Alles von vorn
Man kann den BMW-Verantwortlichen Mut nicht absprechen. Der neue 2er Active Tourer bricht mit zahlreichen Werten, die die Marke groß und wertvoll gemacht haben. Wie fährt sich der Van mit Frontantrieb?
Sölden (Österreich), 18. Juli 2014 – Es ist keine 15 Jahre her, da schien zumindest die BMW-Welt noch in Ordnung zu sein: Eine übersichtliche Modellpalette, die sportlich ausgerichtet und passgenau geschnitten war. Ein Modell mit Frontantrieb? Der Frevler, der das im BMW-Tower ernsthaft vorgetragen hätte, wäre wohl mit schallendem Gelächter bedacht worden. Seit einiger Zeit steht fest: Das Lachen ist, je nach Betrachtungsweise, verklungen oder im Halse stecken geblieben, denn die einst so klar positionierte Marke erfindet sich gerade neu. Dabei hat BMW mit seinen jahrzehntelang propagierten Werten alles andere als schlecht gelebt – ganz im Gegenteil, sie haben die Marke finanziell in eine Situation gebracht, in der sich die Bayern in aller Ruhe neuen Kunden zuwenden können. Die soll unter anderem der 2er Active Tourer zu den Händlern locken. In Österreich konnten wir eine erste Proberunde drehen.
Waidmannsheil
Vermutlich vermeidet BMW das Wort Van auch deshalb, um die Fans nicht noch mehr zu irritieren. Der 2er Active Tourer ist nämlich das erste Fahrzeug der Marke mit Frontantrieb und Dreizylinder-Motoren. Grundlage dafür ist die so genannte UKL-Plattform. Sie variiert in der Länge und liefert unter anderem die Basis für den neuen Mini. Ein enger Verwandter des Active Tourer ist der nächste Mini Clubman. Und damit nicht genug: Sowohl der 1er als auch der X1 werden in der nächsten Generation mit hoher Wahrscheinlichkeit über die Vorderräder angetrieben. Die meisten Kunden wüssten ohnehin nicht, ob die Antriebswellen vorn oder hinten montiert sind – und es wäre ihnen auch egal, so hört man aus der Chef-Etage. Da bleibt den Verantwortlichen nur Waidmannsheil zu wünschen, dass sich dabei kein nur scheinbar schlauer Marktanalyst vertan hat.
Alles von vorn (35 Bilder)

Ende September 2014 schickt BMW den 2er Active Tourer an den Start.
B-Klasse als Vorbild
Der Kompaktvan misst 4,34 Meter in der Länge und 1,55 Meter in der Höhe. Damit befindet er sich in direkter Nachbarschaft zu VW Golf Sportsvan und Mercedes B-Klasse. Letztere ähnelt am Heck dem BMW recht stark. Ein VW Touran ist nur wenig länger, aber stattliche zwölf Zentimeter höher. Auf den Vordersitzen 2er Active Tourer ist die Sitzposition fast zwölf Zentimeter höher als im 1er und sogar knapp drei Zentimeter höher als im X1. So bequemes Einsteigen boten bei BMW bisher nur X3 und X5.
Das Platzangebot ist großzügig. Zwischen 468 und 1510 Liter Gepäck passen in den geräumigen 2er, zum Vergleich: 420 bis 1350 Liter sind es beim BMW X1, 500 bis 1520 Liter beim VW Golf Sportsvan. Wie sein künftiger Wettbewerber von Volkswagen profitiert der 2er davon, dass am Unterboden weder Kardanwelle noch Differenzial montiert werden müssen und demzufolge kein Tunnel und kein hoher Kofferraumboden Innenraum kosten. Auf Wunsch lässt sich auch noch die Lehne des Beifahrersitzes umlegen. Kostet 190 Euro, lässt sich aber nicht mit elektrisch verstellbaren Sitzen kombinieren. Dafür ergibt sich eine durchgehende Fläche von 2,40 Meter Länge.
Im Fond gibt es reichlich Platz für Kopf und Beine – keine Rede mehr von dem lange propagierten passgenauen Maßanzug, den man ja auch nicht eine Nummer größer kaufen würde. Eine feine Sache ist die bis zu 13 Zentimeter längs verschiebbare Rückbank für 300 Euro inklusive dreistufiger Lehnenneigung. Verzichtbar ist hingegen die Gestensteuerung, mit der man die Heckklappe per Fußbewegung öffnen könnte – etliche Versuche meinerseits, die Klappe zum Aufschwingen zu bewegen, schlug fehl. Die Heckklappe öffnet leider nicht sehr hoch, Menschen über 1,80 Meter Körpergröße müssen den Kopf etwas einziehen.
Nehmen Sie die Automatik!
Das Cockpit ist tadellos verarbeitetes, aber ungewohnt möbliert. Schalt- oder Automatikwählhebel sehen anders aus als bei BMW gewohnt, ebenso der Fahrerlebnisschalter. Zwischen den Infotainment-Tasten und den Klimareglern befindet sich ein großes Ablagefach. Das ist gut gedacht, verdrängt die Bedienung der Lüftung aber viel zu weit nach unten. Ob BMW den 2er-Interessenten so unauffällig den Kauf der Klimaautomatik nahelegen will?
Zu den schon vom Mini bekannten Details gehört das Head-up-Display mit Plexiglas-Scheibe. BMW begründet diesen Schritt offiziell mit der großen, stark geneigten Windschutzscheibe. Die Lösung überzeugt im 2er Active Tourer jedoch nicht. Ständig schweift der Blick leicht von der Straße in Richtung Display, die Einblendungen liegen genau über dem Scheibenwischer. Weil es das Mäusekino ohnehin nur in Verbindung mit dem teuersten Navi gibt, ist hier ein Extra gefunden, dessen Geld sich wunderbar für andere Dinge ausgeben lässt.
Drei zum Start
Der Dreizylinder-Benziner mit 1499 cm3 und 136 PS im 218i Active Tourer ist nach dem Baukastenprinzip entstanden und verrichtet bereits im Mini seinen Dienst. Ähnlich sind die Zweiliter-Maschinen im 225i mit 231 PS und dem 150 PS starken 218d konzipiert. Pro Zylinder gibt es 500 cm3, ergo haben diese beiden vier Töpfe. Die Motoren des 2er Active Tourer werden quer eingebaut, auch das schafft Platz im Innenraum.
Ein Sechszylinder passt nicht rein, und auch das gab es bei BMW lange nicht mehr: Zumindest die starken Motorisierungen hatten über lange Jahre mindestens sechs Zylinder, egal in welcher Baureihe. Als Trostpflaster gibt es den 225i und den 190 PS starken 220d ab Ende des Jahres 2014 gegen Aufpreis mit Allradantrieb.
Wer merkt’s?
Sie werden es zwischen den Zeilen schon erkannt haben: Die alten Werte der Marke sind mir durchaus sympathisch. Doch ich muss zugeben: Der Frontantriebs-BMW fährt sich besser als gedacht. In schnell genommenen Kurven schiebt der Wagen zwar in Richtung der Vorderräder, aber nur leicht und immer kontrollierbar. Ein weiteres Zeichen der ungewohnten Bauart ist die elektromechanische Lenkung. Sie reagiert etwas schwergängiger als etwa in einem 1er. Insgesamt haben die Ingenieure aber eine gute Arbeit geleistet, der Active Tourer fühlt sich handlich an. Antriebseinflüsse sind zu spüren, hier kann BMW nicht zaubern. Der angestrebten Kundschaft könnte es tatsächlich egal sein, denn von den Konkurrenten kennen sie es nicht anders. Und die Zahl der Umsteiger aus dem eigenen Lager dürfte klein sein.
Da der 2er Active Tourer ohnehin nicht zum Kurvenräubern verleitet, sondern ganz ungewohnt für die Marke eher zum Cruisen einlädt, bekommt die Automatik mit acht Gängen an dieser Stelle eine Kaufempfehlung. Serienmäßig ist sie nur beim 225i. Die manuelle Sechsgang-Schaltung erfordert beim Einlegen der Gänge etwas Nachdruck.
Für eine Ausfahrt standen zunächst der 225i und der 218d zur Verfügung. Sie bilden mit dem 218i das beim Marktstart am 27. September 2014 erhältliche Trio. Im November des Jahres werden weitere Motoren nachgereicht, darunter der 216d mit 116-PS-Dreizylinder. 2015 folgt schließlich ein verlängerter Active Tourer mit sieben Sitzen.
(Zu) teure Spitze
Als sehr laufruhig erweist sich der 225i, er harmoniert bestens mit der serienmäßigen Automatik. Kraft ist stets mehr als ausreichend vorhanden, ein Klangerlebnis ist der 231-PS-Motor aber nicht. Beim Druck aufs Gaspedal äußert sich der aufgeladene Vierzylinder knurrig-brummig. Als ein K.O.-Kriterium erweist sich der Preis: Unter knapp 38.000 Euro geht hier nichts. Da der Wagen aber ohnehin nicht zum Rasen verführt, reicht auch weniger Leistung.
Das Laufgeräusch ist im 218d etwas präsenter, wenn auch nie störend laut. Offiziell liegen die 330 Nm Drehmoment erst ab 1750/min an, doch schon knapp über Leerlauf zieht der Wagen gut an. Ideal für schaltfaules Fahren, was dem Verbrauch zugute kommt. Nach einer Runde über bergige Landstraßen und tempolimitierte Autobahnen stehen 5,1 Liter zu Buche, BMW verspricht im NEFZ sogar 4,1 Liter.
Klassisch kalkuliert
In einem Punkt gibt sich BMW auch beim 2er Active Tourer ganz traditionell. Nun hatte vermutlich niemand ein Schnäppchen von einer Marke erwartet, die sich im automobilen Premiumsegment angesiedelt sieht. Für 27.200 Euro bekommt man den Basisbenziner 218i, der angenehme Diesel 218d kostet schon 31.050 Euro.
Dabei wird es wohl kein Kunde belassen, schon allein für den Weiterverkauf empfiehlt sich das Advantage-Paket. Es bringt für 1350 Euro eine Klimaautomatik, Tempomat, Multifunktionslenkrad, Einparkhilfe hinten und Nebelscheinwerfer mit. Mit Navigation, 17-Zoll-Alus und Metalliclack kostet so selbst das Basismodell schon deutlich über 30.000 Euro, ohne das ein besonders luxuriös ausstaffiertes Auto vor der Tür parken würde.
Zielpublikum
Das führt zu der Frage, an wen sich der neue BMW eigentlich wendet. Wer mit spitzem Bleistift rechnet, ist auch bei diesem „Premiumangebot“ an der falschen Stelle. Für Menschen, die ein gutes Platz-Preis-Angebot suchen, ist der BMW ebenfalls nicht das richtige Auto, schließlich gibt es bei anderen Herstellern für den Active-Tourer-Preis Vans mit bedeutend mehr Raum. Bleibt als Argument das Image der Marke BMW. Es klingt kurios, weil dieser Wagen mit vielen, lang gehegten Marken-Werten bricht, doch die Rechnung könnte genau deshalb aufgehen.
Datenblatt
| Wendekreis in m | 11,3 |
| Hubraum in ccm | 1.995 |
| Räder, Reifen vorn | 205/60 R16 |
| Radaufhängung vorn | Eingelenk-Federbeinachse |
| Räder, Reifen hinten | 205/60 R16 |
| Bremsen vorn | Scheiben innenbelüftet |
| Antrieb | Frontantrieb |
| Motorart | Diesel mit Common-Rail-Einspritzung |
| bei U/min | 1.750 - 2.250 |
| Modell | BMW 218d Active Tourer |
| Bremsen hinten | Scheiben |
| Spurweite vorn in mm | 1.561 |
| Spurweite hinten in mm | 1.562 |
| Leistung in PS | 150 |
| Zylinder | 4 |
| Ventile pro Zylinder | 4 |
| Gänge | 6 |
| Getriebe | Schaltgetriebe |
| Radaufhängung hinten | Mehrlenker-Achse |
| Leistung in kW | 110 |
| bei U/min | 4.000 |
| Drehmoment in Nm | 330 |
| Autonews Datenblatt-ID | 35589 |
| Schadstoffklasse | Euro 6 |
| EG-Verbrauch innerorts in Liter/100 km | 5,1 |
| EG-Verbrauch außerorts in Liter/100 km | 3,9 |
| CO2-Emission in g/km | 114 |
| EG-Gesamtverbrauch in Liter/100 km | 4,3 |
| Anhängelast, gebremst in kg | 1.300 |
| Kraftstoffart | Diesel |
| Dachlast in kg | 75 |
| Zuladung in kg | 620 |
| Länge in mm | 4.342 |
| Radstand in mm | 2.670 |
| Breite in mm | 1.800 |
| Höhe in mm | 1.555 |
| Kofferraumvolumen in Liter | 468 |
| Leergewicht in kg nach EU inklusive 68 kg Fahrer und 7 kg Gepäck | 1.450 |
| Tankinhalt in Liter | 51 |
| Maximales Kofferraumvolumen in Liter | 1.510 |
| Lenkung | elektromechanische Servolenkung |
| Höchstgeschwindigkeit in km/h | 205 |
| Beschleunigung 0-100 km/h in Sekunden | 8,9 |
Preisliste
| Kopfairbags vorn | Serie |
| Navigationssystem | ab 950 |
| Sitzheizung vorne | 330 |
| LED-Scheinwerfer | 990 |
| Dachreling | 230 |
| Spurhalte-Assistent | 650 (Paket) |
| Nebelscheinwerfer | 210 |
| MP3 | Serie |
| Advantage | 32.400 |
| Sport Line | 34.000 |
| Luxury Line | 35.350 |
| M Sport | 35.700 |
| Sitzheizung vorne | 330 |
| LED-Scheinwerfer | 990 |
| Dachreling | 230 |
| Spurhalte-Assistent | 650 (Paket) |
| Schiebedach | 1.250 (Panorama-Glasdach) |
| Manuelle Klimaanlage | Serie |
| Advantage | 32.400 |
| Sport Line | 34.000 |
| Luxury Line | 35.350 |
| M Sport | 35.700 |
| elektr. verstellbare Außenspiegel | Serie (inklusive Heizung) |
| Seitenairbags hinten | Serie |
| Tempomat | 430 |
| CD-Player | 120 (CD-Laufwerk) |
| Kopfairbags hinten | Serie |
| Sitzheizung vorne | 330 |
| LED-Scheinwerfer | 990 |
| Dachreling | 230 |
| Spurhalte-Assistent | 650 (Paket) |
| Anhängevorrichtung | 770 |
| Xenon-Scheinwerfer | - |
| Lederausstattung | ab 1.590 |
| Leichtmetallfelgen | Serie (16 Zoll) |
| Währung | Euro |
| Modell | BMW 218d Active Tourer |
| Metallic-Lackierung | 660 |
| Automatikgetriebe | 2.100 |
| Advantage | 32.400 |
| Sport Line | 34.000 |
| Luxury Line | 35.350 |
| M Sport | 35.700 |
| Klimaautomatik | 590 |
| Advantage | 32.400 |
| Sport Line | 34.000 |
| Luxury Line | 35.350 |
| M Sport | 35.700 |
| Grundpreis | 31.050 |
| Sitzheizung vorne | 330 |
| LED-Scheinwerfer | 990 |
| Dachreling | 230 |
| Spurhalte-Assistent | 650 (Paket) |
(mfz)