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Klartext: Strom muss billiger werden

Clemens Gleich
Klartext, Erneuerbare Energien

Für Verkehrs- und Energiewende wird überall gefördert, nur an den hohen Haushaltsstrompreisen dreht die Regierung nichts. Vielleicht wäre zumindest eine Ausnahme auf Fahr- und Heizstrom drin?

Gerade fahre ich einen Audi Q5 55 TFSI e (Test folgt). Er kombiniert einen Reihenvierzylinder mit einem E-Motor, damit Flottenkunden weniger geldwerten Vorteil versteuern müssen (Volksmund: „0,5-Prozent-Regel“). Es gibt keinen anderen Grund, dass er das tut, denn er verbraucht trotz sehr milder Wintertemperaturen so viel Strom, dass es billiger ist, nur Benzin hineinzuschütten. Nun sind viele aktuelle Plugin-Hybride nicht besonders sinnvoll, doch sie zeigen ein Problem, das den Umstieg auf reine Elektroautos erschwert: Der Strom ist teuer in Deutschland.

Strom ist super, denn er ist flexibel. Wenn die Pläne der Regierung in Richtung Klimaschutz aufgehen sollen, ist Strom unser bester Freund. Wir können uns daheim mit Solarpanelen auf dem Dach an der Stromerzeugung beteiligen oder ihn zuhause in Batterien speichern. Gemeinden können Windparks genehmigen. Wenn doch jemand Fusionsenergie fertig entwickelt, können wir die als Strom ins Netz einspeisen. Und gerade beim Hoffnungsträger Strom schießt sich Deutschland am liebsten und häufigsten mit automatischen Schrotgewehren in die Füße, bis alles Brauchbare daran verschwunden ist.

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Die Energiekonzerne sagen natürlich immer, dass sie nicht billiger liefern können. Sagen wir es so: Sie könnten das durchaus, sie haben nur kein Interesse daran. Im Gegenteil werfen Verbraucherschützer aktuell den Stromkonzernen vor, dass sie jetzt gerade die Strompreise erhöhen, wenn die Aufmerksamkeit sinkt, die sich ja am Jahreswechsel sammelt. Sie erhöhen ihre Preise zudem über die Erhöhung der Stromabgaben hinaus, es ist also eine Preiserhöhung mit Gewinnmargenerhöhung. Sie könnten durchaus anders vorgehen. In Dänemark und Portugal liegen die Abgaben auf Haushaltsstrom noch höher als in Deutschland. Dennoch liegen die Endkundenpreise pro kWh dort marginal niedriger. Und Portugal ist jetzt nicht wesentlich weniger korrupt als Deutschland.

Der größte Anteil am Strom liegt dennoch in staatlichen Abgaben. Das Gute daran: Staatliche Abgaben hat der Staat unter seiner Kontrolle. Er kann hier also sehr einfach fördern, wenn er will. 51 Prozent des Endkundenpreises machen Steuern und Abgaben aus. Der größte Posten: die Erneuerbare-Energien-Umlage (EEG-Umlage) mit 6,756 ct/kWh (hat sich dieses Jahr erhöht). Dazu kommen in wesentlich niedrigerem Umfang Umlagen für Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen, Offshore-Anlagen-Versicherung, abschaltbare Lasten und Großkundenförderung.

Praktisch alle diese Dinge sind eine Umverteilung von unten nach oben. Privathaushalte zahlen Geld in Richtung Großindustrie und Kraftwerksbetreiber, um sie zum Bau entsprechend gewollter Anlagen anzuregen. Ein Stück weit sind solche unsozialen Effekte schwer zu vermeiden, wenn private Investitionen angeregt werden sollen. So krass wie bei uns ist es aber nicht überall. Zur Erinnerung: Industrieabnehmer mit einem Verbrauch von 2 bis 20 Millionen kWh / Jahr zahlen aktuell 15,6 Cent / kWh, privilegierte Größtabnehmer können übers Jahr auf unter 5 Cent kommen. Diese Preise sind in den vergangenen 7 Jahren um rund 25 Prozent gefallen, während die Haushaltsstrompreise um rund 40 Prozent gestiegen sind (Datenstand Bundesnetzagentur 2019).

Großabnehmer-Strompreise zeigen, wie einfach es politisch wäre, diese Umlagen zu reduzieren oder wegzulassen. Nun ist mir schon klar, dass Vattenfall mehr Lobby hat als die Bevölkerung, sonst wären wir ja nicht in dieser merkwürdigen Lage. Aber ein Kompromiss wäre doch schön: Der Staat könnte auf einzelne Elemente wie Fahrstrom und Heizstrom die Abgaben dramatisch reduzieren oder streichen, um diese Abnehmer zu fördern. Den Fahrstrom haben wir hier schon oft ausgiebig diskutiert. Beim Heizstrom denken Viele immer noch an alte Nachtspeicheröfen, Asbestklumpen horrender Ineffizienz, die allein durch ihren Namen den Wert deiner Immobilie in Grund und Boden bohren.

Das entspricht jedoch nicht der Neubau-Realität der vergangenen Jahre. Viele neue Häuser wurden mit Wärmepumpen als Heizung ausgerüstet, also einer Elektro-Heizung. Ökostrom drauf, fertig ist die gute Bilanz. Wenn alte Asbestklumpen modernisiert werden sollen, prüfen Gebrauchthauskäufer häufig auch Infrarotheizungen. Wer sie nicht kennt: Das sind elektrische Flächenheizungen, deren Strahlwärme dafür sorgen soll, dass man netto weniger Konvektionsheizung braucht.

Um das zu erreichen, müssen die Strahler schlau positioniert und fein geregelt werden, sodass die theoretisch besseren Verbrauchswerte in der Praxis meistens nicht wie erhofft erreicht werden, aber trotz des Verbrauchs: CO2-flexibel sind auch diese Stromheizungen. Hier bieten Energiekonzerne sogar häufig noch Heizstromtarife an, die zumindest rund 10 Cent günstiger liegen als der Haushaltsstrom (getrennter Zähler erforderlich). Es geht also offenbar.

Der zweitgrößte staatliche Posten liegt in der Umsatzsteuer von 19 Prozent. Wenn man elektrisches Autofahren und CO2-neutrales Heizen fördern will: Wie wäre es als wirklich einfache Maßnahme denn für den Anfang damit, den reduzierten Steuersatz von 7 Prozent anzuwenden? Das allein würde schon etwas bewirken.

Aber, aber: Fehlt dann nicht Geld für den Ausbau von Wind- und Sonnenstrom? Naja. Kommt drauf an. Wenn sich große Unternehmen ein wenig mehr an den Kosten beteiligten (und ich spreche bewusst nicht vom wünschenswerten „in selber Relation wie Privathaushalte“), könnte die Regierung mit Geld um sich werfen. Der Ausbau der Windkraft kam ja mangels politischen Willens schon vor Altmaiers absurder Forderung von 1000 Armlängen Abstand zum Erliegen. Windrad? Da samma dagegen! Vorher schon. Mit dem Altmaier-Abstand fallen mir in Deutschland nur noch sehr wenige Orte ein, an denen überhaupt noch ein neues Windrad stehen darf (oder ein altes, die dürften vielfach auch nicht an ihren Orten stehen).

Die alten Förderpläne laufen aus, viele Standorte rentieren sich nicht mehr mit all den Anwälten, die man da braucht. Die Windkraftfirmen laufen weg ins Ausland. Der Windkraftsektor hat mehr Arbeitsplätze abgebaut, als aktuell noch in der Kohleverstromung arbeiten. Viel davon liegt im Umstand der Förderung. Erst hat es sich dank Staatsförderung gelohnt, jetzt nicht mehr. Hoffnung machen mir Unternehmer, die erste Offshore-Parks ohne Förderung beantragt haben, weil sie planen, sich alleine am Markt zu behaupten. Vielleicht bis wahrscheinlich ist das langfristig der bessere Weg.

Derweil liegt die Einspeisevergütung privater Solaranlagen so niedrig, dass sie in etwa auf Höhe der Entstehungskosten pro kWh liegen. Wer mehr Kapazität baut, als er selber braucht, zahlt viel Geld für eine (rote) Null. Deshalb bauen Hauseigner Anlagen auf den eigenen Stromverbrauch optimiert. Das ist besser als nichts, aber unsere ideale Kapazität von Strom von Dächern kriegen wir so nicht hin. Vielleicht könnte der Staat oder Energiekonzerne schlicht einen Pachtzins zahlen für die ohnehin schon versiegelten Dachflächen und dort selber Panels betreiben. Denn die in ein Dickicht gewucherten Regeln für private Infrastruktur macht die Investition kompliziert.

Schon die Regeln für den Eigenverbrauch sind schwer nachvollziehbar. Betreiber von Anlagen ab 10 kWp oder 10.000 kWh / Jahr müssen auf den selbst verbrauchten Strom vom eigenen Dach eine anteilige EEG-Umlage zahlen, Tendenz stetig steigend. 2015 waren es 30 Prozent, 2016 waren es 35 Prozent, seit 2017 sind es 40 Prozent (also 2,7 Cent / kWh). Ausgenommen sind Inselanlagen oder ans Netz angeschlossene Anlagen, die sich vollständig selbst versorgen können und den Überschuss ohne Inanspruchnahme der Einspeisevergütung einspeisen – schwierig in unseren Breitengraden. Tesla hat schon kommuniziert, in der Brandenburg-Fabrik statt Solarzellen lieber ein kleines Gaskraftwerk verwenden zu wollen. Wahrscheinlich blätterte die Buchhaltung durch das Regelwerk, warf es schließlich in die Ecke und sagte „drauf geschissen, wir nehmen jetzt Gas“.

Erinnern wir uns: Es ist noch gar nicht so lange her, da schenkte der deutsche Staat privaten Solaranlagen-Betreibern Geld, damit sie steuerfreien Strom selber zuhause verbrauchen (was das Netz entlastet), weil die Einspeisevergütung höher war als der Strompreis. Experten in Sachen Wind und Sonne kennen sicherlich noch Dutzende solcher Merkwürdigkeiten. Die Förderung der erneuerbaren Energien ist zu einem merkwürdig unförmigen, extrem teuren Monster mutiert. Ich frage mich, ob es nicht für alle günstiger wäre, das Monster sanft einzuschläfern und mit etwas Sinnvollem neu anzufangen.

Vorbilder gibt es: Die Förderungen des US-Staats Kalifornien etwa sind wesentlich einfacher, nachvollziehbarer, praxisnaher und Endkunden-näher: Steuernachlässe und das „Net Energy Metering“ (NEM). NEM bedeutet, dass dir innerhalb gesetzer Grenzen jede kWh, die du einspeist, gutgeschrieben wird, sodass du sie nicht bei Schattenzeiten zum Netzstromtarif beziehen musst. NEM ist der Hauptanreiz zum privaten Solarausbau in Kalifornien. In Deutschland brauchst du für so etwas externe Dienstleister, die entsprechend Geld dafür verlangen.

Nun haben Sie bestenfalls unnützes Wissen erlangt, denn der deutsche Haushalts-Strompreis wird nicht sinken, sondern weiter steigen. Fahrstrom-Nachlässe: unwahrscheinlich. Beliebte Argumentation: Wenn der Strom teuer ist, verbrauchen arme Verbraucher ja auch weniger, weil sie müssen. Zwar würde die Industrie genauso Strom sparen, wenn Kostenanreize da wären, aber so etwas verabschieden Politiker nicht, weil sie nach ihrer Zeit im Bundestag ja eine schöne Sinekure in der Industrie wollen.

Die Kostenfrage wird daher so gelöst werden, wie konservative Amerikaner ihre Knarrenprobleme lösen: mit mehr; mehr Kosten, nur auf der anderen Seite: Der Endpreis für Benzin enthält bereits zwei Drittel staatlichen Anteil. Wenn auf fossile Treibstoffe eine weitere Abgabe kommt, die bestenfalls den Gesellschaftskosten dieser Treibstoffe einigermaßen entspricht, schlägt die Kostensparwaage häufiger in Richtung Strom aus, der davon nicht billiger wird, sondern nur in Relation besser ausschaut. Das Leben insgesamt wird für die meisten Deutschen weiter teurer. (cgl [3])


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