"WiMAX ist keine Bedrohung"
Der Mobilfunk-Provider E-Plus hat mit neuen Marken und Pauschaltarifen fĂĽr Sprache und Daten die Branche in Bewegung gebracht.
- Sascha Mattke
Der Mobilfunk-Provider E-Plus hat mit neuen Marken und Pauschaltarifen für Sprache und Daten die Branche in Bewegung gebracht. Technology Review sprach mit Thorsten Dirks, Geschäftsführer Innovation, IT & Operations, über die Hintergründe und die weitere Entwicklung seiner Industrie.
Technology Review: Sie haben sich ja in letzter Zeit den Titel des Preisbrechers redlich verdient. Wie ist denn vor diesem Hintergrund das Verhältnis zu Ihren Konkurrenten?
Dirks: Nach wie vor sehr gut. Fakt ist jedoch, dass der deutsche Mobilfunkmarkt durch ein Quasi-Duopol gekennzeichnet ist. Die beiden großen Anbieter - T-Mobile und Vodafone - haben immer zusammen um die 80 Prozent Marktanteil gehabt. E-Plus hat im letzten Jahr einen hohen dreistelligen Millionenbetrag ausgegeben, um neue Kunden zu gewinnen und bestehende Kunden zu halten und hat seinen Marktanteil nur um einen halben Prozentpunkt steigern können. Mit den Werkzeugen, die bislang alle Anbieter genutzt haben, nämlich Endgeräte-Subventionen, Händlerprovisionen und Promotions, kommen wir nicht gegen die Großen an. Die haben es bislang geschafft, den Markt weitestgehend zwischen sich aufzuteilen und andere Anbieter klein zu halten. Damit kann man sich zufrieden geben und in sein Schicksal ergeben oder man kann etwas dagegen unternehmen. Sie haben es Preisbrecher genannt. Das mag im ersten Moment so erscheinen, es steht aber eine Strategie dahinter, die weit mehr ist als die eines Preisbrechers: In Deutschland wird im Vergleich zu anderen europäischen Märkten sehr wenig mobil telefoniert. Das liegt an den relativ hohen Preisen im deutschen Mobilfunk. Und warum ist das Preisniveau in Deutschland so hoch? Weil - und damit komme ich wieder zu dem, was ich zuerst gesagt habe - die beiden Großen die Preise diktiert haben und die Kleinen sich daran orientiert haben. Die beiden Großen erzielen relativ hohe Profitmargen - um die 40 Prozent - die kleineren Anbieter liegen zwischen 20 und 25 Prozent. Die Herausforderung für uns besteht nun darin, Kunden dazu zu bewegen, mehr mobil zu telefonieren. Und wie schaffen wir das? Indem wir bestimmte Kundensegmente, die für Mobilfunk affin und für uns interessant sind, mit einfachen und günstigen Angeboten ansprechen. Das haben wir als erstes mit simyo getan. simyo steht für mehr als nur für ein preiswertes Angebot, simyo steht für Einfachheit. Wenn ein Kunde heute in einen Shop geht und einen Mobilfunkvertrag abschließen oder ein Prepaidprodukt kaufen will, dann hat er die Auswahl zwischen 700 unterschiedlichen Tarifen. Das ist Wahnsinn.
Sie sind unter anderem Geschäftsführer für Innovation. Es hört sich fast so an, als würde Innovation von E-Plus in nächster Zeit eher von der kaufmännischen als von der technischen Seite kommen...
"WiMAX ist keine Bedrohung"
Das ist richtig. Innovation heißt bei uns nicht ausschließlich technologische Innovation. Unter Innovation verstehen wir auch Prozess- und vor allem Innovationen in Bezug auf Geschäftsmodelle. Simyo ist sicherlich keine Produkt-Innovation als solche, es ist ein einfacher Sprachtarif. Aber genau das ist die Innovation, nämlich das dahinter stehende No-frills-Geschäftsmodell.
Aber Geschäftsmodelle sind einfacher zu kopieren als Erfindungen...
Zweifelsohne einfacher zu kopieren, aber nicht ohne weiteres. Natürlich kann Vodafone kurzfristig seine Billing-Systeme so einstellen, dass sie ähnliche Angebote abrechnen könnten. Für Vodafone würde das aber ein ganz anderes Risiko bedeuten als für uns. E-Plus wird vorgeworfen, dass simyo gut funktioniert, die meisten Nutzer aber aus dem E-Plus Kundenbestand kommen. Das stimmt nicht. Wir haben mehr zu gewinnen als zu verlieren. Wir haben einen Marktanteil von 13 Prozent, das heißt rein statistisch kommen nur 1,3 von zehn simyo Kunden aus unserem Kundenbestand, der Rest kommt vom Wettbewerb - und das ist auch tatsächlich so. Wenn Vodafone das Konzept umsetzen würde, kämen beim aktuellen Marktanteil von rund 40 Prozent 4 von 10 neuen Kunden aus dem eigenen Kundenbestand. Die Gefahr einer Kannibalisierung ist bei Vodafone oder T-Mobile also wesentlich größer. Insofern ist das Geschäftsmodell doch nicht so einfach zu kopieren. Es gibt bei den beiden Großen zwar einige Versuche, simyo nachzueifern, aber das sind sehr vorsichtige Ansätze, und die Konzepte funktionieren nur, wenn sie auch die gleiche Qualität bieten. Inzwischen gibt es weitere Angebote nach dem No frills-Konzept, die simyo kopieren, zum Beispiel blau oder Debitel-light. Weitere werden folgen. Kritische Stimmen fragen, ob das nicht zuviele Anbieter werden für einen Markt, der ein Potenzial von 15 Millionen Kunden hat. Das kann durchaus sein, die Konsolidierung wird es zeigen. Unsere Strategie ist es, durch simyo mit einer eigenen Marke vertreten zu sein und neuen Playern Netzkapazität anzubieten.
Wird E-Plus mit weiteren Marken an den Start gehen?
Unsere Strategie ist klar. Wir überlegen, in welchen Segmenten eigene Marken, also Marken, an denen E-Plus beteiligt ist, Sinn machen. Das sind aber eher wenige. Es wird zukünftig in Deutschland aber eine Vielzahl von Branded Resellern geben. Oder neue Service Provider. Dabei kommt der mögliche Partner mit einer interessanten Marke auf uns zu und will in den Mobilfunk einsteigen. Da gibt es eine Vielzahl von Gesprächen, und ich gehe davon aus, dass sich im vierten Quartal noch etwas tun wird.
Und E-Plus selbst wird zur Nebenmarke oder verschwindet sogar ganz?
Nein, wir haben nicht vor, die Marke E-Plus vom Markt zu nehmen. Das wäre auch nicht ratsam. E-Plus ist und bleibt der Komplettanbieter für Privat- und Geschäftskunden. Wir werden das Produktangebot sicher etwas straffen - wir gerade dabei. Aber E-Plus wird die Marke sein, mit der wir Angebote platzieren, die im direkten Wettbewerb mit den klassischen Marken im Mobilfunk stehen. Deneben gibt es simyo für Leute, die nur das bezahlen wollen, was sie wirklich nutzen - zu einem vernünftigen Preis. Darüber hinaus haben wir die Marke BASE etabliert. BASE fokussiert sich auf Kunden, die bereit sind, sich über einen Zeitraum von 12 Monaten und mit 25 Euro pro Monat an die Marke zu binden. Das sind zwei sehr polarisierende Modelle. Der Schwerpunkt der Vermarktung liegt derzeit auf den Marken BASE und simyo.
Nun will E-Plus ja erklärtermaßen Gesprächsminuten aus dem Festnetz abziehen. Einer Ihrer Konkurrenten bietet dazu Kunden eine normale Festnetzrufnummer, unter der man preiswert erreichbar ist. Planen Sie auch so etwas?
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Damit sprechen Sie das Thema Terminierung an. Ich sage nicht, dass wir es nicht tun, aber ich glaube, mit der Lösung über eine Ortsnetznummer ist uns nicht gedient. Eine Lösung könnte sein, dass eingehende Gespräche im Mobilfunk nicht teurer sind als im Festnetz. Das ist aber ein langfristiger Prozess, da diese Terminierungsentgelte in Deutschland zwischen den Mobilfunkanbietern und der Deutschen Telekom verhandelt werden und es entsprechende Laufzeiten für bereits verhandelte Terminierungsentgelte gibt.
Eine echte technische Innovation war ja die UHS-Technologie mit UMTS-Basisstationen, die auf sehr hohen Standorten sitzen und dadurch ein sehr großes Gebiet versorgen können. Wie sind die ersten Erfahrungen?
Ich bin froh, dass die beiden E-Plus Ingenieure, die diese Technologie entwickelt haben, einen so langen Atem hatten. Als sie die Idee in der Düsseldorfer Zentrale vorgestellt haben, haben alle Funknetzplaner erst mal die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Die Telekom hatte nämlich im GSM-Netz Anfang der 90er Jahre einen ähnlichen Versuch gestartet, dann aber relativ schnell festgestellt, dass man bei dieser Art des Modulationsverfahrens Probleme bekommt. Wenn Sie eine GSM-Basisstation haben, senden Sie in der Regel in 3 Sektoren, 3mal in 120 Grad. Wenn Sie versuchen, von einem hohen Standort ein größeres Gebiet abzudecken, dann bekommen Sie irgendwann Lastprobleme, weil sie in der Zelle nur eine bestimmte Energie abstrahlen können. Das heißt, Sie müssten dann weiter sektorieren, also den Winkel enger machen. Das führt aber dazu, dass Sie an den Rändern immer einen Übergang haben von einer Frequenz zur anderen, dass Sie hier Interferenzprobleme bekommen und die Handovers nicht mehr funktionieren - dem Kunden kann dann beim Wechsel der Straßenseite die Verbindung zusammenbrechen. Diese Probleme hat man beim GSM-Modulationsverfahrens nicht in den Griff bekommen. Und diese Erfahrung hatte sich in die Köpfe sämtlicher Funknetzplaner eingebrannt. Unsere beiden Ingenieure haben sich davon nicht abschrecken lassen, denn UMTS arbeitet mit einem anderen Modulationsverfahren. Also haben sie es ausprobiert, und es funktionierte tatsächlich. Es funktioniert sogar so gut, dass wir in Düsseldorf mit mittlerweile 9 Sektoren arbeiten und die gesamte Stadt inklusive Neuss und Umland vom Fernsehturm aus versorgen. Für dieselbe UMTS-Abdeckung arbeitet Vodafone mit mehr als 50 Standorten. Die UHS-Technologie hat sich also bewährt. Sicherlich wird sie irgendwann an ihre Grenzen stoßen - wenn wir mehr Last aufs Netz bekommen - dann können wir bestimmte Hotspots unter dem großen Schirm der UHS-Versorgung noch einmal separat durch herkömmliche UMTS-Standorte versorgen.
Tatsächlich haben sich Ihre Investitionen im ersten Halbjahr 2005 gegenüber dem Vorjahr fast halbiert. Manche Beobachter sagen, Sie hätten den UMTS-Aufbau im Prinzip einfach gestoppt...
Das stimmt nicht. Wir haben jetzt 60 Prozent der Bevölkerung mit UMTS abgedeckt - und zwar auch Indoor, so dass unsere Kunden UMTS nicht nur draußen auf der Straße, sondern auch in Gebäuden nutzen können. 80 Prozent der Nutzungsfälle gerade bei UMTS finden indoor statt, 85 Prozent aller mobilen Gespräche werden indoor geführt. Wir sind an einem Punkt, an dem wir 60 Prozent der Bevölkerung mit UMTS erreichen, das Netz aber mehr oder weniger leer ist. Den weiteren Ausbau werden wir eng an die Kundennachfrage nach UMTS-basierten Diensten anlehnen. Es macht keinen Sinn, weitere hunderte von Millionen Euro in den Aufbau eines Netzes zu investieren, wenn die Nutzung von UMTS noch nicht hoch ist. Wir optimieren das UMTS-Netz und bauen dort weiter, wo wir Kapazitätsprobleme bekommen. Wenn wir feststellen, dass die Kunden UMTS annehmen und wir entsprechend Last auf dem Netz haben, dann freue ich mich auf weitere Investitionen.
Ihre Konkurrenten haben schon Pläne für HSDPA, eine schnellere UMTS-Variante, bekanntgegeben. Dafür ist nur ein Software-Upgrade in den Basisstationen nötig. Werden Sie damit nachziehen?
"WiMAX ist keine Bedrohung"
Wir werden im kommenden Frühjahr mit Pilottests starten und HSDPA dann sukzessive im ganzen Netz einführen. Das ist kein großer technischer Aufwand, weil wir dafür keine Hardware-Umbaumaßnahmen vornehmen müssen. Uns ist wichtig, dass die Technologie stabil läuft - es geht nicht darum, wer als erster und am schnellsten HSDPA einführt. Es gibt Wettbewerber, die sich gerne mit ihren UMTS-Erfolgen schmücken. Da lohnt ein Blick hinter die Kulissen. Die Verkaufszahl hoch subventionierter UMTS-Endgeräte sagt gar nichts aus, denn letztendlich kommt es darauf an, dass Kunden UMTS-basierte Dienste auch nutzen. Und da ist die Realität bei allen Anbietern noch ziemlich ernüchternd.
Werden wir denn jemals eine annähernd so hohe Abdeckung mit UMTS sehen wie heute mit GSM?
Das ist eine schwierige Frage. Das hängt von mehreren Rahmenbedingungen ab. Eine ganz entscheidende Rahmenbedingung ist die Frage der Lizenzen. Sie wissen, dass die GSM-Lizenzen der deutschen Netzbetreiber mittelfristig auslaufen, bei T-Mobile ab 2009, bei uns im Jahr 2013. Bei einer Verlängerung des GSM-Frequenzen hat E-Plus einen klaren Standpunkt. Wir wollen auch Frequenzen im 900-Mhz-Bereich nutzen. Durch die 1800er Frequenzen liegt de facto eine Diskriminierung vor, weil wir unser Netz engmaschiger bauen müssen als die D-Netze, um eine vergleichbare Versorgung zu gewährleisten. Diesen Nachteil wollen wir abgeschafft wissen.
Geht es bei UMTS ĂĽberhaupt noch darum, Gewinn zu machen oder nur noch darum, den Verlust durch die Lizenzausgaben von 8,3 Mrd Euro zu minimieren?
Mobilfunk ist aufgrund des relativ hohen Preisniveaus in Deutschland rentabel. Fakt ist aber auch: Keiner der Anbieter würde heute nochmals über 8 Milliarden Euro für eine UMTS-Lizenz ausgeben. Aber im Jahr 2000 haben wir das getan, das kann ich nicht rückgängig machen. Also muss die Branche aus dem, was sie an technologischen Voraussetzungen und Produkten hat, etwas machen, was der Kunde auch nachfragt. Das kann auch bedeuten, dass sich Geschäftsmodelle ändern.
Und wie könnten die aussehen?
In der IP-Welt ist es, im Vergleich zur circuit-switched-Welt, erstmals möglich, den Transport vom Service zu trennen. So wie es mit Voice over IP schon passiert ist: Sie haben eine DSL-Verbindung und packen als Service Voice over IP hinzu. Wenn ich früher gesagt habe, dass wir als Netzbetreiber aufpassen müssen, nicht zur 'dummen' bitpipe zu werden, sage ich heute: Was stört mich mein Geschwätz von gestern? Wir müssen als Netzbetreiber intelligente Bit-pipe-Geschäftsmodelle anbieten. Unsere Aufgabe wird darin bestehen, dem Kunden für sein Endgerät und seine Anwendung die jeweils erforderliche Bandbreite zu günstigen Kosten und unser Netz auch anderen Playern zur Verfügung zu stellen.
Wie läuft denn das erste Bit-pipe-Angebot, nämlich die UMTS-Datenflatrate?
Sie läuft so gut, dass wir aufgrund der Nachfrage schon die ersten technischen Upgrades vornehmen mussten am so genannten Border Gateway, unserer Schnittstelle in die Internetwelt. Alles in allem kann ich sagen, die Datenflatrate kommt sehr gut an. Wir haben im ersten Monat mit diesem Angebot deutlich mehr UMTS-Kunden gewinnen können als in den Monaten vorher zusammen.
E-Plus betont, dass UMTS kein Festnetz-DSL Ersatz sein kann - dabei ist es doch nicht wesentlich langsamer, und vielen Leuten müsste es doch reichen, dass sie bei anständiger Bandbreite nicht mehr pro Online-Minute bezahlen müssen. Warum geben Sie diese Zielgruppe so schnell auf?
Wir haben nicht schnell aufgegeben. Aber auch wenn HSDPA die UMTS-Netze noch etwas schneller machen kann, in Punkto Geschwindigkeit werden mobile Technologien den festen Leitungen immer unterlegen sein. Außerdem lassen sich die Preise aus dem Festnetz im Mobilfunk nicht abbilden. Sie kriegen für 16 Euro einen DSL-Anschluss, und die Flatrate bekommt man bei einigen Anbietern heute quasi gratis dazu. Um kleine Orte wie zum Beispiel Bensberg mit UMTS zu versorgen, müsste ein Mobilfunkanbieter aber viel investieren. Und dann müssen Sie sich die Anwendungsfälle anschauen: Zuhause sitzen die Menschen abends zu bestimmten Zeiten vor dem Rechner und wollen dann auch die volle Datenbandbreite. Bei HSDPA werden wir in der Praxis auf 1 bis 2 Mbit pro Sekunde kommen. Aber wenn sich mehrere Nutzer gleichzeitig in einer Funkzelle aufhalten, sinken die Datenraten für den einzelnen Nutzer. Damit werden die Leute nicht zufrieden sein, wenn ihnen der Festnetzanbieter bis zu 20 Mbit pro Sekunde auf eine ADSL 2+ Leitung legt.
Ein großes Streitthema in der Mobilfunk-Branche ist seit langem die Frage, ob man echten offenen Internet-Zugang anbietet oder eine geschlossene Datenwelt mit nur ausgewählten Diensten. Wie ist Ihre Haltung dazu?
"WiMAX ist keine Bedrohung"
Die Diskussion ist noch nicht abgeschlossen. Meiner Meinung nach wollen Kunden auch mobil den Internetzugang, den sie aus dem Festnetz kennen. Mobile Portale wie Vodafone live oder i-mode werden von der breiten Masse nicht so angenommen wie die Branche es erwartet hat. Das liegt daran, dass wir versucht haben, das Internet neu zu erfinden. Der Kunde will aber das, was er gewohnt ist, einfach nur auch mobil nutzen können. Und dafür müssen wir die Möglichkeiten und Voraussetzungen schaffen. Wir dürfen nicht, wie in der Vergangenheit geschehen, so arrogant sein, ihm etwas vorschreiben zu wollen. Durch diese Haltung haben wir in der Branche auch Innovationen verhindert - im Gegensatz zum Internet, wo jeder das tun kann, was er für sinnvoll hält. Das Internet hat eine ganze Menge sinnvoller Anwendungen hervorgebracht - bis hin zu neuen Entwicklungen wie pod-casting und Blogging. Das sind interessante Anwendungen, die auch gesellschaftliche Veränderungen möglich machen. Aber aus den Bereich Content wollen wir uns raushalten, das ist nicht unsere Domäne. Unsere Domäne ist die Connectivity. Wir wollen das Endgerät mit einer Applikation verbinden, die ein Dritter mit der entsprechenden Kernkompetenz entwickelt hat.
Und warum lassen Sie dann im Daten-Pauschaltarif die Nutzung von Voice over IP nur mit Skype zu?
VoIP ist derzeit eines der am meisten diskutierten Themen in der Branche. Da schwingt bei vielen die Sorge mit, dass VoIP eigene Umsätze kannibalisiert. Wir haben gesagt, wir werden uns dem Thema nicht verschließen, sondern testen und schauen, wie die Kunden Voice over IP annehmen. Deswegen sind wir eine Kooperation mit Skype eingegangen. Die VoIP-Dienstleistungen werden von Skype im eigenen Namen und auf eigene Rechnung angeboten. Es handelt sich nicht um ein klassisches Vorleistungsprodukt, das Netzbetreiber Service Providern wie debitel normalerweise zur Verfügung stellen. Wir haben jetzt eine Vielzahl von Service Providern, die von uns erwarten, dass wir ihnen Datenprodukte zur Verfügung stellen, damit sie einen eigenen VoIP-Anbieter auswählen oder selber VoIP-Anbieter werden können. Das ist etwas, was wir ausschließen wollen. Beim Thema VoIP geht es ja nicht um einen neuen Tarif oder eine neue Technologie, es geht auch um eine Veränderung bei Geschäftsmodellen, mit der wir momentan zumindest noch vorsichtig umgehen. Wir wollen nicht leichtfertig mit dem Feuer spielen.
Wenn man mal davon ausgeht, dass sich mobiles VoIP auf Dauer nicht verhindern lassen wird: ist der Preis von 39,95 Euro, den Sie heute fĂĽr die Datenflatrate nehmen, auf Dauer die Obergrenze fĂĽr Ihre denkbaren monatlichen Einnahmen pro Kunde?
Nein, denn wir reden in diesem Fall nur vom Datenumsatz, die Umsätze aus der Sprachtelefonie kommen noch on top. Wir wissen, dass es bei den Kunden eine sogenannte share-of-wallet-Diskussion gibt - der Kunde ist bereit, einen bestimmten Betrag pro Monat für Kommunikation auszugeben. Von diesem Betrag wollen wir mehr und mehr von der Telekom oder anderen Festnetzbetreibern zu uns holen - auch im Datenbereich. Da bin ich dann pro Kunde - mal ganz einfach gerechnet - bei 40 Euro für Sprache plus 40 Euro für Daten, also bei 80 Euro Umsatz pro Kunde.
Sind 40 Euro durchschnittlicher Sprachumsatz nicht illusorisch?
Nein. Wir haben heute zum Beispiel bei BASE zusätzlich zur 25-Euro-Flatrate noch die Gespräche in andere Mobilfunknetze. Der Durchschnittsmsatz der BASE-Kunden ist höher als 40 Euro. Wenn in Zukunft aber komplette Flatrates angeboten werden für wirklich alle Gespräche, dann glaube ich, dass sie darunter liegen werden. Schauen Sie sich mal die Umsatzverteilung der Telekom an. Der Anteil der Monatsgebühren, wie es in deren Umsatz immer noch heißt, ist im Vergleich zu den variablen Gebühren, also den Minutenpreisen, deutlich gestiegen - durch diese Angebote wie Aktivplus oder XXL. Auch die Telekom dem Kunden hat gesagt, gib mir noch 5 Euro oder 10 Euro und dann kannst Du auch am Wochenende gratis telefonieren. Das Ultimative an diesen Konzepten ist einfach, dass Sie irgendwann sagen, gib mir den Betrag x, meinetwegen 40 Euro im Monat, und Du kannst wann immer, wo immer und soviel Du willst telefonieren. Das wird noch nicht in 2 bis 3 Jahren so sein, aber die Mobilfunkbranche wird eine Industrie sein, die in Flatrates endet.
Wie spielen in diese Gemengelage alternative Funktechniken hinein, wie etwa WLAN oder WiMax, die immerhin ohne die Altlast von 8 Milliarden Euro fĂĽr Lizenzen auftreten?
"WiMAX ist keine Bedrohung"
Hier muss erstmal jemand Geschäftsmodelle aufbauen, die die Investition in die neue Technologie rechtfertigen. Bauen Sie mal ein wireless-Netz in Deutschland auf. E-Plus hat 6 oder 7 eigene WLAN-Hotspots aufgebaut, für andere sind wir Partnerschaften eingegangen. Unser umsatzstärkster Hot-spot im Estrelle, einem der größten Kongresshotels in Berlin, macht gerade mal 2.000 Euro Umsatz - im Monat. Ich sehe da einen Trend, der für mich heißt: ja, diese neuen Technologien sind verfügbar und sie werden auch benutzt werden, sie werden uns Mobilfunker aber nicht schädigen. Wenn wir konsequent nicht in Technologien, sondern in Anwendungen denken, die dem Kunden einen Nutzen bringen und wenn dieser Nutzen für den Kunden einen Wert hat, der - und jetzt kommt der wichtigste Teil - in einer vernünftigen Relation zum Preis steht, dann sieht dieser Kunde überhaupt keine Notwendigkeit, ein alternatives Angebot zu nutzen. Wenn ich von Ihnen im Monat - jetzt werfe ich mal eine Zahl in den Raum - 70 Euro haben möchte, und damit können Sie soviel Sprache, soviel Daten machen, wie Sie wollen, warum sollten Sie dann irgendwo noch einmal 9 Euro pro Stunde WLAN-Nutzung zahlen? Immer vorausgesetzt ist dabei, dass ich die gleiche Qualität biete - Sie erwarten natürlich, dass Sie auch im Estrelle indoor UMTS nutzen können, und zwar mit einer Bandbreite, die Sie dort auch mit WLAN bekommen würden.
Aber bietet nicht WLAN deutlich höhere Bandbreiten als UMTS selbst mit HSDPA?
Das Problem für jeden Anbieter ist nicht die Luftschnittstelle, sondern die Bandbreite, mit der Sie den eingesammelten Verkehr abführen müssen: Wenn Sie sich anschauen, wie die WLAN-Hotspots in einem Hotel angebunden sind, dann sind das meistens nur DSL-Leitungen. Wenn Sie 10 Nutzer gleichzeitig im Hotel haben, können die plötzlich auch nur noch über jeweils 200 - 300 KB/s verfügen. Auch im Mobilfunk liegt das Problem nicht unbedingt in der Luftschnittstelle. Wir haben unsere Basisstationen bei GSM in der Regel mit 2x2 MB angebunden, um den Verkehr abzuführen, bei UMTS ist es noch mehr. Wenn Sie in einer solchen Zelle UMTS machen wollen, dann müssen Sie hinten eine dickere Leitung zum Abführen des Verkehrs haben, den backbone. Dazu sind wir in der Lage, weil wir in den vergangenen 10 Jahren für unsere 15.000 GSM-Standorte ein eigenes backbone über ganz Deutschland gespannt haben.
Die eigentlichen Investitionen liegen nicht in der Funk-Infrastruktur, sondern in den Leitungen - war das schon immer so?
Wenn Sie sich die Kosten und die Investitionen aus der Vergangenheit anschauen, dann ist es tatsächlich so, dass sie im backbone nicht so viel Bandbreite gebraucht haben - Sprache ist ja relativ schmalbandig. Access points für WLAN kosten heute vielleicht 2.000 Euro. Eine Mobilfunk-Basisstation rund das 10fache. Aber das Netz dahinter ist teuer. Und wer soll Ihnen als WLAN-Betreiber das Netz zur Verfügung stellen? Sie können nicht einfach Straßen aufreißen und Kabel zu den ganzen access-points legen. Sie müssen also wieder auf vorhandene Infrastruktur zurückgreifen. Die gehört der Telekom, und da sind wir wieder beim Thema DSL. Was hat ein WLAN-Betreiber davon, zum Beispiel die Düsseldorfer Innenstadt zu versorgen, wenn er nicht in der Lage ist, den Datenverkehr über hinreichend Bandbreite abzuführen? Nichtsdestotrotz, es wird ad-hoc-Netze geben, es wird Mesh-Netze geben, es wird in Zukunft sicher auch andere Dinge geben. Aber finden Sie als Betreiber dafür erstmal ein Geschäftsmodell, finden Sie Partner, die bereit sind, in dieses Geschäftsmodell zu investieren, weil sie daran glauben, dass am Ende des Tages Geld damit zu verdienen ist.
Wird lizensierter Mobilfunk auch in 10 Jahren noch Vorteile gegenĂĽber lizenzfreien Technologien haben?
"WiMAX ist keine Bedrohung"
Das kann ich Ihnen heute nicht sagen. Ich glaube nicht, dass sich in den nächsten 3 bis 4 Jahren etwas ändert. Fest steht, dass die Netzbetreiber in Deutschland dem Staat viel Geld dafür bezahlt haben, dass sie Funkfrequenzen nutzen können. Wir werden nicht die Hände in den Schoß legen, wenn jemand kommt, der kostenlos Frequenzen haben will, mit denen er das gleiche machen kann wie die Mobilfunkunternehmen. Das kann nicht sein.
Sie erwarten also eine gewisse Schonhaltung der Regulierungsbehörde Ihnen gegenüber?
Ich rede nicht von einer Schonhaltung. Aber wenn der Staat 50 Milliarden Euro aus der UMTS-Versteigerung einnimmt, dann sollte das nicht nur den Finanzminister freuen. In einem solchen Fall hat der Staat auch eine gewisse Verpflichtung denjenigen gegenĂĽber, die bezahlt haben und Lizenzauflagen zu erfĂĽllen haben.
Ihre Rechtsanwälte sind also schon in Stellung, um mögliche freie Frequenzzuteilungen für mobile Dienste zu verhindern?
Nein, das ist nicht der Fall. Aber natürlich achten wir darauf, welche Frequenzen unter welchen Bedingungen an wen vergeben werden könnten. Darüber hinaus wollen wir neue Frequenzen nutzen. Das Miltär hat einige Frequenzen im 900-Mhz-Band abgegeben. Wir haben ein Interesse daran, diese Frequenzen zu bekommen, weil wir - wie schon erwähnt - durch unsere 1800er Frequenz jahrelang im Nachteil waren. (wst)