Ist die Telekom noch zu retten?
Der Ex-Monopolist sucht politischen Schutz bei der Bundesregierung. Doch auch wenn die Telekom für den VDSL-Ausbau Sonderkonditionen bekommt, löst das ihre strukturellen Probleme nicht.
- Sascha Mattke
n Getreu hielt sich Kai-Uwe Ricke an sein Redemanuskript, aber von der Abrissbirne wollte er dann doch nicht sprechen: „Dieses Geschäftsmodell gehört der Vergangenheit an“, sagte der Vorstandschef der Deutschen Telekom vor Journalisten aus aller Welt, die zum alljährlichen Pressekolloquium der Telekom Anfang Februar in Berlin angereist waren. Von „gewaltigen Herausforderungen“ war dennoch gleich mehrfach die Rede und von der Gefahr, in „absehbarer Zeit vor dem unternehmerischen Abgrund“ zu stehen. Und selbstverständlich gab Ricke bei der Berliner Show auch seine Zuversicht zu Protokoll, die Situation meistern zu können.
Doch tatsächlich ist sein Unternehmen dem Abgrund schon näher, als er öffentlich zugeben möchte: Obwohl die Telekom noch immer von ihrer Position als Ex-Monopolist für alles Telefonieren in Deutschland profitiert, bricht ihr allmählich das Geschäft weg: Der Umsatz in der Festnetzsparte fällt trotz Millionen neuer DSL-Anschlüsse seit Jahren, 2005 sank er erstmals auch bei der deutschen Mobilfunk-Tochter. Rechnet man den teuer gekauften US-Mobilfunkarm heraus, ging sogar der Gesamtumsatz zurück. „Fast jeder Teil ihres Geschäfts kommt unter Beschuss. Es gibt einen tief greifenden Wandel, und er geht schnell voran. Man muss wirklich fragen, ob die Telekom es noch schaffen kann, sich rechtzeitig anzupassen“, sagt James Enck, langjähriger Telekom-Beobachter beim japanischen Brokerhaus Daiwa Securities.
Die grundlegendste technologische Bedrohung für das Wohlergehen der Telekom liegt in der Sprachübertragung über das Internet-Protokoll, im Tech-Jargon genannt Voice over IP oder kurz VoIP. Jetzt, im zweiten Anlauf (s. TR 2/04), hat diese Technologie an Glaubwürdigkeit, Nutzerfreundlichkeit und Breite gewonnen. Und ihre Bedeutung für die Telekom geht meilenweit über den möglichen Verlust von Festnetz- Telefonminuten an billigere Konkurrenten hinaus: VoIP hat begonnen, sich auch im Mobilfunk-Markt zu etablieren, wo die Gewinne – sowohl bei eingehenden als auch bei ausgehenden Gesprächen – noch immer enorm sind.
Zwei von den Leuten, die Ricke um die richtigen Worte kämpfen lassen, sind Thilo Salmon und Tim Mois vom Düsseldorfer Unternehmen indigo networks. Schnellsprechender Diplom-Mathematiker der eine, Dreitagebart tragender Fast- Betriebswirt der andere, haben sie mit Sipgate im Januar 2004 den ersten deutschen Anbieter gestartet, der VoIP-Gespräche von und zur eigenen Ortsrufnummer ermöglicht; ein Computer ist dafür nicht nötig, nur eine kleine Box, in der die Internet- Signale für die Nutzung mit einem normalen Telefon aufbereitet werden. Derzeit gewinnt Sipgate laut Salmon pro Monat „eine fünfstellige Zahl“ an neuen Kunden. Das klingt nicht nach viel. Doch Sipgate ist nur einer von Dutzenden VoIP-Anbietern auf dem deutschen Markt – und ein ansehnlicher Anteil der Internet-Telefonierer sagt der Telekom komplett „Auf Nimmerwiedersehen“. Insgesamt sank die Zahl der Telefonanschlüsse bei der Telekom 2005 um 1,5 Millionen.
Bislang konnte die Telekom Kunden zumeist getrost ziehen lassen, in dem Bewusstsein, dass auch deren neuer Telefon- Dienstleister in großem Maße Vorleistungen beim rosa Riesen beziehen wird: Wer Call by Call anbietet, muss für die Nutzung der Kupferleitung vom Hauptverteiler ins Haus sowohl beim Anrufer als auch beim Angerufenen bezahlen. Wer DSL-Anschlüsse vermarktet, kauft sie fast immer zu kaum niedrigeren Preisen bei der Telekom ein. Wer komplette Telefonanschlüsse verkauft, zahlt für die Leitung ins Haus eine monatliche Miete an die Telekom. Denn auf dieser „letzten Meile“ hat die Deutsche Telekom auch heute noch, zehn Jahre nach der offiziellen Marktöffnung, ein Quasi-Monopol.
„Es war in der Vergangenheit relativ problemlos, sinkende Gesprächsgebühren durch höhere Grundgebühren auszugleichen“, sagt Karl-Heinz Neumann, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts für Infrastruktur und Kommunikationsdienste (WIK), das Unternehmen und Politiker berät.
SCHMUTZIGE KLEINE GEHEIMNISSE
Doch diese Zeiten gehen zu Ende: Da wären zum einen die Betreiber von TV-Kabelnetzen, die nach mehrjähriger Restrukturierung wieder Fuß gefasst haben und ihre Leitungen für Internet-Zugänge aufrüsten. Mittlerweile ist etwa jeder dritte der 20 Millionen deutschen Kabelhaushalte theoretisch auch Internet-fähig, 320 000 von ihnen nutzen Ende 2005 solche Angebote. Diese relativ niedrige Zahl hängt zusammen mit einem Letzte-Meile-Problem der anderen Art: Die Signalverteilung in die Häuser liegt meist nicht in der Hand der großen Kabelfirmen, sondern in der von hunderten kleinen Hausverwaltern, Wohnungsbaugesellschaften und anderen lokalen Anbietern. Mit diesem Gemisch ein durchgängiges Angebot zu gestalten ist schwer – doch es geht voran: „Wir gehen davonaus, dass wir Ende dieses Jahres mindestens eine Million Internet-Kunden haben werden“, sagt Carsten Engelke, Technischer Leiter beim Kabel-TV-Verband Anga. Telekom-Leitungen brauchen diese Leute dank VoIP nicht mehr.
Dazu kommt eine Konkurrenz, die in Teilen von der Telekom selbst ausgeht: die Handynetze. Lange Zeit war Mobil- Telefonieren in Deutschland so teuer, dass man von ihm keine Bedrohung für das Festnetz hätte erwarten wollen. Doch im August 2005 brach E-Plus aus dem stillschweigenden Preiskartell aus und startete unter der Marke Simyo den ersten Mobilfunk- Discounter Deutschlands; das brachte das Preisgefüge in der gesamten Branche ins Rutschen.
Ist die Telekom noch zu retten?
Noch behindern hohe Gebühren für den Anrufer den völligen Wechsel von Kunden auf eine Handynummer. Dahin- ter steckt so etwas wie das schmutzige kleine Geheimnis der Mobilfunker: Sie verdienen klotzig, wenn ihre Kunden aus Fremdnetzen angerufen werden – derzeit nach WIK-Angaben zwischen 11 und 12,4 Cent pro Minute. Bezahlen muss der Netzbetreiber, von dem aus telefoniert wird, und damit letztlich der Anrufer. Doch auch diese Terminierungsgebühren kommen unter Druck: Eine erste Senkungsrunde bis Ende 2005 war dem Chef der Bundesnetzagentur (BNetzA), Matthias Kurth, noch nicht genug. Er forderte eine weitere Reduzierung, wenn die Branche sein Eingreifen verhindern wolle.
Auf lange Sicht, erwartet E-Plus’ Technik-Geschäftsführer Thorsten Dirks, dürfte sich der Preis für die Mobil-Terminierung nicht mehr von der im Festnetz unterscheiden. Fallende Terminierungsgebühren betreffen alle Mobilfunker, doch die Telekom mit ihrer Handy-sparte T-Mobile in besonderem Maße: Durch ihre Größe hat sie relativ wenig für Terminierung zu bezahlen und viel zu vereinnahmen.
Und was immer der Mobilfunk- Arm mit gĂĽnstigen Angeboten an Kunden aus dem Festnetz zu sich holen kann, geht der Festnetz-Schwester T-Com verloren. Andererseits aber hat er keine andere Wahl, als das Spiel der Preissenkungen mitzuspielen: Sonst landen die Kunden eben bei einem der drei anderen Mobilfunker, und die Mutter T geht ganz leer aus.
ANGRIFF DER FUNKTECHNOLOGIEN
„Wir sind eine Industrie, die in Flatrates enden wird“, sagt E-Plus-Technikchef Dirks – preislich überzeugende Angebote bezeichnet er als beste Verteidigung gegen die Konkurrenz durch neue Technologien. Denn auch im Mobilfunk dürfte das Konzept von Voice over IP nicht aufzuhalten sein – spätestens die übernächste UMTS-Generation wird ohnehin nur noch IP-basiert sein. Schon heute kooperiert E-Plus mit dem VoIPProvider Skype, der mittlerweile auch Ortsnetzrufnummern anbietet. Andere VoIP-Dienste sind bei E-Plus wie auch den anderen Mobilfunkern zumeist noch verboten. Doch niemand in der Industrie geht davon aus, dass sich das auf Dauer halten lässt; mit technischen Tricks wären solche Verbote ohnehin leicht zu umgehen.
Eine weitere große Unbekannte für die Telekom sind Funktechnologien, die sich außerhalb des Bereichs klassischen Mobilfunks abspielen. Schon einmal wurden sie als Bedrohung gehandelt: Eine drahtlose Überbrückung der letzten Meile (Wireless Local Loop – WLL) sollte das Anschluss-Monopol der Telekom beenden. Diese Idee scheiterte vorläufig zusam- men mit vielen weiteren großen Ideen der Technologie-Blase Ende des vergangenen Jahrtausends. Doch so sind Frequenzen freigeworden, die jetzt für neue Angebote genutzt werden: Mit dem Spektrum der insolventen Star 21 Networks hat etwa die Deutsche Breitbanddienste GmbH begonnen, Netze auf Basis des entstehenden Funkstandards Wimax aufzubauen. Und in diesem Jahr sollen weitere Frequenzen vergeben werden, die breitbandige Datendienste über Funk ermöglichen. Anders als bei der UMTS-Versteigerung will die BNetzA hier nicht mehr festlegen, welche Technologie zum Einsatz kommt – was auch immer an leistungsfähigen Funkprodukten entwickelt wird, darf auch benutzt werden.
Es verwundert nicht, dass Dirks für E-Plus ankündigt, genau zu schauen, welche Dienste auf den Zusatzfrequenzen erlaubt werden: „Wir werden nicht die Hände in den Schoß legen, wenn jemand kommt, der kostenlos Frequenzen haben will, mit denen er das gleiche machen kann wie die Mobilfunkunternehmen.“
T-Mobile-Chef René Obermann äußerte sich am Rande der Berliner Konferenz ähnlich kampfeslustig. Zur Cebit gab er zudem bekannt, selbst Wimax- Frequenzen beantragt zu haben, um „portable“ – nicht etwa mobile – Internet-Zugänge anbieten zu können. Aber selbst wenn es gelingen sollte, eine echte mobile Nutzung der neuen Funknetze zu verhindern: Eine weitere Konkurrenz für DSL von der Telekom entsteht so allemal.
Sie gesellt sich zu einer, die im Prinzip schon seit Jahren existiert, aber in letzter Zeit an Durchschlagskraft gewinnt: WLAN-Netze, die ohne behördliche Genehmigung betrieben werden können. Jüngstes und derzeit dynamischstes Beispiel ist das spanische Startup Fon. Hinter ihm steht der Seriengründer Martin Varsavsky (eines seiner Unternehmen, der Internet-Provider ya.com, gehört mittlerweile T-Online). Mit finanzieller Unterstützung von Google und Skype will er ein weltweites Netz von „Foneros“ aufbauen, die sich gegenseitig Zugang zum Internet gewähren – kostenlos im Modell „Linus“ oder gegen Bezahlung im Modell „Bill“. Erleichtert wird das durch vorkonfigurierte WLAN-Geräte, die obendrein zum subventionierten Preis von 25 Euro angeboten werden. Innerhalb kürzester Zeit fand Fon mehr als 20 000 Mitglieder, deren Internet-Zugänge der Gemeinschaft zur Verfügung stehen – sobald das geplante Modell „Alien“ freigegeben ist, auch für Nur-Nutzer.
Und auch in diesem Zusammenhang taucht wieder das VoIP-Gespenst auf: Wer den Umstand nicht scheut, kann seit langem Telefon-Software auf sein Notebook spielen, einen Kopfhörer samt Mikrofon einstöpseln und über eine WLAN-Verbindung telefonieren; vor allem auf Auslandsreisen kann man so die horrenden Roaming-Gebühren seines Mobilfunkanbieters umgehen. Neuerdings ist das auch ohne Materialschlacht möglich: Nokia stellte auf der Messe 3GSM in diesem Februar sein Modell 6136 vor, das neben klassischem Mobilfunk auch VoIP über WLAN beherrscht. Noch räumt Nokia, als weltgrößter Handyhersteller den massenabnehmenden Mobilfunkern eng verbunden, diesen das Privileg ein, zu bestimmen, welcher VoIP-Dienst auf dem 6136 läuft. Aber Geräte von Newcomern, wie etwa das von Sipgate auf der Cebit präsentierte GF 200 von UT Starcom, sind in dieser Hinsicht ausgesprochen rücksichtslos.
ENDE DES INFRASTRUKTUR-MONOPOLS
„Telefonieren über das Internet wird mobil“, sagte Nokia-Chef Jorma Ollila bei der Vorstellung des 6136, und Vodafone-Vormann Arun Sarin bestätigte: „Die VoIP-Welt wartet eindeutig gleich um die Ecke; sie ist nur noch zwei bis drei Jahre entfernt.“ Hamid Akhavan, Technikchef von T-Mobile, gab sich dennoch gelassen: „VoIP wird die Mobilfunk-Industrie nicht sprengen“ – für die Kunden werde der Anreiz zum Umsteigen auf VoIP schließlich immer kleiner, weil auch die Handygebühren sinken. Was Akhavan aber verschwieg, ist das Problem mit den Terminierungsgebühren, die viel zum Gewinn beitragen und bislang relativ unangetastet geblieben sind. VoIP auf dem WLAN-Handy oder PDA bedeutet: Der Kunde ist unter einer normalen Ortsnetznummer oder gleich unter einer Internet- Adresse erreichbar; auch bei eingehenden Anrufen sieht sein Mobilfunk-Provider also keinen Cent mehr.
Dass ein Manager sinkende Preise in seinem Kerngeschäft zur Verteidigung anführt, zeigt, wie einschneidend der Veränderungsprozess in der Telecom-Branche ist. VoIP bringt die eingesessenen Anbieter gehörig unter Druck, weil es die Spielregeln ändert: Erstmals kann die Dienstleistung – die Übertragung von Sprache – damit wirklich getrennt von der Infra- struktur angeboten werden. Das könnte die Telekom noch verschmerzen. Aber obendrein wird mit WLAN, Wimax, UMTS und TV-Kabel-Internet zunehmend auch ihr Infrastruktur- Monopol untergraben.
An der Börse scheinen diese schlechten Nachrichten noch nicht wirklich angekommen zu sein. Zwar hat die T-Aktie den seit etwa drei Jahren laufenden Aufwärtstrend der Aktienmärkte weltweit nur unentschlossen mitgemacht und im vergangenen Sommer sogar die Gegenrichtung eingeschlagen. Damit liegt sie längst wieder unter dem Kurs der Erstausgabe im November 1996, was Millionen treue Kleinanleger ziemlich ärgern dürfte. Selbst die Ankündigung einer deutlich höheren Dividende Anfang März konnte den Markt nicht wirklich begeistern – und auch nicht die Tatsache, dass Konzernchef Ricke 2005 in finanzieller Hinsicht als „das erfolgreichste Jahr der Deutschen Telekom“ bezeichnete. Aber noch immer liegt die Aktie weit über ihrem Tiefstkurs von November 2002.
Ist die Telekom noch zu retten?
BREITBAND WIRD ZUM POLITIKUM
Dass es bald wieder abwärts gehen könnte, glauben mittlerweile nicht wenige professionelle Beobachter, allen voran Daiwa- Analyst Enck. Von seinem Großraumbüro im Londoner Finanzbezirk aus warnt er seit Jahren vor dem Untergang von ehemaligen Telecom-Größen weltweit – in Studien für Kunden und auch in einem frei verfügbaren Blog. Die T-Aktie habe er lange Zeit als relativ attraktiv angesehen, sagt Enck – auch weil sie in den vergangenen drei Jahren an der Börse noch schwächer abgeschnitten habe als der gesamte geplagte Sektor. Mit dieser Einschätzung fühle er sich aber immer weniger wohl, denn im Vergleich zu Konkurrenten wie France Telecom oder Telecom Italia reagiere die Telekom langsamer und weniger koordiniert auf die VoIP-Bedrohung.
Und während das disruptive Potenzial von VoIP zumindest in der Theorie seit Jahren bekannt ist, bahnt sich bei der Infrastruktur laut Enck eine weitere beunruhigende Entwicklung an: „Breitband wird immer weniger als Markt angesehen denn als Mittel zur gesellschaftlichen Entwicklung. 2006 dürfte das Jahr werden, in dem dieses Thema politisch hoch akut wird.“ Er verweist auf Initiativen wie in Amsterdam, wo die Stadtverwaltung zusammen mit Wohnungsgesellschaften und Investoren ein Glasfasernetz bis in die Haushalte (fiber to the home – FTTH) aufbaut. Bewohner des Londoner Bezirks Shoreditch werden derzeit sogar mit Geld der britischen Regierung ins Glasfaser-Zeitalter geholt. Ein ähnliches Projekt läuft in der nordrhein-westfälischen Stadt Schwerte (s. TR 3/06), in Köln plant der kommunale Stadtnetzbetreiber Netcologne ebenfalls Glasfasern bis ins Haus.
Bei den deutschen Projekten findet Enck vor allem die Eigentumsverhältnisse interessant: Neben der Stadt selbst ist über Beteiligungen in beiden Fällen auch der Energieriese RWE mit von der Partie – just der Konzern also, der bis vor vier Jahren mit der Powerline-Technologie sein Stromnetz datenfähig machen und damit ins Internet-Geschäft einsteigen wollte. Diese Pläne wurden wegen technischer Schwierigkeiten begraben – kommt jetzt der nächste Diversifizierungsversuch über Glasfaser-Internet bis ins Haus? „Sie haben Bagger, sie haben Rohre, sie haben Interesse, und sie haben jede Menge Geld“, gibt Enck zu bedenken.
Nach Aussage eines intimen Branchenkenners haben mindestens zwei Stromkonzerne FTTH-Projekte bereits durchrechnen lassen; ihre Umsetzung sei allerdings in näherer Zukunft nicht zu erwarten, unter anderem weil – gebranntes Kind scheut das Feuer – die Technologie als noch nicht ausgereift angesehen werde. Doch selbst wenn RWE & Co. noch lange bei ihren Leisten bleiben, dürften die restlichen Konkurrenten bald behördliche Schützenhilfe bekommen: „Wir stehen in Deutschland noch davor, bestimmte Regulierungseingriffe zu machen, die den Wettbewerbern helfen, eine stärkere Position zu beziehen“, sagt WIK-Geschäftsführer Neumann. Konkret denkt er dabei an den so genannten Bitstrom-Zugang, bei dem alternative Anbieter die DSL-Infrastruktur der Telekom mieten und so umfassendere Angebote machen können. Bislang sind sie zumeist darauf beschränkt, mit Flatrates oder Volumentarifen nur den Datentransfer zu übernehmen, während die DSLGebühr komplett an die Telekom geht. Nach Auskunft der BNetzA dürfte der Bitstrom-Zugang, in Spanien, England oder Frankreich längst Realität, in diesem Sommer auch hierzulande eingeführt werden.
Dass die Telekom auf die wachsenden Bedrohungen nicht reagieren würde, kann man beim schlechtesten Willen nicht behaupten. Ricke und seine Vorstandskollegen verweisen mittlerweile bei jeder Gelegenheit auf die enormen Probleme, mit denen sie zu kämpfen haben. Der jeweils aufgezeichnete Ausweg: Innovation, Innovation, Innovation. Der Konzern leistet sich seit kurzem sogar ein luxuriöses Labor in Berlin, wo in Zusammenarbeit mit Forschern aus Universitäten die lukrativen Dienste der Zukunft ersonnen werden sollen (s. S. 36).
T-MOBILE GEGEN T-COM
Die Versuche, schon heute die Angreifer auszumanövrieren, wirken allerdings in vielen Fällen etwas hilflos. So startete T-Mobile Anfang des Jahres das Produkt T-Mobile@home, bei dem Handykunden im Umkreis ihrer Wohnung zu annähernd Festnetztarifen telefonieren können und unter einer für den Anrufer billigen Festnetznummer erreichbar sind; Konkurrent O2 hat so etwas seit Jahren. Auf der 3GSMKonferenz stellten T-Mobile und andere große Mobilfunker Pläne für kostenpflichtiges Instant Messaging (IM) vor.
Doch alles, was man für dieselbe Funktionalität schon heute braucht, ist ein Datentarif und eines der vielen Telefone, auf dem die Mobilgerät-Varianten der weit verbreiteten IM-Programme wie ICQ oder Skype laufen; bezahlen muss man dafür nicht. T-Com-Chef Walter Raizner wiederum wirbt für seinen neuen Dienst T-One: Spezielle Handys sollen im Festnetz, über WLAN und in Mobilnetzen funktionieren und jeweils automatisch die billigste Variante auswählen – im Fall von WLAN sogar VoIP. Gut für den Kunden, schlecht für die Schwester: Tatsächlich soll ein T-Com-Manager auf einer Konferenz gesagt haben, mit dem „dual phone“ werde man T-Mobile „außer Gefecht setzen“. Es sei denn, das besorgt gleich ein konzernfremder Anbieter wie Sipgate, der Internet-Provider Freenet oder die Festnetz-Firma Arcor, die auf der Cebit ebenfalls Kombi-Handys für WLAN und Mobilfunk präsentierten.
In seiner Berliner Rede verwendete Vorstandschef Ricke viel Zeit darauf, für die geplante Aufrüstung der eigenen DSLZugänge zu werben: 50 größere Städte sollen mittels Glasfaserleitungen bis nah ans Haus in den Genuss der VDSL-Technologie kommen, die Datenraten beim Endnutzer von bis zu 50 Megabit pro Sekunde ermöglicht – weitaus langsamer als direkte Glasfaser-Anschlüsse, aber immer noch etwa zehnmal so viel wie die schnellsten heute verbreiteten Zugänge. Die dafür vorgesehenen drei Milliarden Euro sind nach Telekom- Angaben die höchste Investition in der Firmengeschichte. Sie sollen den Ex-Monopolisten ins Internet-Zeitalter bringen, in dem interaktives Fernsehen laut T-Com-Chef Raizner ein „wichtiges Thema“ ist. Zur Cebit nutzte er die Gelegenheit, die getriebene Telekom endlich mal als Angreifer darstellen zu können: Das lineare TV von heute sei „Schnee von gestern“, mit dem Internet komme jetzt ein „vierter Verbreitungsweg für TV-Programme“ auf den Markt. Übertragungen von Spielen der deutschen Fußball-Bundesliga und vielleicht schon der Fußball-WM sollen dabei helfen, Kunden auf die neue Plattform zu locken. Doch Fernsehen über Internet muss erst einmal richtig laufen lernen. So verzögerte sich sein Start in der Schweiz, ursprünglich geplant für den vergangenen Sommer, wegen technischer Probleme auf unbestimmte Zeit.
Immerhin: Digitales Fernsehen gilt als echter Wachstumsmarkt. Bis 2010 werde es in 60 Prozent aller europäischen Haushalte verfügbar sein, prognostiziert die Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton. Die Telecoms hätten dabei eine „privilegierte Startposition“, denn die nötigen hohen Investitionen könnten sie aufgrund ihrer Größe und Finanzkraft leichter stemmen als die Kabel-TV-Anbieter. Aber so recht scheint die Telekom der Schlagkraft der geplanten neuen Angebote selbst nicht zu trauen: Das VDSLNetz will sie nur dann weiter ausbauen, wenn es von der im restlichen Festnetzmarkt üblichen Aufsicht befreit wird, sodass sie es nicht zu regulierten Preisen anderen Anbietern zur Verfügung stellen muss. Bundeskanzlerin Angela Merkel signalisierte auf der Cebit Unterstützung für dieses Ansinnen. Das letzte Wort hat in dieser Angelegenheit allerdings die Europäische Union – und die hat in Gestalt der Medien-Kommissarin Viviane Reding bereits klargemacht, dass sie wenig davon hält.
Die Konkurrenten laufen ohnehin Sturm gegen Rickes Forderung, weil sie ein neues Infrastruktur-Monopol fürchten, und auch neutrale Beobachter wie der WIK-Geschäftsführer Neumann können nicht recht folgen. Er macht den Vorschlag, das Netz selbst wie gehabt zu regulieren, weil es keinen qualitativen Sprung darstelle, sondern eben nur schneller sei. Einzig die Inhalte stellten tatsächlich den von der Telekom beschworenen „neuen Markt“ dar. Rickes Forderung nach einer Total-Freistellung erscheine ihm wie ein „Rückschritt in Denkstrukturen, die eigentlich schon überwunden schienen“.
10 000 JOB-STREICHUNGEN PRO JAHR
Den allerdings kann sich die Telekom ganz bestimmt nicht erlauben: „Viele andere Ex-Monopolisten haben sich schneller bewegt“, merkt der bloggende Analyst Enck an. Als Schrittmacher sieht er die holländische KPN, die seit vergangenem Sommer ein aggressives VoIP-Angebot vermarktet und als Eigentümer hinter dem deutschen Mobilfunk-Preisbrecher E-Plus steckt. Die Zahl der Jobs bei KPN ist seit 2001 von fast 50.000 auf unter 30.000 gesunken; bis 2010 sollen 8000 weitere Beschäftigte gehen. Auch die Telekom hat laut der Gewerkschaft Verdi seit ihrer Privatisierung jedes Jahr durchschnittlich 10 000 Stellen im Inland gestrichen. Trotzdem, sagt Enck, sei sie so groß, dass sie nicht einmal als Übernahmekandidat in Frage kommt – noch jedenfalls.
(Entnommen aus TR 04/2006 – das Heft kann man hier nachbestellen) (wst)