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"Kunden sind lÀngst in der Web-3.0-Welt angekommen"

Marzena Sicking

Wer Erfolg haben will, darf keine Angst davor haben, mit dem Kunden auf TuchfĂŒhlung zu gehen. Um welche BerĂŒhrungspunkte es genau geht, erklĂ€rt Expertin Anne M. SchĂŒller im Interview.

Ob der Kunde [1] immer wieder gerne bei einem Unternehmen einkauft, entscheidet sich an den "Touchpoints" des Unternehmens, den BerĂŒhrungspunkten, an denen der potentielle Kunde auf Mitarbeiter, Produkte, Marken [2] und Services trifft. An jedem dieser BerĂŒhrungspunkte kann der Kunde ein positives oder ein negatives Erlebnis haben, dass Auswirkungen auf die Kundenbeziehung [3] hat. Wie man dafĂŒr sorgt, dass der Kunde eine positive BestĂ€rkung erfĂ€hrt, erklĂ€rt Buchautorin und Expertin fĂŒr LoyalitĂ€tsmarketing, Anne M. SchĂŒller, in ihrem neuen Buch "Touchpoints" [4] und in unserem Interview.

Welches sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten VerÀnderungen der letzten Jahre in der Beziehung zwischen Kunden und Unternehmen?

Anne M. SchĂŒller, Management Consultant, MĂŒnchen

Anne M. SchĂŒller, Management Consultant, MĂŒnchen

Anne M. SchĂŒller ist Management-Consultant und Expertin fĂŒr LoyalitĂ€tsmarketing. Sie hat ĂŒber 20 Jahre lang in leitenden Vertriebs- und Marketingpositionen internationaler Dienstleistungsunternehmen gearbeitet. Die Diplom-Betriebswirtin und neunfache Buch- und Bestsellerautorin ist heute eine gefragte Keynote-Rednern im deutschsprachigen Raum, Sie arbeitet auch als Business-Trainerin und lehrt an mehreren Hochschulen.

SchĂŒller: Der Siegesrausch von Social Media, Smartphones, Tablets und Apps hat die Gesetze der Businesswelt in kĂŒrzester Zeit auf den Kopf gestellt. FrĂŒher redeten die Unternehmen [5], die Kunden hörten brav zu und kauften dann. Heute ist es genau umgekehrt. Die Kunden [6] kaufen, reden dann darĂŒber und bringen so Dritte zum Handeln. Jetzt sind es die Unternehmen, die zuhören sollten. Denn das ‚Reh‘ hat nun die Flinte in der Hand.

Die sozial vernetzten Konsumenten sind die neuen Vermarkter. Hingegen haben die Unternehmen die Hoheit ĂŒber ihre Kommunikation weitgehend verloren. Sie können nur noch dann ĂŒberleben, wenn die Kunden und ihre Netzwerke sie lieben. Weiterempfehlungen [7] sind die neue WĂ€hrung. Und Suchmaschinen [8] sind das neue Weltgewissen.

Welche Folgen ergeben sich daraus fĂŒr das Kundenmanagement?

SchĂŒller: Um die Köpfe und Herzen dieser neuen Kundengeneration immer wieder neu zu erobern, benötigt man ein adĂ€quates Customer Touchpoint Management. Die Offline-Online-Customer Journey, also die Reise des Kunden durch die eigene Unternehmenswelt, muss hierbei das Navigationssystem sein. Und im Vorfeld braucht es neue interne Rahmenbedingungen, um die sich weitende Kluft zwischen Anbietern und Konsumenten [9] zu schließen.

WĂ€hrend nĂ€mlich viele Unternehmen immer noch in einer topdown-geprĂ€gten Web-1.0-Welt stecken, sind deren Kunden schon lĂ€ngst in der Web-3.0-Welt angekommen. Diese wurde eingelĂ€utet durch das mobile Internet, das vollautomatisch eine digitale Informationsschicht ĂŒber die Offline-SphĂ€re legt, und uns so mit dem kompletten Online-Wissen [10] ĂŒberall und immerzu in Echtzeit vernetzt.

Was bedeutet das genau?

SchĂŒller: Alles, was die Unternehmen heute sagen, kann nun live vor Ort auf den Wahrheitsgehalt ĂŒberprĂŒft und blitzschnell mit den Erfahrungen anderer abgeglichen werden. Wer dabei unbeschadet davonkommen will, tut gut daran, eine Top-Performance zu bieten, moralisch sauber zu sein und in einen offenen, ehrlichen Dialog zu treten. Und das Mauscheln in Hinterzimmern lĂ€sst man besser sein. Denn Irgendeiner schaut immer durchs SchlĂŒsselloch. Und was er dort sieht, erzĂ€hlt er Online der ganzen Welt.

So ist aus der ‚Weisheit der Vielen‘ (James Surowiecki) eine ‚Macht der Vielen‘ und aus der ‚Weisheit der Freunde‘ (Dan Rose) eine weltumspannende ‚Macht der Freunde‘ geworden. An dieser neuen Konstellation kommt nun wirklich kein einziges Unternehmen mehr vorbei.

Welches sind aus Ihrer Sicht die grĂ¶ĂŸten Fehler, die Unternehmen derzeit noch in der Kommunikation mit dem Kunden machen?

SchĂŒller: Uii, da gibt es viele. Der Hauptfehler ist aber sicher die immer noch weit verbreitete selbstzentrierte Denke, bei der sich der Kunde in vorgedachte AblĂ€ufe fĂŒgen soll. Ich nenne das die „Ich Hersteller – Du kaufen“-AttitĂŒde aus ĂŒberholten Business-Zeiten. FrĂŒher konnten die Anbieter ihren Werbeschrot(t) unbekĂŒmmert in die Welt hinaus ballern, und viel zu viele tun das auch heute noch. Doch zunehmend glauben wir ihren vollmundigen HochglanzbroschĂŒren nicht mehr.

Werbung, auf die zu achten es sich lohnt, kommt nun vornehmlich aus dem Kreis derer, die ihre Anwender-Erfahrungen wohlwollend teilen. Am Anfang und am Ende eines Kaufprozesses stehen nun Mundpropaganda und Weiterempfehlungen. Die indirekten ‚Earned Touchpoints‘, wie etwa Meinungsportale [11], User-Foren, Testberichte [12] und BlogbeitrĂ€ge, spielen eine zunehmend wichtige Rolle. Sie heißen so, weil Anbieter sich die Meinungen dort durch ihre Taten verdienen.

Muss ein Unternehmen denn heutzutage zwangslÀufig auch auf Facebook und anderen sozialen Plattformen vertreten sein?

SchĂŒller: Das kommt auf die Branche an. FĂŒr die meisten Unternehmen sind aktive Social-Media-PrĂ€senzen heute ein ‚Muss‘, fĂŒr manche sind sie bislang noch ein ‚Kann‘. Aber die passive Nutzung, also das Monitoring dessen, was im Social Web ĂŒber einen geredet wird, das ist Pflicht. Das muss ein Unternehmer sich heute genauso selbstverstĂ€ndlich anschauen wie seine Umsatzzahlen – und zwar tĂ€glich!

Wie können Unternehmen herausfinden, was der Kunde 3.0 wirklich will?

SchĂŒller: Am besten, indem sie die Kunden aktiv involvieren und instĂ€ndig befragen, zum Beispiel so: "Auf einer Skala von 0 bis 10: WĂŒrden Sie an diesem Punkt (wieder)kaufen?" Oder so: "Auf einer Skala von 0 bis 10: WĂŒrden Sie diesen Punkt weiterempfehlen?" Und damit man auch etwas lernt dabei, fragt man weiter wie folgt: "Was ist der wichtigste Grund fĂŒr die EinschĂ€tzung, die Sie gerade gegeben haben?"

Warum ist der direkte Dialog mit dem Kunden so wichtig?

SchĂŒller: Die Kunden von heute warten nicht lĂ€nger, bis Unternehmen ihre internen Entscheidungswege abarbeiten und zĂ€h in die Pötte kommen. Sie haben es satt, wenn Kostensparwahn in schlechten Service umgemĂŒnzt wird. Und sie werden auch nicht mehr Bittsteller sein. Wenn es klemmt, ziehen sie schleunigst von dannen. Und im Web erzĂ€hlen sie der ganzen Welt, warum das so ist. FĂŒr die Konsumenten ist das ein Trumpf ohnegleichen – fĂŒr schlecht aufgestellte Unternehmen hingegen bedeutet es Lebensgefahr.

Es sind ja nicht nur die Kunden, die sich verĂ€ndert haben, auch die neue Mitarbeitergeneration ist mit den neuen Medien aufgewachsen und hat dazu einen ganz anderen Draht. MĂŒsste sich demnach nicht auch in der internen Kommunikation einiges verĂ€ndern, damit man der aktuellen Entwicklung gerecht wird?

SchĂŒller: Ja, das stimmt. Die internen VerĂ€nderungen mĂŒssen sogar noch sehr viel einschneidender sein: ZunĂ€chst gehören die alten selbstverliebten Leitbilder ĂŒber Bord, denn die sind in vielen Unternehmen – im wahrsten Sinne des Wortes – aus dem letzten Jahrhundert. Dann mĂŒssen die Organigramme auf den Kopf gestellt werden, denn Kunden kommen in den derzeit ĂŒblichen noch nicht einmal vor. Ferner braucht es eine neue FĂŒhrungskultur. Der Chef als Ansager und Aufpasser ist ein Auslaufmodell. Vor allem aber braucht es einen CCO auf GeschĂ€ftsleitungsebene, also einen Chief Customer Officer als Advokat des Kunden im Unternehmen, damit das unproduktive Silodenken zwischen Service, Sales und Marketing endlich ein Ende hat.

Am Ende des Tages lĂ€uft es aber doch wieder auf die gleiche Botschaft hinaus: Kunden erwarten Ehrlichkeit in der Kommunikation und ein echtes Interesse des Unternehmens an ihren BedĂŒrfnissen. An welche Regeln mĂŒssen Unternehmen sich halten, um auch digital rĂŒberzubringen, dass ihnen diese Werte besonders wichtig sind?

SchĂŒller: Ja, nicht nur das Zahlenwerk, auch die moralische Bilanz muss zukĂŒnftig stimmen. Das Web ist wie eine gigantische, öffentliche Podiumsdiskussion. Vernebeln, vertuschen und Marketing-LĂŒgen [13] sind in diesem Szenario ein Auslaufmodell. Selbst kleinste Fehler werden einem um die Ohren gehauen. Und minderwertiges wird gnadenlos aussortiert. Wer glaubhaft hilft, die Welt ein bisschen besser zu machen, der wird in diesen neuen Zeiten die Zukunft am besten erreichen. "Sei wirklich gut und bringe die Leute dazu, dies engagiert weiterzutragen!“ So lautet das neue Business-Mantra. (gs [14])


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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/hintergrund/Wie-Sie-verlorene-Kunden-zurueckgewinnen-1433608.html
[2] https://www.heise.de/hintergrund/Die-Lieblingsmarken-der-Deutschen-1652179.html
[3] https://www.heise.de/hintergrund/Massnahmen-fuer-eine-erfolgreiche-Kundenbindung-1444377.html
[4] http://www.amazon.de/Touchpoints-Tuchf%C3%BChlung-Kunden-Managementstrategien-Businesswelt/dp/3869363304
[5] http://www.heise.de/thema/Unternehmen
[6] https://www.heise.de/hintergrund/B2B-Beratung-fuer-Geschaeftskunden-nicht-so-wichtig-1670126.html
[7] https://www.heise.de/hintergrund/So-bleiben-Sie-im-Gespraech-1418222.html
[8] http://www.heise.de/thema/Suchmaschinen
[9] https://www.heise.de/hintergrund/Bezahlen-per-Rechnung-oder-PayPal-bei-teuren-Produkten-ein-Muss-1660689.html
[10] https://www.heise.de/hintergrund/Keine-Hektik-beim-sozialen-Netzwerken-1215706.html
[11] https://www.heise.de/news/Studie-Viele-Firmen-verkennen-die-Tragweite-des-Internet-1268039.html
[12] https://www.heise.de/hintergrund/Vergleichende-Werbung-Was-ist-erlaubt-1285575.html
[13] https://www.heise.de/hintergrund/Krisenmanagement-bei-Facebook-Co-1574758.html
[14] mailto:gs@ct.de