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Kommentar: US-Shutdown ist brandgefÀhrlich

Daniel AJ Sokolov
Schild warnt vor extremer Waldbrandgefahr

(Bild: US Dpt. of Agriculture - Lance Cheung)

Unter dem Vorwand der "Sicherheit" die Sicherheit an allen Ecken und Enden zu unterminieren - das ist FĂŒhrungsqualitĂ€t der Marke Trump.

Haben Sie schon Ihre Feuermelder und -löscher funktionsunfÀhig gemacht, im Dienste der Sicherheit? Ja? Dann erzÀhlen Sie doch bitte Ihren Nachbarn, wie toll "schlanker" Brandschutz ist. An Ihnen ist ein zweiter Trump verloren gegangen.

Ein Kommentar von Daniel AJ Sokolov
Daniel AJ Sokolov

(Bild: 

Daniel AJ Sokolov

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Daniel AJ Sokolov schreibt seit 2002 fĂŒr heise online, anfangs aus Wien. Seit 2012 versucht der Jurist, als Nordamerika-Korrespondent von heise online Kanadier und US-Amerikaner zu verstehen und ihr Wesen begreiflich zu machen.

Auch der US-PrĂ€sident schwĂ€cht, im Einsatz fĂŒr die "Sicherheit", den Brandschutz. Weil Trump die Milliarden fĂŒr seine schöne Mauer nicht bekommt, hat er den lĂ€ngsten "Shutdown [1]" von US-Bundesbehörden vom Zaun gebrochen. Das hat zur Folge, dass Trainings und Konferenzen zur Vorbereitung auf die Waldbrand-Saison abgesagt werden mussten und bundeseigener Grund nicht von gefĂ€hrlichem Totholz befreit wird. Über die nĂ€chste besonders intensive Waldbrand-Saison darf sich niemand wundern.

Gleichzeitig wird es einen Mangel an Feuerwehrleuten geben: Sie mĂŒssen sich jetzt, im Winter, um die ArbeitsplĂ€tze bewerben. Doch die Werbetrommel bleibt stumm. Bewerbungsschreiben bleiben unbearbeitet, so sie ĂŒberhaupt eintreffen, mĂŒssen doch diverse Dokumente beigelegt werden. Sie sind bisweilen nicht zu bekommen, weil auch die dafĂŒr zustĂ€ndige Schreibstube zu ist.

NatĂŒrlich erschöpft sich der Shutdown nicht an der Waldbrand-BekĂ€mpfung. Zahlreiche US-Bundesbehörden sind seit Wochen geschlossen oder fungieren nur eingeschrĂ€nkt. Etwa 800.000 BeschĂ€ftigte erhalten kein Gehalt, gut die HĂ€lfte muss trotzdem arbeiten. Streikrecht haben sie keines. Ein Teil meldet sich bereits krank.

Hunderttausende wissen nicht, wie sie Miete, Versicherungen, Kredit- und Leasingraten zahlen und ihre Familien versorgen sollen. Da hat dann auch die VerlÀngerung des Anti-Virus-Abos am Heim-PC gerade keine besonders hohe PrioritÀt.

Viele Beamte mĂŒssen sich einen zweiten oder dritten Job suchen. Dass ĂŒberarbeitete Mitarbeiter ein Sicherheitsrisiko sind, sollte sogar im Weißen Haus bekannt sein. Auch notwendige Reparaturen und SicherheitsĂŒberprĂŒfungen im Haushalt und an Kraftfahrzeugen werden aus Geldmangel zurĂŒckgestellt – das kann tödlich sein. Und wer keiner geregelten Arbeit nachgeht, unterliegt einem erhöhten Suizidrisiko.

AuslĂ€ndische Geheimdienste werben bevorzugt finanziell darbende Beamte an. Davon haben die USA nun hunderttausende. Vielleicht war ja das der Anlass fĂŒr die KĂŒstenwache, ihren Mitarbeitern zu empfehlen, ihr Hab und Gut in Flohmarkt-Manier zu verkaufen.

Die sicherheitsrelevanten Folgen des Shutdown reichen erstaunlich weit. Hier einige Beispiele ohne Anspruch auf VollstĂ€ndigkeit: Die Sicherheitskontrolleure an FlughĂ€fen pfeifen aus dem letzten Loch. Die Handelsaufsicht FTC, die unter anderem jenen auf die Zehen steigt, die gefĂ€hrliche oder gefĂ€lschte Produkte in Umlauf bringen, hat ebenso geschlossen, wie weite Teile der Luftfahrtbehörde FAA und die Telecom-Regulierungsbehörde FCC, die unter anderem fĂŒr Funkfrequenzen zustĂ€ndig ist.

Suche nach und Warnungen vor neuen IT-Bedrohungen bleiben aus, diverse Sicherheitsstandards können nicht mehr heruntergeladen werden. Ja sogar das Ministerium fĂŒr Heimatsicherheit ist betroffen, und damit auch die KĂŒstenwache.

Screenshot der Homepage des National Institute of Standards and Technology

In der Arktischen See könnten NATO-Truppen, darunter auch die US-Kriegsmarine, in absehbarer Zeit Probleme mit der Navigation bekommen. Grund ist, dass der magnetische Nordpol schneller wandert als vorhergesehen. Das Vorhersagemodell brĂ€uchte ein frĂŒhzeitiges Update, doch gibt es dafĂŒr derzeit kein Geld.

In Nationalparks stapelt sich nicht nur der MĂŒll und stinken die Toiletten, auch Wilderer und illegale HolzschlĂ€ger haben Hochkonjunktur. Niemand stoppt sie.

Die Sicherheit an Atom- und SondermĂŒll-LagerstĂ€tten ist nicht in gewohntem Ausmaß gewĂ€hrleistet. Sanierungsarbeiten an vergifteten Böden und GewĂ€ssern sind gestoppt. Lebensmittel-Kontrollen mussten drastisch reduziert werden. Die Genehmigung neuer Medikamente könnte bald zur GĂ€nze pausieren mĂŒssen.

Die medizinische Versorgung ist bereits beeintrĂ€chtigt. Zahlreiche Ureinwohner bekommen lebenswichtige Medikamente nicht mehr, was bei Infektionskrankheiten oder Drogensucht dann auch fĂŒr Dritte gefĂ€hrlich wird. Und zahlreiche andere Amerikaner leben gefĂ€hrlich, weil ihre AntrĂ€ge auf Obamacare-Krankenversicherungen unbearbeitet bleiben. Derweil sind sie einfach gar nicht krankenversichert.

Diverse AuftrĂ€ge fĂŒr die Sanierung von Bundesstraßen und -brĂŒcken werden nicht erteilt. Sowieso unterfinanzierte Öffi-Betriebe erleiden derzeit erhebliche EinnahmenausfĂ€lle und bekommen keine BundeszuschĂŒsse, womit weniger Geld fĂŒr Reparaturen zur VerfĂŒgung steht.

Das Global Forecast System des Nationalen Wetterdienstes liefert seit Beginn des Shutdowns schlechtere Wettervorhersagen. Ob das mit dem Shutdown zu tun hat, ist umstritten. Den Grund zu eruieren, wĂŒrde Geld kosten. Vielleicht liegt es daran, dass internationale Datenquellen, wie geplant, auf ein einheitliches Datumsformat umgestellt haben, das US-System aber kein Update erhalten hat.

Eigentlich sollte im Februar ein neues System in Betrieb gehen, was nun auf unbestimmte Zeit vertagt werden musste. UnzuverlĂ€ssige Wettervorhersagen sind schlecht fĂŒr das MilitĂ€r, den Grenzschutz, die Verkehrssicherheit, u.a.m., und könnten dazu fĂŒhren, dass sich BĂŒrger, Bauern und Betriebe nicht ausreichend auf Unwetter vorbereiten. Die Folge wĂ€ren höhere Lebensmittelpreise, was der Nahrungsmittelsicherheit schadet.

Selbst die Notfall-Manager des Nationalen Wetterdienstes werden derzeit nicht aus- und fortgebildet. Selbst die kommerzielle Hochsee-Fischerei ist beeintrĂ€chtigt. In Ermangelung jener Aufsichtsorgane, die per Gesetz mitzufahren haben, mĂŒssen manche Schiffe im Hafen bleiben.

Einnahmen aus GerichtsgebĂŒhren erlauben Bundesgerichte bislang, auf Sparflamme weiterzuarbeiten. Geschworene mĂŒssen gratis arbeiten und werden vielleicht bald nicht mehr mit Speisen versorgt. Das wird ihre Bereitschaft, sich mit einem Fall intensiv auseinanderzusetzen, sicher fördern. GefĂ€hrliche TĂ€ter könnten frei gehen.

Speisekarte preist "Trump Footlongs" von drei Zoll LĂ€nge an

Diese Speisekarte wurde 2016 in Chicago gesichtet.

(Bild: gemeinfrei)

Viele Verfahren werden auf die lange Bank geschoben, darunter insbesondere Prozesse mit Beteiligung von Bundesbehörden oder PrĂ€sident Trump selbst. Weil fĂŒr das US Marshals Service kein Geld da ist, werden weniger Gefangene zu Gericht gebracht. Das verzögert Strafverfahren weiter.

Geringe PrioritÀt haben Gerichtsverhandlungen rund um Einwanderung und Abschiebungen. Diese FÀlle werden hinten angereiht, was erneut jahrelanges Warten bedeutet. Der Treppenwitz ist, dass damit einige wirklich gefÀhrliche AuslÀnder um Jahre lÀnger im Land bleiben werden.

Die Einnahmen aus GerichtsgebĂŒhren werden bald nicht mehr hinreichen. Bundesgerichte werden in absehbarer Zeit ihre GebĂ€ude schließen mĂŒssen. In manchen Regionen arbeiten dann wohl nur noch die Richter selbst, von zu Hause aus. Passende NotfallplĂ€ne gibt es: Sie wurden fĂŒr tödliche Epidemien ausgearbeitet.

Aus BundesgefĂ€ngnissen dringen inzwischen Berichte ĂŒber Hungerstreiks, weil GefĂ€ngnisbesuche wegen Personalmangels gestrichen sind. Dabei sind diese Besuche ein wichtiges Mittel zur Reduktion der RĂŒckfallraten.

Gleichzeitig sind die GefĂ€ngnisse unnötig voll. Tausende darben nur deshalb im Strafvollzug, weil zur Entlassung notwendige Vorbereitungen nicht durchgefĂŒhrt werden.

Eines Tages wird der Shutdown enden. Hunderttausende Computer werden dann erstmals wieder eingeschaltet – nach langer Zeit ohne Updates. IT-Verbrecher feilen bereits an den passenden Phishing-Mails.

Mexiko werde eine Einmalzahlung von fĂŒnf bis zehn Milliarden Dollar fĂŒr die Mauer leisten, hatte Trump angekĂŒndigt. Doch den Mann interessieren seine Versprechen von einst nicht, ja er leugnet sie sogar. Obwohl in seinem Wahlkampfdokument "Donald Trumps Vertrag mit dem amerikanischen WĂ€hler [2]" grau auf weiß steht: "Mexiko wird den USA die gesamten Kosten der Mauer erstatten".

Jetzt will Trump doch die US-Steuerzahler belasten. Wegen der Sicherheit!!1elf

Der PrĂ€sident beweist damit den Weitblick eines Kleinkindes. Der Verwaltungs-Shutdown untergrĂ€bt die Sicherheit in viel grĂ¶ĂŸeren Dimensionen als das Fehlen einer durchgehenden Grenzmauer.

Die meisten Experten halten von Trumps Mauer sowieso wenig [3]. Diese Experten reichen von Grenzschutzfachleuten, die lieber auf elektronische und bemannte GrenzĂŒberwachung bauen, bis zu jenen, die schon einmal Erfahrung mit einer Leiter gemacht haben. (ds [4])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-4282528

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/tp/article/USA-Government-Shutdown-hat-begonnen-4258700.html
[2] https://assets.donaldjtrump.com/_landings/contract/O-TRU-102316-Contractv02.pdf
[3] https://www.heise.de/tp/article/Trumps-Mauer-ist-nach-dem-Heimatschutzministerium-leicht-ueberwindbar-4271300.html
[4] mailto:ds@heise.de