Tech-Events in Corona-Zeiten: "Wir befinden uns alle in einem Lernprozess"
Nach einem Sommer ohne Events hat es die IFA als erste GroĂźveranstaltung wieder mit Publikum versucht. Das Hybridformat wird zum Modell fĂĽr die ganze Branche.
Unendliche Weiten: Pressebereich auf der IFA 2020.
(Bild: Ulrike Kuhlmann/c't)
Die IFA 2020 war eine besondere: Wegen der globalen Coronavirus-Pandemie fand die Berliner Messe für Unterhaltungselektronik und Haushaltsgeräte stark verkleinert und teils digital statt. Die paar Aussteller, die tatsächlich vor Ort waren, passten in eine Halle – in normalen Jahren ist die IFA längst über das Berliner Messegelände hinausgewachsen und zieht fast 250.000 Besucher an. Pressekonferenzen und Vorträge wurden live ins Internet gestreamt. Die "IFA Special Edition" war ein Experiment, das in der Branche genau beobachtet wird.
Nichts ist mehr wie vorher
Das Coronavirus hat die Veranstaltungsbranche hart getroffen. Das amerikanische Pendant der IFA, die CES, hat im Januar noch normal stattgefunden. Danach war nichts mehr wie vorher. Das Virus breitete sich auch in Europa und den USA aus. Der Mobilfunkverband GSMA sah sich gezwungen, den MWC Barcelona abzublasen. Dass die MWC-Veranstalter dafür in Spanien scharf kritisiert wurden, ist rückblickend umso unverständlicher. Man muss der GSMA attestieren, eine zu diesem Zeitpunkt sehr schwere Entscheidung richtig getroffen zu haben.
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Danach war Lockdown. Die anderen Messen und Konferenz hatten es leichter: Autosalon, Angacom, Cloudfest, Computex, E3, Fiberdays, Gamescom, Google I/O, Hannover Messe, IETF, re:publica, South by Southwest, Twenty2X, – alle abgesagt. Während einige Veranstalter zunächst noch hofften, die Events um ein paar Monate zu verschieben würde reichen, folgte dann doch die Absage, als auch den letzten Optimisten dämmerte, dass diese Pandemie nicht so schnell vorübergehen wird. Es war ein langer Sommer ohne die üblichen Tech-Events.
Stream statt Sitzungssaal
Viele Veranstalter setzen stattdessen auf digitale Events: Live-Streams von Vorträgen und Konferenzpanels. Die Besucher von Messen und Konferenzen haben sich längst an Tools wie Teams und Zoom gewöhnt. Die Software wird zum Fenster in die Welt. Das persönliche Networking, immer ein wichtiger Faktor auf Branchentreffen, fällt unter den Tisch. Auch entfällt die für Journalisten wichtige Möglichkeit, neue Produkte direkt ausprobieren zu können. Trotzdem werden diese digitalen Formate angenommen.
Die IFA war die erste Großmesse, die zumindest ein paar Besucher aufs Gelände lassen wollte, und stand damit unter verschärfter Beobachtung. Die Messe Berlin ist ins kalte Wasser gesprungen und dabei nass geworden, die Bilanz fällt gemischt aus. "Die IFA 2020 Special Edition hat uns die beeindruckende Kraft von Innovation demonstriert", freut sich Christian Göke, CEO der Berliner Messegesellschaft. "Sie hat uns dabei auch gezeigt, dass die Welt diese persönlichen Begegnungen zwischen Industrie, Handel, Verbrauchern und Medien braucht."
Für die Medien gab es nicht genug zu sehen. Dass die großen Neuigkeiten fehlten, lag auch an Huawei: Der chinesische Hersteller nutzt die IFA traditionell, um seinen neuen Spitzen-Chipsatz für Smartphones vorzustellen. Das fiel in diesem Jahr aus, weil Huawei wegen der US-Sanktionen keine Chips mit US-Technik mehr entwickeln kann. Immerhin sind die Aussteller einigermaßen glücklich, das Ordergeschäft scheint trotz Corona zufriedenstellend gelaufen sein. Und darum geht es bei so einer Messe schließlich, das gerät bei dem ganzen Gebimmel für Publikum und Journalisten gerne mal aus dem Blick.
Die Branche richtet den Blick nach vorne. In den kommenden Monaten wird sich entscheiden, ob es ein "back to normal" geben wird. Der amerikanische Verband der Elektronikbranche (CTA) will die CES im Januar sicherheitshalber nur als Digitalveranstaltung durchführen. "Angesichts der weltweit gewachsenen Gesundheitsrisiken ist es schlicht nicht möglich, Anfang Januar 2021 zehntausende Menschen sicher in Las Vegas zu versammeln", erklärte CTA-Chef Gary Shapiro. Gerade hat die CTA den Termin der digitalen CES bekannt gegeben (11. bis 14. Januar 2021), Verizon-CEO Hans Vestberg wird die Eröffnungs-Keynote halten.
Andere setzen auf Hybridformate, die online und vor Ort stattfinden sollen. Der Web Summit in Lissabon, mit zuletzt 70.000 Teilnehmern eine der größten Tech-Konferenzen der Welt, wurde von November auf Anfang Dezember verschoben. Noch planen die Veranstalter zweigleisig: "Es wird wahrscheinlich eine kleinere Veranstaltung vor Ort geben", sagt Web-Summit-CEO Paddy Cosgrave im Gespräch mit heise online. "Die Entscheidung treffen wir im Oktober. Dabei werden wir uns natürlich strikt an die Vorgaben der portugiesischen Regierung halten." Update: Inzwischen wurde entschieden, dass der Web Summit 2020 nur online stattfinden wird.
Es geht um sehr viel Geld
(Bild:Â Sam Barnes/Web Summit)
Auch die GSMA will den MWC 2021 zumindest teilweise in Barcelona stattfinden lassen. "Wir planen mutig, aber auch vorsichtig für eine Vor-Ort-Veranstaltung im März", erklärt ein Sprecher. Der Verband hat in diesem Jahr bereits Erfahrungen mit kleineren, virtuellen Events gesammelt. "Aufgrund des Erfolgs dieser Veranstaltungen und im Hinblick auf die globalen Bedingungen bereiten wir uns auch darauf vor, Teile des MWC Barcelona 2021 zu virtualisieren." Im Herbst wird entschieden, wie der MWC stattfinden soll. Update: Inzwischen hat die GSMA den MWC in den Sommer 2021 verschoben.
Keine leichte Entscheidung
Es sind keine leichten Entscheidungen, denn Riesen-Events wie der Web Summit und der MWC sind ein erheblicher Wirtschaftsfaktor für die Region, in der sie stattfinden. Portugal investiert viel, um dem Web Summit in Lissabon zu halten und weiterzuentwickeln, über 100 Millionen Euro über zehn Jahre. Die GSMA beziffert die Wertschöpfung des MWC für die regionale Wirtschaft auf über 450 Millionen Euro, beim Web Summit sollen es 300 Millionen sein.
Ebenfalls im März plant der Bundesverband Breitbandkommunikation (Breko) seine Glasfasermesse Fiberdays als Präsenzmesse. "Wenn es das Infektionsgeschehen zulässt", sagt Sven Knapp, Berliner Büroleiter des Breko. "Oberste Priorität hat die Gesundheit der Teilnehmer und Aussteller." Der Verband plant "zweigleisig": Die mit der virtuellen "Fiberweek" vom 12. bis 16. Oktober gemachten Erfahrungen fließen in die Planung für die Fiberdays21 ein. Ob die dann ein hybrides oder rein digitales Event werden, soll "rechtzeitig vor der Messe im März" entschieden werden.
Die Veranstalter bewegen sich auf ungewohntem Terrain: Ob groß oder klein, in kürzester Zeit müssen sie eine Plattform für virtuelle Events entwickeln. Die Messe Berlin hat in wenigen Monaten einen "Xtended Space" für die IFA aus dem Boden gestampft, auf dem sich virtuelle Messebesucher alle Veranstaltungen anschauen und miteinander kommunizieren können. Auch der Breko muss sich plötzlich um Softwareentwicklung kümmern. "Wir befinden uns aktuell alle in einem Lernprozess", sagt Knapp.
Feuerprobe bestanden
Das Team des Web Summit hat seine Feuerprobe schon hinter sich. Die Schwesterkonferenz Collision, zu der im vergangenen Jahr 25.000 Besucher nach Toronto kamen, fand im Juni schon rein digital statt. In drei Monaten hat das Team dafür eine Plattform gebaut. "Dabei kommt uns zugute, dass wir früher ein Softwareunternehmen waren", sagt Cosgrave. "Der größte Teil unseres Teams sind Entwickler, wir nutzen unsere eigene Software für unsere Veranstaltungen."
Mit der selbstgebauten Konferenz-App hebt sich der Web Summit aus dem Konferenzumfeld heraus. Die Web-Summit-App ist zentraler Bestandteil des Konzeptes. "Netzwerken ist der Kern unseres Produkts", erklärt Cosgrave. Die App hilft dabei vor allem kleinen Ausstellern und dem normalen Besucher, auch wahrgenommen zu werden und Gesprächspartner zu finden. Für Collision und Web Summit wird die App mit einer Online-Plattform verknüpft, auf der die Vorträge und Panels gestreamt werden.
Old School
Einen positiven Effekt hat die Digitalisierung: Die großen Veranstaltungen werden auf einmal für neue Zielgruppen interessant. "Wir hatten mehr Teilnehmer aus Regionen, die sich sonst eine Teilnahme nicht leisten können", erzählt Cosgrave. Der Web-Summit-Gründer glaubt deshalb, dass digital bleibt: "Vielleicht kehren ein paar old-school Handelsmessen zur alten Normalität zurück, aber die meisten Events in Zukunft werden auch digital sein."
Aber ein bisschen Old-School muss offenbar schon sein. Die IFA-Organisatoren berichten von gesteigertem Interesse an der IFA 2021. Mehr als 60 Prozent der Ausstellungsfläche sind schon gebucht, teilt die Messe Berlin mit. "Das ist ein neuer Rekord", sagt IFA-Chef Jens Heithecker. "Noch nie zuvor hatten wir so früh, so weit vor Beginn der IFA, ein so großes Interesse."
(vbr)