Missing Link: Nützes Gedöns (V.) – Sweet streams are made of this
(Bild: heise online / Andreas Wilkens)
Von "Dream a little dream" bis "Life's a dream": eine kleine Wanderung durch eine technische und kulturelle Musiksozialisation.
I like mondays. Einige meiner Freunde mögen jetzt sofort nicht weiterlesen, denn in ihren Augen würde ich sonst endgültig zum Banausen. Ich freue mich auf Montage, weil mir dann mein Musikstreaming-Anbieter meinen neuen "Mix der Woche" anbietet. Darunter sind oft Stücke von Bands, die ich bis dahin nicht kannte. Höre ich dann das gesamte Album, finde ich die restlichen Stücke weniger ansprechend als das für mich ausgewählte. Verblüffend, zumal sich das Phänomen diametral zu den Mainstream-Radios oder Diskotheken-DJs verhält, die meistens jene Lieder in ihre heavy rotation aufnehmen, die ich gegenüber anderen auf den jeweiligen Alben nicht so doll finde.
Natürlich fummelt am anderen Ende dort in Schweden, wo Spotify sitzt, kein Mensch mir jeden Sonntagabend eine Liste an Liedern zusammen, die mir gefallen könnten. Dahinter steckt vielmehr eine Technik, die sich der Streaming-Dienst vor sechs Jahren in Form des Datendienstleisters The Echo Nest zugelegt hat [2]. Das Unternehmen hat eine Technik entwickelt, mit der sich Musik anhand von Tönen und Textpassagen identifizieren lässt und die auf dieser Basis Empfehlungen für ähnliche Musik geben kann. Das scheint zumindest für mich recht gut zu funktionieren.
Who am I to disagree? *)
Von "Echo Nest" haben diese Freunde, die ich eingangs meinte, höchstens am Rande mal gehört, sie besitzen Plattenspieler, Lautsprecher-Boxen und haben meterweise Schallplatten zuhause stehen, weshalb sie schon mal einen Statiker gefragt haben, ob es so passt. Umzüge fordern ihnen besondere logistische Bedenken ab, Streaming ist für sie ein Unwort, Spotify und Konsorten sind Satans Brut und wenn sie auch nur das Kürzel "MP3" hören, gefriert ihnen der Nervus cochlearis. Sie können selbst anhand von Tönen und Textpassagen Lieder identifizieren und empfehlen gerne anderen etwas davon.
Einen dieser Freunde traf ich einmal zufällig eines Winters, als er gerade vom Hauptzollamt heimwärts die Weser entlangradelte. Er habe da wegen eines Pakets Country-Schallplatten aus Texas was zu regeln gehabt. Er gehört zu jenen, die sich vor Jahrzehnten auf die Seite der Trockenabspieler geschlagen haben und verteidigt diese Praxis vehement gegenüber den Nassabspielern.
Diese "Audiophilen" kommen von einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause, holen sich eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank oder einen Wein aus dem Keller, setzen sich in ihr Musikzimmer und zupfen ein Cover aus dem Regal. Mit gewandtem Griff holen sie das Vinyl aus dem Inlay, fassen es so an, dass sie darauf keine Fingerabdrücke hinterlassen, legen es auf den Plattenteller und platzieren darauf die Nadel am Ende des Tonarms. Dann lehnen sie sich zurück, nehmen einen Schluck und werfen Blicke auf das Cover, vielleicht lesen sie in den beigedruckten Liedtexten und schauen sich die Bilder an.
I traveled the world and the seven seas
Früher hatte ich auch mal einen Plattenspieler, das ist lange her. Inzwischen habe ich nicht einmal mehr eine einzige Audio-CD, alle LPs sind längst verschenkt, mein digitales Musikarchiv verstaubt seit Jahren auf dem NAS. Alles, was ich höre, kommt nur noch aus dem Internet herangestreamt. Radiosendungen, Podcasts und Musik.
In dieser Hinsicht könnte es bei mir zuhause aufgeräumter nicht sein und die Ordnungsfetischmillionärin Marie Kondō stolz auf mich. Wirklich? "Macht es mich glücklich, wenn ich diesen Gegenstand in die Hand nehme?" lautet eine Frage, die sich ihrer Ansicht nach Aufräumwillige stellen sollen. Wohlklangverköster würden sich das wohl bei jeder der hunderte LPs an ihren Wänden mit "ja" beantworten; mich macht allein das Hören glücklich. Was ich liebe, muss ich nicht besitzen.
So kann ich mich an meine erste selbst gekaufte Schallplatte nicht erinnern, wohl aber an meine erste Musikkassette, das war vor 40 Jahren "The Wall". Mit Pink Floyd war ich vorher schon in Kontakt gekommen, als sie noch psychedelisch waren, da ich das jüngste von einer Schar Kindern bin. Die ältesten Brüder lungerten in ihrer Jugend noch in Anzügen in der Grünanlage herum, hörten Beatles, Monkeys, Uriah Heep, Rolling Stones und anderes aus ihrer Zeit, und ich Pöks mit.
Everybody's looking for something
Kam ein neuer Verstärker ins Haus, wurde er sogleich aufgeschraubt, wie überhaupt im Zimmer meiner Brüder so einige technische Geräte offengelegt waren. Sie besorgten sich ein Tonbandgerät und bauten selbst Lautsprecher-Boxen, die höher waren als drei Käse. Sie gingen ins "Ear [3]" im Bremer Steintorviertel, ließen sich dort beraten, kauften dann aber oft neue Platten danach, ob sie das Cover ansprach, zum Beispiel eine Banane auf weißem Grund. Die Sammlung reichte drei Meter weit und zwei Meter hoch und sie mochten es nicht, wenn ich mich daran bediente.
Für meine Geschwister bedeutete Musik einen kulturellen Bruch mit der vorigen Generation, die sich größtenteils an Volksmusik, Schlagern und bestenfalls gefälligem Bigband-Jazz oder Peter Krausens Spielart US-amerikanischer Musik gütlich tat. Während aus den Wohnzimmern Träume von einer heileren Heimat erjodelten, rebellierten in den Kinderzimmern The Who mit "My Generation" und meine Brüder ließen sich trotz oder wegen aller Bevormundung die Haare wachsen. Der "Beat Club" in meiner Heimatstadt führte das gut vor.
Eine eigene Jugendsubkultur ging im 20. Jahrhundert meist mit musikalischen Innovationen einher, die Jugendlichen im Nationalsozialismus grenzten sich mit Jazz ab, in den 50-ern identifizierten sich viele junge Leute mit Rock'n'Roll und zu meiner Zeit ging der Punk ab; an mir vorbei. Auf dem Schulhof war ich weder Sweet noch BCR, auch nicht Gothic oder New Wave. Ein Dasein als Popper schien mir noch entlegener, mein Taschengeld hätte dafür ohnehin nie gereicht.
Some of them want to use you
Stattdessen lässt mich heute noch ein Lied im Geiste fünfzig Jahre zurückspazieren: "Dream a Little Dream of Me [4]" in der Version von The Mamas and The Papas; vermutlich von einem Hippie-Sampler meiner Brüder in mein vorschulisches Gehör gewandert und seitdem mein Lieblingslied. Meinen ersten Schwoof tanzte ich zu Leonard Cohen [5] und abhotten ging in den Kirchengemeindesdiskos jeden ersten Samstag im Monat (außer in der Fastenzeit) gut mit David Bowie [6] und Freddie Mercury [7].
(Bild: heise online / Andreas Wilkens)
Meine erste "Platte" war eine "Kassette", weil ich seinerzeit keine "Anlage" hatte, also einen Hifi-Turm aus Plattenspieler, Verstärker, Radio und Kassettendeck; Komponenten, für die jeweils mindestens 200 DM angesetzt waren. Auch besaß ich keinen Kofferplattenspieler so wie einer meiner Freunde, bei dem ich nach der Schule gerne herumgelungert und im Zigarettennebel Ton, Steine, Scherben mit Rio Reiser [8] gehört hatte. Nein, ich hatte ein Kassettenradio und erst später eine "Anlage", größtenteils finanziert mit dem Entlassungsgeld nach meinem Zivildienst.
Selbst bin ich unmusikalisch. Zu Zeiten, als man noch ungescholten "zum Bleistift" sagte, gab ich auf die Frage, ob ich ein Instrument spiele, den Flachwitz zur Antwort: "Ja, Triangel." Klimpern konnte ich gerade mal das Intro von "Tubular Bells". Lieber sperrte ich das Fenster angelweit auf, wenn ich ein Lied im Radio gut fand und stellte es laut. Das muss ich heute nicht mehr, jetzt lasse ich alles scrobbeln und jeder kann auf Last.fm nachvollziehen, was ich gerade höre [9].
Some of them want to get used by you
Scrobbeln? Der zum US-Sender CBS gehörende Dienst Last.fm [10] bekommt von allen Geräten, auf denen ich Musik aus dem Internet höre, Titel und Name der Interpreten übermittelt und erfasst sie in meinem Nutzerprofil. Die Daten werden für mich individuell statistisch aufbereitet, um mich mit anderen Nutzern ähnlichen Geschmacks zusammenzubringen und mir weitere Musik vorzuschlagen. Die Vorschläge hauen recht oft hin. Und da ich ja nicht wie ehedem gehörte Schallplatten als Gedächtnisstütze ein wenig aus dem Regal herauslugen lassen kann, schlage ich im Web nach, was ich wann wie oft gehört habe.
Meine Freunde mit den Plattenspielern würden jetzt rufen: "Streaming klingt doch scheiße! Wo bleibt die Haptik, die intensive Beschäftigung mit dem Werk? Cover und Musik gehören doch zusammen!" Ich widerspräche ihnen nicht. Aber, mein Musikverhalten hat sich grundlegend verändert. Als ich noch Schallplatten kaufte, etwa ein Album im Monat, hörte ich es einen Monat lang fast täglich, las die beigedruckten Texte und lernte sie auswendig. Viele von ihnen habe ich bis heute nicht vergessen. Ich lieh mir LPs von Geschwistern oder Freunden, kopierte sie auf eine Musikkassette oder stellte Sampler zusammen, um damit einer eine Freude zu machen. Ansonsten hörte ich Radio, "Hitline International" und "Please Mr. DJ" auf der Hansawelle von Radio Bremen mit Christian Günther [11] und werktags "Musik für junge Leute" auf NDR II mit Peter Urban – und natürlich – noch früher – AFN, BBC und Radio Luxemburg auf der Mittelwelle.
Eine Zeitlang existierten Musik-CD-Verleihe, einen davon, das "Phonodrom" suchte ich oft auf, um mir die CDs auf Kassette zu kopieren. Der Laden musste aber wegen neuer europäischer Richtlinien in den 90-ern schließen [12]. Mittlerweile verdiente ich etwas mehr und konnte mir CDs selbst kaufen, ich fand sie praktischer als den Umgang mit Schallplatten, die ich allesamt verschenkte; dann führte der umständliche Weg übers Filesharing Ende der 90-er und dem Herumfummeln an der Squeezebox in den 00-er Jahren schließlich zu den Streamingdiensten mitsamt smarten Lautsprechern. Heute höre ich nicht mehr einen Monat lang ein Album, ich wechsele zwischen Neuerscheinungen und alten Vorlieben. Texte lese ich im Web nach.
Some of them want to abuse you, some of them want to be abused
Doch nicht nur meine Freunde mit den Plattenspielern dürften spätestens jetzt heftig den Kopf schütteln. "Von dem wenigen, was Streaming-Dienste an die Musiker ausschütten, können diese doch gar nicht leben!" Soweit ich mich erinnere, waren schon vor den großen Zeiten des Streamings und der Videoplattformen Konzerte zunehmend zu einer wichtigen Einnahmequelle für Musiker geworden, bereits in den 90-er Jahren, als zunächst in den USA die Preise für Musik-CDs zu sinken begannen. Das Hören im Streaming hat mich schon öfter dazu gebracht, auf Konzerte von Bands zu gehen, von denen ich sonst nie etwas gehört hätte und die mich sonst nicht gereizt hätten.
"Und was ist mit dem Datenschutz, Deiner Privatsphäre?" Ja, ich bin ein "gläsener Hörer"; für den Streaming-Dienst, der weiß, was ich letzten Sommer gehört habe, für Last.fm, das weiß, was ich all die Sommer seit 2007 gehört habe, und für alle, die sich für mein Profil auf deren Website interessieren. Im Grunde sind meine Hörvorlieben so transparent wie die eines DJs in der Disko oder auf einer Party, eines Moderators im Radio, eines Pubertierenden, der mit seinem Gangsta-Rap den Baggersee beschallt oder aufgemotzte Kleinwagen die Nachbarschaft [13].
Hold your head up, keep your head up, movin' on
"Und was ist, wenn das Internet ausfällt?" Dann gibt es für mich keine neue Musik mehr, keine Podcasts, möglicherweise finde ich in irgendeiner Kellerecke mein altes UKW-Radio, damit ich Nachrichten hören kann. Arbeiten könnte ich dann auch nicht, also würde ich hinausgehen an die frische Luft, unberieselt, bezwitschert von den letzten Vögeln der Stadt. "Und was ist, wenn Spotify pleitegeht oder es gar überhaupt kein Streaming mehr gibt?" Dann hat die Musi halt ausgespielt, jedenfalls in ihrer bisherigen Form.
Wir könnten die Fragerei so weiter spinnen bis zu dem Punkt, an dem die Demokratie, die Zivilisation, ja, die ganze Welt vor dem Untergang stehen. Alles, was bleiben wird, sind Erinnerungen und die Hoffnung stirbt zuletzt etc. pp. Ich könnte es auch mit Built to Spill halten (btw einer der Höhepunkt meiner Besuche der Weekender am Weißenhäuser Strand):
Waste your life,
but you don't know what it's worth
Comb your mind for the treasures of the soul
Too close to find anything outside yourself
So what
Grow on
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(anw [21])
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[2] https://www.heise.de/news/The-Echo-Nest-Spotify-macht-sich-schlau-2136583.html
[3] https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadt_artikel,-mehr-als-nur-ein-plattenladen-_arid,1800375.html
[4] https://www.youtube.com/watch?v=fJwjLYRPxJY
[5] https://www.chicagotribune.com/columns/mary-schmich/ct-leonard-cohen-mary-schmich-1113-20161111-column.html
[6] https://www.bbc.com/news/entertainment-arts-35278872
[7] https://whoswho.de/bio/farrokh-bulsara.html
[8] https://www.ndr.de/geschichte/koepfe/Rio-Reiser-Ein-Leben-fuer-die-Musik,reiser118.html
[9] https://www.last.fm/user/awilkens
[10] https://www.heise.de/news/US-Medienriese-CBS-uebernimmt-Last-fm-133796.html
[11] https://taz.de/!1175702/
[12] https://taz.de/!1669992/
[13] https://www.heise.de/ct/Redaktion/cm/Thumpmobile_Zapper.html
[14] https://www.heise.de/Datenschutzerklaerung-der-Heise-Medien-GmbH-Co-KG-4860.html
[15] https://www.heise.de/news/Nuetzes-Gedoens-IV-Nie-wieder-Facebook-4619534.html
[16] https://www.heise.de/meinung/Missing-Link-Nuetzes-Gedoens-III-Digital-Detox-im-Newsroom-4279880.html
[17] https://www.heise.de/hintergrund/Missing-Link-Nuetzes-Gedoens-II-Tastentier-lernt-sprechen-3974920.html
[18] https://www.heise.de/news/Nuetzes-Gedoens-Apple-Watch-3457216.html
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