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Krankmeldungen erreichen neuen Höchststand

Marzena Sicking

Der Krankenstand hat 2011 den höchsten Stand seit 15 Jahren erreicht. Grund ist nicht nur der zunehmende Stress im Job, sondern auch der demografische Wandel.

Jedes Jahr veröffentlichen die großen Krankenkassen [1] eine Analyse ihrer Statistiken, die Auskunft ĂŒber den Krankenstand [2] ihrer Versicherten [3] gibt. Sie unterscheiden sich in ihren Angaben nur geringfĂŒgig, so dass der aktuell veröffentlichte "DAK-Gesundheitsreport 2012" [4] durchaus als symptomatisch fĂŒr die aktuelle Situation gewertet werden darf. Was diesen Bericht aber besonders interessant macht, ist die zusĂ€tzliche Befragung von rund 3.000 Arbeitnehmern [5] zu ihrer Situation am Arbeitsplatz [6].

Doch zunĂ€chst zu den Basics: Laut DAK-Gesundheitsreport 2012 stieg der Krankenstand stieg 2011 auf 3,6 Prozent, 2010 lag er noch bei 3,4. Damit wurde im vergangenen Jahr der höchste Krankenstand seit 15 Jahren erreicht. Zugleich wird vor falschen Interpretationen gewarnt: Die Steigerung bedeute keinesfalls, dass es mit der Gesundheit der arbeitenden Bevölkerung abwĂ€rts gehe. Vielmehr sei der demografische Wandel in den Betrieben [7] angekommen: Die Belegschaften seien heute deutlich Ă€lter, als noch vor zehn Jahren. Ältere Mitarbeiter [8] werden laut Statistik seltener krank als die jĂŒngeren Kollegen, dann aber lĂ€nger.

Vor allem der Anteil der Krankschreibungen [9] aufgrund von psychischen Erkrankungen ist im vergangenen Jahr (von 12,1 auf 13,4 Prozent) weiter angestiegen und hat sich in den letzten 15 Jahren damit mehr als verdoppelt. Auch dieser Trend ist fĂŒr den gestiegenen Krankenstand verantwortlich: Wer wegen eines psychischen Leidens [10] krank geschrieben wird, fĂ€llt meist etwa 30 Tage aus. Der "normale" Durchschnitt eines Versicherten liegt bei 13,2 Tagen. Ob es hier tatsĂ€chlich einen Zusammenhang mit dem beruflichen Alltag gibt, sollte die Befragung von rund 3.000 BerufstĂ€tigen klĂ€ren. Und die Antwort lautet eindeutig "ja".

So fĂŒhlt sich jeder FĂŒnfte "stark" oder "sehr stark" durch Zeitdruck oder ein besonders hohes Arbeitsaufkommen belastet [11]. Genausoviele fĂŒhlen sich durch hĂ€ufige Unterbrechungen und Störungen der ArbeitsablĂ€ufe zusĂ€tzlich gestresst. Zehn Prozent leiden unter der hohen Verantwortung und den regelmĂ€ĂŸig notwendigen Überstunden im Job. Diese Belastung erhöhe nicht nur das Risiko fĂŒr psychische, sondern auch fĂŒr Herz-Kreislauf-Erkrankungen, so die Warnung der Gesundheitsexperten.

(Bild: DAK)

Weitere 17 Prozent gaben an, dass die mangelnde Anerkennung durch Vorgesetzte sie belastet, 15 Prozent sind gestresst, weil sie Angst vor einer Verschlechterung ihrer Arbeitssituation haben oder diese gerade tatsĂ€chlich erfahren mĂŒssen. Weitere Stressfaktoren: widersprĂŒchliche Anweisungen, struktureller Umbau des Unternehmens oder die Tatsache, dass man eine Arbeit lieber ganz anders angepackt hĂ€tte, als vom Vorgesetzen angeordnet.

Interessant: Obwohl das Thema "Burn out" im vergangenen Jahr in den Medien dauerprÀsent war und somit auch die Hemmschwelle bei den Arbeitnehmern sank, sich dazu zu bekennen, waren nur 9,3 Prozent der Befragten davon betroffen. Und es handelt sich keinesfalls um eine typische Managerkrankheit [12]: vor allem Facharbeiter und Arbeiter befinden sich in einer beruflichen Krise, die sich auch gesundheitlich negativ auswirkt.

Deutlich unterdurchschnittlich tritt das Problem bei Freiberuflern und SelbststĂ€ndigen auf (3,9 Prozent). Das Homeoffice ist ĂŒbrigens durchaus dazu geeignet, den Stress zu reduzieren. Allerdings nur, wenn BĂŒrotage durch Heimarbeitstage ersetzt werden. Bedeutet "Homeoffice" [13], dass hier Arbeit erledigt wird, die wĂ€hrend der regulĂ€ren Arbeitszeit nicht geschafft wurde, steigt sogar das Risiko fĂŒr einen Herzinfarkt deutlich an.

Weitere Ergebnisse des Gesundheitsreports: Der hĂ€ufigste Grund fĂŒr eine Krankschreibung sind noch immer Muskel-Skelett-Erkrankungen, an zweiter Stelle stehen Erkrankungen des Atmungssystems und an dritter Verletzungen verschiedenster Art. Die psychischen Erkrankungen liegen an vierter Stelle. Gute Nachrichten gibt es allerdings auch: Mehr als die HĂ€lfte aller erwerbstĂ€tigen Versicherten (52,2 Prozent) war 2011 ĂŒberhaupt nicht krank. (gs [14])


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https://www.heise.de/-1434773

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[1] https://www.heise.de/hintergrund/Mitarbeiter-duerfen-Krankenkasse-frei-waehlen-1413897.html
[2] https://www.heise.de/hintergrund/Ich-bin-dann-mal-krank-1344893.html
[3] https://www.heise.de/hintergrund/Krankengeld-auch-ohne-Job-1366537.html
[4] http://www.presse.dak.de/ps.nsf/sbl/6E88C38D87E76D22C125799D00478C87?open
[5] https://www.heise.de/hintergrund/Urlaubsanspruch-verfaellt-bei-langer-Krankheit-1159662.html
[6] https://www.heise.de/hintergrund/Gute-Chefs-haben-gesuendere-Mitarbeiter-1335744.html
[7] https://www.heise.de/hintergrund/Beruflich-ins-Ausland-Gesetzgeber-verpflichtet-zur-Vorsorge-1273534.html
[8] https://www.heise.de/hintergrund/Wer-krankgeschrieben-ist-darf-nicht-gekuendigt-werden-oder-1217658.html
[9] https://www.heise.de/hintergrund/Arzttermine-waehrend-der-Arbeitszeit-erlaubt-oder-nicht-1206590.html
[10] https://www.heise.de/hintergrund/Mehr-Arbeitnehmer-als-bisher-angenommen-sind-ausgebrannt-1276183.html
[11] https://www.heise.de/hintergrund/Erste-Hilfe-gegen-Stress-1050975.html
[12] https://www.heise.de/hintergrund/Herzlichen-Glueckwunsch-zur-Befoerderung-Sie-Aermster-856705.html
[13] https://www.heise.de/hintergrund/Mobile-Arbeitsplaetze-gut-fuer-Zufriedenheit-und-Produktivitaet-1146176.html
[14] mailto:gs@ct.de