Warum fehlender Fischkot die Kohlenstoff-Bindung im Ozean gefÀhrdet
Hochseefischerei.
(Bild: Paul Einerhand / Unsplash)
Weniger Fischkot durch Ăberfischung hat ebenso starke Auswirkungen auf den Kohlenstoffkreislauf der Meere wie die bekannten Effekte des Klimawandels.
Fische sind eine wichtige GröĂe in den bio- und geochemischen KreislĂ€ufen der Ozeane â auch ihre Leichen und Exkremente. Mit der Nahrung nehmen Fische groĂe Mengen Kohlenstoff aus dem Wasser auf und scheiden ihn im Kot wieder aus. Die Exkremente und auch Fischleichen sinken im Meer nach unten, und was auf dem Weg zum Meeresboden nicht gefressen wird, versinkt im Schlamm. Mit einer Geschwindigkeit von bis zu einem Kilometer pro Tag erreicht diese Biomasse schneller den Meeresgrund als andere, kleinere Partikel. So wird auf dem Weg nach unten weniger davon abgebaut und die Brocken aus dem Fischdarm werden ein entscheidender Beitrag bei der Speicherung von Kohlenstoff, der bis zu 600 Jahre im Meeresboden eingeschlossen bleibt â und somit nicht als COâ in die AtmosphĂ€re gelangt.
Welch groĂe Auswirkungen die Menge an Fisch-Ausscheidungen auf die Kohlenstoffsenke im Meer hat, verdeutlicht jetzt eine Untersuchung eines internationalen Teams um den Biologen Daniele Bianchi [1] von der University of California, Los Angeles. Sie haben die reduzierte Fischkot-Biomasse unter dem Einfluss der industriellen Fischerei betrachtet [2]. Damit lĂ€sst sich erstmals der biogeochemische Kreislauf in den Ozeanen besser nachvollziehen.
Die Biologen haben zunĂ€chst aus historischen Quellen und DNA-Spuren im Meeresboden ermittelt, wie viele Fische vor der industrialisierten Fischerei, zu den Beginn des 20. Jahrhunderts, im Meer schwammen â die Fangmengen sind fĂŒr wichtige Arten wie Kabeljau und Thunfisch dokumentiert und molekulare Spuren im Meeresboden lassen sich noch nach Jahrzehnten nachweisen. Auf dieser Basis haben sie die Biomasse der befischten und nicht-befischten Arten rekonstruiert. Durch den Abgleich mit anderen SchĂ€tzungen kamen sie auf 3,3 Gigatonnen Fische zwischen 10 Gramm und 100 Kilogramm Gewicht, die zu der Zeit in den Meeren lebten. Ihre Ergebnisse bestĂ€tigen bereits vorliegende Studien wie die des Fischereistatistikers Daniel Pauly: Seit dem Anfang der industrialisierten Fischerei bis zu den gröĂten Fangmengen in den 1990er Jahren hat sich die Fisch-Biomasse halbiert [3].
Fische als Teil Kohlenstoff-Pumpe und des Kohlenstoffkreislaufs
Mittlerweile haben viele Forschungsgruppen die globalen Prozesse des Kohlenstoffkreislaufs in den Ozeanen analysiert und quantifiziert: Die Ozeane speichern etwa 50 Prozent des von Menschen verursachten Kohlendioxids und pumpen es bis in den Tiefseeboden. Dabei unterscheidet man zweierlei Pumpen: die physikalische Kohlenstoffpumpe, die CO2 im Meerwasser löst und ĂŒber Strömungen in die Tiefe transportiert, und die biologische Kohlenstoffpumpe, bei der Lebewesen den Kohlenstoff aufnehmen und transportieren [4].
Bisherige Modelle der biologischen Pumpe berĂŒcksichtigen vor allem die Myriaden der Bakterien und des Planktons. Bianchis Modell stellt erstmals die ZusammenhĂ€nge der Fisch-Biomasse, ihres Stoffwechsels und der Kot-Produktion dar. Damit lĂ€sst sich nun der Einfluss der Fischerei auf die bio- und geochemischen KreislĂ€ufe im Meer besser nachvollziehen.
Fische fressen meist an der nahrungsreichen MeeresoberflÀche, wo das photosynthetisch aktive Phytoplankton CO2 in Biomasse umwandelt. Der Fischkot transportiert den aufgenommenen Kohlenstoff von der OberflÀche in die Tiefe. Unterhalb von 1000 Metern wird Kohlenstoff sequestriert, nach dem neuen Modell machen FischfÀkalien dabei 10 Prozent aus. Ohne diese biologische Pumpe lÀge die CO2-Konzentration in der AtmosphÀre schÀtzungsweise 150 bis 200 parts per million (ppm) höher. Zum Vergleich: um 1800 lag die Konzentration bei 280 ppm [6], 2020 errechnete man einen Wert von 412,5 ppm [7].
Fischkot sorgt fĂŒr besseres Klima
Nach SchĂ€tzungen der Forscher konsumierten die FischbestĂ€nde rund zwei Prozent der globalen PrimĂ€rproduktion, produzierten aber zehn Prozent des biologischen Materials, das in Form von Exkrementen auf den Meeresgrund sank und dort fĂŒr Jahrhunderte gespeichert wurde. Mit der Halbierung der FischbestĂ€nde hat sich auch ihr Koteintrag signifikant reduziert, damit ist eine bedeutende Kohlenstoffsenke erheblich geschrumpft.
Auch wenn die Biomasse von Meeresfischen und ihrer FĂ€kalien SchĂ€tzwerte sind, hat das neue Modell eine klare Aussage: Im Fischkot sind gewaltige Mengen Kohlenstoff fĂŒr viele Jahrhunderte oder sogar lĂ€nger gebunden. "Die Zahlen des Modells deuten darauf hin, dass die Auswirkungen der industriellen Fischerei auf den Kohlenstoffkreislauf der Ozeane in ihrer GröĂenordnung mit den Effekten des Klimawandels auf den Kohlenstoffgehalt der Ozeane vergleichbar sindâ, erklĂ€rte Bianchi gegenĂŒber New Scientist. [8]
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"Die neue Studie belegt bereits bekannte VorgĂ€nge erstmals mit Zahlenâ, meint der deutsche Meeresbiologe und Fischexperte Rainer Froese vom Helmholtz-Zentrum fĂŒr Ozeanforschung Kiel [10], der nicht an der Studie beteiligt war. "Ăberfischung schadet nicht nur den BestĂ€nden, Ăkosystemen, Fischereien und Konsumenten, sondern verschĂ€rft auch die Auswirkungen des Klimawandels. Ein vorlĂ€ufiges Ăkosystemmodel des GEOMAR fĂŒr die westliche Ostsee bestĂ€tigt, dass eine nachhaltige Fischerei mit entsprechend gröĂeren Biomassen zu deutlich mehr Ablagerung von Kohlenstoff am Boden beitrĂ€gt als die gegenwĂ€rtige Ăberfischung."
Darum wird es Zeit, Fische nicht nur als Nahrung zu betrachten, sondern sie und ihre Stoffwechselprodukte als wichtige GröĂe im GefĂŒge der bio- und geochemischen KreislĂ€ufe in den Ozeanen zu verstehen.
(jle [11])
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Links in diesem Artikel:
[1] https://atmos.ucla.edu/people/faculty/daniele-bianchi
[2] https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.abd7554
[3] https://www.nature.com/articles/ncomms10244/
[4] https://www.springer.com/gp/book/9783540423980
[5] https://www.heise.de/
[6] https://www.ipcc.ch/site/assets/uploads/2018/02/TAR-03.pdf
[7] https://research.noaa.gov/article/ArtMID/587/ArticleID/2742/Despite-pandemic-shutdowns-carbon-dioxide-and-methane-surged-in-2020
[8] https://www.newscientist.com/article/2293190-a-lack-of-fish-faeces-is-changing-the-flow-of-carbon-in-the-ocean/
[9] https://shop.heise.de/technology-review-07-2021/Print?wt_mc=intern.shop.shop.tr_2107.dos.textlink.textlink
[10] https://www.geomar.de/rfroese
[11] mailto:jle@heise.de
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