Schadensregulierung.
"Homeoffice lebt von der Haltung der Vorgesetztenâ
"Wir kontrollieren nicht, wann der PC zu Hause ein- und ausgeschaltet wirdâ, so Stein. Ihre Zeiterfassung machen die Homeoffice-Mitarbeiter manuell. Einen Verlust der persönlichen Kontrolle ĂŒber ihre Mitarbeiter befĂŒrchteten zwar manche R+V-Vorgesetzten, obwohl sie das so nicht formuliert hatten. "Homeoffice lebt von der Haltung der Vorgesetztenâ, sagt Stein. Aufgrund der positiven Erfahrungen im Pilotprojekt empfiehlt sie den FĂŒhrungskrĂ€ften Homeoffice als Alternative Arbeitsform. Die Nachfrage sei da. HomeofficevertrĂ€ge stellt die R+V aber immer auf ein Jahr befristet aus, um zu sehen, ob es lĂ€uft wie geplant.
"Vertrauen ist gut, Kontrolle ist schlechterâ, weiĂ Oliver Stettes, Leiter des Kompetenzfelds Arbeitsmarkt und Arbeitswelt am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Das hat in einer Studie herausgefunden: Wer sein Team weniger stark kontrolliert, kann die Zufriedenheit und ProduktivitĂ€t seiner Mitarbeiter langfristig steigern. "Dennoch haben manche Vorgesetzte nach wir vor Angst, durch Homeoffice oder flexible Arbeitszeiten die Kontrolle ĂŒber ihre Mitarbeiter zu verlierenâ, sagt Stettes. Dabei ist es produktiver, nicht die Arbeitszeit, sondern das Ergebnis zu kontrollieren.
Klare Trennung zwischen Privatem und Beruflichem
Daraus kann man aber nicht ableiten, dass, wenn alle im Homeoffice oder mobil arbeiten wĂŒrden, die ProduktivitĂ€t sprunghaft steigt. Denn: "Nicht jeder mag so arbeiten. Viele brauchen und wollen eine klare Trennung zwischen Privatem und Beruflichen.â Homeoffice und mobiles Arbeiten löst diese Grenzen auf. Stettes schĂ€tzt, dass ein Viertel bis ein Drittel aller BeschĂ€ftigten schon so arbeitet und es nicht nennenswert mehr werden, weil diese Arbeitsform auf die anderen nicht passt. Sei es aus persönlichen GrĂŒnden oder weil der Job persönliche PrĂ€senz voraussetzt. (axk [3])
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