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Roboter im Alltag: Der Sklave

Hans-Arthur Marsiske

(Bild: Diego Cervo/Shutterstock.com)

Roboter sollen oft schmutzige, gefährliche und stupide Arbeiten verrichten – wie Sklaven. Ein weiterer Schritt in der Evolution der Roboter?

"Dirty, dull and dangerous" – so lautet die viel zitierte, prägnante Charakterisierung der Aufgabenfelder, für die bevorzugt Roboter eingesetzt werden sollen: Arbeiten, die so schmutzig, langweilig oder gefährlich sind, dass Menschen sie kaum freiwillig übernehmen – sondern mehr oder weniger nachdrücklich dazu gezwungen werden müssen. Das ist eine Stellenbeschreibung, die der von Sklaven auffallend nahekommt.

Seit es Arbeit gibt, gibt es offenbar auch die Tendenz, sie von anderen machen zu lassen. Dabei war insbesondere die Drecksarbeit die bevorzugte Aufgabe von Sklaven. "Versklavte erledigten meist die schlechten, schmutzigen, ekligen sowie extrem schweren Arbeiten, oftmals mit der immer gleichen Routine bzw. Langeweile", schreibt Michael Zeuske in seinem Buch "Sklaverei – Eine Menschheitsgeschichte von der Steinzeit bis heute". "Dazu kamen Tätigkeiten, die mit Tod, Blut, Schmutz, Ekel und Entwürdigung zu tun hatten oder körperlichem Ausgeliefertsein." Das sei weder an eine bestimmte Region noch an eine historische Epoche gebunden: "Chinesische bäuerliche Schuldner etwa, die zu Sklaven degradiert wurden, waren klar für niedere Arbeiten wie Wasserschleppen, Holzsammeln, Entenhüten, Reinigen, Feuermachen sowie die Entsorgung von Abwässern und Fäkalien, Blut, Leichen und Kadavern zuständig."

Roboter, die den Dreck wegschaffen sollen, zählten denn auch zu den Ersten, die in privaten Haushalten zum Einsatz kamen. Seit mittlerweile 20 Jahren fahren kleine, wie flache runde Keksdosen geformte Geräte durch Wohnungen, um Staubfussel aufzusaugen. Die Staubsaugerroboter lassen sich per Zufallsprinzip durch die Räume treiben, sodass sie nach ausreichend langer Zeit den größten Teil des Bodens bearbeitet haben. Oder sie folgen einem Plan, den sie systematisch abarbeiten. Manche können auch erkennen, wo sich besonders viel Schmutz angesammelt hat, und bleiben dort etwas länger.

Bis heute mangelt es den digitalen Reinigungskräften allerdings mitunter an Saugleistung. So entfernten die Robo-Sauger bei einem Test von Saugrobotern der Kollegen der c't [1] zwar die tägliche Menge anfallender Fussel und Staub, allerdings beseitigten die getesteten Roboter stärkeren Schmutz nur dann, wenn man den Roboter mehrfach über die schmutzige Stelle schickte. Mit anderen Worten: Beim Einsatz eines Staubsaugerroboters bleibt auch 20 Jahre nach der Markteinführung der gemeine Handstaubsauger dem Robo-Sauger von der Saugleistung her immer noch überlegen. Ähnliches gilt für Roboter zum Fensterputzen: Sie machen viel Lärm um wenig Leistung und bedeuten bei den haushaltsüblichen Fenstergrößen für den Bediener keine nennenswerte Arbeits- und Zeitersparnis.

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Für die Forschung sind die Putzteufel gleichwohl nach wie vor von Interesse. So haben Joe Collenette (University of Liverpool) und Brian Logan (University of Nottingham) den Staubsaugerroboter Neato D7 [3] genutzt, um den Prototyp einer Architektur zur Koordination mehrerer Roboter [4] zu entwickeln. Die Roboter sollen als Team Anlagen zur Produktion von Nahrungsmitteln reinigen und wurden dafür mit einem zusätzlichen Nah-Infrator-Sensor zur Erkennung von Allergenen und einem Interface zur Spracherkennung ausgestattet. Ein besonderes Merkmal der Roboter von Neato ist übrigens ihre Gestalt in Form des Buchstaben D, die es ihnen erlaubt, tiefer in Ecken vorzudringen, die von ihren runden Kollegen regelmäßig ausgespart werden.

Zukünftig sollen Roboter Dreck und Müll zudem nicht nur beseitigen, sondern auch bei dessen Verwertung helfen: Beim aktuell laufenden neuen Wettbewerb Robothon [5], dessen Sieger am 22. Juni 2021 im Rahmen der Messe Automatica [6] gekürt werden soll, sollen Roboter zum Beispiel zeigen, wie gut sie mit Elektronikschrott umgehen können. Dafür erhalten die teilnehmenden Teams eine speziell für den Wettbewerb angefertigte Schalttafel, auf der die Roboter Knöpfe drücken, Kabelverbindungen herstellen, mit Schlüsseln hantieren sowie Batterien entfernen und gezielt ablegen sollen.

RoCycle - Roboter sortiert MĂĽll (0 Bilder) [7]

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Die Ähnlichkeiten von Robotern und Sklaven beschränken sich aber nicht allein aufs Tätigkeitsprofil. Von beiden wird auch erwartet, dass sie genau das tun, was ihnen befohlen wird. "No uncommanded movement" – keine Bewegung, die nicht ausdrücklich befohlen wurde – so lautet eine zentrale Forderung, insbesondere an Roboter zur Telemanipulation. Schließlich möchte niemand, dass ein Roboter bei der Untersuchung einer Sprengfalle plötzlich wahllos irgendwelche Kabel zerschneidet oder im havarierten Kernkraftwerk mit radioaktiven Brennstäben zu jonglieren beginnt.

Auch bei medizinischen Eingriffen wäre es fatal, wenn der Roboterassistent auf die Idee käme, das Skalpell zur Abwechslung mal woanders anzusetzen. Ein Operationssystem wie Da Vinci [9] soll das Zittern der Hände des ihn steuernden Chirurgen herausfiltern, sich ansonsten aber exakt an die Befehle des Menschen halten. "Der Operationsroboter agiert dabei als verlängerter Arm des Chirurgen und macht nur, was dieser ihm vorgibt", erläutert Christian Bach [10], Leiter der Sektion Robotische Urologie an der Uniklinik der RWTH Aachen. "Genau genommen wird deswegen eine roboter-assistierte Operation gar nicht durch einen Roboter durchgeführt, da alle Steuerbefehle direkt vom Chirurgen kommen und die Maschine keinerlei eigenständige Bewegungen durchführen kann."

Artikelserie "Roboter im Alltag"
Artikelserie "Roboter im Alltag"

Roboter erobern unseren Alltag und werden in der menschlichen Gesellschaft zum sozialen Akteur. Wie sehen mögliche Entwicklungsstufen der Roboter aus?

Selbstständiges Denken ist bei Sklaven generell unerwünscht. Das unterstreicht die fiktive Geschichte der Robotersklavin Kara [16], für die es fatale Konsequenzen hat, als sie, gerade fertig montiert, aktiviert und getestet, einen Satz beginnt mit: "Ich dachte…". Der 1841 aus New York in die Sklaverei verschleppte Afroamerikaner Solomon Northup, dessen Autobiografie "12 Years a Slave" 2013 verfilmt wurde, musste, um zu überleben, ebenfalls verbergen, dass er lesen und schreiben konnte.

Aber ganz ohne Denken geht es natürlich nicht. Man stelle sich vor, die Aufseher auf einer Baumwollplantage hätten ihren Sklaven die Bewegung jedes einzelnen Gelenks kommandieren müssen: "Strecke den Ellbogen, bis deine Handfläche die Blüte berührt, dann schließe die Finger…". Viele Explosive-Ordnance-Disposal-Roboter (EOD) zur Entschärfung von Sprengsätzen werden indessen noch heute auf ebendiese Weise gesteuert. Wer das komplizierte Verfahren einmal gelernt und es dabei zu einer gewissen Virtuosität gebracht hat, bleibt besser dabei, statt sich durch neue Konzepte verunsichern zu lassen.

Jetzt bloĂź keine falsche Bewegung! Ein Roboter simuliert die Untersuchung einer Kofferbombe beim Eurathlon.

(Bild: Hans-Arthur Marsiske)

Doch mehr und mehr setzen sich hier wie auch bei zivilen Rettungsrobotern autonome Funktionen durch, die es ihnen etwa erlauben, die Winkel ihrer Antriebsketten dem jeweiligen Untergrund anzupassen oder die erforderlichen Gelenkstellungen des Arms selbst zu berechnen, nachdem der Bediener das Ziel der Bewegung bestimmt hat. Und zukünftig sollen Roboter bei Rettungseinsätzen die Unfallstelle selbstständig erkunden können und den Operator nur verständigen, wenn sie etwas Wichtiges gefunden haben oder Hilfe brauchen. Vorreiter auf diesem Gebiet sind Planeten-Rover, bei denen die Fernsteuerung allein wegen der langen Signallaufzeiten rasch an ihre Grenzen stößt.

Auch die Kraftprotze aus der Montagehalle, die Roboterarme, die unermüdlich und mit nie nachlassender Präzision die immer gleichen Bewegungsabläufe vollziehen, schwere Lasten heben und Bauteile sub-millimetergenau ablegen können – sie profitieren ebenfalls von einem Mehr an Denkvermögen. Es würde nicht nur ihre Umprogrammierung auf neue Bewegungsabläufe erleichtern, sondern könnte ihnen ganz neue Einsatzfelder erschließen.

Damit Industrieroboter die Fabriken verlassen und sich in Wohnungen und Werkstätten als Serviceroboter nützlich machen können, brauchen sie nicht nur Räder oder Beine. Sie brauchen vor allem Intelligenz, um sich in der fremden, seltsamen und weitgehend unstrukturierten Welt zurechtzufinden und um die Menschen, mit denen sie Seite an Seite arbeiten sollen, nicht zu gefährden. Sie müssen vom Sklaven zum Kollegen werden.

Bedeutet diese Wandlung auch einen sozialen Aufstieg? Michael Zeuske unterstreicht, "dass versklavte Menschen am unteren Ende der Hierarchie einer gegebenen Gruppe, Gemeinschaft oder Gesellschaft in der Geschichte angesiedelt wurden". Maschinen wurden – zumindest in der westlichen Kultur – bislang nicht als Mitglieder der Gesellschaft angesehen, sondern als teils hochkomplexe, aber letztlich seelenlose Werkzeuge ohne sozialen Status. Doch diese Abgrenzung verschwimmt, je anpassungsfähiger diese Maschinen werden, sich flexibel auf Menschen einstellen und mit ihnen kommunizieren können. Sie werden zu sozialen Akteuren. Werden sie zukünftig die unterste Stufe der Hierarchie einnehmen, noch unter den menschlichen Sklaven, von denen es laut Zeuske gegenwärtig mit geschätzten 45 Millionen weltweit so viele gibt wie nie zuvor in der Geschichte? Oder stellen die digital-mechanischen Helfer am Ende die gesellschaftliche Hierarchie selbst infrage?

Es sei daran erinnert, dass Arbeit nicht zur anthropologischen Grundausstattung gehört, sondern eine relativ junge Erfindung ist: Sie trat in unser Leben, als die ersten Menschen nach dem Ende der letzten Eiszeit begannen, Landwirtschaft und Viehzucht zu betreiben und sich in dauerhaften Siedlungen niederzulassen. Das Paradies der Jäger und Sammler, das Nahrung und andere Ressourcen in Hülle und Fülle bereithielt, ging damit verloren. Nunmehr galt es, das Brot im Schweiße des Angesichts zu essen.

Zugleich entwickelte sich aber auch ein anderes Geschäftsmodell: Statt Arbeit in Anbau, Ernte und Lagerung von Nahrung zu stecken, konnte man sich im Gebrauch von Waffen üben und den Bauern die Ernte wie auch andere nützliche Dinge einfach rauben. Mit der Sesshaftigkeit breitete sich auch der Krieg unaufhaltsam aus, wobei europäische Herrscher als Superspreader mitwirkten. Zeuske attestiert dem mittelalterlichen Europa einen hohen Gewaltpegel, der sich durch die atlantische Expansion weltweit verbreitet habe. "In der politischen und demografischen Zerstörung eigenständiger Imperien und Gesellschaften in der Neuen Welt scheint die alles durchdringende Gewalt einen neuen globalen Höhepunkt gefunden zu haben", stellt er fest. Parallel zu dieser Gewaltgeschichte verlaufe "die Geschichte der Individualisierung des 'Selbst', der Klassenbildungen und der Globalisierung der europäischen Konsumtion (…), was wiederum aufs engste mit dem Nutzen außereuropäischer Massensklavereien zur Produktion von Luxus zu tun hat".

Die Erkenntnis tut weh und verstört, aber es führt kein Weg daran vorbei: Der Wohlstand Europas beruht auf jahrhundertelang währender Sklavenarbeit. "Diskursstrategien des Schweigens", wie Zeuske es nennt, und verschleiernde Begrifflichkeiten wie "Knechtschaft", "Leibeigenschaft" oder "Zwangsarbeit" haben diese Zusammenhänge lange Zeit aus dem kollektiven Bewusstsein ausgeblendet. Doch die erstarkte "Black Lives Matter"-Bewegung wie auch Diskussionen über die Rückgabe kolonialer Beutekunst haben die Aufmerksamkeit jetzt wieder stärker auf die blutigen Wurzeln unserer Kultur gelenkt.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, inwieweit eine Arbeitsorganisation wie die Sklaverei, die als verwerflich erkannt wurde, nur deshalb akzeptabel wird, weil sie aus der sozialen in die technische Sphäre verschoben wird. Lässt sich die Erblast der Sklavenarbeit wirklich so einfach abwerfen, indem sie an Maschinen delegiert wird? Müssten wir nicht intensiver darüber nachdenken, wie viel Versklavung im Konzept der Arbeit selbst steckt, einem Konzept, das vor etwa 10.000 Jahren entstanden ist und das auch wieder überwunden werden kann – womöglich mit der Hilfe intelligenter Roboter?

In der Robotik und Computertechnik generell ist häufig von Master-Slave-Architekturen die Rede. Im Zuge antirassistischer Proteste ist jetzt wieder verstärkt die Forderung erhoben worden, diesen Begriff nicht mehr zu verwenden [17]. Aber damit wäre nichts gewonnen, im Gegenteil: Es gäbe lediglich einen Stachel weniger, der historische Verdrängungsprozesse stören könnte. Eine schönere Zukunft erreichen wir schneller und sicherer, wenn wir die hässliche Vergangenheit im Blick behalten. Und was spricht eigentlich dagegen, Roboter schon heute, auch wenn sie es vielleicht noch gar nicht zu würdigen wissen, mit Respekt zu behandeln?

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(olb [24])


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[4] https://emas2020.in.tu-clausthal.de/files/emas/papers-h/EMAS2020_paper_12.pdf
[5] https://www.robothon-grand-challenge.com/home
[6] https://automatica-munich.com/de/
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[9] https://www.intuitive.com/en-us/products-and-services/da-vinci/systems
[10] https://www.ukaachen.de/kliniken-institute/klinik-fuer-urologie/sektion-robotik/
[11] https://www.heise.de/hintergrund/Roboter-im-Alltag-Der-Spielgefaehrte-6062309.html
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[15] https://www.heise.de/hintergrund/Roboter-im-Alltag-Der-Angebetete-6116931.html
[16] https://www.youtube.com/watch?v=j-pF56-ZYkY&t=211s
[17] https://www.heise.de/news/Nichtrassistische-Sprache-Python-und-GitLab-schicken-Master-aufs-Abstellgleis-5077505.html
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