Klartext: Fahrradfrühling

Mehr Fahrradfahrer! Das heißt: Mehr Artikel darüber, wie doof Fahrradfahrer oder Autofahrer sind, je nachdem, wer gerade schreibt. Aber zwischen Infrastrukturfehlplanungen, persönlichem Verhalten und Illusionen geht es eigentlich um etwas Anderes

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Klartext
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Inhaltsverzeichnis

„Ein Radfahrer rechnet ab!“, titelt die Mopo einen typischen Frühlingsartikel: Ein Mitglied der Redaktion schreibt über die Schattenseiten seines Pendelfahrzeugs, ein Fahrrad. Radweg plötzlich zu Ende! Baustelle mitten drauf! Skandal! These: „Würden hier Autos fahren, wäre das nie und nimmer passiert!“ Diese These kann, denke ich, jeder Autofahrer jeden Tag widerlegen. Planungsignoranz schert sich nicht um Fahrzeuggattungen. Aber der Redakteur fühlt sich für sein Fahrzeug benachteiligt.

„Kennen Sie das?, fragt er weiter, „den Autofahrer, der Sie auf der extrabreiten Straße schneidet, dann hupt und mit dem Finger zeigt?“ Nein, das kenne ich nicht, und ich bin jahrelang in einer deutschen Großstadt (Hannover) ausschließlich Fahrrad gefahren, jeden Tag und zu jedem Mobilitätsanlass. Ich weiß aber mittlerweile recht gut, warum er es kennt und damit nicht alleine ist: Es gibt einfach Zweiradfahrer, motorisiert oder mit reiner Muskelkraft unterwegs, die solche Aggressivität anziehen. Jeder wird seine eigene Theorie zu den Gründen entwickelt haben. Ich persönlich glaube, die Aggressivität der Anderen liegt hauptsächlich an der eigenen Aggressivität, wie so häufig im menschlichen Verhalten.

Klartext: Fahrradfrühling (4 Bilder)

Frühling in Benztown. Die Zweiräder rollen aus ihren Winterstellplätzen.
(Bild: Clemens Gleich)

Gestern fuhr ich mit der Ninja 300 durch Stuttgarts Rush Hour. Ein Sportradler (erkennbar an hautengen Radsportklamotten und Klickpedalen) fuhr an jeder Ampel vor alle Autos, die ihn daher mehrfach überholen mussten, mit in jeder Iteration schwindenden Seitenabständen. Grund: unbekannt. Eine junge Dame fuhr ebenfalls an jeder Ampel, die wir teilten, von hinten durch den toten Winkel auf Tuchfühlung direkt an der Ninja vorbei, um sich wenigstens halb vor mich zu quetschen, denn durch die Autos war es sowohl mit dem Fahrrad als auch der Ninja zu eng. Sie gefährdete sich, sie gefährdete mich, und auch hier kann es keinen signifikanten Einfluss auf ihre Ankunftszeit gehabt haben.

Wie ich in dieser virtuellen Spalte schon einmal schrieb: Ich weiß nicht, warum diese Radler sich verhielten, wie sie es taten, aber ich würde Geld darauf wetten, dass genau diese beiden ständig über Probleme mit bösen anderen Verkehrsteilnehmern klagen, denen sie völlig unschuldig ausgeliefert sind. Der Feind (vornehmlich Autofahrer) will sie von der Straße drängen, sowohl akut als auch generell für immer. Ich hätte der Dame wahrscheinlich einen großen Gefallen getan, hätte ich ihr einen Vogel gezeigt und damit ihr Weltbild bestätigt: Alle scheiße außer Fahrradmutti.

An dieser Stelle sind Sie als Leser wahrscheinlich sicher, dass ich Radfahrer als Sippe noch einmal verbal auspeitschen möchte. Nein. Ich verstehe den Frust der Fahrradfahrer gut. In Stuttgart regiert seit vielen Jahren Grün. Die Partei hat von Anfang an immer wieder versprochen, sich um das Fahrrad zu kümmern, das Verkehrsmittel der Zukunft, bekannt aus den Niederlanden, auch wenn es allein in Stuttgart wahrscheinlich mehr Höhenunterschiede gibt als in ganz Holland. Es wäre jetzt unfair zu sagen: Gar nichts ist passiert. Aber wer auf die Grünen hoffte, sah sich der Enttäuschung gegenüber, dass so wenig passiert, dass die meisten Radfahrer gar nichts davon merken.

Das Problem, das in diesem Frühjahr wieder so groß diskutiert wird, heißt also eigentlich nicht „Fahrradfahrer“, sondern „Verkehrsinfrastruktur“. Dazu gehören Maßnahmen für KFZ-Fahrer genauso wie Rad-Angebote, Öffis und die Verzahnung der Verkehrsmittel. Der Fahrradanhänger der Zahnradbahn wurde zum Beispiel von Anfang an gern wahrgenommen, um Höhe zu gewinnen, weil das auf Pedal recht viel Mühe bereitet.

Wenn man aber mehr Radverkehr will (die Stadt wünscht sich längerfristig 20 Prozent, heute sind es 5 Prozent), dann darf man das nicht als Ziel an sich sehen, sondern als Unterziel des besseren Gesamt-Verkehrsflusses. Wenn nämlich ein Radweg für 5 Prozent der Verkehrsteilnehmer für die restlichen 95 Prozent zu einer drastischen Verschlimmerung führt, dann darf sich die Stadt nicht über den Unmut der Mehrheit wundern. Die Tragik ist nur, dass die Pendler das mit Wut aufeinander ausbaden müssen und nicht die Verursacher solcher Probleme.

Deshalb möchte ich mit einem anderen Gedanken schließen, der wie die meisten Argumente in einer emotional überhitzten Diskussion die verführerische Form einer Anekdote annimmt: Am Wochenende fuhr ich im Auto Getränke einkaufen. Auf dem Rückweg durch eine Engstelle kam mir eine ältere Dame auf dem Fahrrad entgegen. Ich hatte Vorfahrt, gab sie ihr aber, damit sie nicht am Berg anfahren musste. Sie bedankte sich freudig. Der Mensch denkt in Geschichten, und diese führte mir meinen alten Grundsatz wieder vor: Das Problem sind nicht einzelne Verkehrsmittel, sondern das Problem sind Arschlöcher. Die Pendler haben wenig Einfluss auf das Planungschaos des Straßenverkehrs, aber viel Einfluss auf ihr Verständnis untereinander.

Es gibt dieses Jahr glaube ich signifikant mehr Fahrradverkehr als in den vergangenen. Also werden wir den ganzen Frühling davon lesen, wie sehr Autofahrer oder Radfahrer nerven, je nachdem, wer gerade schreibt, ganz ähnlich der superdummen Prozentrechnungsartikel der Motorradtoten jeden Frühling, die alleine mit dem Wetter korrelieren. Ich möchte anregen, die Metainformation daraus zu lesen: Es fahren mehr Leute Fahrrad. Das ist eine gute Nachricht für alle Pendler. (cgl)