AOL -- Aktivposten Oder Luftnummern?
Der Online-Dienst AOL muss vielleicht zum wiederholten Male seine Bilanzen um Hunderte Millionen von US-Dollar korrigieren.
Der Online-Dienst AOL [1] muss vielleicht zum wiederholten Male seine Bilanzen um Hunderte Millionen von US-Dollar korrigieren. Aktuell erregen Anzeigeneinnahmen aus Geschäften mit dem Arbeitsvermittler Monster.com [2] und weiteren Geschäftspartnern die Aufmerksamkeit der US-Börsenaufsicht SEC [3]. Insgesamt besteht der Verdacht, AOL habe seine Anzeigeneinnahmen um 190 Millionen US-Dollar schöngerechnet, um beim Zusammenschluss [4] mit Time Warner [5] besser auszusehen.
Nach Vermutungen der Börsenaufsicht sind die betreffenden Geldsummen gar nicht bewegt, sondern als Luftnummern nur auf jeweils beiden Vertragsseiten als Ein- und Ausgaben im Zusammenhang mit wechselseitigen Anzeigenkampagnen gebucht worden. Einer von AOLs damaligen Handelspartnern, der mittlerweile aufgekaufte Nahrungsmittel-Händler Drkoop.com, steht über den aktuellen Eigentümer Vitacost [6] seinerseits in Konflikt mit AOL, weil der Internet-Konzern die Erfolgsaussichten der verkauften Anzeigen falsch dargestellt habe.
Wie die Washington Post [7] berichtet, waren Hinweise auf die jüngsten Kritikpunkte "unter Millionen von Dokumentenseiten" vergraben gewesen, die AOL der SEC auf deren Anordnung hin vorgelegt hatte. Kein Wunder, dass AOL-Chef Richard D. Parsons in der Vergangenheit nicht ausschließen wollte, dass vielleicht noch weitere Buchhaltungsprobleme zu melden sein würden. Heute erklärte AOL-Sprecherin Tricia Primrose lammfromm: "Wir setzen unsere Bemühungen fort, im Rahmen von deren Untersuchungen mit der SEC zusammenzuarbeiten." Ob sie damit die Überlassung weiterer Akten-Sintfluten meint, war den Worten nicht zu entnehmen.
Bereits vor drei Wochen hatte die SEC entschieden [8], AOL habe Transaktionen mit Bertelsmann [9] in Höhe von 400 Millionen US-Dollar fälschlicherweise als Umsatz ausgewiesen, obwohl es sich in Wirklichkeit um einen Nachlass des Kaufpreises für den Bertelsmann-Anteil an AOL-Europe gehandelt habe -- nicht die erste [10] Unregelmäßigkeit in der Bilanzierung des Unternehmens.
Auch Time Warner hatte seine Zahlen im Umfeld des Mergers mit AOL geschönt [11] -- allerdings mit subtileren Mitteln, und ohne die Werte später revidieren zu müssen. (hps [12])
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[1] http://www.aol.com
[2] http://www.monster.com
[3] http://www.sec.gov
[4] https://www.heise.de/news/AOL-und-Time-Warner-fusionieren-20995.html
[5] http://www.aoltimewarner.com/flash.adp
[6] http://www.vitacost.com
[7] http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/articles/A7190-2003Apr21.html
[8] https://www.heise.de/news/AOL-droht-Bilanzkorrektur-von-400-Millionen-Dollar-76975.html
[9] http://www.bertelsmann.de
[10] https://www.heise.de/news/AOL-will-von-Bilanztricks-nichts-wissen-64189.html
[11] https://www.heise.de/news/Time-Warner-mit-gutgerechnetem-Quartalsabschluss-31794.html
[12] mailto:hps@ct.de
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