Klartext: Wie wir einen alten Clio kauften
Vorurteile stimmen meistens gut mit der Lebenswahrheit überein. Schwierig wird es nur, wenn das Vorurteil ohne eigene Erlebnisse zustandekommt. Dann kommt sowas raus wie die Wahl auf Usedom oder mein Hass auf den Clio
Mein Verhältnis zu französischen Kraftwagen darf man als "normal" bezeichnen, wenn man die Norm im Süden Deutschlands annimmt, im warmen Schoß der heiligen römischen katholischen Autoindustrie. Die Art, wie BMW, Daimler, Audi oder Porsche Autos bauen, begleitet uns von der Heimfahrt aus dem Kreiskrankenhaus bis zum Leichenwagen, sodass schon der Autobau des nationalen Nachbarn verdächtig scheint, weil anders. Anders kann ja nur schlechter sein, solange man das Bekannte unter "plusminus perfekt" bucht. Selten, aber manchmal durchbricht jedoch ein Auto diesen Panzer zementierter Weltanschauung, weil es einfach unerwartet gut funktioniert. So passiert bei einem alten, ranzigen Renault Clio 2 für 500 Euro Cash auf die Kralle.
"Besser kriegst es nicht", sagte ich zur Freundin, denn sie wollte ein Auto kaufen – einen Hundetransporter, eine beheizte Kabine fürs Winterpendeln. "Irgendwas wird in deinem Preisbereich immer sein, also kannst auch mit dem hier anfangen, wieder etwas Autofahren zu üben." Was am Clio 2 dran war, zeigte eine Probefahrt: Die Radlager vorne waren so fertig, dass sie unter Last in Kurven klangen wie einer dieser Synthsound-Autotunes-Songs von Lady Gaga oder eigentlich egal wem. Dazu kam abblätternder roter Lack, der damals serienmäßig als "rot" im Katalog stand, die üblichen Dellen und ein ausgehängtes Türschloss-Gestänge der hinteren Tür auf der Fahrerseite.
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Was jedoch fehlte: Rost. Tatsächlich war dieser alte Clio weniger rostig als die französischen Jahreswagen, die meine Ablehnung französischen Autobaus begründeten. Ich habe selten ein so unoxidiertes Fahrzeug dieser Klasse, dieser Laufleistung (130.000 km), dieser Zielgruppe ("Wartung? Wasdasdenn?") gesehen. Dazu kam, dass der Wagen aus der Ausstattungslinie "Initiale Paris" stammte, in der Renault bis heute bei neuen oder renovierten Modellen Autos mit viel Zuckerguss verkauft, in diesem Fall: Ledersitze, abbröselnde Wurzelholzimitate, Klimaanlage, Nebelscheinwerfer, elektrische Außenspiegelsteller und Fensterheber und ein 1,6-Liter-Saugmotor mit 107 PS. In völligem Widerspruch zu meinen Erwartungen funktionierte alles noch, sogar die Spiegelsteller und die Klimaanlage.
Kleines Auto für große Reisen
Die Stoßdämpfer dämpfen noch gut, das kleine Auto fährt laut Tacho und Fahrzeugschein 200 km/h, vor allem jedoch fährt man so, wie es einem französischen Auto geziemt: sehr entspannt. Wie in einem guten Citroen [3] rollst du dahin, ohne dass das Auto dich zum zu schnell fahren antriebe, wie es aggressiver machende Autos immer tun. In einem gelungenen französischen Reisewagen ist es einem vollkommen egal, wie schnell die Anderen fahren. Ich fahre jetzt gute 120, weil ich keine Punkte in Flensburg will, fahr du doch, wie immer es dir richtig erscheint, ich lass dir die linke Spur stets frei. Der Vorteil solcher Autos zeigt sich am Ende langer Reisetage mit zweistelligen Fahrstunden und vierstelligen Kilometerzahlen. Man kommt entweder etwas später viel entspannter an oder sogar schneller, weil man weniger Pausen braucht.
Ich weiß nicht, wie ich so ein komplett falsches Bild des Clio entwickeln konnte, oder halt, nein, eigentlich weiß ich es genau: Indem ich nie einen gefahren bin. Renault hat damals zur Modelleinführung gesagt, sie wollen im Kleinwagensegment die Annehmlichkeiten anbieten, die sonst den Reisesegmenten vorbehalten sind, also Kompaktklasse aufwärts. Ich sah jedoch nur die jungen Damen ohne jegliches Autointeresse, die einen Clio wollten, weil er bequem, preiswert und irgendwie niedlich war. Dann ließen sie ihn ohne jede Wartung verrotten.
Zielgruppe: Damen, die nicht warten wollen
Man muss Renault zugute halten, dass sie ihre Zielgruppe vorher kannten. Bei jedem Start zeigt der Clio zum Beispiel auf dem Dashboard den Ölstand an. Mit dem Peilstab messen dagegen ist zumindest beim 1,6-Liter-Sauger nicht vorgesehen. Der Peilstab steckt ganz unten im Ölsumpf. Wollte man ihn bequem erreichen, müsste man den Radiator und die Einspritzung abbauen. Obwohl ich mit meinen Chirurgenfingern den Peilstab irgendwann ohne derartige Demontagen erreichte, indem ich sie mir fast brach, knackte es dann kurz und der Ölpeilstab tat das, was die Finger vermeiden konnten. Es ist seitdem ein Ölsumpfdeckel. Aber egal, dann tun wir eben das, was Renault will: im Cockpit gucken. Genauso geht es im Handbuch weiter. Wer sich mit einem Clio wehtun möchte, muss sich schon a) ziemlich anstrengen und b) das ohne die Hilfe des Herstellers tun.
Dieser Clio hat sich über den Alltag und eine erste Urlaubsfahrt als so unerwartet wundervoll erwiesen, dass ich mich frage, was man im Renault-Gebrauchtenmarkt wohl erhielte, wenn man unsere Investition verdoppelte (also 1000 Euro zahlte). Wahrscheinlich einen Mégane mit Initiale Paris voller funktionierender Elektrik, aber ohne Rost. Sicherlich wird es sein wie bei allen anderen Herstellern auch, dass es gute Modelljahre genauso wie schlechte gibt. Nur kenne ich anderswo eben auch die guten Nachrichten. Aus Frankreich filterten irgendwie eher die schlechten herein.
Deshalb lässt mich der kleine Clio an einem Kernpunkt meines Auto-Weltbilds zweifeln: an Peugeot. Denn der Grund, warum ich nicht verstehe, wieso jemand jemals einen Peugeot kaufen würde (ich meine: Immerhin kann er den ja auch in niedlich bei Citroen haben), ist derselbe wie beim Clio: Ich habe stets peinlich vermieden, Peugeot zu fahren. Wahrscheinlich würde ich mich wundern. (cgl [4])
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[4] mailto:cgl@ct.de
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