Angetestet: Drei Tage mit dem Acer Iconia W3
Uns stand das Acer Iconia W3, das erste Windows-8-Tablet mit 8-Zoll-Display, fĂŒr einen Vorabtest zur VerfĂŒgung. Zur Laufzeit und Ergonomie lĂ€sst sich schon was sagen.
GlĂŒcklicherweise wurde uns nur wenige Tage nach dem Launch des Acer Iconia W3 [1] ein Exemplar zur VerfĂŒgung gestellt. So konnten wir schon wĂ€hrend der Computex EindrĂŒcke des ersten Windows-Tablets kleiner als 10 Zoll sammeln.
Hardware
Acer nutzt nicht etwa einen strom- und gewichtssparenden ARM-Prozessor, sondern Intels Atom-Prozessor â das W3 ist also ein x86-Tablet mit Windows 8, das auch klassische Windows-Anwendungen ausfĂŒhrt. Die Hardware treibt das Gewicht auf 540 Gramm, womit der 8-Zöller sogar schwerer ist als das bislang leichteste Windows-Tablet, nĂ€mlich das 525 Gramm wiegende Asus Vivo Tab RT (10-Zoll-Display, ARM-Prozessor, Windows RT).
Erster Test: Acer Iconia W3 (0 Bilder) [2]
Der Atom Z2760 bietet trotz zwei Kernen mit 1,8 GHz nur Netbook-Geschwindigkeit, und auch die 2 GByte Hauptspeicher und der nur etwa 45 MByte/s schneller Flash-Speicher machen das W3 zu einem gemĂ€chlichen bis zĂ€hen Arbeitshelfer. Bei Speichermangel beendet Windows 8 im Hintergrund wartende Kachelanwendungen automatisch, was oft passierte, vor allem wenn auch Desktop-Anwendungen laufen. Die Kontakte-App stĂŒrtzte vereinzelt ab, die Mail-App sogar regelmĂ€Ăig, sobald ich das (zugegeben recht fette) berufliche IMAP-Konto einrichtete. Ob das allerdings am Ressourcenhunger der Apps liegt oder an der lahmen Internetverbindung im Hotel, konnte ich nicht feststellen. In seltenen FĂ€llen brach die WLAN-Verbindung im Hotelzimmer zusammen, obwohl die anderen GerĂ€te (Smartphone, Notebook) durchgehend Empfang hatten und mehr Empfangsbalken anzeigten.
Der USB-Anschluss ist ein normaler Host-Port, der Festplatten, MĂ€use, Drucker, Kameras, Sticks und alle anderen GerĂ€te ohne EinschrĂ€nkung ansteuert. Er spricht USB 2.0 und erreichte (gemessen mit einer USB-3.0-Festplatte) rund 25 MByte/s. Man benötigt allerdings einen Adapter, weil am GehĂ€use nur Platz fĂŒr eine MicroUSB-Buchse ist. Es funktionieren diese Adapter, mit denen auch einige Smartphones USB-Host-fĂ€hig sind und die man unter dem Stichwort "OTG" fĂŒr wenige Euro findet.
Der MicroHDMI-Port steuert Monitore bis 1920 Ă1080 Punke an und unterstĂŒtzt die von Windows bekannten Modi, und zwar auch den bei Netbooks mi Atom aufgrund eine EinschrĂ€nkungen von Windows Starter nicht vorhandenen erweiterten Desktop. Leider fehlt den installierten Treibern die FĂ€higkeit, einen Over- oder Underscan des Monitors zu kompensieren, sodass das Hotel-TV die Ă€uĂeren rund 30 Pixel nicht anzeigte â fĂŒr Filme oder Fotos egal, fĂŒr einen zum Arbeiten genutzten Windows-Desktop fatal. (Ein Notebook mit Intels Chipsatzgrafik HD 3000 steuerte denselben Fernseher ĂŒbrigens ohne das Problem an.)
Windows samt installierter Anwendungen belegte ĂŒber 20 GByte, sodass von den 32 GByte keine 10 frei waren; bei der 64-GByte-Version des Tablets dĂŒrften also etwas mehr als 40 GByte frei sein. Zum GlĂŒck ist ein Speicherkartenadapter fĂŒr MicroSD-Karten eingebaut: Karten werden wie unter Windows ĂŒblich als separates Laufwerk angesprochen, sodass man dort (Desktop-)Anwendungen installieren und Daten speichern kann. Im TestgerĂ€t steckte eine mit lahmen 17 MByte/s, zum Lieferumfang gehört sie natĂŒrlich nicht.
Ergonomie
Zumindest die Tastatur unseres TestgerĂ€ts machte keinen so guten Eindruck, sie war arg klapprig. Hub, Anschlag und die GröĂe der Tasten gehen in Ordnung, auch an die kleinen Pfeiltasten gewöhnt man sich, doch einem angenehmen SchreibgefĂŒhl stellen sich das Klappern und Durchbiegen entgegen. Unpraktisch: Separate Home- und End-Tasten fehlen, sie sind nur zweihĂ€ndig per Fn-Kombination zu erreichen.
Quer steht das Tablet sicher in der Tastatur. Sie hat hinten zwei ausfahrbare FĂŒĂe, die mehr Standsicherheit geben sollen, was auf geraden Tischen nicht nötig ist, sondern eher auf schrĂ€gen OberflĂ€chen, beispielsweise auf dem SchoĂ. Hochkant bewĂ€hrt sich die Konstruktion nicht so gut, weil die Gummihalterung des Tablets zu kurz ist. So kippt das Tablet sofort ein paar Grad nach hinten und fĂ€llt bei leichtesten Vibrationen um. Ein Ausweg kann sein, das Tablet an anderen GegenstĂ€nden anzulehnen, aber unpraktisch ist sowieso, dass an beiden kurzen Seiten Schnittstellen liegen. Da die Tastatur per Bluetooth angebunden ist, funktioniert sie auch ohne eingesetztes Tablet; praktisch beispielsweise, um das Tablet per HDMI an einen Fernseher anzuschlieĂen und mit Tastatur (und zusĂ€tzlicher Bluetooth-Maus) abseits davon zu bedienen.
Das Display erreicht keine ĂŒberwĂ€ltigende, aber eine praxistaugliche Helligkeit abseits prallen Sonnenlichts. Der Blickwinkel beim schrĂ€gen Blick von den langen Seiten geht halbwegs in Ordnung, da verlieren die Farben nur an Helligkeit. Schaut man schrĂ€g von den kurzen Seiten, invertieren die Farben allerdings schnell, was beim Arbeiten an der Tastatur schon stören kann; vor allem Fotos mit dunklen Farben sehen bei Sicht von leicht links schon seltsam aus. Wie bei Touch-Displays ĂŒblich spiegelt es.
Die Kachel-Anwendungen lassen sich auf dem 8-Zoll-Display mit kleinen EinschrĂ€nkungen gut bedienen: Die oft zu findenen MenĂŒs und runden SchaltflĂ€chen muss man sehr genau treffen (siehe Bilderstrecke). Sieht die App keine direkte Reaktion vor, kann das schonmal zu MissverstĂ€ndnissen fĂŒhren oder dazu, dass man den Knopf mehrmals drĂŒckt. Die Bildschirmtastatur hat ausreichend groĂe Tasten und erfordert sogar kleinere Fingerwege als auf 10 Zoll. Die Desktop-Anwendungen machen hingegen nicht so viel SpaĂ. Acer liefert Windows auf 125 Prozent voreingestellt aus, was Elemente wie den SchlieĂen-Knopf genĂŒgend vergröĂert. Doch MenĂŒs und vor allem die Toolbars fast aller Anwendungen sind so klein, dass man sie leicht verfehlt â eine Maus gehört zum sinnvollen Arbeiten mit Desktop-Anwendungen also ins GepĂ€ck.
Laufzeit und Ladezeit
Ohne die Displayhelligkeit zu messen, konnte ich im Hotel nur zwei Laufzeiten grob ermitteln: Bei voller Helligkeit und ohne Prozessorlast im Flugmodus erreichte das W3 beachtliche 10 Stunden Laufzeit. Beim Arbeiten mit aktivem WLAN und Bluetooth gingen nach etwas ĂŒber sieben Stunden die Lichter aus. Der Akku brauchte beim Arbeiten ĂŒber sechs Stunden zum Aufladen.
Der Akku fasst 25,1 Wh, Acer hat die Stromaufnahme des Grundsystems im CPU-Standby also auf rund 2,5 Watt gedrĂŒckt, unter Arbeitslast auf etwa 3,5 Watt â bei voller Displayhelligkeit. Laut Akku-Tools sinkt die Leistungsaufnahme bei geringster Helligkeit um etwa 1,3 Watt, sodass rechnerisch beim Arbeiten 10 und beim Nichtstun fast 20 Stunden drin wĂ€ren, wobei diese Helligkeit schon zum Lesen im Dunkeln arg niedrig ist.
Achja, die LautstĂ€rkemessung kann ich auch schon ohne unser spezielles c't-Equipment durchfĂŒhren: Das W3 hat keinen LĂŒfter und arbeitet daher auch unter hoher Last völlig gerĂ€uschlos.
Erstes Fazit
Lange Laufzeit, gute Verarbeitung, Zehnfinger-geeignete Tasten ganz ordentliches Display â das Iconia W3 machte mir durchaus SpaĂ in den paar Tagen der Computex. Dass kaum eine Desktop-Anwendung sich auf 8 Zoll per Finger gut bedienen lĂ€sst, ist wahrlich nicht Acer anzukreiden, und zur KacheloberflĂ€che sagt Microsoft selbst, dass die eigentlich erst mit Windows 8.1 [4] an Displays kleiner als 10 Zoll angepasst werden soll.
Acer stöĂt an viele Grenzen des derzeit Machbaren: Die schlechte Performane ist der Intel-Hardware geschuldet. Schneller ging es mit einem Core i [5], der sich nicht in so kleine GehĂ€use einbauen lĂ€sst und einen LĂŒfter braucht, oder einem Atom der nĂ€chsten Generation Bay Trail, die erst ab Herbst [6] fertig ist. Mehr und schnellerer Flash-Speicher sowie ein Display mit breiterem Blickwinkel stĂŒnden dem W3 gut, doch das wĂŒrde den Preis hochtreiben, und schon jetzt sind die 330 Euro im Vergleich zu iPad Mini oder Nexus 7 kein SchnĂ€ppchen. Immerhin hat Acer sich beim Akku nicht lumpen lassen, das W3 lĂ€uft etwa doppelt so lang wie beispielsweise das Microsoft Surface Pro [7] (das kleinste Core-i-Tablet). USB und HDMI in normaler GröĂe wĂ€ren praktischer, hĂ€tten das GehĂ€use aber einige Millimeter dicker gemacht â die paar Kubikmillimeterchen fĂŒr einen SD-Slot hĂ€tten aber ruhig drin sein können.
Ein nicht konzeptbedingter Kritikpunkt ist die Tastatur: FĂŒr 70 Euro darf man eine weniger klapprige erwarten. Wir hoffen, dass die auf der Computex gezeigten Exemplare aus der Vorserie stammen. Wer auf den Einsteckmechanismus verzichtet und sich mit AufstellhĂŒllen selbst was bastelt, kann aber auch beliebige andere Bluetooth-Tastaturen verwenden.
Bleibt die Frage nach der Zielgruppe: Wer nicht auf x86-Software angewiesen ist, findet attraktivere GerĂ€te â auch weil das Angebot an Tablet-Software fĂŒr Windows 8 noch immer hinter dem fĂŒr Android und vor allem iOS zurĂŒck bleibt. Wer x86-Software einsetzen will, kann das beim W3 nur unter groĂen GeschwindigkeitseinschrĂ€nkungen. Im Vergleich zu den anderen (genauso lahmen) Atom-Tablets spart man beim W3 Platz, Geld und ein wenig Gewicht. Eng wird es allerdings fĂŒr Windows RT: Durch Tablets wie das W3 gibt es immer weniger GrĂŒnde fĂŒr diese eingeschrĂ€nkte ARM-Version von Windows.
Update 14.6.: Acer hat uns bestĂ€tigt, dass es sich um ein VorseriengerĂ€t handelt. Laufzeit, Flash-Geschwindigkeit sowie QualitĂ€t von Display und Tastatur können sich also bis zur Serie noch Ă€ndern. Die konzeptionellen Entscheidungen wie die der Atom-Plattform geschuldeten Performance und die Windows-Schwierigkeiten mit der hohen Pixeldichte dĂŒrften aber weitgehend unverĂ€ndert bleiben. Ein Update auf Windows 8.1 bekommt das W3 ĂŒbrigens, wie auch alle anderen GerĂ€te mit Windows 8. (jow [8])
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[4] https://www.heise.de/news/Windows-8-1-Outlook-fuer-RT-und-weitere-Neuerungen-2-Update-1876533.html
[5] https://www.heise.de/news/Intel-Neue-Notebook-Chips-der-Haswell-Generation-1883856.html
[6] https://www.heise.de/news/Intel-zeigt-Notebook-Haswells-und-zukuenftige-Atom-Versionen-1875697.html
[7] https://www.heise.de/news/Microsoft-Surface-Pro-in-Deutschland-erhaeltlich-1873793.html
[8] mailto:jow@ct.de
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