Angriff auf Satellitennetzwerk KA-Sat: Experten suchen nach dem Ursprung Update
(Bild: Viasat, Symbolbild)
Mit Beginn der Invasion Russlands in die Ukraine kam es zu Störungen im KA-Sat-Netz. Wie genau der Angriff abgelaufen ist, versuchen Experten zu klÀren.
Die Störung von tausenden KA-Sat-9a-Terminals in mehreren europÀischen LÀndern ist laut Expertenmeinungen nur durch einen Angriff auf das zentrale Network Operation Center (NOC) zu erklÀren. Dass Terminals in verschiedenen LÀndern betroffen sind, sei der Organisation des Netzwerkbetriebs zuzuschreiben. Unklar bleiben die unterschiedlichen Schadbilder an verschiedenen Modemklassen und die Ziele des Angriffs, der sich parallel zum Beginn der russischen Invasion in die Ukraine ereignete.
Update 10.3.21, 11.01: Viasat teilt mit, das Unternehmen habe die Untersuchung der Ursachen und Angriffsmethoden abgeschlossen. Seit dem heutigen 10. MĂ€rz könnten Terminals wieder in Betrieb genommen werden. Dabei mĂŒssen allerdings durch den Angriff in Mitleidenschaft gezogene Modems ersetzt werden. Ein zunĂ€chst erhofftes Softwareupdate ist demnach nicht möglich, um die seit 24. Februar ausgefallenen Verbindungen wieder in Schwung zu bringen. Nicht abschlieĂend geklĂ€rt ist vorerst offenbar, wer die Kosten fĂŒr die kaputten Modems ĂŒbernimmt.]
KA-Sat versorgt Europa und die Mittelmeerregion mit Satelliteninternet und wird wegen seiner UnabhĂ€ngigkeit von terrestrischer Infrastruktur auch zur Anbindung von technischen Anlagen in abgelegenen Gebieten genutzt. So wurde unter anderem der Betrieb tausender Windkraftanlagen eingeschrĂ€nkt [1]. Die WindkraftrĂ€der liefen zwar noch und erzeugten auch Strom, sie seien aber fĂŒr eine Ăberwachung und Steuerung aus der Ferne nicht mehr erreichbar, hieĂ es Anfang dieses Monats.
Von Betreiber Viasat zunĂ€chst als "Cyberereignis" gemeldet, bestĂ€tigte das US-Unternehmen inzwischen gegenĂŒber dem Bundesamt fĂŒr Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), dass es sich um einen Angriff gehandelt habe. Andreas Knopp von der UniversitĂ€t der Bundeswehr MĂŒnchen erlĂ€utert [2], die UnabhĂ€ngigkeit von terrestrischer Infrastruktur mache das Satelliteninternet derzeit auch in der Ukraine zum wichtigsten Kommunikationsmittel. Einer der 82 "Spot-Beams" von KA-Sat liege ĂŒber Kiew.
Bis heute gibt es von Viasat keine Entwarnung fĂŒr Betreiber, die an das Netz angeschlossen sind, bestĂ€tigt Bernhard Neumeyer, GeschĂ€ftsfĂŒhrer von IPcopter. Das Unternehmen stattet Feuerwehren mit Satellitensystemen fĂŒr die Notfallkommunikation aus. Sein eigenes Modem Spotbeam 2 Plus funktioniere bei routinemĂ€Ăigen Tests, das Modem eines betroffenen Kunden zeige dagegen nur schwĂ€chelnde LED-Anzeigen.
Weder DDoS noch EM oder Terminal Zero Day
Der spanische Security-Forscher Ruben Santamarta legte als erster eine ausfĂŒhrlichere Hypothese [3] zur ErklĂ€rung des seit 24. Februar beobachten Angriffs vor. Er geht nach eigenen Recherchen davon aus, dass das KA-Sat-Netz fĂŒr alle funktioniert, deren Modem wĂ€hrend des Angriffs keinen Schaden genommen hat. Nutzer in Spanien und Portugal waren nach seinen Informationen ohnehin nicht betroffen. Erwischt habe es unter anderem Nutzer in der Ukraine, Deutschland, Griechenland, Ungarn und Italien.
In seiner Analyse kommt Santamarta zu dem Schluss, dass der Angriff auf das Satellitennetzwerk auf eine zentrale Stelle gezielt haben mĂŒsse. Letztlich sei nur so die zufĂ€llig wirkende Verteilung im Netz des US-Betreibers zu erklĂ€ren. Eine DDoS-Attacke reiche dabei nicht aus, um tausende oder gar zehntausende defekte oder nur noch zuckende Modems zu erklĂ€ren. Auch ein elektromagnetischer Impuls sei angesichts der Verteilung sehr unwahrscheinlich, ebenso die direkte Ăbernahme der Satcom-Terminals etwa durch Zero-Day-Schwachstellen. Vielmehr bedĂŒrfe es der Kontrolle an einem zentralen Gateway oder NOC, um die angeschlossenen GerĂ€te zu kompromittieren, etwa durch Schadcode oder ein manipuliertes Software-Update.
Angriff am zentralen NOC
Die Intelligenz im KA-Sat Netz-ist in einem zentralen NOC konzentriert, erklĂ€rt Thomas Lohrey, ehemaliger Mitentwickler des Satelliteninternetzugangs ĂŒber KA-Sat bei Eutelsat. Ăber die in Europa verteilten Gateways werden die Terminals gemanagt, die aus SatellitenschĂŒssel und Modem bestehen. Von dort werden regelmĂ€Ăig Softwareupdates eingespielt. Die Terminals bekommen die Updates nur insoweit mit, als das Modem nach dem automatisch getriggerten Downloads neu bootet.
Ein Angriff ĂŒber ein Software-Update, wie es Santamarta vermutet, wĂŒrde bedeuten, dass die Angreifer ihren Schadcode ĂŒber das NOC verbreitet hĂ€tten. Eine Anfrage von heise online an den zustĂ€ndigen technischen Leiter von Eutelsat in Turin wurde bislang nicht beantwortet. Wie Viasat hĂ€lt sich auch die fĂŒrs NOC zustĂ€ndige Tochter Eutelsat dazu bedeckt.
Mit der StreubĂŒchse
Dabei könnte letztlich nur der NOC-Betreiber klÀren, warum lediglich ein Teil des KA-Sat-Netzes betroffen war und welches genau. Wenig ist bekannt, welche Dienste in der Ukraine in Mitleidenschaft gezogen wurden.
Ein gezielter Angriff auf Terminals in nur einem Land ist durch die Struktur des KA-Sat-Netzes kaum möglich. Jedes Gateway ist fĂŒr zehn Spotbeams zustĂ€ndig, die Stellen in unterschiedlichen LĂ€ndern abdecken. Die Zuordnung der Beams zu den Gateways erfolgt praktisch mit der StreubĂŒchse, heiĂt es in einer Expertendarstellung.
Die Terminals können ihrerseits auf jeden Fall zwei Gateways nutzen. Ist eines nicht erreichbar, ist ein zweites als Backup vorgesehen. HĂ€tten die Angreifer also ein bestimmtes Gateway fĂŒr die Zuspielung des bösartigen Softwareupdates ausgewĂ€hlt, wĂ€ren Terminals in verschiedenen LĂ€ndern betroffen, was sich beim Angriff auch gezeigt hat. Zugleich könnten Modems im "Zielgebiet" des Angriffs durch Zufall auch gerade ihr Backup-Gateway genutzt haben.
Knopp erlĂ€utert, "zwar sind die Beams untereinander relativ unabhĂ€ngig, Störungen wirken sich wechselseitig nicht sofort aus, aber wenn ein Gateway durch einen Cyber-Angriff ausfĂ€llt, sind alle damit verbundenen Beams betroffen". So könne es sein, dass die Russen eigentlich die Internetverbindungen in der Ukraine kappen wollten, aber damit auch die Windanlagen in Zentraleuropa vom Internet getrennt haben, mutmaĂt Knopp.
BeschÀdigte Modems
Ein Angriff ĂŒber das zentrale NOC wĂ€re ein massiver Vorfall, sagt Lohrey und "dann sind viele Arten von SchĂ€den in den Terminals denkbar". So könnte das Software-Update den Terminals die falsche Frequenzauswahl aufschreiben. Danach finden die Terminals den Satelliten nicht mehr und sind praktisch lahmgelegt.
Möglich wĂ€re auch, dass die neue Software den Modems in die interne Spannungsverwaltung eingreift und etwa durch An- und Ausschalten die empfindlichen Hochfrequenz-AblĂ€ufe stören oder den "Alterungsprozess" beschleunigen, sodass die Hardware rasch den Geist aufgibt. Passen wĂŒrde ein solcher Schaden zu Beobachtungen bei IPcopter, wo Experte Neumeyer von einem Modem spricht, dessen LEDs nur noch zucken.
Was sich aus einem der beschĂ€digten Modems aus Deutschland herauslesen lĂ€sst, wird derzeit auch im Heise-Labor untersucht. Ăber das Schlupfloch, durch das die Angreifer ins NOC gekommen sein könnten, muss Viasat Rechenschaft ablegen. Ăber das Motiv und die politische Bedeutung dĂŒrfen sich Sicherheitspolitiker und MilitĂ€rs den Kopf zerbrechen.
(anw [5])
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[1] https://www.heise.de/news/Satelliten-Stoerung-Tausende-Windraeder-nicht-steuerbar-6529189.html
[2] https://idw-online.de/de/news789489
[3] https://www.reversemode.com/2022/03/satcom-terminals-under-attack-in-europe.html
[4] https://www.heise.de/newsletter/anmeldung.html?id=ki-update&wt_mc=intern.red.ho.ho_nl_ki.ho.markenbanner.markenbanner
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