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GrĂŒnes Wachstum: Der Erde geht es immer schlechter

Hanns-J. Neubert
Die Erde vom Mond aus.

Die Erde vom Mond aus gesehen.

(Bild: Elena11/Shutterstock)

Es wird eng fĂŒr die Menschheit. Die Widerstandskraft der Erde schwindet. Die Zeit, um gute Ideen zur Klimarettung umzusetzen, vergeht schnell.

Die EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen stellte am 11. Dezember 2019 [1] voller Euphorie den europĂ€ischen Green Deal [2] als neue Wachstumsstrategie der EU vor: GrĂŒnes Wirtschaftswachstum zur Rettung der Menschheit. Ein Kuhhandel, wie sich das Wort "Deal" auch ĂŒbersetzen lĂ€sst, soll Klima- und BiodiversitĂ€tskrise lösen und trotzdem eine expandierende Wertschöpfung und zunehmenden Konsum unterstĂŒtzen.

Auf den ersten Blick scheint das nicht einmal unmöglich zu sein. Immerhin gingen bei elf der wohlhabenden Staaten der Erde zwischen 2013 und 2019 die Kohlendioxidemissionen zurĂŒck, wĂ€hrend ihr Bruttoinlandsprodukt gleichzeitig stieg. Diese Entkoppelung von Treibhausgasemissionen und Wirtschaftswachstum in Australien, Österreich, Belgien, Kanada, DĂ€nemark, Frankreich, Deutschland, Luxemburg, den Niederlanden, Schweden und Großbritannien galt vielen als Beweis, dass grĂŒnes Wachstum möglich ist.

Um diese Behauptung zu untersuchen, verglichen [3] die beiden Umweltökonomen Jefim Vogel von der UniversitÀt Leeds in England und Jason Hickel von der UniversitÀt Barcelona die Abnahme der Kohlenstoffemissionen in den reichen LÀndern mit der im Pariser Abkommen geforderten Reduktionen. Die elf Staaten, in denen die Entkoppelung von Wachstum und Emissionen gelang, filterten die beiden Forscher aus dem Annex I [4] des Pariser Abkommens heraus, der die 43 wohlhabenden Staaten der Welt auflistet.

Bei dieser Untersuchung stellte sich jedoch heraus, dass das GrĂŒn genannte Wachstum wohl eher "Greenwashing" sei, wie Vogel es ausdrĂŒckt. Mit ihren aktuellen Klimapolitiken wĂŒrden diese LĂ€nder nĂ€mlich im Durchschnitt mehr als 200 Jahre brauchen, um ihre Emissionen wirklich auf nahe Null zu bringen.

Bis dahin wĂŒrden sie mehr als das 27-Fache ihres gerechten Anteils am globalen Kohlenstoffbudget ausstoßen. "Keines dieser LĂ€nder hat Emissionssenkungen erreicht, die schnell genug sind, um mit einer 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit unter 1,5 Grad zu bleiben und dabei ein Minimum an Gerechtigkeit zu erreichen", schreiben die Autoren. Deutschland – genauso wie Belgien, Australien, Österreich und Kanada - mĂŒsste seine Emissionen 30-mal schneller reduzieren als zwischen 2013 und 2019, um Wirtschaftswachstum und Emissionen wirklich zu entkoppeln.

In ihrer Studie zogen Vogel und Hickel allerdings die verbrauchsbedingten Emissionen heran. Territoriale Emissionen, die ĂŒblicherweise im Mittelpunkt der Treibhausgasdebatten stehen, seien nĂ€mlich weniger geeignet, weil sie keine importierten Waren und Dienstleistungen berĂŒcksichtigen. Um dem Gerechtigkeitsgrundsatz des Pariser Klimaabkommens zu entsprechen, verteilten sie außerdem das verbleibende globale Kohlenstoffbudget der untersuchten Jahre entsprechend der Bevölkerungszahlen auf die LĂ€nder.

"Ein fortgesetztes Wirtschaftswachstum in LĂ€ndern mit hohem Einkommen steht im Widerspruch zu dem doppelten Ziel, eine Klimakatastrophe abzuwenden und Fairnessprinzipien zu wahren, die die Entwicklungsaussichten in LĂ€ndern mit niedrigem Einkommen schĂŒtzen", resĂŒmiert Vogel. Hickel ergĂ€nzt: "Das Streben nach Wirtschaftswachstum in LĂ€ndern mit hohem Einkommen macht es praktisch unmöglich, die geforderten Emissionsreduzierungen zu erreichen."

Angesichts ihrer Ergebnisse sind die beiden Wissenschaftler nur konsequent, wenn sie Politikern empfehlen, das Streben nach gesamtwirtschaftlichem Wachstum aufzugeben und stattdessen PostwachstumsansĂ€tze zu verfolgen, die auf Suffizienz, Gerechtigkeit und Wohlergehen ausgerichtet sind. NatĂŒrlich sei ein rascher Ausbau der erneuerbaren Energien und Effizienzsteigerungen nach wie vor unerlĂ€sslich, schreiben sie. Aber die gesamtwirtschaftliche AktivitĂ€t und die Gesamtenergienachfrage lasse sich nur verringern, wenn man die wirklich notwendigen GĂŒter und Dienstleistungen vollstĂ€ndig dekarbonisiere, was sich auch direkt auf die Emissionen auswirke.

Um die Angst vor Wohlstandsverlusten zu nehmen, betont Vogel aber: "Die Abkehr vom Wirtschaftswachstum hin zum Postwachstum unterscheidet sich grundlegend von einer Rezession. Sie bringt keine Not oder den Verlust der Existenzgrundlage. Postwachstum kann den Lebensunterhalt und das Wohlergehen auch ohne Wirtschaftswachstum sichern und verbessern."

Wie dringend notwendig eine wirklich schnelle Umstellung der Wirtschaftsweise ist, zeigt auch die vor wenigen Tagen veröffentlichte aktuelle Beschreibung der planetaren Belastungsgrenzen [5]. Danach schwindet nĂ€mlich die WiderstandsfĂ€higkeit des Planeten rapide und damit der sichere Handlungsspielraum fĂŒr die Menschheit, in der sich noch etwas Ă€ndern lĂ€sst.

Das Konzept stellte 2009 ein Team von Erdsystem- und Umweltwissenschaftlern unter Leitung von Johan Rockström vor, einem der heutigen Direktoren des Potsdam-Instituts fĂŒr Klimafolgenforschung. Die Einhaltung planetarer Grenzen ist inzwischen auch ein Ziel internationaler Klimapolitik.

Anders als Vogel und Hickel geben diese Autoren in ihrer Neubewertung den Politikern allerdings keine RatschlĂ€ge. Ihre Analyse ist zu offensichtlich: Sechs der planetaren Grenzen sind bereits ĂŒberschritten: Globale ErwĂ€rmung, BiosphĂ€re, Entwaldung, die StickstoffkreislĂ€ufe, das SĂŒĂŸwasser und die sogenannten neuen EntitĂ€ten, zu denen chemische Schadstoffe und Plastik gehören. Nur beim stratosphĂ€rischen Ozon, bei den atmosphĂ€rischen Aerosolen und bei der Versauerung des Ozeans befindet sich die Erde demnach noch in einem sicheren Betriebsbereich.

"Wir wissen nicht, wie lange wir entscheidende Grenzen derart ĂŒberschreiten können, bevor die Auswirkungen zu unumkehrbaren VerĂ€nderungen und SchĂ€den fĂŒhren", kommentiert Rockström das Ergebnis. "Wissenschaft und Gesellschaft sind Ă€ußerst besorgt ĂŒber die zunehmenden Anzeichen, dass die WiderstandsfĂ€higkeit des Planeten schwindet. Dies bringt mögliche Kipppunkte nĂ€her und verringert die Chance, die wir noch haben, die planetare Klimagrenze von 1,5 Grad einzuhalten."

[6]

(bsc [7])


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Links in diesem Artikel:
[1] https://audiovisual.ec.europa.eu/en/video/I-182024?lg=OR
[2] https://commission.europa.eu/strategy-and-policy/priorities-2019-2024/european-green-deal_de
[3] https://www.thelancet.com/journals/lanplh/article/PIIS2542-5196(23)00174-2/fulltext
[4] https://unfccc.int/process/parties-non-party-stakeholders/parties-convention-and-observer-states?field_national_communications_target_id%5B515%5D=515
[5] https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.adh2458
[6] https://www.instagram.com/technologyreview_de/
[7] mailto:bsc@heise.de