Neuerungen bei Apple 2011 – Der Mac App Store kommt
Das Apple-Jahr begann früh mit der Eröffnung des Mac App Store, der eine Flut an Software nach sich ziehen dürfte. Doch welche Produkte stehen sonst noch an? Mac & i fügt Puzzlesteine zusammen und wagt etwas Spekulation.
Der Jahresanfang dürfte in bestimmten Apple-Abteilungen hektisch ausfallen: Bis zum 31. Dezember 2010 konnten Entwickler ihre Anwendungen für den Mac App Store einreichen, dessen Eröffnung für den 6. Januar angesetzt ist und der damit der gerade anlaufenden Elektronikmesse Consumer Electronics Show etwas Aufmerksamkeit stibitzt.
Die erste Apple-Pressemeldung zu massiven Mac-App-Store-Downloadzahlen dürfte nicht allzu lange auf sich warten lassen und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die App-Store-Nachahmer bald folgen. Microsoft müsste eine eigene Plattform zum zentralen und bequemen Vertrieb von Windows-Software interessant genug erscheinen und Amazon könnte seinem immensen 1-Click-Kundenstamm ebenfalls Windows- oder Mac-Software als Bezahl-Download auftischen. Einen eigenen App-Laden für Android will der Versandhändler bereits in den kommenden Monaten eröffnen.
(Bild: Apple)
Die Anwendungen der Pakete iLife und iWork platzierte Apple prominent in Mac-App-Store-Screenshots. Künftig lassen sich also beispielsweise iPhoto oder Keynote auch einzeln erwerben. Der Preis für alle Programme scheint immer noch unter dem derzeitigen Paketpreis zu liegen. Interessant bleibt, ob Apple im weiteren Verlauf des Jahres auch die eigene Pro-Software über den Mac App Store anbietet – ein großes Update für das Final-Cut-Studio-Paket ist zweifellos in Arbeit. Dessen Neuvorstellung drängt sich rund um die Branchenkonferenz NAB auf, die Mitte April 2011 stattfindet.
OS X Lion und Macs
Snow-Leopard-Nutzer müssen den Mac App Store noch eigenständig herunterladen – die für Sommer 2011 angesetzte neue Mac-OS-X-Version 10.7 alias Lion bringt diesen bereits mit. Zehn Jahre nach der finalen Fassung von Mac OS X 10.0 Cheetah greift die siebte große Version von Mac OS X auf iOS-Elemente zurück und enthält neben dem Mac App Store auch ein Launchpad mit eigenen Ordnern zum zentralen Zugriff auf Anwendungen und systemweite Unterstützung einer Vollbildansicht von Programmen.
Es ist zu vermuten, dass sich weitere iOS-Interface-Anleihen in Lion finden: Die Bedienoberfläche der zu Mac OS X gehörenden E-Mail-Anwendung sowie von iCal dürfte sich beispielsweise ebenso wie ihre MobileMe-Web-Pendants deutlich an den iPad-Pendants Mail und Calendar orientieren.
Zur Flut an softwareseitigen Neuerungen rund um den Mac gesellt sich neue Hardware: MacBook und 13"-MacBook-Pro dürften in den kommenden Wochen oder Monaten den längst überfälligen Mikroarchitekturwechsel vollziehen, durch den sie den Core 2 Duo endgültig hinter sich lassen. Intel stellte die neue Sandy-Bridge-Prozessorgeneration inzwischen im Detail vor. Deren integrierte GPU soll ein Niveau erreicht haben, das Apple angeblich als ausreichend für die Einstiegsmodelle ansieht, die bislang auf die Nvidia GeForce 320M setzen. Für 15"- und 17"-MacBook-Pro bietet sich der zeitgleiche Umstieg auf die leistungsfähigeren Sandy-Bridge-Prozessoren ebenfalls an.
Vielleicht wagt Apple 2011 zudem einen weiteren Schnitt und verbannt das optische Laufwerk aus weiteren mobilen Rechnern – als Option würde das externe USB-Laufwerk verbleiben, welches das Unternehmen seit 2008 für das MacBook Air im Programm führt und dessen Preis sich jüngst leicht auf 80 Euro senkte. Ohne ein optisches Laufwerk könnten MacBook und MacBook Pro nochmals leicht dünner ausfallen, Platz für einen größeren Akku aufweisen oder eine SSD als schnelles Startlaufwerk mit einer großen und vergleichsweise günstigen Festplatte kombinieren – eine Lösung, die Kunden längst optional im iMac und Mac Pro wählen können.
Mit dem erst vor wenigen Wochen rundumerneuerten MacBook Air ließ Apple eine weitere Gelegenheit verstreichen, mobile Macs mit einem integrierten UMTS-Modul auszurüsten. Ob Apple von diesem Kurs abrückt, ist offen. 2008 erklärte Steve Jobs, dass Apple eine UMTS-Integration bei der ersten MacBook-Air-Generation in Betracht gezogen habe, sich aber aus Platzgründen dagegen entschied – auch wäre der Nutzer stets an bestimmte Netzbetreiber gebunden, so Jobs. Für einen Micro-SIM-Slot, wie er im iPhone 4 und iPad 3G steckt, sollte allerdings selbst das extrem dünne MacBook Air genug Platz aufweisen. So kann man weiterhin hoffen, dass Apple dieses Jahr ersten Macs UMTS-Anbindung gewährt, ohne dass diese auf einen externen USB-Stick oder Tethering zurückgreifen müssen.
Rund um die Jahresmitte könnten iMac, Mac mini und Mac Pro ebenfalls auf Sandy-Bridge-Prozessoren umsatteln, der Mac mini dürfte dann ebenso wie MacBook und 13"-MacBook-Pro die GeForce 320M gegen Intels "Prozessorgrafik" eintauschen. Als große Schnittstellen-Entscheidung stehen Light Peak und USB 3.0 im Raum, beides vermutlich stark von Intel abhängig. Sollte der Prozessorhersteller sein Gewicht hinter USB 3.0 legen, dürfte auch Apple mitziehen.
Neues iOS und iPad 2
Möglicherweise ergänzt Apple schon im Januar den iOS-App-Store um eine weitere Bezahlfunktion, über die Verlage ihre Zeitungen und Zeitschriften als Abonnement anbieten können, das sich bis zur Kündigung automatisch fortsetzt. Zusätzlich feilt Apple angeblich an einer technischen Lösung, die es Nachrichten-Apps erlauben würde, neue Inhalte automatisiert im Hintergrund nachzuladen. Beim Öffnen der App stünden dann neue Inhalte unmittelbar zum Lesen bereit, man müsste diese nicht erst zeitraubend herunterladen. iOS 4.3 könnte die technische Grundlage für diese Neuerungen stellen.
(Bild: Macotakara)
Die zweite iPad-Generation sollte spätestens im April erscheinen und dürfte, wenn voreilige Hüllenhersteller erneut richtig liegen, das abgerundete Gehäuse gegen eine flachere Rückseite eintauschen, die der vierten iPod-touch-Generation nachempfunden ist. Dadurch dürfte das iPad 2 etwas dünner und leichter ausfallen. Als hauptsächliche Hardware-Neuerungen schweben ein bis zwei Kamera-Module im Raum, die für FaceTime-Unterstützung sorgen würden. Auch der iPad-Lautsprecher scheint einer weitreichenden Überarbeitung unterzogen zu werden, zumindest zeigen die angeblich für das iPad 2 gedachten Hüllen eine deutlich größere Aussparung an der Position des Lautsprechers. Eine höhere Bildschirmauflösung würde sich anbieten, allerdings dürfte diese kaum in Regionen spielen, die den Marketingterminus "Retina Display" rechtfertigen würden, der das 326-dpi-Display des iPhone 4 und der vierten iPod-touch-Generation beschreibt. Auf der Hand liegt auch die deutliche Erweiterung des Arbeitsspeichers auf 512 MByte oder 1 GByte – die erste iPad-Generation ist durch ihre spärlichen 256 MByte RAM deutlich eingeschränkt, so muss die mobile Safari-Variante beispielsweise beim Wechsel zwischen geöffneten Seiten diese häufig neu laden.
In den vergangenen drei Jahren nutzte Apple stets den März, um einen Ausblick auf die nächsthöhere iOS-Version zu geben. In diesem Zeitraum ist auch 2011 mit ersten Informationen über iOS 5 zu rechnen. Verbesserungspotenzial schlummert an vielen Ecken, allen voran beim vernachlässigten Benachrichtigungssystem, das neue Nachrichten als lästigen Dialog einblendet, der jeweils Nutzerinteraktion erzwingt und das bei zahlreichen Benachrichtigungen unmittelbar kapituliert – diese landen höchstens noch als unscheinbare Zahl im App-Icon. Immerhin stieß Anfang vergangenen Jahres der für das praktische Benachrichtigungsssystem in Palms webOS verantwortliche Entwickler zu Apple, was Hoffnung auf baldige Besserung nährt. Ein weitreichend überarbeitetes oder gar komplett erneuertes Benachrichtigungssystem könnte auch den bislang statischen und weitestgehend informationsfreien iOS-Lock-Screen erweitern, zum Beispiel um die Anzeige neuer E-Mails oder eine Termin-Übersicht. Apples Stellengesuche und Firmenaufkäufe deuten auch auf eine ausgedehnte Sprachsteuerung in künftigen iOS-Versionen hin.
Weitestgehend vernachlässigt blieb zuletzt auch die auf Googles Kartenmaterial zurückgreifende Karten-App des iPhones, die im Vergleich mit der Android-Version von Google Maps veraltet ist und zudem keine geleitete Navigation bietet. Apple verstärkt seine Expertise in diesem Bereich seit längerem kontinuierlich durch die Übernahme kleiner Firmen und das Einstellen von Entwicklern mit entsprechendem Hintergrundwissen – ob der iPhone-Hersteller aber tatsächlich im Stil von Google und Nokia eine hauseigene kostenlose Navigationsanwendung plant, bleibt abzuwarten. Apples Geo-Team wächst jedenfalls und weitreichende Neuerungen sollten mindestens in der Karten-App von iOS 5 unterkommen.
iPhone 5 und Apple TV
Das nächste neue iPhone-Modell erwarten wir wieder zur Jahresmitte, aber möglicherweise bringt Apple schon im Februar ein iPhone 4 mit CDMA-Unterstützung auf den Markt, das der große US-Mobilfunkanbieter Verizon ins Programm nimmt. Damit würde zugleich im Kernmarkt des iPhones die Exklusivbindung an den Netzbetreiber AT&T enden, dessen Netz in Ballungszentren seit Monaten stark überlastet ist. Für Europäer bleibt dieses Modell weitestgehend irrelevant, aber sowohl in Asien wie Lateinamerika sollten sich weitere Länder finden, die an einem CDMA-iPhone interessiert sind. Bei dieser Gelegenheit könnte auch das weiße iPhone 4 herauskommen, sollte Apple dieses nach mehrfacher Verschiebung des Verkaufsstarts nicht längst insgeheim verworfen haben.
Die anschließende fünfte iPhone-Generation mag eher moderate Änderungen aufweisen. Allein aus PR-Gründen ist zu vermuten, dass Apple das Antennendesign ändert und die außenliegenden Kontaktstellen entfernt, um jegliche erneute Diskussion um schwindende Signalstärken weiträumig zu umfahren. Eine LTE-Unterstützung scheint verfrüht. Erheblich plausibler ist, dass die fünfte iPhone-Generation höhere HSDPA- und HSUPA-Geschwindigkeiten unterstützt, die inzwischen bei etlichen Netzbetreibern (theoretisch) bereitstehen – das iPhone 4 ist auf 7,2 MBit/s im Download und 1,45 MBit/s im Upload begrenzt. Kleinere Modifikationen könnte Apple auch an der Kamera und insbesondere dem Blitz vornehmen, der sich bislang auf eine LED-Lampe beschränkt.
Da Google mit dem Nexus S vorpreschte und Apple sich seit Jahren ebenfalls in Patentanträgen mit Einsatzmöglichkeiten für Near-Field-Communication (NFC) auseinandersetzt, bietet sich die Integration eines NFC-Chips in der fünften iPhone-Generation als große Hardware-Neuerung an. Die noch weitestgehend fehlende Bezahlinfrastruktur könnte Apple durch die Möglichkeit ankurbeln, in den eigenen Ladengeschäften per iPhone zu bezahlen. Ein großer Partner wie Starbucks, der iPhones ebenfalls als Zahlungsmittel akzeptiert, könnte die Verbreitung von NFC-Bezahlgelegenheiten ebenfalls deutlich beschleunigen.
(Bild: Big Bucket Software)
Mit neuer iOS-Basis bietet sich die Erweiterung des Apple TV durch Apps an, auch wenn ein Apple-TV-App-Store derzeit nicht allzu nahe erscheint. Doch könnte Apple selektiv Apps oder Erweiterungen von Inhalteanbietern auf das Apple TV lassen, so wie der US-Streamingdienst beispielsweise schon von Haus aus integriert wurde. Ein großes Potenzial hätten zweifellos auch iOS-Spiele, die allerdings jeweils als Fernsteuerung oder Joypad ein iPhone, iPad oder einen iPod touch zwingend voraussetzen würden. Entsprechende Entwicklerbestrebungen gibt es längst außerhalb des Apple TV, so lassen sich die iPad-Versionen von Chopper 2 und The Incident per iPhone drahtlos fernsteuern und damit letztlich auch auf einem Fernseher spielen, wenn man das iPad mit diesem verbindet. Einige der Spiele, die im Mac App Store landen, setzen ebenfalls auf ein iOS-Gerät als Controller.
iTunes-Streaming, Cloud-Dienste und iPods
Während Apple bei Filmen schnell einsah, dass ein Mietangebot verlockender ausfällt als der Kauf einer digitalen Fassung, die in vielen Fällen ohne mehrere Tonspuren oder Extras auskommen muss (und auch nicht weiterverkauft werden kann), blieb Musik im iTunes Store bislang dem ursprünglichen Kauf-Modell verhaftet. Die Gerüchte rund um ein Streamingangebot zirkulieren schon lange, doch seit dem Aufkauf des Musikdienstes Lala.com vor gut einem Jahr erscheint ein derartiger Ausbau des iTunes-Musikangebotes deutlich wahrscheinlicher. Apple könnte dem Lala-Modell folgen und Kunden die Möglichkeit bieten, ihre gesamte Musik auf Apples Server zu verlagern, um dann wiederum auf diese überall zurückgreifen zu können. Alternativ wäre es möglich, dass Apple auf das klassische Abomodell setzt und gegen einen festen monatlichen Betrag einen Streamingzugriff auf den riesigen Musikkatalog des iTunes Store erlaubt, der natürlich auch von iOS-Geräten aus funktionierte.
Gerade einhergehend mit der Option, Videos und Musik durch ein umfassendes Streamingangebot nicht mehr lokal auf einem iOS-Gerät lagern zu müssen (oder zumindest nur noch selten komplett zu synchronisieren), sollte sich iOS schrittweise von seiner iTunes-Abhängigkeit trennen. Die zweite Apple-TV-Generation löste sich bereits weitestgehend von der verkabelten iTunes-Bindung und vermag sich sowohl selbst zu aktivieren wie zu aktualisieren – eine Fähigkeit, die bislang allen anderen iOS-Geräten abgeht.
Zum drahtlosen Abgleich von Kontakten, Terminen, Fotos, Podcasts, Musik und Videos sollte vor allem auch der draht- und nahtlose Austausch und Abgleich von Dokumenten stoßen, der derzeit meist nur umständlich über die Dateifreigabe in iTunes zu bewerkstelligen ist. Die derzeitige iDisk-Anbindung von iWork auf dem iPad ist nur wenig hilfreich und taugt zur Synchronisation gar nicht. Ebenso wäre es für Spielstände und weitere Daten, die iOS-Apps zunehmend lokal ablegen (und beim Löschen der App gleichzeitig mit entfernen) extrem wichtig, diese selektiv sichern sowie abgleichen zu können – idealerweise drahtlos.
Weitere MobileMe-Dienste könnte Apple deshalb schrittweise kostenlos oder werbefinanziert anbieten – mit iAd betreibt das Unternehmen schließlich eine HTML5- und CSS-basierte Werbeplattform, die sich weitestgehend problemlos im Kontext von Web-Anwendungen einsetzen ließe.
Im Herbst steht traditionell die Erneuerung der iPod-Reihe an, die mit Ausnahme des iPod touch aber an Bedeutung verliert. Den iPod touch könnte Apple in einem mutigen Schritt an das iPad-Modell anlehnen und zusätzlich zur bekannten WLAN-Version auch zu einem höheren Preis mit UMTS-Modul und GPS anbieten – seiner Beschreibung als "iPhone ohne Telefon" käme dieser damit zweifellos näher.
So scheint Apple im laufenden Jahr das Augenmerk auf Software und cloud-basierte Dienste zu legen: iOS und Mac OS X werden weitreichend erneuert und das Dienste-Angebot rund um die Apple-Hardware stark ausgebaut. Der Eintritt in ein weiteres Marktsegment durch komplett neue Hardware erscheint hingegen für 2011 wenig wahrscheinlich, doch hält das Unternehmen gerne kleinere Hardware-Überraschungen parat. (lbe)