Missing Link: Bundeswehr in Space
(Bild: CG Alex/Shutterstock.com)
Globale Konflikte werden längst auch im Weltraum ausgetragen. Die Bundeswehr muss sich dem stellen. Doch die Entwicklung neuer Technologien dauert oft lange.
Der Krieg in der Ukraine dauert an und die USA unter Präsident Donald Trump fordern von den europäischen Bündnispartnern mehr Eigenverantwortung. Nachdem die Bundesregierung vor fast drei Jahren ein 100 Milliarden Euro schweres Sondervermögen für die Bundeswehr beschlossen hat, wurde nun die Schuldenbremse für bestimmte Verteidigungs- und Sicherheitsausgaben ausgesetzt. Wird die Bundeswehr damit in die Lage versetzt, einen Krieg zu führen? Das Land erfolgreich zu verteidigen? Einem Bündnispartner beizustehen, mehr als bisher? Und das auch noch bei zunehmender Bedrohung aus dem Weltraum?
Man darf vermuten: in naher Zukunft eher nicht. Erstens ändern sich die äußeren Umstände weiterhin und das nicht unbedingt zum Besseren, zweitens krankt die Bundeswehr an Behäbigkeit und Bürokratie – das hat sich nicht geändert. Ein paar Dinge aber funktionieren doch und einige Fachleute sagen auch, was ihrer Ansicht nach fehlt.
Russland und China
De facto finden aktuell schon Weltraumoperationen gegen Deutschland statt, sagt Michael Traut, Generalmajor der Luftwaffe und Chef des Weltraumkommandos der Bundeswehr: "Grundsätzlich ist es so, dass wir das schon seit einiger Zeit beobachten, mit einer besorgniserregenderen Intensität in den letzten Jahren. Bestimmte Nationen wie Russland und China, aber natürlich auch andere Nationen, haben Fähigkeiten aufgebaut und in ihrem Portfolio."
Russland beispielsweise sei ziemlich "prominent" darin, aufzuklären, zu verfolgen und Kommunikation mitzuhören, sagt Traut. "Da gibt es ja auch zwei Satelliten, die sehr eng beobachten, die heißen Luch/Olymp-K und Luch/Olymp-K 2, alte Bekannte sozusagen." Bei Luch/Olymp [2] handelt es sich um geostationäre Satelliten, die für das russische Verteidigungsministerium und den russischen Geheimdienst FSB gebaut wurden. Der erste soll 2014, der zweite 2023 gestartet sein.
"Die operieren im geostationären Orbit gegen andere Satelliten", erklärt Traut, "indem sie daneben einparken und dann die Kommunikation mithören." Das betreffe nicht nur die Satelliten der Bundeswehr – so viele habe man ja gar nicht – sondern auch zivile kommerzielle Satelliten. Aber auch das kann gefährlich werden, denn auf solchen mieten viele Behörden und eben auch die Bundeswehr Strecken an. Und die Bundeswehr achtet natürlich darauf, so der Generalmajor, "ob sich so ein russischer Aufklärungssatellit daneben setzt. Das ist, ich will nicht sagen 'gängige Praxis', aber das gab es schon immer. Und angesichts der sich entwickelnden politischen Lage wird es immer besorgniserregender."
"Wir wurden kalt erwischt"
Der Weltraum ist aus Sicht der Bundeswehr ein besonderes Thema. "Wir sind von zwei Seiten kalt erwischt worden", sagt Andreas Knopp, Sprecher des Forschungszentrums SPACE und Inhaber der Professur für Informationsverarbeitung an der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik der Universität der Bundeswehr in München. Erstens sehe man sich einem neuen sicherheitstechnischen Szenario gegenüber: Lange Zeit habe man sich auf Auslandseinsätze fokussiert, demgegenüber waren Landes- und Bündnisverteidigung untergeordnet; für den Zweck war die Bundeswehr ja auch umgebaut worden. Und dabei müsse man heutzutage auch den Weltraum als Operationsraum mitdenken.
Zweitens sei man von Weltraum-Assets abhängig, auf die man sich nicht rechtzeitig eingestellt habe: So sei die Einschätzung von niedrig fliegenden Satellitenkonstellationen vor zwölf bis 15 Jahren ziemlich falsch gewesen – erst ab etwa 2012/13 habe man aufgrund der Frequenzeinschätzung gewusst, was Musk plante – und die Forschung deshalb nicht frühzeitig darauf ausgerichtet, damit Europa mithalten konnte. Und nun müsse man erstens den technologischen Vorsprung aufholen und zweitens lieferfähig werden.
Tatsächlich werden auch Störmanöver gegen deutsche Aufklärungssatelliten gefahren, sagt Traut, so würden vom Boden aus Störsender eingeschickt oder die Kameraoptik würde mit Lasern geblendet. "Das stellen wir fest. So etwas passiert. Da kann ich leider nicht weiter ins Detail gehen. Das hat im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine deutlich zugenommen."
Dies seien die mildeste Art von Störmanövern. Aber man stelle auch fest, dass Nationen Fähigkeiten entwickelten, "Satelliten körperlich anzugreifen und abzuschleppen", sagt er und erinnert an den Shijian-21 (SJ-21), der im geostationären Orbit "sehr sehr interessante Manöver vollführt, die man unter ökonomischen Gesichtspunkten nie vollführen würde: Wer lange und effektiv von so einem teuren Satelliten profitieren möchte, der macht so etwas einfach nicht. Da fragen wir uns: Warum machen die das?"
"Sie üben Abfangmanöver"
Der SJ-21 soll einen ausrangierten Satelliten vom geostationären Orbit (35.786 Kilometer über der Erde) in einen entfernteren Orbit befördert haben [3], aber nicht nur auf den üblichen "Friedhofsorbit" für Weltraumschrott von 300 Kilometer über dem geostationären Orbit, sondern deutlich weiter entfernt, nämlich 3000 Kilometer. Dort soll er nun, was auch ungewöhnlich ist, eine sehr elliptische Umlaufbahn haben, nämlich von 290 bis 3100 Kilometer über dem geostationären Orbit. Und sein Abschleppmanöver – so es denn eines war – scheint der SJ-21 bei Tageslicht durchgeführt haben, sodass er von der Erde aus nicht dabei beobachtet werden konnte.
Warum so etwas? "Eine mögliche Erklärung ist: Sie üben Abfangmanöver und versuchen das dann auch so ein bisschen zu kaschieren", sagt Traut. "Solche Dinge sehen wir zunehmend."
Ein weiteres Beispiel führt er an, genauer "die weitere Eskalation, nach meinem Dafürhalten war das eine strategische Demonstration", als Russland einen eigenen Satelliten im niedrigen Erdorbit zerstört und dadurch mehr als 1000 Trümmerteile erzeugt hat [4]. "Das können die jederzeit wieder machen." Diese "Demonstration" habe sich etwa 20 bis 30 Kilometer unterhalb des Orbits von Starlink abgespielt. "Jetzt stellen Sie sich vor, die machen das nochmal und zwar innerhalb der Höhe, in der sich gerade 7000 Starlink-Satelliten befinden – was glauben Sie, was das für Ausweichmanöver nach sich zieht? Das ist durchaus besorgniserregend!"
Eine neue alte Raumfahrtstrategie
Die Frage ist, wie die Bundeswehr beim Thema "Weltraum" reagieren könnte angesichts der Tatsache, dass sie eben doch ein Behördenapparat ist, der nicht so schnell ist? Und welche Hindernisse müssten intern und extern dabei überwunden werden? Eine Presseanfrage beim Deutschen Bundeswehrverband wurde sehr zögerlich beantwortet: "Einen Experten für Ihr Thema habe ich noch nicht gefunden. Wenn sich das ändert, melde ich mich sofort." Tja.
Im Jahr 2010 hatte die damalige Bundesregierung eine Raumfahrtstrategie [5] verabschiedet, dazu hieß es, dass "Raumfahrttechnologien Antworten auf gesellschaftlich relevante Fragen geben. Dies gilt für zentrale Herausforderungen wie Klimaschutz, Mobilität, Kommunikation und Sicherheit. Als Schlüsseltechnologie ist die Raumfahrt von zentraler Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Deutschland." Das Thema Sicherheit stand also ganz am Ende.
"Ohne Raumfahrt keine Sicherheit"
Im September 2023 hat das Kabinett eine neue Raumfahrtstrategie [6] beschlossen. Darin soll es um [7] "um das Voranbringen von New Space, die Bekämpfung des Klimawandels, Verfügbarkeit und Nutzung von Daten sowie um einen verantwortungsvollen Umgang von Raumfahrtanwendungen" gehen. "Sicherheit, strategische Handlungsfähigkeit und globale Stabilität" stehen zwar nicht mehr ganz am Schluss, bilden aber auch erst den fünften von neun Schwerpunkten. Ein Kollege vom Deutschlandfunk nannte [8] diese Strategie "diffus".
Wenn man den Offiziellen der Bundeswehr glauben kann, dann bedeutet die neue Strategie jedoch einen Fortschritt gegenüber der alten. Sie trägt der "Zeitenwende" Rechnung, weil die neue Strategie "überhaupt anerkannt hat, dass Raumfahrt und Sicherheit wie Yin und Yang miteinander verbunden sind: Ohne Raumfahrt gibt es keine Sicherheit, und ohne Sicherheit gibt es auch keine Raumfahrt", sagt Traut. So steht in der Raumfahrtstrategie, dass die "militärische Handlungsfähigkeit maßgeblich von der sicheren und ungehinderten Nutzung des Weltraums, vor allem von der Satellitenkommunikation und -navigation sowie von Erdbeobachtungsdaten", abhänge.
Dies, so der Chef des Weltraumkommandos, "ist eine durchaus signifikante Anerkenntnis: dass Raumfahrt und Sicherheit etwas miteinander zu tun haben, und dass Raumfahrt natürlich auch in Teilen zu unserer kritischen Infrastruktur gehört: Wenn das alles fehlt, dann brechen wesentliche kritische Systeme bei uns zusammen, ergo müssen diese Weltraumanwendungen beziehungsweise die Raumfahrtanwendungen geschützt und zur Not verteidigt werden." Diese Erkenntnis sei "schon mal ein großer Schritt nach vorne."
Allerdings, schränkt er ein, "haben wir an der Umsetzung dieser Erkenntnis noch ein bisserl zu tun." Außerdem sei die Strategie inzwischen eineinhalb Jahre alt und die außen- und sicherheitspolitische Lage habe sich weiter verändert. Und: Die Raumfahrtstrategie kommt vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK). Traut verweist demgegenüber auf eine Weltraumsicherheitsstrategie [9], die mit dem Auswärtigen Amt, dem Bundesministerium der Verteidigung und den anderen mit Raumfahrt befassten Ressorts abgestimmt sei, die zwar "durch unsere politische Situation mit dem Regierungswechsel etwas aufgehalten wurde", aber seines Wissens "in einem relativ weit fortgeschrittenen Entwurf" vorliege.
Mehr Budget für den Weltraum
Bei der Bundeswehr rechnet man damit, dass es zu einer deutlichen Anhebung des Verteidigungsbudgets kommt, auch für die Raumfahrt, "gar nicht mal so wenig", sagt Traut, sein Kommando bekomme neue Kommunikationssatelliten, neue Weltraumüberwachungsradargeräte, Teleskope, und verschiedenes anderes mehr. Nicht schlecht, findet er, aber es könnte mehr sein, "das Glas ist halb voll".
Andreas Knopp nennt Zahlen: "Im Bereich der Aufklärung und Signalanalyse würde ich von einem mittleren einstelligen Milliardenbereich ausgehen", um konkurrenzfähig zu sein. Zwar könne man auch mit 100 Millionen schon "einzelne Aufgaben gut erledigen", aber wenn die Budgets viel kleiner würden, "dann lassen sich auch Einzelaufgaben nicht mehr vollumfänglich erledigen. Für die Forschung würde ich dabei mindestens 10-15 Prozent der Summen ansetzen." Im Bereich der Weltraumüberwachung und Wirkung im Weltraum könne man mit 100 Millionen einzelne Assets schützen, aber wenn es alle sein sollten, dann sei die Skala "nach oben offen".
Pull-Effekte durch "Dual Use"
Ein Pull-Effekt, um eine Technologie zu entwickeln und zur Marktreife zu bringen, kann ihre auch kommerzielle Verwendbarkeit sein. Das sieht wohl auch die Bundesregierung so; in der Raumfahrtstrategie steht: "Wir wollen die Rahmenbedingungen für Wirtschaft und Forschung verbessern, um die raumfahrttechnologische Basis strategisch wichtiger Schlüsseltechnologien in Deutschland und Europa auszubauen und somit kritische Abhängigkeiten zu reduzieren", sagt Knopp. "Wo möglich, nutzen wir Synergiepotenziale, z. B. im Bereich von Dual-Use-Technologien."
Dual Use für Militärtechnik?
Das klingt einfacher, als es ist. Für den Weltraum nämlich, so Knopp auf Handelsblatt Konferenz Sicherheit und Verteidigung 2025, benötige man Technologien, für die man sich kaum einen kommerziellen Sinn ausdenken könne, wie etwa die Signalauswertung. "Der Markt ist noch nicht einschätzbar", sagte er. Als wir später per E-Mail nachhaken: "Es geht immer um Funktionen, die einen rein militärischen oder behördlichen Zweck haben", antwortet er.
Bei der Signalauswertung etwa gehe es darum, bestimmte Sender wie Radaranlagen zu orten oder auch Daten abzugreifen und mitzuhören. "Hierfür sind ganz bestimmte Technologien der Signalanalyse erforderlich, die nur mittelbar einen zivilen oder gar kommerziellen Nutzen hätten." Unter Umständen könne man dafür entwickelte Algorithmen anpassen und etwa auch im Mobilfunk nutzen.
Technologien zum „Schutz und Verteidigung von Weltrauminfrastruktur“ würden entwickelt, um Angreifer im Weltraum – in der Regel unbemannte Systeme – abzuhalten und unschädlich zu machen – "bis hin zur Nutzung von Waffen", sagt Knopp. Ob es daraus dann später "dual use" Potenzial gibt, ließe sich nicht seriös abschätzen.
Europa ist ein Papiertiger
Die Verbindung von Langsamkeit und überbordender Bürokratie scheint ein Grundproblem der Bundeswehr zu sein; beim Personalmanagement und eben auch bei der Entwicklung, Herstellung und Bereitstellung von Waffen. Eher sogar ein gesamteuropäisches Problem, sagt Knopp: "Schon bevor wir unsere Technologien reif bekommen, sind sie veraltet. Wir sind in Europa technologisch wirklich gut - aber nur bis zum Paper oder zum Patent. Beim Schritt vom Forschungsergebnis zum Produkt sind wir nicht gut. Und die Portfolios, etwa bei der Europäischen Weltraumorganisation ESA, schrecken junge Leute ab: zu bürokratisch, zu langwierig."
Zum Beispiel der Forschungssatellit Heinrich Hertz – die ersten Skizzen dazu stammten aus dem Jahr 2009, im Betrieb sei er seit dem vergangenen Jahr beziehungsweise in Teilen seit 2023: "Der Satellit beherbergt über 30 Experimente, die zum Zeitpunkt ihrer Definition neu und ambitioniert waren, die aber nach fast 15 Jahren bis zur Erprobung sicherlich ihre Innovationskraft weitgehend verloren haben dürften." Ein weiteres, europäisches, Beispiel sei das Programm IRIS-2.
In dieselbe Kerbe schlug Michael Traut bei der Handelsblatt-Konferenz: "Wenn wir zehn Jahre brauchen, um einen Prototyp eines Inspektor-Satelliten in den Orbit zu bringen, dann halte ich das für deutlich zu lang. Ich würde mir zwei Jahre wünschen."
Einfach mal machen
Eine andere Einstellung scheinen sich fast alle zu wünschen, so sagte Andreas Knopp: "Man muss auch während der Forschung mal was ins All bringen, um zu sehen, ob es funktioniert. Das ist mit terrestrischer Forschung nicht vergleichbar, wo man nur ein gut ausgestattetes Labor braucht. Bei uns dauert das zu lange, schon bei normalen Satelliten. So sind wir nicht konkurrenzfähig."
Sollte sich die Bundeswehr ein Beispiel nehmen an Isar Aerospace? Deren Chef Daniel Metzler sagte Ende 2024 : "Stand heute kann die Bundesrepublik keinen einzigen Satelliten selbst starten. Stand heute hat Deutschland mehrere kaputte Bundeswehrsatelliten im Orbit, wäre de facto blind, wenn es nicht auf Alliierte zurückgreifen könnte." Dass sein Unternehmen etwas starten kann, ist seit ein paar Tagen bewiesen [10].
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[2] https://nssdc.gsfc.nasa.gov/nmc/spacecraft/display.action?id=2014-058A
[3] https://www.fr.de/wissen/china-satellit-erdorbit-weltall-raumfahrt-umlaufbahn-erde-weltraumschrott-navigationssatellit-militarisierung-news-91279930.html
[4] https://www.heise.de/news/Russischer-Satellitenabschuss-Immer-mehr-Truemmer-gezaehlt-Kritik-haelt-an-6270598.html
[5] https://www.bmwk.de/Redaktion/DE/Artikel/Technologie/raumfahrtstrategie-bundesregierung.html
[6] https://www.bmwk.de/Redaktion/DE/Publikationen/Technologie/20230927-raumfahrtstrategie-breg.pdf?__blob=publicationFile&v=10
[7] https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/raumfahrtstrategie-2225526
[8] https://www.deutschlandfunk.de/sternzeit-13-februar-2024-deutschlands-diffuse-raumfahrtstrategie-dlf-6e9a2782-100.html
[9] https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2024/kw39-pa-verteidigung-weltraumsicherheitsstrategie-1014392
[10] https://www.heise.de/news/Deutsche-Rakete-Spectrum-erfolgreich-gestartet-und-nach-30-Sekunden-abgestuerzt-10333590.html
[11] https://www.heise.de/newsletter/anmeldung.html?id=ki-update&wt_mc=intern.red.ho.ho_nl_ki.ho.markenbanner.markenbanner
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