Lovelace, Hopper, Hamilton & Co.: Wie kluge Frauen die Tech-Welt beeinfluss(t)en
(Bild: GoldPanter / Shutterstock.com)
Die IT ist eine MÀnnerdomÀne, zu der von Anbeginn auch Frauen wichtige BeitrÀge geleistet haben. Wir holen einige Beispiele aus dem Schatten ins Rampenlicht.
Den meisten Menschen, die sich regelmĂ€Ăig mit IT-Themen befassen, werden aus dem Stegreif einige Namen berĂŒhmter Erfinder aus dem Technik-Bereich einfallen. Etwa jener von Dennis Ritchie, der zusammen mit Brian W. Kernighan und Ken Thompson die nach wie vor omniprĂ€sente Programmiersprache C entwickelte. Oder der von Konrad Zuse, der mit seinen Rechenmaschinen Pionierarbeit fĂŒr die moderne Computerwelt leistete.
Weit weniger verbreitet ist das Wissen um berĂŒhmte Forscherinnen und Erfinderinnen der Geschichte. Und dies trotz der Tatsache, dass der Entwicklungsstand der heutigen IT ohne sie ebenso undenkbar wĂ€re wie ohne das Zutun ihrer mĂ€nnlichen Kollegen. AnlĂ€sslich des Weltfrauentags am 8. MĂ€rz erinnern wir an besondere Leistungen von Entwicklerinnen und Erfinderinnen, die IT-Geschichte geschrieben haben.
Ada Lovelace: Pionierin des Programmierens
Eine der ersten Frauen, die Einfluss auf den Verlauf der IT-Geschichte nahm, war Ada Lovelace. Im Dezember 1815 als Augusta Ada Byron geboren, entpuppte sie sich frĂŒh als naturwissenschaftliches Multitalent. Dass sich die Ausbildung der Countess of Lovelace, zu der sie spĂ€ter durch ihre Hochzeit wurde, von vornherein stark auf naturwissenschaftliche statt auf die damals fĂŒr Frauen ĂŒblichen UnterrichtsfĂ€cher konzentrierte, verdankte sie ihrer Mutter. Die wollte einerseits ihr eigenes Interesse fĂŒr diesen Themenbereich an die Tochter weitergeben und diese wohl auch gleichzeitig vom kĂŒnstlerischen und in ihren Augen negativen Einfluss des Vaters fernhalten. Bei diesem handelte es sich um den ebenso berĂŒhmten wie fĂŒr seine Ausschweifungen berĂŒchtigten Dichter Lord Byron.
(Bild:Â Wikimedia Commons / Science Museum [6] / CC BY-SA 4.0 [7])
Die Frage, wie Menschen eines Tages fliegen könnten, interessierte die junge Ada Lovelace ebenso sehr wie die Funktionsweise des menschlichen Gehirns, das sie mathematisch zu beschreiben versuchte. Durch ihre Bekanntschaft mit dem Mathematiker Charles Babbage kam sie in Kontakt mit der "Analytical Machine", die Babbage als erste, wenn auch letztlich nie fertiggestellte Rechenmaschine der Welt konzipiert hatte.
Mit groĂem Interesse verfolgte Lovelace auch die Arbeit Luigi Federico Menabreas, der einen Aufsatz ĂŒber die "Analytical Machine" verfasste. Diesen Aufsatz ĂŒbersetzte Lovelace ins Englische und reicherte ihn mit eigenen Kommentaren und Notizen an. Als sie mit ihrem Werk zufrieden war, nahmen die Notizen fast doppelt so viel Raum ein wie Menabreas ursprĂŒngliches Skript. Enthalten war unter anderem auch ein schriftlicher Plan zur Berechnung der Bernoulli-Zahlen mittels der "Analytical Machine", der heute vielen Wissenschaftlern als erster veröffentlichter Programmcode der Welt gilt.
Ada Lovelaces Werk hat viele spĂ€tere IT-Erfindungen direkt und indirekt beeinflusst, so dass sie zurecht als Vorreiterin der Branche gilt. Jean Ichbiah stellte 1980 seine nach ihr benannte Programmiersprache "Ada" vor. Auch wurden in den vergangenen Jahrzehnten Initiativen, Veranstaltungen und Auszeichnungen nach ihr benannt, deren Anliegen es ist, die Beteiligung und Leistungen von Frauen im MINT-Bereich zu fördern und zu wĂŒrdigen.
Hedy Lamarr: Leinwandstar mit Erfindergeist
Knappe 100 Jahre nach Ada Lovelace erblickte in Wien Hedwig Eva Maria Kiesler 1914 als Kind jĂŒdischer Eltern das Licht der Welt. Heute ist sie vor allem unter ihrem spĂ€teren KĂŒnstlernamen Hedy Lamarr bekannt. Ihre Leidenschaft galt der Schauspielerei, und als sie nach kurzer, unglĂŒcklicher Ehe mit dem Waffenfabrikanten Fritz Mandl 1937 erst nach Frankreich und spĂ€ter nach London ging, war sie bereits eine gefeierte Mimin. SpĂ€ter avancierte sie zum Hollywood-Star.
ZusĂ€tzlich zu ihrem Hauptberuf interessierte sich Lamar allerdings zeitlebens auch fĂŒr Technik. 1940 wurde diese fĂŒr sie zumindest fĂŒr eine Weile gar zum Beruf: Sie entwickelte zusammen mit dem Komponisten George Antheil ein System, mit dem sich bis zu 16 selbstspielende Klaviere und ein Film per Fernsteuerung untereinander synchronisieren lieĂen. Dieses Prinzip baute sie vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges kurze Zeit spĂ€ter fĂŒr die US Navy und die Alliierten aus. Sie erfand so eine Fernsteuerung fĂŒr Torpedos, die resilient gegen Angreifer sein sollte, welche die Flugbahn aus der Ferne zu manipulieren versuchten. Lamarrs patentiertes Konzept fuĂt dabei auf dem Prinzip des Frequenzsprungverfahrens. In diesem wechseln Sender wie EmpfĂ€nger auf Basis zuvor definierter Regeln wĂ€hrend des Betriebes die Frequenzen, so dass es fĂŒr Angreifer schwieriger wird, die Kommunikation gezielt zu stören.
Innovation mit Ăffentlichkeitswirkung
Moderne Funktechnologien wie WLAN oder Bluetooth wĂ€ren ohne das Frequenzsprungverfahren völlig undenkbar. Wohl auch deshalb gilt Lamarr heute manchem als "Lady WiFi" oder "Lady Bluetooth". Diese Sichtweise ist allerdings stark vereinfacht. Denn das Verfahren geht nicht auf Lamarr zurĂŒck, sondern existierte bereits, als sie mit ihrer TĂŒftelei begann. Zudem betrachtete die Navy Lamarrs Konzept nur als mĂ€Ăig ausgereift und in Teilen noch sehr vage. Das erklĂ€rt, wieso die US Navy Lamarrs Erfindung nicht im Zweiten Weltkrieg, sondern erst Jahrzehnte spĂ€ter in ĂŒberarbeiteter Form zum Einsatz brachte.
(Bild:Â Wikimedia Commons / Public Domain)
Dass die US-StreitkrĂ€fte Lamarrs Erfindung dennoch öffentlich zelebrierten, hatte andere, wenn auch nicht weniger relevante GrĂŒnde: In der Informationslogik des Krieges war eine österreichische Schauspielerin, die sich aktiv gegen Hitler und die Nazis stellte, in Sachen Propaganda selbstredend Gold wert. Einen Platz in der Liste bedeutender Frauen der Technik-Welt verdient sie damit einerseits fĂŒr ihre Erfindungen, andererseits aber auch fĂŒr ihr entschlossenes öffentlichkeitswirksames Auftreten gegen den Nationalsozialismus.
Elizebeth Friedman: Dechiffrieren im Akkord
Deutlich unmittelbarer als die Auswirkungen von Hedy Lamarrs Erfindungen waren jene der Arbeit von Elizebeth Friedman, die heute als eine der bedeutendsten Kryptoanalytikerinnen der Geschichte gilt. Die im August 1892 geborene Friedman studierte Anglistik und befasste sich intensiv mit verschiedenen Fremdsprachen. Mit 24 Jahren holte der Kaufmann George Fabyan sie in seine Firma Riverbank, die man heute wohl als "Think Tank" bezeichnen wĂŒrde. Auf Basis von Fabyans immensem Reichtum konnten sich bei Riverbank Menschen beinahe ohne Zielvorgaben mit Forschungesbereichen beschĂ€ftigen, die sie interessierten.
Friedman, die damals noch Smith hieĂ, erhielt von Fabyan unter anderem den Auftrag, zusammen mit ihrem spĂ€teren Ehemann William Friedman nach verschlĂŒsselten Geheimbotschaften in den Werken William Shakespeares zu suchen. Obwohl sie letztlich nicht fĂŒndig wurde, machte sich die Arbeit bezahlt: Bald galt Friedman als angesehene Expertin in Sachen Kryptologie und ihr Wissen war heiĂ begehrt bei fast allen amerikanischen Regierungsbehörden.
(Bild:Â Wikimedia Commons / Public Domain)
WĂ€hrend der Prohibition war sie aktiv daran beteiligt, fĂŒr die US-KĂŒstenwache geheime Nachrichten zwischen Schmugglern zu entschlĂŒsseln. Auch wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs arbeitete Friedman fĂŒr den Staat: Die USA befĂŒrchteten, die Nazis könnten sie ĂŒber SĂŒdamerika angreifen und fingen etliche FunksprĂŒche mit potenziellem Bezug zu solchen PlĂ€nen ab. Die meisten davon waren verschlĂŒsselt, und Friedman und ihr Team spielten bald eine zentrale Rolle dabei, solche Nachrichten zu dechiffieren. Das gelang allein wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs etliche tausende Male, etwa auch bei Nachrichten, die mit der deutschen Chiffriermaschine Enigma verschlĂŒsselt worden waren.
Ihre kryptoanalytische Arbeit beschrieb Friedman einmal mit dem noch heute bekannten Ausspruch: "We donât make âem, we break âem".
Grace Hopper: Ausnahmetalent im Dienste des Staates
WĂ€hrend Friedman erst im Laufe der Zeit ĂŒber die Sprachwissenschaften zur Kryptoanalyse kam, war die naturwissenschaftliche Laufbahn der 1906 geborenen Grace Hopper schon frĂŒh absehbar. Mit einem PrĂ€dikatsexamen in Mathe und Physik der Yale University waren ihre Voraussetzungen fĂŒr einen erfolgreichen Start ins Berufsleben zumindest so gut, wie sie fĂŒr eine Frau in der damaligen Zeit eben sein konnten.
Nachdem sie zunĂ€chst als Lehrerin gearbeitet hatte, trat Hopper 1944 in den Dienst der Reserve der US Navy ein â eigentlich wollte sie in die "normale" Marine, doch befand man sie dafĂŒr als zu alt. Zum GlĂŒck, wie man aus heutiger Sicht festhalten muss. Denn bei der Reserve der US Marine musste Hopper nicht unmittelbar ins Gefecht. Sie hatte stattdessen die Gelegenheit, ausgiebig mit dem Mark 1 ("Automatic Sequence Controlled Calculator", kurz ASCC) zu arbeiten, dem ersten funktionierenden elektromechanischen Computer der USA. Sie schrieb fĂŒr Mark I, mit dem die Marine etwa ballistische Berechnungen durchfĂŒhrte, Programmcode und war zudem an der Entwicklung von dessen direktem Nachfolger Mark II beteiligt, der 1947 fertig wurde.
Eine spĂ€tere Anstellung bei Eckert-Mauchly Computer Corporate bot ihr ab 1950 die Gelegenheit, sich an der Entwicklung des UNIVAC I zu beteiligen. Im Rahmen dieser Arbeit kam ihr die Idee, Computer mit Befehlen in englischer Sprache zu fĂŒttern, statt die damals ĂŒbliche binĂ€re Notation zu verwenden. Ihre Vorgesetzten lieĂen sie zwar abblitzen, dennoch beschĂ€ftigte sich Hopper mit ihrer Idee weiter. 1952 veröffentlichte sie nicht nur eine wissenschaftliche Arbeit zum Thema, sondern stellte gleich auch ein Programm vor, das Code bestehend aus englischer Sprache in Anweisungen fĂŒr den UNIVAC I umwandeln konnte. Hopper gilt mithin zurecht als Erfinderin des ersten Compilers. 1954 avancierte sie zur Chefin ihrer Abteilung, die kurze Zeit spĂ€ter Code fĂŒr zwei Programmiersprachen auf Compiler-Basis vorstellte, nĂ€mlich MATH-MATIC und FLOW-MATIC.
(Bild:Â Wikimedia Commons / Public Domain)
Hopper selbst eilte ihr Ruf zu diesem Zeitpunkt lĂ€ngst voraus. Da wundert es nicht, dass sie 1959 eine Einladung erhielt, sich als Beraterin am CODASYL-Konsortium zu beteiligen. Auf Basis von Hoppers FLOW-MATIC in Kombination mit Elementen der von IBM entwickelten Sprache COMTRAN sowie FACT von Minneapolis-Honeywell schuf CODASYL einen neuen Standard fĂŒr eine Programmiersprache. Die neue Sprache modernen Zuschnitts erhielt den Namen "Common Business-Oriented Language", kurz COBOL. Sie ist vor allem im Bereich der Programmierung kaufmĂ€nnischer Anwendungen noch heute im Einsatz;. Somit erstreckt sich der Einfluss von Grace Hoppers Werk und Ideen tatsĂ€chlich bis in die unmittelbare Gegenwart.
SpÀte Rente & hohe Auszeichnung
Wie umfassend und wichtig Hoppers Fachwissen war, wurde 1967 einmal mehr deutlich: Gerade ein knappes Jahr war ihr der Ruhestand vergönnt, in den sie im Jahr zuvor getreten war, bevor die US-Marine sie angesichts von Computerproblemen zurĂŒck in den aktiven Dienst beorderte. Fast 20 weitere Jahre zeichnete "The Amazing Grace", wie ihre Kollegen sie liebevoll nannten, maĂgeblich fĂŒr den Betrieb sowie die Entwicklung von Computern bei der Marine verantwortlich: Sie wusste und verstand schlicht Dinge, die ihren Kollegen und Kolleginnen schleierhaft blieben.
1986 wurde sie mit 80 Jahren hochdekoriert und mit allen militĂ€rischen Ehren im Range einer Flotillenadmiralin endgĂŒltig in den Ruhestand verabschiedet. US-PrĂ€sident Barack Obama zeichnete sie 2016 posthum mit der Presidential Medal of Freedom aus, der höchsten zivilen Auszeichnung der Vereinigten Staaten.
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Kult um ihre Person war Grace Hopper zeitlebens fremd, obgleich sich Horden von Fans um sie scharten, wenn sie in öffentlich in Erscheinung trat. Ein 1986 aufgezeichneter Auftritt Hoppers bei David Lettermann macht deutlich, dass Hopper ihre Arbeit vor allem als Dienst an ihrem Land verstand und mit groĂem Pragmatismus soldatische Tugenden reprĂ€sentierte, so wie es die Menschen in den USA von den Mitgliedern ihrer StreitkrĂ€fte erwarten.
Kathleen Booth: Schöpferin der ersten Assemblersprache
Apropos Programmiersprachen: Wie Grace Hopper leistete auch die 1922 in England geborene Kathleen Booth echte Pionierarbeit auf diesem Gebiet. 1950, mit 28 Jahren, promovierte sie in Angewandter Mathematik. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Londoner Birkbeck College war sie ab 1947 maĂgeblich an der Entwicklung mehrerer Computer beteiligt. Booths Spezialgebiet war das Programmieren. Ihr gröĂter Verdienst besteht in der Erfindung der ersten Assemblersprache ĂŒberhaupt, nĂ€mlich jener fĂŒr den ARC (Automatic Relay Calculator) sowie spĂ€ter noch weiterer Assemblersprachen.
Dazu muss man wissen: WĂ€hrend Assemblersprachen heute in der Wahrnehmung vieler nur noch "alter Kram" ist, mit dem sich höchstens Entwicklerinnen auf Kernel-Ebene und Analysten bestehenden Programmcodes beschĂ€ftigen mĂŒssen, waren sie in den 50er-Jahren eine wichtige Innovation. Denn schon vor den modernen Programmiersprachen, wie beispielsweise Grace Hopper sie mitschuf, boten diese Sprachen die Möglichkeit, einen Computer mit Abfolgen verstĂ€ndlicher Anweisungen statt mit Lochkarten und dem Prinzip von Nullen und Einsen zu fĂŒttern.
Dass Booth ihrer Zeit weit voraus war, bewies sie zudem durch ihre Forschung auf dem Gebiet der neuronalen Netze: Sie entwickelte mehrere Programme, die erfolgreich den Prozess simulieren konnten, wie Tiere Muster und Charaktere erkennen.
Jackson, Johnson und Vaughan: Die "Hidden Figures" der NASA
WĂ€hrend sich Grace Hopper und Kathleen Booth der Entwicklung von Programmiersprachen widmeten, stand man bei der NACA beziehungsweise der NASA, wie die US-Raumfahrtbehörde ab 1958 hieĂ, vor ganz anderen Herausforderungen. Im Rahmen des Kalten Krieges wetteiferten die USA und die Sowjetunion schlieĂlich darum, wer eine Person aus der eigenen Bevölkerung buchstĂ€blich zuerst auf den Mond schieĂt.
Das Problem: LeistungsfĂ€hige Computer, die in Sekundenbruchteilen die Flugbahn von Objekten im Orbit berechnen konnten, standen schlicht noch nicht zur VerfĂŒgung. Deshalb arbeiteten bei der NASA so genannte "menschliche Computer". Sie berechneten anhand vordefinierter Formeln etwa die Flugbahnen von GegenstĂ€nden im Orbit â und eine Vielzahl dieser "Human Computers" waren Frauen. Drei von ihnen gelten heute nach dem gleichnamigen Hollywoodfilm von 2016 als "Hidden Figures" der NASA: Mary Jackson, Katherine Johnson und Dorothy Vaughan. Ihre geballte Kompetenz bewahrte sie als People of Color nicht davor, die aus heutiger Sicht unertrĂ€glichen Gesetze der Rassentrennung einhalten zu mĂŒssen. So mussten sie etwa auf dem NASA-GelĂ€nde in Langley von ihren "weiĂen" Mitarbeitenden getrennte RĂ€umlichkeiten nutzen.
Die "Hidden Figures" der NASA (3 Bilder) [9]

Mary Winston Jackson
(Bild: Wikimedia Commons / Public Domain)
MĂ€nner im All, kluge Frauen im Schaltzentrum
Auch unter diesen widrigen UmstĂ€nden leisteten die drei Frauen Gewaltiges. Mary Jackson zeichnete verantwortlich, aus Experimenten mit Flugzeugen und in Windtunneln relevante Informationen zu erarbeiten und zu filtern. Etliche Erkenntnisse aus ihrer Arbeit machten die Mercury- und Apollo-Programme der NASA spĂ€ter sicherer und zum Teil ĂŒberhaupt erst durchfĂŒhrbar.
Ăhnliches gilt fĂŒr Katherine Johnson, deren Berechnungen die Grundlage sowohl fĂŒr die Mission Mercury-Redstone 3 im Jahre 1961 ebenso erfolgsentscheided waren wie fĂŒr Mercury-Atlas 6 im folgenden Jahr. US-Astronaut John Glenn stimmte seinem Flug ins All im Rahmen letzterer Mission erst zu, nachdem Johnson die Berechnungen fĂŒr seinen Flug verifiziert hatte: "Wenn sie sagt, sie sind gut, dann bin ich bereit, zu fliegen", so berichtet es die NASA selbst. Offenbar waren sie gut: Glenn war der erste Amerikaner, dem ein Orbitalflug gelang. Johnson war zudem maĂgeblich fĂŒr die Berechnungen verantwortlich, die es dem Lunar Lander des Apollo-Projektes ermöglichte, sich mit seinem Service-Modul im Orbit des Erdentrabanten zu verbinden. SpĂ€ter war sie auch an der Arbeit am Space Shuttle beteiligt.
Dorothy Vaughan schlieĂlich gilt als eine der frĂŒhesten Expertinnen fĂŒr FORTRAN und hat bei der NASA mehrere Projekte im Hinblick auf Satelliten nicht nur betreut, sondern sogar geleitet. Zudem fungierte sie als einer der wenigen weiblichen "afroamerikanischen Manager" bei der Behörde und ermutigte andere Frauen, an Fortbildungen teilzunehmen.
Ohne die tatkrĂ€ftige UnterstĂŒtzung kluger Frauen hĂ€tte es mit groĂer Wahrscheinlichkeit sehr viel lĂ€nger gedauert, bis der erste Mann den Mond betreten hĂ€tte.
Margaret Hamilton: Software Engineering wird ein echter Job
Man darf wohl davon ausgehen, dass die drei Frauen im Rahmen ihrer Arbeit bisweilen auch mit Margaret Hamilton kommunizierten. Die 1936 geborene Hamilton steht bei der NASA fĂŒr jene Generation von Mitarbeitenden, die auf jene der "Human Computers" folgte und bereits Zugriff auf fĂŒr damalige VerhĂ€ltnisse absurd potente Hardware hatte.
Dass Hamilton als weiĂe Frau in der damaligen Zeit im Vergleich zu den "Hidden Figures" deutlich bessere Start- und Karrierevoraussetzungen bei der NASA genossen haben dĂŒrfte, sollte an dieser Stelle nicht unerwĂ€hnt bleiben. Dies schmĂ€lert ihre Leistungen jedoch keinesfalls: Margaret Hamilton gilt heute als absolute SchlĂŒsselfigur bei der Entwicklung der Software, die in den Bordcomputern der Apollo-Missionen zum Einsatz kam. Manche Quellen sprechen ihr sogar zu, den modernen Begriff des "Software Engineering" beziehungsweise "Software Engineer" als Begriff erfunden zu haben. Verwendet und geprĂ€gt hat sie ihn in jedem Fall.
(Bild:Â Wikimedia Commons / Public Domain)
Zeitgenossen erinnerten sich in spĂ€teren Interviews vor allem an das groĂe Spektrum an FĂ€higkeiten, die Hamilton auf sich vereinte. So schrieb sie nicht nur die Software fĂŒr die Flugcomputer der Raumkapseln des Apollo-Programms, sondern entwickelte auch Prinzipien fĂŒr das Design von Software, bei der die Resilienz gegen AusfĂ€lle einzelner Komponenten und eine Minimierung der FehleranfĂ€lligkeit im Vordergrund stehen. Viele dieser Prinzipien flossen in die moderne Softwareentwicklung ein und kommen heute unter anderem in der Bordsoftware von Flugzeugen zum Einsatz.
Karen SpĂ€rck Jones: Grundsteinlegung fĂŒr moderne Suchmaschinen
Der Einzug von Computern in heimische Arbeitszimmer und spĂ€ter auch deren Vernetzung ĂŒber das Word Wide Web bescherte der Informatikbranche neue Chancen und Herausforderungen. Ein frĂŒhes Beispiel fĂŒr eine Frau, die einen wichtigen Beitrag zu deren BewĂ€ltigung leistete, ist Karen SpĂ€rck Jones â auch deshalb, weil ihr Werk bis heute Einfluss auf den Alltag von Millionen Menschen weltweit hat.
Die 1935 geborene Informatikerin SpĂ€rck Jones war nicht nur eine frĂŒhe Vertreterin der Computerlinguistik und des Information Retrieval, sondern auch eine besonders profilierte Forscherin im Bereich der automatischen, computergestĂŒtzten Analyse von Texten. In eben dieses Themengebiet fĂ€llt beispielsweise auch eine Veröffentlichung im Rahmen ihrer Arbeit am Darwin College der University of Cambridge aus den 70-er Jahren, die sich mit der "Wiederholung von Worten in groĂen Textmengen" beschĂ€ftigte.
(Bild:Â Wikimedia Commons / University of Cambridge / CC BY 2.5 [11])
GroĂe Aufmerksamkeit wurde der Arbeit 1994, also gut 20 Jahre spĂ€ter, zuteil: Zusammen mit Texten anderer Wissenschaftler wurde sie erneut veröffentlicht und bildete mit ihnen die technische Grundlage von AltaVista, der ersten groĂen Suchmaschine des World Wide Web. Die ist mittlerweile zwar lĂ€ngst Geschichte [12] â nicht aber SpĂ€rckâ Jones Forschungserfolge, die auch in heutige Suchmaschinen, Spamfilter und Analyseprogramme eingeflossen sind.
Die Informatikerin starb 2007 im Alter von 71 Jahren an Krebs. Mehr ĂŒber ihre vielfĂ€ltigen wissenschaftlichen Leistungen, unter anderem auch auf dem Gebiet des so genannten Natural Language Processing (NLP), fasst ein damals anlĂ€sslich ihres Todes veröffentlichter heise-online-Artikel zusammen:
Lorena Jaume-PalasĂ: Folgen von Innovation mit(be)denken
Auch in der IT der Gegenwart gibt es immer wieder Frauen, die die IT-Welt durch innovative Ideen und Sichtweisen entscheidend mitgestalten. Ein gutes Beispiel ist Lorena Jaume-PalasĂ.
Jaume-PalasĂ ist zwar keine Informatikerin im klassischen Sinne, beschĂ€ftigt sich aber intensiv mit den Auswirkungen, die Technik auf die Menschen im Alltag hat. Logisch: Wenn Technik immer weiter in den Alltag vordringt, beeinflusst sie notwendigerweise immer mehr Aspekte der menschlichen Existenz â bis hin zu buchstĂ€blich existenziellen Fragen. Dass autonome Fahrzeuge bald auf den StraĂen der Welt zuhauf unterwegs sein werden, bezweifelt heute etwa kaum mehr jemand. Das bringt zwangslĂ€ufig gesellschaftliche UmwĂ€lzungen mit sich: Wie etwa wollen Gesellschaften mit Situationen umgehen, in denen plötzlich ganze Branchen â im Beispiel jene der Berufskraftfahrer â ihren Job innerhalb weniger Jahre verlieren?
Die von Jaume-PalasĂ ins Leben gerufene Organisation "The Ethical Tech Society" hat es sich zum Ziel gesetzt, eben solche Diskussionen in den allgemeinen Fokus zu rĂŒcken und die Folgen von Digitalisierungs- und Automatisierungsprozessen zu erforschen. Sie arbeitet an Konzepten und bringt sich aktiv in Diskussionen mit Technikbezug ein, etwa auch dort, wo es um kĂŒnstliche Intelligenz und die Frage geht, was erlaubt sein soll und was nicht.
Die Initiative "AlgorithmWatch" [13], die Jaume-PalasĂ mitgegrĂŒndet hat, setzt sich kritisch mit der Auswirkung von Algorithmen auf den Alltag auseinander â ein Thema, das in Zeiten, in denen Facebook-Chef Zuckerberg vom allwissenden "Metaverse" trĂ€umt, relevanter und drĂ€ngender ist denn je. Die Theodor-Heuss-Stiftung honorierte Jaume-PalasĂ und ihre Mitstreiter und Mitstreiterinnen fĂŒr die Arbeit im Rahmen von "AlgorithmWatch" 2018 mit der Heuss-Medaille.
Frauen in der IT: Eher trĂŒbe Aussichten in der Gegenwart
Die genannten Beispiele spiegeln nur einen Bruchteil der Leistungen wider, durch Frauen die Informationsbranche in den vergangenen zwei Jahrhunderten vorangebracht haben.
Schaut man auf die IT der Gegenwart in Deutschland, stellt sich im Hinblick auf den Frauenanteil allerdings eine eher ErnĂŒchterung ein. Mit 17,5 Prozent liegt er laut einer Statistik von Eurostat [14] insbesondere Deutschland noch unter dem europĂ€ischen Durchschnitt â und der ist mit 18,5 Prozent ohnehin schon alles andere als berauschend. Obendrein hat sich der Anteil von Frauen in der IT in Deutschland in den letzten Jahren laut derselben Statistik kaum verĂ€ndert.
Immerhin: Der Anteil von Frauen in MINT-StudiengĂ€ngen ist etwa in Baden-WĂŒrttemberg seit 1990 um zehn Prozent auf 31 Prozent gestiegen. Betrachtet man die veröffentlichten Zahlen des Statistischen Landesamts BW [15] allerdings genauer, wird deutlich: Der Zuwachs betrifft vor allem die Bereiche Mathematik und Naturwissenschaften. Gerade im Fach Informatik waren Frauen im Wintersemester 2020/21 mit einem Anteil von rund 20 Prozent Ă€hnlich unterreprĂ€sentiert wie in den Vorjahren.
Talente nicht abschrecken, sondern ermutigen
Die GrĂŒnde fĂŒr die niedrigen Zahlen sind wissenschaftlich kaum beleuchtet. Einige Experten verorten das Problem in der Erziehung von Kindern: Jungen, so die These, wĂŒrden von Eltern noch immer viel hĂ€ufiger ermuntert, sich mit technischem Spielzeug zu beschĂ€ftigen, als es bei MĂ€dchen der Fall ist. In Kindergarten und Grundschulen seien Heranwachsenden wiederum vorwiegend mit (selbst entsprechend vorgeprĂ€gten) weiblichen Lehrenden konfrontiert, so dass auch hier der Bereich Technik oft zu kurz komme.
Obendrein berichten Informatikerinnen von toxischen Arbeitsumgebungen in Teilen der Branche. Frauen wĂŒrden regelmĂ€Ăig unterschĂ€tzt und von mĂ€nnlichen Kollegen nicht respektiert; auch wĂŒrden ihnen oft Aufgaben zugeteilt, fĂŒr die sie eigentlich ĂŒberqualifiziert seien. Dass solche und Ă€hnliche Arbeitsbedingungen technisch interessierte Frauen â und damit sicherlich auch manches vielversprechende IT-Talent â abschrecken, dĂŒrfte wohl jedem einleuchten.
(ovw [17])
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[1] https://www.heise.de/hintergrund/KI-Wie-Forscher-sie-gerechter-und-offener-gestalten-wollen-6195399.html
[2] https://www.heise.de/hintergrund/Unausgewogen-und-voreingenommen-systematischer-Gender-Bias-in-KI-Systemen-4846284.html
[3] https://www.heise.de/hintergrund/Schulen-ganz-anders-Die-MINTmacher-6128065.html
[4] https://www.heise.de/hintergrund/KI-Gesichtserkennung-ist-systematisch-rassistisch-4847403.html
[5] https://www.heise.de/hintergrund/Wie-die-Wahrheit-ermordet-wurde-5058791.html
[6] https://coimages.sciencemuseumgroup.org.uk/images/36/789/large_1995_0796.jpg
[7] https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de
[8] https://www.heise.de/Datenschutzerklaerung-der-Heise-Medien-GmbH-Co-KG-4860.html
[9] https://www.heise.de/bilderstrecke/3356238.html?back=6535011
[10] https://www.heise.de/bilderstrecke/3356238.html?back=6535011
[11] https://creativecommons.org/licenses/by/2.5/deed.en
[12] https://www.heise.de/news/Altavista-verschwindet-aus-dem-Netz-1912600.html
[13] https://algorithmwatch.org/de/
[14] https://appsso.eurostat.ec.europa.eu/nui/show.do?dataset=isoc_sks_itsps&
[15] https://www.statistik-bw.de/Presse/Pressemitteilungen/2022021
[16] https://www.heise.de/newsletter/anmeldung.html?id=ki-update&wt_mc=intern.red.ho.ho_nl_ki.ho.markenbanner.markenbanner
[17] mailto:olivia.von.westernhagen@gmail.com
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