Whoop-Forschungschefin zum Dauer-Tracking: "Nie einen Herzschlag verpassen"
Gesundheitssensoren stecken heute in vielen Geräten. Der Anbieter Whoop will ein möglichst umfassendes Bild zu erhalten, sagt Forschungschefin Kristen Holmes.
Whoop 4.0: Der aktuelle Sensor der Firma.
(Bild: Whoop)
Es muss nicht immer eine Apple Watch, eine Pixel Watch oder eine Samsung-Uhr sein: Die vor zwölf Jahren gegründete US-Firma Whoop glaubt an spezialisierte Fitness-Tracker. Im Interview mit heise online spricht Kristen Holmes, Principal Scientist und Vizepräsidentin bei der Firma, über die Frage, ob sich ein 24-Stunden-Tracking lohnt – und warum die Sensortechnik sich scheinbar nur langsam weiterentwickelt.
(Bild:Â Whoop)
heise online: Es gibt viele günstige Fitness-Tracker auf dem Markt – neben der Tatsache, dass Smartwatches großer Anbieter wie Apple, Google oder Samsung sehr beliebt sind. Warum sollte jemand ein Produkt wie Whoop in Betracht ziehen, das vergleichsweise minimalistisch daher kommt?
Kristen Holmes: Für mich persönlich ist es der Formfaktor. Mir gefällt die Idee, dass es auf unserem Gerät keinen Bildschirm gibt. Das Letzte, was ich brauche, ist etwas, das ständig an meinem Handgelenk summt. Ich brauche nicht noch mehr Geräte, von denen aus ich E-Mails senden oder Anrufe entgegennehmen kann. Mir geht es darum, Ablenkungen zu begrenzen. Außerdem gibt es bei uns eine Ebene der Personalisierung, die uns von der Konkurrenz abhebt.
Grundsätzlich haben wir unserer Ansicht nach außerdem die besseren Daten, die unsere Algorithmen füttern. Wir wissen mittlerweile sehr viel darüber, wie Ihr Körper beispielsweise auf Stress reagiert und sich anpasst; gleiches gilt für unsere Fähigkeit, Schlaf abzubilden. Aufgrund der Genauigkeit unserer Herzfrequenz- und Herzfrequenzvariabilitätssensoren können wir daraus Erkenntnisse ableiten, die es uns ermöglichen, Menschen effektiver zu trainieren. Ich denke, das sind die Punkte, an denen wir uns wirklich von der anderen unterscheiden.
Eines der Probleme von Fitness-Trackern ist nach wie vor, dass sie regelmäßig aufgeladen werden müssen.
Whoop hat den Vorteil, dass man es die ganze Zeit tragen kann. Eine Apple Watch Ultra kann man beispielsweise drei Tage lang anbehalten, aber irgendwann muss man sie abnehmen, um sie aufzuladen. Ein Whoop muss zwar auch aufgeladen werden, aber man muss ihn dabei nicht abnehmen. Man setzt den Akku auf das Gerät, während man es trägt – und wenn der Ladevorgang abgeschlossen ist, nimmt man ihn ab und kann ohne ihn weitermachen. So verpasst das Gerät keinen einzigen Herzschlag.
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Was ist der Vorteil daran, ständig Daten zu erhalten?
Smartwatches versuchen, zu viel auf einmal zu tun. Wenn sie beispielsweise eine Textnachricht erhalten oder eine E-Mail versenden, können sie nicht auch noch genaue Herzfrequenzdaten erfassen. So entstehen ständig Lücken mit fehlenden Daten. Und wenn es solche Lücken mit fehlenden Daten gibt, kann man die zwar mit Bayesscher Statistik auffüllen, aber im Allgemeinen sind diese Produkte deshalb weniger genau.
Auch wenn Sie laufen und das Gerät nichts anderes tut, als nur Daten zu sammeln, sehen wir anhand der unabhängigen Validierungsstudien, die wir durchführen lassen, dass sie immer noch relativ ungenau sind. Wenn Sie dann als Firma Ihre Algorithmen auf fehlende Hardwaredaten anwenden, erhöht dies die Ungenauigkeit weiter. Bei Whoop werden Daten rund um die Uhr erfasst. Wir sind nie offline, solange die Hardware aufgeladen ist und richtig getragen wird.
Es scheint, als seien die Innovationen im Bereich der Gesundheitssensoren zunächst gestoppt worden. Es gibt beispielsweise immer noch keine Blutzuckermessung oder Blutdrucküberwachung auf der Apple Watch. Auch Whoop bietet diese Funktionen bislang nicht. Warum dauert das alles so lange?
Ich denke, das liegt im Allgemeinen auch an regulatorischen Fragen. Das ist in den USA der Fall und, wie ich glaube, auch in Europa. Bei diesem Thema muss man bei einer möglichen Diagnose sehr vorsichtig sein. Wenn man sich also die Blutzucker- und Blutdruckdaten ansehen will, können diese derzeit nur Teil sogenannter Wellness-Produkte sein, die keine Medizingeräte darstellen. Um sie genauer zu machen, wird es knifflig. Ich glaube aber, dass die Sensortechnologie irgendwann so weit sein wird.
Whoop hat ein recht spezielles Geschäftsmodell. Sie verkaufen nicht wirklich Hardware, sondern Abonnements für Ihre Dienste, die die Hardware einschließen. Wie kam es dazu?
Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass wir eigentlich ein Daten- und Analyseunternehmen sind und keine Hardwarefirma. Ich denke, dass die meisten Tracker heutzutage über eine sehr ähnliche Sensortechnologie verfügen und dies nicht mehr wirklich das Unterscheidungsmerkmal ist, solange die Sensoren genau sind und sie rund um die Uhr genügend Daten erhalten.
Für uns geht es also mehr um die Softwarefunktionen, die wir anbieten können – und dafür zahlen die Nutzer. Ständig werden neue Features eingeführt. Unser oberstes Ziel ist es, sicherzustellen, dass wir uns mit der Wissenschaft fortentwickeln und den Menschen dabei helfen, ihre Gesundheit und ihr Leistungsniveau zu managen. Wir wollen als Unternehmen nicht einfach bei der früheren Version stehen bleiben.
Die Leute zahlen ihre Abogebühren also für unsere Forschung und die Arbeit, die unser Unternehmen täglich leistet, um unsere Coaching-Funktionen und Algorithmen weiterzuentwickeln. Whoop arbeitet mittlerweile ebenso als Stress-Monitor wie als Strain-Coach und wir wollen über die Daten in der Lage sein, die muskuloskelettale Belastung zu quantifizieren. Gleichzeitig versuchen wir, unser Schlaftracking ständig genauer zu machen. So können wir den Leuten ein viel detaillierteres Feedback geben.
Wie sich Verhalten auf Schlaf und Erholung auswirkt
Glauben Sie, dass die Sensoren, die wir jetzt haben, im Grunde ausreichen, um die meisten Ansprüche der Träger zu erfüllen?
Mit neuen oder besseren Sensoren könnten wir sicherlich noch mehr erreichen. Es wäre zum Beispiel schön, Stoffwechselprodukte tracken zu können und Informationen direkt aus dem Schweiß abzuleiten. In diesem Bereich wird viel geforscht. Ich glaube also, dass es noch viel Raum für die Weiterentwicklung der Sensoren gibt.
Whoop ist unter anderem darauf spezialisiert, Menschen bei der Erholungsphase nach dem Training zu helfen. Wie funktioniert das?
Unser Algorithmus erhält dazu vier Inputs: Herzfrequenz, Herzfrequenzvariabilität, Atemfrequenz und Schlafleistung. Das System errechnet daraus täglich eine Momentaufnahme davon, wie gut Sie an diesem Tag auf Stress reagieren und sich daran anpassen können. Es gibt eine Art Ampelfunktion, bei der Grün anzeigt, dass Sie wirklich fit sind, und Rot, dass Sie sich besser einen Ruhetag gönnen sollten. Gelb bedeutet, dass Sie zumindest etwas vorsichtiger sein sollten. Wir berechnen dies anhand einer persönlichen Baseline von ein paar Wochen.
Eine der Besonderheiten von Whoop ist, dass die App Nutzern anfangs sehr viele Fragen zu Gesundheit und Fitness stellt. Was ist die Idee dahinter?
All dies hilft uns, Sie besser zu verstehen. Ich verfolge beispielsweise meinen Menstruationszyklus in der App. Whoop kann mir dann sagen, wie sich mein Zyklus auf meine Erholungs- und Schlafmarker auswirkt. So kann ich mein Training, meine Ernährung und die möglichen Auswirkungen auf meinen Schlaf strategischer ausrichten.
Reisen ist eine weitere Sache, die unsere Biomarker wirklich beeinflussen kann, insbesondere wenn Sie Zeitzonen überqueren. Deshalb versuche ich immer, das in der App zu verfolgen. Auch die Flüssigkeitszufuhr wirkt sich auf die Erholungswerte aus. Ich trinke eigentlich keinen Alkohol mehr, aber wenn ich Alkohol trinken würde, würde ich das auf jeden Fall in der App verfolgen, nur um die Auswirkungen daraus zu sehen. Gleiches gilt, wenn ich ein neues Nahrungsergänzungsmittel einnehme.
Die Datenerfassung ist also für Leute gedacht, die verstehen wollen, wie sich ihre Verhaltensweisen auf die Schlaf- und Erholungsphasen auswirken können. Die Beantwortung dieser Fragen ist dazu wirklich interessant und nützlich. Wenn die Leute daran aber kein Interesse haben, lassen sie es einfach. Trotzdem kann man seine Daten mit Whoop tracken.
Sie fĂĽhren auch Experimente mit Ihren Mitgliedern durch, wenn diese daran teilnehmen wollen. Tragen die dazu bei, das System genauer zu machen?
Wir veranstalten dazu sogenannte Digital Whoop Labs. Wir senden unseren Mitgliedern dann einfach eine Push-Benachrichtigung mit einem Inhalt wie: "Hey, wir führen gerade eine Studie über Stress und Schlaf durch. Möchtest du daran teilnehmen?"
Im April haben wir beispielsweise eine Untersuchung über einen Zeitraum von etwa vier Wochen durchgeführt und verschiedene Fragen zu Ängsten und Schlafstörungen gestellt. Wir wollten wissen, wie die Nutzer ihren Tag empfanden, ob er sich herausfordernd anfühlte, und haben uns neben Blutdruckdaten auch die von Whoop gesammelten Daten angesehen. Wir konnten einige wirklich interessante Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen der Wahrnehmung eines Tages und den Auswirkungen auf Blutdruck und Schlaf gewinnen. Wir führen regelmäßig solche Forschungsvorhaben durch, um zu verstehen, welche Verhaltensweisen am wirksamsten sind, um Biomarker zu erzielen, die für gute Gesundheit und Langlebigkeit sprechen.
Die Herzfrequenzvariabilität (HRV) ist ein Wert, über den Whoop viel spricht. Im Vergleich zum Puls oder Blutdruck ist dieser Wert weniger bekannt. Woran liegt das und fehlt es hier an Aufklärung?
Ich habe die Herzfrequenzvariabilität schon vor meiner Tätigkeit bei Whoop im Sportbereich verwendet. Als ich Cheftrainerin an der Princeton University war, haben wir die HRV unter anderem eingesetzt, um zu verstehen, wie sich die Athleten erholten. Der Marker wird in der Leichtathletik seit fast zwei Jahrzehnten eingesetzt.
Die Herzfrequenzvariabilität kann auch ein guter Indikator dafür sein, wie man auf externen Stress reagiert. Und sie ist ein Marker für unser physiologisches und psychologisches Wohlbefinden. Es ist nicht nur für Sportler wirklich wichtig, dass ich weiß, ob sich meine Herzfrequenzvariabilität und mein Ruhepuls in die richtige Richtung bewegen. Ich möchte es lieber jetzt wissen, als in sechs Monaten, wenn ich mich dann möglicherweise in einer schlechten gesundheitlichen Lage befinde. Wir konnten auch zeigen, dass veränderte HRV-Werte ein Signal dafür sein können, dass man krank wird, zum Beispiel an COVID-19 – und das Wochen, bevor man es wirklich spürt.
Kann ein Fitness-Sensor zu viele Daten liefern? Viele Menschen sind gestresst, wenn sie die ganzen Werte nicht richtig interpretieren können.
Keine Frage, ja, es gibt dafür definitiv einen optimalen Bereich. Ich glaube auch, dass die Datenflut eine Menge unnötige Ängste erzeugen kann. Daher hilft es, Unnötiges wegzulassen. Das war schon immer mein persönliches Ethos. Als ich in Princeton trainierte, zeigte ich meinen Athleten nie Daten, die sie nicht auch für sich persönlich umsetzen konnten. Und das ist das Prinzip, das ich seit meiner Ankunft bei Whoop vor acht Jahren immer wieder betone: Wir sollten den Leuten keine Daten präsentieren, mit denen sie nichts für sich anfangen können. Wir arbeiten wirklich sehr, sehr hart daran, dieses Prinzip in unser Produkt zu integrieren. Wenn uns das gelingt, glaube ich, dass wir ein außerordentlich hilfreiches Produkt sein können – und kein schädliches. (bsc)