So könnten Transmänner Kinder bekommen
Befruchtung einer weiblichen Eizelle im Labor.
(Bild: Waltraud Grubitzsch)
Mit einer neuen Technik können Eizellen von transgender Männern selbst nach jahrelanger Testosteron-Therapie im Labor reifen und befruchtet werden.
Eierstöcke enthalten Hunderttausende von unreifen Eizellen. Jeden Monat reift eine von ihnen heran. Wird sie von einem Spermium befruchtet, entsteht ein Embryo. Nun ist es einem Team um die Reproduktionsbiologin Evelyn Telfer von der Universität Edinburgh zum ersten Mal gelungen, unreife Eizellen aus den Eierstöcken von transgender Männern im Labor bis zur Befruchtungsreife entwickeln zu lassen.
Die Ergebnisse legen zudem nahe, dass sich lebensfähige Eizellen selbst nach jahrelanger Testosteron-Therapie gewinnen lassen, die einen Eisprung normalerweise verhindert. Das könnte transgender Männern mit Kinderwunsch ermöglichen, ihre geschlechtsangleichende medizinische Versorgung nicht unterbrechen zu müssen.
Telfer stellte ihre Ergebnisse, die noch nicht von Fachkollegen geprüft wurden, im März auf der Jahrestagung der "Society for Reproductive Investigation" in Denver vor. "Das ist eine sehr spannende Arbeit und wird ein wichtiger Fortschritt sein, der möglicherweise vielen Patienten helfen kann", sagt Samir Babayev, der als Reproduktionsendokrinologe an der Mayo Clinic in Rochester im Bundesstaat Minnesota arbeitet und nicht an der Forschung beteiligt war.
Möglichkeiten für transgender Männer
Transgender Männern wurde bei ihrer Geburt das weibliche Geschlecht zugeordnet, ihre Geschlechtsidentität ist männlich. Manche von ihnen unterziehen sich einer Behandlung mit dem Hormon Testosteron, um männlichere Züge wie Gesichts- und Körperbehaarung und eine tiefere Stimme zu entwickeln. Der Verlauf der Behandlung ist unterschiedlich und hängt von den eigenen Präferenzen und dem Alter ab, in dem die geschlechtsangleichende medizinische Behandlung begonnen wurde.
Für Menschen, die sich für eine solche Behandlung entscheiden, aber dennoch die Möglichkeit haben möchten, eines Tages biologische Kinder zu bekommen, gibt es eine Reihe von Möglichkeiten. Erwachsene können zum Beispiel ihre Eizellen einfrieren lassen [1]. Dazu ist es jedoch in der Regel erforderlich, die Testosteronbehandlung abzubrechen und die Rückkehr des Menstruationszyklus zuzulassen, was Monate dauern kann.
Mit Hilfe von Hormonpräparaten werden die Eierstöcke zur Freisetzung mehrerer reifer Eizellen angeregt, die dann bei einem chirurgischen Eingriff mithilfe von Vaginalsonden entnommen werden. Der Eingriff kann für transgender Männer besonders belastend sein, sagt Babayev. Darüber hinaus kann eine monatelange Unterbrechung der Testosteron-Therapie zu Müdigkeit, Stimmungsschwankungen und Schlafproblemen führen. Viele transgender Männer würden sich wünschen, ohne solche Belastungen eine Familie gründen zu können, sagt D. Ojeda, Senior National Organizer am National Center for Transgender Equality in der US-Hauptstadt Washington.
Noch eingeschränkter sind die Möglichkeiten für junge Menschen, die noch vor dem Eintritt in die Pubertät mit einer geschlechtsangleichenden medizinischen Behandlung beginnen wollen. Das bedeutet nämlich zum Beispiel, dass sie keine Eizellen einfrieren lassen können, weil sie noch keinen Eisprung haben. Sie könnten sich nur dafür entscheiden, einen Teil oder alle Eierstöcke entfernen und einfrieren zu lassen. In diesem Fall könnte das Gewebe theoretisch später reimplantiert werden, aber nur wenige trans Männer würden sich für dieses Verfahren entscheiden, weil es den Östrogenspiegel im Körper erhöhen würde, sagt der Reproduktionsonkologe Kenny Rodriguez-Wallberg vom Karolinska-Institut in Schweden.
Eizellen im Labor heranreifen lassen
Die Alternative, an der Telfer und ihre Kollegen arbeiten, besteht nun darin, Eizellen aus den Eierstöcken zu entnehmen und sie im Labor heranreifen zu lassen. Das Team hat bereits erste Erfolge mit Eizellen von Frauen erzielt. Es war allerdings unklar, ob es auch möglich wäre, Eizellen von Menschen auf dieselbe Weise heranreifen zu lassen, die bereits eine geschlechtsangleichende medizinische Behandlung erhalten haben.
Um herauszufinden, wie sich die Testosteron-Therapie auf die Eierstöcke auswirkt – worüber unter Medizinern Uneinigkeit herrscht – schloss sich Telfer mit zwei Kliniken für Geschlechtsangleichung im Vereinigten Königreich zusammen. Sie fragten transgender Männer, die Testosteron eingenommen hatten und sich chirurgisch ihre Eierstöcke entfernen ließen, ob sie diese der Forschung spenden würden. Insgesamt spendeten vier Personen acht Eierstöcke.
Das Team verglich Teile dieser Eierstöcke mit acht Eierstock-Streifen, die Frauen ähnlichen Alters nach einem Kaiserschnitt gespendet hatten. Die Eierstöcke von transgender Männern unterschieden sich in der Tat, indem sie mehr Kollagen und weniger Elastin enthielten, was das Gewebe steifer macht. Das könnte es den Follikeln erschweren zu wachsen und reife, befruchtungsbereite Eizellen freizusetzen.
Forschung am Reifeprozess der Eizellen
Telfer und ihre Kollegen untersuchten darüber hinaus auch 4.526 Eifollikel aus Teilen der acht testosteronexponierten Eierstöcken. Etwa 94 Prozent der Follikel daraus wuchsen nicht weiter. Der entsprechende Anteil bei Eierstöcken von Frauen, die kein Testosteron eingenommen hatten, betrug 85 Prozent.
Anschließend versuchte das Forscherteam, Eizellen aus den Eierstöcken der trans Männer reifen zu lassen. Bei dieser Methode wird das Gewebe um die Follikel herum aufgeschnitten und in einer Schale gestreckt. Dadurch werden offenbar Signalwege im Gewebe ausgelöst, die es den Follikeln ermöglichen, reife Eizellen freizusetzen. Tatsächlich konnten die Forscher eine kleine Anzahl von Eiern so weit reifen lassen, dass sie für die Befruchtung durch Spermien bereit waren.
Theoretisch könnte das Team mithilfe von künstlicher Befruchtung aus den Eiern Embryonen erzeugen, die sich dann in die Gebärmutter eines Partners oder einer Leihmutter übertragen lassen. Im Vereinigten Königreich ist dafür eine Lizenz von der Human Fertilisation and Embryology Authority (HFEA) nötig. In den USA ist eine solche Lizenz nicht erforderlich. Die Technik wird einige transgender Männer ansprechen, sagt Ojeda: "Je mehr Möglichkeiten [zur Familiengründung] wir als transsexuelle Menschen haben, desto besser".
Ungewöhnliche Eizellen im Labor
Telfer und ihre Kollegen sind allerdings noch nicht ganz so weit gegangen. Die ersten Eizellen, die das Team im Labor reifen ließ, sahen nicht ganz normal aus. Wenn Eizellen reifen, durchlaufen sie normalerweise eine spezielle Art der Zellteilung. Bei dieser Meiose wird die Anzahl der Chromosomen halbiert, damit bei der Befruchtung durch die Spermien keine doppelte Chromosomenzahl entsteht. Bei der Meiose werden nicht verwendete Chromosomen in eine kleine Satellitenzelle an der Eizelle, den so genannten Polkörper, abgetrennt. Die Polkörper der im Labor gereiften Eizellen sahen allerdings ungewöhnlich groß aus.
Große Polkörper sind wahrscheinlich harmlos. Aber das Team veränderte vorsichtshalber den Inhalt der Nährflüssigkeit, in der die Eier reifen. Neuere Versuche haben zu typischer aussehenden Eiern geführt, sagt Telfer. Das Team hat bisher etwa zehn Eier reifen lassen, aber das Projekt ist noch nicht abgeschlossen. "Ich möchte, dass unser Kultursystem robuster ist, bevor wir eine Befruchtung versuchen", sagt Telfer.
Sie möchte das Verfahren an Schafen testen, bevor sie es an Menschen ausprobiert. Diese Versuche sollen noch in diesem Jahr durchgeführt werden. Wenn sie erfolgreich sind, sagt Babayev voraus, dass sich die Technik in den Kliniken durchsetzen wird. Die meisten Fruchtbarkeitsbehandlungen durchlaufen klinische Studien, bevor sie in großem Umfang von Kliniken angeboten werden.
"Ich müsste erst einmal ein Baby sehen"
"Natürlich müssen die Probleme noch gelöst werden, aber wenn die Methode erfolgreich ist, glaube ich nicht, dass es lange dauern wird, bis andere Kliniken sie sehr, sehr schnell einführen", sagt Babayev. Er wartet jedoch auf weitere Beweise, um sich davon zu überzeugen, dass die Technik klinisch funktioniert. "Ich müsste erst einmal ein Baby sehen", sagt er.
Wenn die Technik transgender Männern helfen kann, gesunde Babys zu bekommen, könnte sie auch in vielen anderen Fällen nützlich sein, meint Rodriguez-Wallberg. Bei Kindern, die sich einer Krebsbehandlung unterziehen müssen, die ihre Eierstöcke schädigen kann, könnten zunächst Teile der Eierstöcke eingefroren werden, um ihnen die Möglichkeit zu geben, später eigene biologische Kinder zu bekommen.
Die Methode könnte auch anderen Menschen mit Kinderwunsch helfen, sagt Kutluk Oktay, Spezialist für reproduktive Endokrinologie und Fertilitätserhaltung an der Yale School of Medicine. Das Einfrieren von Eierstöcken könnte eine Alternative zum Einfrieren von Eizellen sein: Eine einzige Eierstock-Biopsie könnte den vielen Schritten bei der Eizellentnahme vorzuziehen sein.
Und während bei einer Eizellentnahme in der Regel etwa zehn Eizellen gewonnen werden, könnten es aus einem winzigen Stück Eierstock 100 Eizellen sein. "Eine kleine Biopsie aus den Eierstöcken könnte für eine Menge Babys ausreichen", sagt Oktay. "Wenn wir herausfinden können, wie wir das effizient machen, könnte sich das weit verbreiten."
(jle [3])
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