Interview mit Mark Mayo: Firefox erfindet sich neu
Zum Release von Version 42 des Browsers spricht Firefox-Chef Mark Mayo ĂĽber den Tracking-Blocker, vergangene Fehlentscheidungen, iOS-Firefox und den bevorstehenden Total-Umbau durch das "Electrolysis"-Projekt.
(Bild: Mozilla)
- Herbert Braun
Mark Mayo ist bei Mozilla Senior Vice President, oder laut seiner About-Seite "der Kopf von allem, was mit Firefox zu tun hat". Er stellt derzeit in Europa die Neuerungen in Firefox 42 vor, erläutert aber auch den tiefgreifenden Architekturwandel, den der Browser derzeit durchläuft.
c’t: Wir sprechen über Firefox 42 ...
Mark Mayo: Wir mögen die Nummer 42 aus vielen Gründen. Das ist ein großes Release für uns, das sechs Monate in der Planung war. Es enthält einen Tracking-Schutz im privaten Modus. Wir haben über eineinhalb Jahre an verschiedenen Modellen von Tracking-Schutz und Inhaltsblockern gearbeitet und versucht, einen verantwortungsbewussten Weg zu finden. Wir haben von unseren Nutzern laut und deutlich gehört, dass sie mehr Kontrolle über ihren digitalen Fußabdruck haben wollen. Wir sind ziemlich froh, dass wir das jetzt im Release-Channel haben.
Tracking-Schutz
Wie genau funktioniert der Tracking-Schutz?
Er lädt keine Inhalte von Dritten, die anscheinend den Benutzer über verschiedene unabhängige Websites hinweg tracken. Wir beziehen uns dabei auf die klassische Definition von Tracking der Electronic Frontier Foundation (EFF). Es könnte ein Stück JavaScript, ein Bild oder was auch immer sein, das von einer dritten Seite kommt und auf vielen Websites eingebunden ist.
Sie benutzen also einen Blacklist und eine Whitelist?
Korrekt.
Simple Heuristik
Also kein stumpfes Blockieren aller Drittinhalte.
Wir haben diese Option schon immer in Firefox. In manchen Szenarien kann sie ebenso nĂĽtzlich sein wie etwa das Abschalten von JavaScript. Aber einen GroĂźteil des Webs kann man dann nicht mehr benutzen. Von unseren Benutzertests, die wir seit einem Jahr machen, wissen wir, dass die Anwender von "kaputten" Seiten ĂĽberfordert sind.
Es gibt eine simple Heuristik, die im Browser läuft, ansonsten entscheiden das meiste über die Listen. Domains werden mit der Blacklist verglichen. Die Implementierung steckt im Netzwerk-Kern von Gecko und arbeitet als Filter – sie läuft sehr schnell, es gibt keinen Performance-Einbruch. Das war eines unserer großen Design-Ziele. Damit setzen wir uns von den vielen Ad-Blockern, Content-Blocker, Was-auch-immer-Blockern ab, die es als Erweiterungen gibt und die mit einer API arbeiten – sie verlangsamen oft den Browser.
"So viel blockieren wie möglich"
c't: Wie gehen Sie mit Inhalten beispielsweise von facebook.com oder twitter.com um, die sowohl als Tracker als auch als legitimer Inhalt gesehen werden können?
Mark Mayo: Wir haben keine Meinung über Websites, es geht nur um Drittinhalte. Es gibt dabei noch das Konzept der "Entities", die Beziehungen von Drittinhalten mit der Domain beschreiben. Zum Beispiel holt google.com Bilder von googleusercontent.com – das sind Drittinhalte, die in Wahrheit von den gleichen Leuten kommen. Solche "Entity Relationships" sind in der Blockliste registriert.
Beim Zusammenstellen der Liste arbeiten wir mit einem Partner, Disconnect.me. Die Liste ist Open Source und komplett öffentlich. Publisher können Korrekturen einreichen.
Schilde hoch!
Kurz gesagt: Der Benutzer schaltet den privaten Modus ein und gibt uns damit ein starkes Signal, die Schilde hochzufahren. Mit dem Tracking-Schutz versuchen wir, aggressiv so viele Dinge zu blockieren wie möglich, ohne damit die Nutzererwartungen zu unterlaufen. Wir wissen nicht, ob Inhalte tatsächlich tracken oder nicht, aber sie sind dazu in der Lage.
Kann ich das konfigurieren oder eine eigene Liste verwenden?
Im Augenblick nicht, aber das ist geplant. Derzeit kann man den Tracking-Schutz entweder komplett oder für eine Session abschalten. Kommende Firefox-Versionen werden mit mehreren Listen arbeiten können. Wir testen das gerade.
Lange an der Bedienung gefeilt
Die Herausforderung dabei ist, dass der Benutzer versteht, was passiert, gerade wenn man ins Laden der Seite eingreift. Wir haben lange an der Bedienung gefeilt, obwohl es nur um den Privaten Modus geht, der relativ wenig benutzt wird. Trotzdem mochten die Benutzer das Feature nicht, wenn sie nicht verstanden, warum eine Seite plötzlich anders geladen wird als sonst immer. Sie mussten erst verstehen, was sie bei einem Darstellungsproblem tun konnten. Wir brauchen noch mehr Tests und Feedback. Auch die Publisher müssen noch lernen, wie sie auf die Liste kommen und wieder herunter.
Trennlinie zwischen Tracking und Werbung
Trennlinie zwischen Tracking und Werbung
c't: Es gibt ja keine saubere Trennlinie zwischen Tracking und Werbung. Lässt der Tracking-Schutz noch Werbung durch?
Mark Mayo: Ja. Werbenetzwerke, die "Do Not Track" befolgen, sind auf der Whitelist.
Gab es negative RĂĽckmeldungen aus der Werbewirtschaft oder von Publishern? Ihr eigener neuer CIO Katharina Borchert kommt aus dem Medienunternehmen Spiegel Online...
Es gab viele Gespräche und Sorgen. Wir haben uns auf ein spezifisches Benutzerbedürfnis konzentriert – Schutz vor Tracking – nicht auf einen Inhaltstyp, was komplizierter wäre. Ein Tracker kann alles mögliche sein: ein Werbebanner, ein transparentes Pixel, ein Skript. Cookies fängt der Private Modus ohnehin ab. Es gab nicht viel Panik oder Ärger, nachdem wir einmal erklärt haben, wie es funktioniert. Sogar der internationale Werbewirtschaftsverband IAB (Internet Advertising Bureau) musste kürzlich einräumen, dass sie vielleicht einen großen Fehler gemacht haben, indem sie die Rendite über die Bedürfnisse der Benutzer gestellt haben.
"Ich bin immer Optimist"
Ich bin immer ein Optimist, wenn es ums Web geht. Dessen zentrale Software, der Browser, heißt intern bei uns "Agent", denn er gleicht zwischen dem Publisher und dem Benutzer aus; es ist ein verhandlungsbasierendes Ökosystem, das sich weiterentwickelt. Wir haben das zum Beispiel bei Pop-up-Blockern gesehen oder beim Umgang mit unsicheren Inhalten auf sicheren Seiten. Die Browser agieren im Namen des Nutzers und verändern die Erwartungen, wie das Web aussehen sollte – und darüber entwickelt sich das Web weiter. Ich bin optimistisch, dass das auch in diesem Fall passieren wird.
Wie schätzen Sie die Auswirkungen auf die Online-Werbung ein?
Erst einmal wird das nur einen vernachlässigbaren Effekt haben. Der Tracking-Blocker greift ja nur im Privaten Modus ein, der ohnehin das Web ein bisschen kaputtmacht. Viele Webentwickler testen ihre Seiten bereits unter dem Privaten Modus. Deshalb war das ein guter Ort, um den Tracking-Schutz einzuführen.
Und in Firefox 49 wird der Tracking-Schutz per Default im Standard-Modus an sein?
Wir werden sehen. Das Schwierige an Software fĂĽr Endverbraucher ist, dass man nie weiĂź, wie die Benutzer sie einsetzen oder darauf reagieren werden. Obwohl wir es getestet haben und Millionen Anwender die Alpha- und Beta-Versionen gesehen haben, gleicht nichts dem offiziellen Release mit ein paar hundert Millionen Nutzern. Oft finden wir dabei heraus, dass wir ein bisschen daneben lagen.
Das Web sicher zu machen, ist wirklich wichtig fĂĽr uns. Eines unserer Design-Prinzipien ist aber, den Benutzern keine Angst einzujagen, ihnen mit einer neuen Sicherheitsoption kein schlechtes GefĂĽhl zu geben. Und das passiert leicht, wenn man ĂĽber "Schutz" und "Sicherheit" redet. Sie sollen sich gut fĂĽhlen, wenn sie das Web mit Firefox benutzen. Hier haben wir in der Vergangenheit oft Fehler gemacht. Wir sammeln Feedback von den Nutzern und entscheiden, wie wir mit dem Tracking-Schutz weitermachen.
"Die Leute fangen an, das Web zu fĂĽrchten"
Es ist ein interessanter Zeitpunkt fĂĽr so ein Feature, denn meinem Eindruck nach haben Werbeblocker zumindest in Deutschland eine kritische Masse erreicht.
Wenn die Leute im Web nach Schuhen suchen und eine Woche später sehen sie überall auf ganz anderen Sites Schuhwerbung, ist das ein bisschen unheimlich. Das Problem dabei ist, dass viele Nutzer nicht verstehen, warum das passiert. Die Leute fangen an, das Web zu fürchten, und das ist das Gegenteil von dem, was wir wollen. Wenn die Leute sich im Web wohl fühlen, benutzen sie es mehr.
Wir haben keine Ahnung
"Wir haben keine Ahnung."
c't: Haben Sie Zahlen, wie oft der Private Modus genutzt wird?
Mark Mayo: Wir haben keine Ahnung.
Erfassen Sie das nicht in den Umfragen?
Eines der Prinzipien von privatem Browsen ist, keine forensischen Spuren zu hinterlassen, sobald man den Modus verlässt – auch nicht über das Datenerhebungs-Tool Telemetry. Wir haben eine Menge Studien und Zahlen aus der Industrie, aber ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie sehr man diesen Zahlen glauben darf, denn es ist schwer zu messen. Manche Zahlen liegen um die 10 Prozent. Ich kann mir das nicht vorstellen; von unseren Benutzertests würde ich eher 1 bis 2 Prozent schätzen.
Ton aus im Tab
Was fĂĽr andere Neuerungen gibt es noch in Firefox 42?
Es wird dafür sicher keinen großen Marketing-Schub geben, aber ein kleines Feature, das ich gern mag, ist der Audio-Anzeiger im Tab, mit dem man den Ton auch abstellen kann. Das fühlt sich sehr nützlich an! Das drückt auch ein bisschen aus, wie wir das Produkt sehen: Es ist irgendwie nicht richtig, dem Nutzer nur etwas zu zeigen, ohne ihm eine Bedienmöglichkeit zu geben. Ist schon komisch: Browser existieren bereits so lange, aber es gibt immer noch diese kleinen Verbesserungen, bei denen man sich im Nachhinein fragt: Wie konnte ich je ohne das leben?
Tab Queuing fĂĽr Android
In der Android-Version haben wir ein Feature namens Tab Queuing. Es ist für ein bestimmtes Nutzungsszenario, wo man einen Link nicht sofort öffnen möchte. Man kann während der Morgenroutine Links sammeln, und später gehen die Seiten alle auf. Das hat bei den Tests sehr gut abgeschnitten, die Leute lieben diesen Workflow.
Eine andere Sache ist der globale Launch von Firefox für Apple iOS, ungefähr zur gleichen Zeit wie die Veröffentlichung von Firefox 42.
Also eine WebKit-Engine mit einer Firefox-Oberfläche?
Korrekt.
Mozilla hat sich lange gegen so eine App gewehrt – ich glaube mit der Begründung, dass das einfach kein echter Firefox ist.
Sagen wir mal, wir hatten einige Bedenken bezüglich der iOS-Umgebung. Mit iOS 8 hatten wir das Gefühl: Wir können einen Firefox bauen, wenn auch nicht mit unserer Gecko-Engine. Wir schätzten Apples zunehmendes Open-Source-Engagement, zum Beispiel bei der gemeinsamen Arbeit unserer Ingenieure an LLVM. Dass große Teile der Entwicklungsumgebung jetzt Open Source sind, war für uns ein gutes Zeichen. Durch den Erfolg von Firefox Sync und der Android-Version haben wir gesehen, wie wichtig eine iOS-Version für die Firefox-Nutzer ist, um Daten, Lesezeichen und offene Tabs auf iOS-Geräte zu kriegen. 150.000 Nutzer meldeten sich für die Vorveröffentlichung an – die Leute wollen das wirklich.
"Die Leute wollen das wirklich"
Eine Menge Nutzer werden allerdings glauben, dass dies ein kompletter Firefox mit der originalen Rendering-Engine ist.
Ja, aber die große Mehrheit der Firefox-Nutzer denkt nicht über die Rendering-Engine nach – ihnen geht es um die Firefox-Benutzererfahrung. Vielleicht werden wir ja eines Tages unsere Engine auf iOS bringen können, aber auch so sind wir zufrieden mit dem Endergebnis. Wir glauben nicht, dass massenhaft Safari-Nutzer auf iOS zu Firefox wechseln werden – es ist eher ein Dankeschön für die bestehenden Nutzer. Wir haben ein paar Ideen, was wir anders und besser als Safari machen können, aber erst einmal ist es für unsere loyalen Anwender da.
War der Grund für die Meinungsänderung über einen iOS-Firefox eher Apples Open-Source-Strategie oder eher der Druck durch die Nutzer?
Gerechterweise muss man sagen, dass es hauptsächlich von den Nutzern ausging. Vor langer Zeit hatten wir ein iOS-Produkt, Firefox Home, als eine Art Test. Wir haben das nicht sehr gut gemacht, es war buggy, aber damals konnte man nur sehr wenig mit iOS machen. Daher dachten wir, dass wir auf iOS nichts bauen können. Es gab zwar zunehmend Nachfragen durch die Nutzer, aber wir waren mit anderen Projekten beschäftigt. Vor etwa eineinhalb Jahren haben wir nochmal geschaut. Auf technischer Seite gefiel uns, was wir sahen, etwa die frühen Arbeiten an Swift. Wir probierten damit herum und hatten das Gefühl, dass wir ohne übertriebenen Aufwand ein gutes Produkt machen können.
Seit Ende August sind wir damit in vier Ländern. Wir können im Appstore keine Betas herausbringen, deshalb haben wir auf diese Weise getestet. Die Absturzberichte und das Benutzer-Feedback waren positiv, daher werden wir die App in der ersten Novemberhälfte global in den AppStores veröffentlichen.
iOS-Firefox fast fertig
iOS-Firefox fast fertig
c't: Also wahrscheinlich ein paar Tage nach dem Launch von Firefox 42.
Mark Mayo: Das Produkt ist im Grunde fertig, wir haben den Veröffentlichungstermin noch nicht entschieden. Die iOS-Version hat keinen gemeinsamen Code mit den Android- und Desktop-Versionen, daher kann sie am gleichen Tag erscheinen oder an einem anderen. Mit Rücksicht auf die Marketing- und Support-Teams werden wir wohl ein paar Tage warten [lacht].
Wir machen zum Start von Firefox 42 auch eine große Marketing-Kampagne in Europa, besonders in Deutschland. Obwohl Europa unser stärkster Markt ist und besonders Deutschland, haben wir hier nie eine Kampagne geführt. Wir wollen den Leuten etwas über Firefox vermitteln, aber auch über das offene Web. Im Frühling haben wir sowas in Nordamerika gemacht.
Die Antwort auf das Leben...
Offensichtlich ist Firefox 42 also kein gewöhnliches Release.
Die Antwort auf das Leben, das Universum und den ganzen Rest ... [lacht]. Es ist ein normales Release in dem Sinn, dass es sechs Wochen vorher eine 41 gegeben hat und eine 43 sechs Wochen später. Wenn wir das Gefühl haben, dass ein Feature besonders wichtig ist, planen wir das Marketing dazu.
Um nochmal kurz auf Firefox für iOS zurückzukommen: In welchen vier Ländern haben Sie die App schon veröffentlicht?
Wir wollten englisch- und deutschsprachige Länder abdecken, daher haben wir in Neuseeland, Australien, Österreich und zuletzt Kanada gelauncht. Mit diesen vier Märkten haben wir genug Feedback gesammelt, um uns sicher zu fühlen.
Die Begegnung mit der iOS-App-Welt war für uns auch eine neue Erfahrung. Wie launcht man eine Qualitäts-App in einem AppStore, der keine Betas hat? [lacht]
"Wir konnten gut mit Apple"
MĂĽssen Sie sich Apples Evaluierungsprozess unterziehen?
Ja, wir sind ein ganz normaler App-Anbieter. Keine Probleme, wir konnten gut mit Apple arbeiten. Der für uns zuständige AppStore-Manager ist ein langjähriger Firefox-Nutzer und unterstützt uns. Manches am AppStore ist für uns nicht so optimal wie das Web, aber es lief alles reibungslos.
Jetpack vs WebExtensions
Jetpack vs WebExtensions
c't: Ich würde gerne noch über die Erweiterungsschnittstelle mit Ihnen reden. Was mich ein bisschen überrascht hat: Ich dachte immer, das neue WebExtensions-API wäre eine Art Weiterentwicklung von Jetpack, aber anscheinend sind sie so verschieden, dass Jetpack eine Sackgasse war.
Mark Mayo: Das ist wohl richtig. In puncto Abstraktionslevel sitzt WebExtensions in der Mitte. Wir haben zwei Arten von Low-Level-Erweiterungen: XUL-Overlays und das, was wir intern Restartless Add-ons nennen. Es gibt sehr wenige Einschränkungen, was sie tun können. Das ist technisch enorm schwierig zu supporten.
Auf der anderen Seite steht Jetpack, das ein sehr hohes Abstraktionslevel hat. Es hat ähnliche Ziele wie WebExtensions – es Webentwicklern leicht zu machen. Ich glaube, wir sind aber ein bisschen zu weit gegangen. Es ist zu abstrakt, es gibt zu viel Overhead. Viele Autoren von Erweiterungen mochten es nicht besonders. Es ist nicht komplett gescheitert, denn es gibt viele Jetpack-Erweiterungen. Aber es hat nie wirklich einen großen Schub unter den Entwicklern erzeugt.
Jetpack zu langsam
Wir haben mit unseren Addon-Entwicklern geredet. Das Feedback war überraschend einheitlich: Jetpack sieht auf dem Papier toll aus, aber wenn ich damit arbeite, ich weiß nicht, fühlt es sich zu langsam an, zu schwerfällig... Das Erweiterungsmodell von Chrome, Safari und Opera schien ein besserer Mittelweg zu sein. Es setzt so niedrig an, dass man immer noch verstehen kann, wie der Browser auf eine Anweisung reagieren wird.
Nach diesem Feedback haben wir ausprobiert, einen Teil von WebExtensions nach Firefox zu mappen. Wir kamen zum gleichen Schluss wie unsere Addon-Entwickler: Es fühlt sich nicht perfekt an, wir würden es vielleicht ein klein bisschen anders machen, aber es scheint das richtige Abstraktionslevel zu sein. Jetzt ist der Umbau der Addons unser größtes Entwicklungsprojekt.
Firefox soll auch intern mehr und mehr dieser Technik einsetzen. Das war immer ein großes Problem für uns. 95 Prozent unserer Firefox-Entwickler schreiben keine Addons – sie mochten sie nie. Es ist ein Problem, wenn die Entwickler nicht mit den gleichen Werkzeugen arbeiten wie die Erweiterungs-Community. Das führt dann zu Dingen wie Australis. Australis ist toll, aber bis heute unterstützen es nicht alle Addons. Es ist eines unserer großen Ziele, die Firefox-Entwickler und die Addon-Entwickler zu vereinen. Es wird viele Jahre dauern, bis signifikante Teile von Firefox so geschrieben sind, aber man muss ja mal anfangen.
Standard fĂĽr Erweiterungen
Es gibt Interesse der anderen Browser-Hersteller, einen gemeinsamen Kern für WebExtensions zu erarbeiten und einen Standard daraus zu formen. Auch wenn jeder Browser über diesen Kern hinausgehen wird, inklusive Firefox, bahnt das Cross-Plattform-Erweiterungen den Weg, und das wäre ein tolles Ergebnis. Wir haben auf dieser Grundlage System-Addons entworfen für die interne Firefox-Entwicklung. Damit werden Firefox- und Addon-Entwickler zum ersten Mal seit einer Dekade die gleichen Techniken einsetzen.
Dies passt auch zum wahrscheinlich größten Einzelprojekt, das wir uns für 2016 vorgenommen haben: der architektonische Umbau von Firefox, Electrolysis oder e10s, das ein Multiprozess-Modell bringen wird. Jetzt laufen zwar schon Plug-ins in eigenen Prozessen, nicht aber beliebige Inhalte. Damit alte Addons unter Electrolysis laufen, haben wir Wrapper gebaut, sogenannte CPOWs.
XUL- oder Jetpack-Erweiterungen?
Die meisten Erweiterungen. Nicht unbedingt XUL-Overlays. Einige wird man nie Multiprozess-sicher hinbekommen. Aber den größten Teil kann man in CPOWs packen. Allerdings kann das die Performance manchmal ziemlich verschlechtern. Wir zeigen dem Benutzer, wenn ein Addon den Browser verlangsamt, und geben ihm die Möglichkeit, es zu beenden. Natürlich wollen wir nicht, dass es CPOWs ewig geben wird – vielleicht bis Ende 2016, abhängig davon, wann wir Electrolysis in den Release-Kanal bringen. Auf jeden Fall werden wir Addon-Entwicklern ein großes Zeitfenster geben. Und wenn ihr eine neue Erweiterung schreibt: Bitte versucht, sie mit WebExtensions umzusetzen. Wir haben dazu auch viel Dokumentation veröffentlicht.
Wir empfehlen fĂĽrs Entwickeln die Firefox Developer Edition, die den letzten Stand bei den WebExtensions enthalten. Seit Version 42 sind WebExtensions aber auch im Release-Channel. Wir fĂĽgen allerdings noch APIs parallel in der Developer Edition und in den Nightlys hinzu, was wir normalerweise nicht gleichzeitig tun.
Erst gestern hatte ich ein FAQ fĂĽr Addon-Entwickler gesehen, laut dem WebExtensions noch nicht da sind.
Die Entwicklung lief relativ zügig. XUL loszuwerden, wird natürlich Jahre dauern. Viele denken, dass die meisten Addons komplizierte Dinge mit XUL Overlays machen, aber deren Zahl liegt nur bei etwa 30 Prozent. Es ist eine große Aufgabe, aber auch nicht so schrecklich, wie es vielleicht scheinen mag. Mit den Autoren, die wirklich komplizierte Dinge mit XUL machen, wollen wir zusammen Lösungen finden. Wir wissen noch nicht, wie lange diese Transformation dauern wird, aber sie wird stattfinden.
Die Entscheidung für WebExtensions hatte viel mit dem Wechsel auf Electrolysis zu tun. Der andere Faktor war: Man kann wunderbare Dinge mit Addons machen, aber auch schlimme. In der Firefox-Geschichte fühlte sich die Balance meistens richtig an, aber von Anwenderberichten und automatischen Rückmeldungen wissen wir, dass über das Addon-Modell eine riesige Menge Malware in Firefox injiziert wurde. Wir haben die Linie überschritten, bei der wir noch sagen können, dass so ein offener Zugang gut ist. Deshalb führen wir Signing ein und eine sichere API – im Browser haben wir ja schon eine Technologie, die Webinhalte sicher ausführt, und diese machen wir uns jetzt zunutze. Die alte API, die zu allen Firefox-Interna Zugang hatte, lässt sich einfach nicht sicher halten.
Wechsel auf Electrolysis
Wechsel auf Electrolysis
FĂĽr die Jetpack-Erweiterungen gilt das nicht, oder?
Nein, nur fĂĽr XUL- oder restartless Addons.
Das erinnert ein bisschen an die Situation mit den Plug-ins, die veraltet und nicht sicher waren und modernen Webtechniken weichen mussten. Ich werde also eine Chrome-Extension nur neu verpacken mĂĽssen, um sie in Firefox zu nutzen?
Ja.
Wie steht's mit den Jetpack-Erweiterungen – wird es da ein Konversionstool geben?
Gute Frage. Vermutlich nein, aber vielleicht arbeitet jemand daran. Konzeptuell sollte es möglich sein.
Haben Sie viele Addon-Entwickler verloren? Manche sagen, "ich habe ein halbes Dutzend XUL-Addons fĂĽr Firefox und mache das in meiner Freizeit, ich habe keine Lust, das nochmal neu zu machen" ...
Es gibt sicher Leute in dieser Kategorie. Es gibt aber auch eine andere Kategorie: Leute, die Addons fĂĽr Chrome, Safari und Opera gebaut haben. Ich denke, wer aktive Nutzer hat, wird zu der Umstellung motiviert sein. Bei den anderen werden die Addons nicht mehr funktionieren, sobald wir die CPOWs abstellen. Wir hoffen, dass die Mehrheit der Addons den Ăśbergang mitmachen wird. Manche werden es definitiv nicht tun, weil sie nicht mehr aktiv weiterentwickelt werden.
Wie weit sind Sie mit Electrolysis?
Das wird unser Fokus für die nächsten 6 bis 12 Monate sein. Electrolysis ist natürlich eines meiner Lieblingsthemen, denn es macht Firefox zu Firefox und ich bin sehr aufgeregt, dass wir nach jahrelanger Vorarbeit wirklich an diesem Projekt dran sind – es ist Zeit. Wir brauchen das, um unsere Ziele in Sachen Sicherheit, Performance und Stabilität zu erreichen.
Im ersten Schritt trennen wir in Electrolysis nur den Browser-Prozess vom Webinhalt. Später wird es mehr Möglichkeiten geben, beispielsweise Tabs in Prozesse zu gruppieren oder richtiges Sandboxing, wodurch sich Firefox rasch verbessern wird. Aber für diesen ersten Schritt brauchen wir den Support der Addon-Entwickler.
Nächstes Jahr werden wir also über den Launch von Electrolysis reden?
Ja! Aber zuvor müssen wir die Kriterien für den Release erfüllen. Eines der wichtigsten ist Addon-Kompatibilität mit Prozentwerten für die Top- und die Long-Tail-Addons; die anderen beiden betreffen Stabilität und Performance – wir haben viele Mikro-Benchmarks am Laufen, um sicherzustellen, dass sich Firefox nicht langsamer anfühlt. (vbr)