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GezÀhmte Zeit

Astrid DĂ€hn

Die exakte Uhrzeit spielt eine erstaunlich wichtige Rolle fĂŒr das Funktionieren von Telecom-Netzen, Satelliten-Kommunikation oder Stromleitungen. Neuartige Zeitmesser auf Ionen-Basis könnten irgendwann das Internet schneller machen.

Sandford Flemings Kampf um die Zeit begann mit einem kleinen Druckfehler. Als der Chefingenieur der Canadian Pacific Railway an einem sonnigen Juninachmittag des Jahres 1876 vom irischen LandstĂ€dtchen Bandoran Richtung Londonderry reisen wollte, wartete er vergeblich auf seinen Zug: Im offiziellen Fahrplan der Bahn war die Abfahrtszeit aus Versehen um zwölf Stunden zu spĂ€t angegeben. Kein besonders erstaunliches Missgeschick, denn damals lebte noch nahezu jede Kleinstadt im Rhythmus ihrer eigenen, am Stand der Sonne ausgerichteten Uhrzeit, und die Eisenbahngesellschaften ließen ihre ZĂŒge gewöhnlich nach den Ortszeiten ihrer Hauptsitze pendeln.

Die Folge waren dicke, unĂŒbersichtliche FahrplĂ€ne mit einem Wirrwarr verschiedener Zeitangaben, in das sich Fehler leicht einschleichen konnten. "Kolossal verĂ€rgert" ĂŒber dieses "an Barbarei grenzende" Durcheinander verbrachte Fleming die Nacht auf einer Bahnhofsbank von Bandoran, verpasste seine AnschlussfĂ€hre nach London -- und warb von da an bei zahlreichen Expertentreffen, in Denkschriften und FachvortrĂ€gen Meridiankonferenz, die Erde in 24 Zeitzonen einzuteilen, der Anfang fĂŒr eine lĂ€nderĂŒbergreifende Uhrensynchronisation war gemacht.

Inzwischen ist das erdumspannende Zeitgeflecht feiner gewoben, als Fleming wohl je zu trĂ€umen gewagt hĂ€tte. Ob Stromnetze, Datenleitungen oder Navigationssysteme -- fast die gesamte technische Welt pulsiert heute in sorgsam koordiniertem Einheitstakt. Und ein Verbund aus etwa 250 ĂŒber den Globus verteilten Atomuhren ermittelt die internationale Standardzeit bis in die vierzehnte Nachkommastelle der Sekunde genau.

PrĂ€zise genug, möchte man meinen. Uhren ordnen zwar unser Leben, ohne Uhren wĂŒrde die moderne Welt nicht funktionieren. Aber wer weiß schon, was Zeit eigentlich ist? Mal verrinnt sie wie im Flug, mal zieht sie sich wie eine Ewigkeit. Weshalb sollte man etwas so schwer Fassbares immer exakter ausmessen? Lohnt sich die MĂŒhe ĂŒberhaupt?

FĂŒr Flemings Nachfolger keine Frage. Alle nationalen Zeitinstitute der IndustrielĂ€nder arbeiten im Moment an einer neuen Generation von Chronometern: so genannten "optischen Uhren". Die GerĂ€te sollen die Ganggenauigkeit der besten Atomuhren noch einmal um Faktor 1000 ĂŒbertreffen und damit nicht nur Grundlagenforschern beim Test ihrer Theorien helfen, sondern möglicherweise auch die Satellitenortung verbessern, den Telefonverkehr optimieren und exakte Höhenmessungen erleichtern. "Eines Tages werden wir mit den optischen Zeitmessern vielleicht sogar die Sekunde neu definieren. Die erste informelle Fachkonferenz zu diesem Thema hat kĂŒrzlich bereits stattgefunden", erzĂ€hlt Andreas Bauch von der Physikalisch Technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig.

Der Physiker arbeitet in staatlichem Auftrag: Er ist Deutschlands HĂŒter der Zeit. In seinem Labor stehen jene fĂŒnf PrĂ€zisionsuhren, die -- abgestimmt mit Chronometern rund um den Erdball -- den offiziellen Sekundenrhythmus im Land vorgeben und ĂŒber einen Langwellensender an Millionen Funkuhren weiterleiten. LeistungsfĂ€higstes Mitglied in Bauchs Zeitlieferanten-Trupp ist eine spezielle CĂ€sium-Atomuhr, ĂŒbermannshoch, mit einem röhrenförmigen MetallgehĂ€use, in dem CĂ€sium-Teilchen wie Tröpfchen in einer WasserfontĂ€ne auf und ab tanzen. Solche "CĂ€sium-FontĂ€nen" waren bislang das AushĂ€ngeschild der Zeitforschung und galten als die besten Chronometer der Welt. "In zehn Millionen Jahren gehen sie maximal eine Sekunde falsch", sagt Bauch.

Die Musteruhren haben jedoch einen Schönheitsfehler: Ihre Genauigkeit lĂ€sst sich bloß noch schwer steigern. Der Takt der FontĂ€nen hĂ€ngt nĂ€mlich von den atomaren Eigenschaften der auf und ab schwebenden CĂ€sium-Teilchen ab. Generell ist das bei allen Atomuhren Ă€hnlich. Die Zeitmesser nutzen aus, dass Atome den Gesetzen der Quantenphysik gehorchen und daher verschiedene, fest vorgegebene EnergiezustĂ€nde einnehmen können. Bestrahlt man die Teilchen mit elektromagnetischen Wellen, wechseln sie von einem dieser ZustĂ€nde in einen anderen ĂŒber; allerdings nur, wenn die Frequenz der verwendeten Strahlung penibel auf den gewĂŒnschten Übergang abgestimmt ist. Anhand der AtomĂŒbergĂ€nge lĂ€sst sich folglich der Takt der zugehörigen "Übergangs-Strahlung" einjustieren -- und mit ihm das Ticken der Uhr. Denn wie die Schwingbewegung des Pendels den Pulsschlag der mechanischen Uhren festlegt, bestimmt die Schwingfrequenz der Übergangs- Strahlung den Rhythmus der Atomuhren.

Bei CĂ€sium-Atomen liegen die uhrenrelevanten EnergiezustĂ€nde gerade so, dass die passende Übergangs-Strahlung aus Mikrowellen besteht. DefinitionsgemĂ€ĂŸ ist genau dann eine Sekunde verstrichen, wenn die Mikrowellen 9 192 631 770 Schwingungen vollbracht haben. Die Sekunde wird von den Mikrowellen also in mehr als neun Milliarden kurzer Abschnitte zerlegt -- eine recht feine Parzellierung. Um die Zeitmessung deutlich exakter zu machen, mĂŒsste man den Sekundenfluss aber in noch kleinere HĂ€ppchen zerteilen -- mit CĂ€sium-FontĂ€nen unmöglich.

Die Hoffnung der Atomuhrmacher-Zunft ruht deshalb auf den optischen Chronometern. Auf großen Tischen, direkt neben den offiziellen Produzenten der Zeit, tĂŒrmen sich in Bauchs Labor bereits zwei Exemplare des neuen Uhrentyps: ein Sammelsurium aus Glaslinsen, Lasern, Kabeln und Messelektronik.

HerzstĂŒck des vermeintlichen Durcheinanders ist ein einziges positiv geladenes Teilchen (Ion), das in einer winzigen elektrischen Falle sitzt. "Das Ion dient gewissermaßen als Taktgeber", erlĂ€utert Christian Tamm, Konstrukteur der optischen Zeitmesser bei der PTB. "Genau wie die CĂ€sium- Atome in der FontĂ€ne hilft es uns, den Rhythmus der Uhr einzuregeln." Und genau wie bei den FontĂ€nen wird dieser Rhythmus von einer elektromagnetischen Strahlung getragen.

Allerdings handelt es sich diesmal nicht um Mikrowellen, sondern um sichtbares oder ultraviolettes Laserlicht. Der Vorteil lÀsst sich leicht einsehen: Weil das Laserlicht eine höhere Schwingfrequenz hat, können die optischen Uhren nun die Zeit wesentlich feiner unterteilen als ihre CÀsium-Konkurrenten und ticken somit prÀziser. "Das ist wie bei einem Meterstab", sagt Tamm. "Je feiner die Strichelung auf dem Stab, desto exakter sind LÀngen mit ihm messbar".

Der hektische Uhrenpuls hat aber auch einen Nachteil: FĂŒr die ĂŒblichen elektronischen Detektoren, die zum AbzĂ€hlen von Mikrowellenschwingungen ausreichen, ist er zu schnell. Theodor HĂ€nsch und seine Mitarbeiter vom Max-Planck-Institut fĂŒr Quantenoptik in Garching haben sich daher ein besonderes ZĂ€hlwerk fĂŒr optische Uhren ausgedacht. "FrĂŒher benötigte man fĂŒr so eine Anlage mehrere LaborrĂ€ume und ein Dutzend Doktoranden als Betreuer", sagt HĂ€nsch. "Heute passt die Kiste auf einen Tisch." Ihr Hauptbestandteil ist ein Laser, der extrem kurze Lichtpulse aussendet.

Der Trick dabei: Die Pulse werden fest an die Laserstrahlung gekoppelt, die den Uhrentakt angibt. "So reduzieren wir das Problem, Schwingungen auszulesen, auf das deutlich einfachere Problem, Pulse abzuzĂ€hlen", erlĂ€utert HĂ€nsch. Weiß man etwa, dass der gepulste Laser zu jeder millionsten Schwingung des "Uhren- Lasers" einen Lichtblitz aussendet, ist klar, dass nach zehn Blitzen zehn Millionen Laserschwingungen erfolgt sind. Daraus lĂ€sst sich schließlich ableiten, wie viel Zeit vergangen ist.

Welche Ionen-Sorte am besten zu HĂ€nschs ZĂ€hlwerk passt, ist vorlĂ€ufig noch offen. Geeignete Kandidaten mĂŒssen auf das Licht des Uhren-Lasers reagieren, sollten aber möglichst immun sein gegen Störeffekte durch die elektromagnetischen Felder der Teilchenfalle. Die Sekundendompteure an der PTB testen zurzeit Ytterbium-Ionen auf ihre Uhrentauglichkeit, am Max-Planck-Institut fĂŒr Quantenoptik setzt man auf Indium und am National Institute of Standards and Technology (NIST) in Boulder experimentieren Zeitspezialisten mit Quecksilber-Ionen. Bislang laufen alle diese GerĂ€te bestenfalls ein paar Stunden am StĂŒck.

Ihre PrĂ€zision ist jedoch schon jetzt ein "klein wenig höher als die von CĂ€sium-FontĂ€nen", wie David Wineland bei ersten Vergleichsmessungen am NIST festgestellt hat. Dauerhaft eingependelt, werden die optischen Uhren in zehn Milliarden Jahren voraussichtlich höchstens eine Sekunde fehlgehen. ZurĂŒckgerechnet könnten sie dann die Zeit von der Gegenwart bis zu den Kindertagen des Universums auf die Sekunde exakt angeben.

Wieder einer jener ĂŒberflĂŒssigen EintrĂ€ge fĂŒr das Guinnessbuch der Rekorde? "Keineswegs", widerspricht Wineland. Der Physiker ist vom Gebrauchswert der neuen Zeitmesser ĂŒberzeugt. "Selbst wenn der Nutzerkreis anfangs klein ist -- wann immer eine bessere Uhr erfunden wird, kommt sie letztendlich auch vielfĂ€ltig zum Einsatz", lautet seine These.

Und ein Blick in die Geschichte scheint ihm Recht zu geben. Als beispielsweise Christiaan Huygens 1656 die erste Pendeluhr entwarf, wollte er mit dem sekundengenauen Messinstrument lediglich den Lauf der Sterne rekonstruieren. Der hollĂ€ndische Astronom ahnte sicher nicht, dass seine Kollegen rund zwei Jahrhunderte spĂ€ter den Spruch "Zeit ist Geld" wörtlich nehmen und von ihren Observatorien aus das Zeitsignal ihrer PrĂ€zisionspendel gegen Bezahlung telegrafisch an umliegende StĂ€dte weiterleiten wĂŒrden; dass die Uhren eine wichtige Voraussetzung fĂŒr die weltweite Vereinheitlichung der Zeit bilden wĂŒrden; oder dass sie am Anfang des 20. Jahrhunderts den Arbeitsrhythmus in den Fabriken so stark prĂ€gen wĂŒrden, dass der amerikanische Historiker Lewis Mumford die Uhr schließlich zur "wichtigsten Maschine des Industriezeitalters" ausrief.

Die Karriere der Quarzuhr startete Ă€hnlich unspektakulĂ€r. Was inzwischen jedes Handgelenk ziert, begann 1928 als kĂŒhlschrankgroßer Trumm, der im Dienst der Wissenschaft UnregelmĂ€ĂŸigkeiten der Erdrotation nachweisen sollte.

Auch die Atomuhr war zunĂ€chst nur fĂŒr die Forschung gedacht. Den Erfindern ging es darum, Chronometer zu entwickeln, die als Schrittmacher stets vollkommen identische Teilchen enthielten und sich daher ohne Schwierigkeiten miteinander vergleichen ließen. Von der Erfindung der ersten CĂ€sium-Uhr dauerte es mehr als 15 Jahre, bis die 13. Generalkonferenz fĂŒr Maß und Gewicht 1967 mit den GerĂ€ten die offizielle "Standardsekunde" festsetzte.

Mittlerweile haben mehrere Elektronikkonzerne Atomuhren im Angebot. Trotz ihres stattlichen Preises von 25 000 bis 70 000 Euro sind die PrĂ€zisionsinstrumente an vielen Schaltstellen des technischen Lebens unentbehrlich geworden. So sitzt zum Beispiel eine CĂ€sium-Uhr in der Schweiz an einem Hauptknotenpunkt des europĂ€ischen Stromnetzes und sorgt dafĂŒr, dass die Netzfrequenz von 50 Hertz nicht außer Tritt gerĂ€t.

Gleichzeitig steuern Atomuhren fast den gesamten digitalen Datenverkehr. Beim Telefonieren, Faxen oder beim Nachrichtenaustausch im Internet werden Informationen zumeist in eine Folge aus Nullen und Einsen umgewandelt und als kleine Datenpakete durch die Leitung geschickt. Fischt sich der EmpfÀnger die Pakete nicht im selben Zeittakt aus der Leitung, wie sie vom Sender eingespeist werden, gehen ihm Daten verloren -- im Telefon ist ein Knacken zu hören.

Um solche Aussetzer zu vermeiden, haben sich die Telefongesellschaften auf einen international einheitlichen Genauigkeitsstandard geeinigt, mit dem sie die Uhren an den Relaisstationen ihrer Netze synchronisieren. Er liegt ungefĂ€hr um Faktor 10 unter dem, was handelsĂŒbliche CĂ€sium- Uhren momentan leisten können, und erlaubt Übertragungsraten von einigen Gigabit je Sekunde.

WĂŒrde man die Netze exakter takten, ließe sich der Datendurchsatz pro Sekunde vermutlich noch steigern -- ein denkbares Einsatzfeld fĂŒr optische Uhren. "Bislang kommen wir mit CĂ€sium-Uhren allemal aus", sagt Norbert Riepl, Sprecher der Deutschen Telekom in Frankfurt. "Aber wenn es eines Tages optische Zeitmesser zu kaufen gĂ€be, wĂŒrden sich die Telecoms vielleicht darauf einstellen und einen genaueren Zeitstandard einfĂŒhren."

Noch wichtiger könnten die neuen Chronometer fĂŒr die Navigation sein. Installiert in den 24 Satelliten des amerikanischen Global Positioning System (GPS) funken heute kommerzielle Atomuhren stĂ€ndig ihre Zeit und ihre Position zur Erde. Aus der Verzögerung, mit der das Funksignal etwa bei einem Schiff ankommt, kann die Besatzung auf ihre Distanz zum jeweiligen Satelliten schließen und aus mehreren Signalen letztendlich berechnen, wo sie sich gerade befindet. Wie gut das Verfahren funktioniert, hĂ€ngt außer von StöreinflĂŒssen der ErdatmosphĂ€re vor allem von der LeistungsfĂ€higkeit der beteiligten Uhren ab.

Zurzeit lassen sich Positionen mittels GPS etwa auf einen bis zehn Meter exakt bestimmen. "Mit prĂ€ziseren Zeitmessern wird das wahrscheinlich zentimetergenau möglich sein", sagt Dieter Isakeit von der European Space Agency Esa. Die Weltraumorganisation ist federfĂŒhrend am Aufbau des europĂ€ischen Navigationssystems "Galileo" beteiligt. HĂ€tte die geplante Satellitenflotte besonders gute Uhren im GepĂ€ck, so glaubt Isakeit, wĂ€re das bei vielen Nutzanwendungen des Systems hilfreich, zum Beispiel bei der automatisch gesteuerten Landung von Flugzeugen oder beim Beobachten weit entfernter Raumsonden.

Keiner der professionellen AusrĂŒster von GPS oder Galileo denkt allerdings bisher ernsthaft daran, optische Chronometer in sein Entwicklungsprogramm aufzunehmen. "Zu unausgereift, zu kostspielig", lautet das vorlĂ€ufige Urteil der Uhrenhersteller ĂŒber die einige hunderttausend Euro teuren Labormodelle in den Forschungsinstituten.

Firmen wie Symmetricom oder Agilent Technologies beteiligen sich stattdessen lieber an den PlĂ€nen des amerikanischen Verteidigungsministeriums, eine briefmarkengroße CĂ€sium-Uhr zu konstruieren. Die Mini- Atomuhr soll rund 100 Dollar kosten und bequem in Handys oder GPS-EmpfĂ€nger passen. "Von den Winzlingen können wir vermutlich an die tausend StĂŒck im Jahr verkaufen", sagt Leonard Cutler, Leiter der Forschungslabore von Agilent in Palo Alto. "Der Markt fĂŒr optische Uhren wĂ€re dagegen sehr klein."

Zumindest einen sicheren Kunden gĂ€be es jedoch. "Ich denke, dass wir auf die neuen Zeitmesser umstellen, sobald sie einigermaßen erschwinglich sind", sagt Wolfgang SchlĂŒter von der Messstation Wettzell des Bundesamts fĂŒr Kartographie und GeodĂ€sie. Der deutsche GeodĂ€t und seine Berufskollegen in aller Welt benutzen CĂ€sium-Uhren unter anderem, um den Abstand zwischen ihren Forschungsstationen regelmĂ€ĂŸig millimetergenau abzugleichen. Aus den ermittelten VerĂ€nderungen können sie dann auf die Driftbewegung zwischen den Erdplatten schließen. "Optische Uhren wĂŒrden uns vielleicht in die Lage versetzen, Höhen ebenso exakt auszumessen wie die Entfernungen zu Nachbarkontinenten", sagt SchlĂŒter.

Die Idee dahinter stammt aus Albert Einsteins KuriositĂ€tensammlung. Nach den merkwĂŒrdigen Spielregeln seiner Allgemeinen RelativitĂ€tstheorie verstreicht die Zeit in einem schwachen Gravitationsfeld schneller als in einem starken. Weil das Schwerefeld der Erde mit steigender Höhe abnimmt, vergeht die Zeit auf Bergspitzen ein wenig rascher als in den TĂ€lern. Der Effekt ist zwar gering: Ein Meter Höhengewinn bewirkt gerade mal eine Zeitabweichung in der 16ten Stelle nach dem Komma.

Mit Uhren, deren Genauigkeit mindestens hundertfach darĂŒber liegt, ließe er sich aber eindeutig feststellen. "Das hĂ€tte sicher Auswirkungen auf das Vermessungswesen", sagt SchlĂŒter. "Exakte Höhenangaben werden schließlich ĂŒberall gebraucht, im Straßenbau genau wie beim Berechnen von Satellitenbahnen."

Umgekehrt eignen sich die Uhren natĂŒrlich auch als PrĂŒfstein fĂŒr Einsteins Vorhersagen. Allgemeiner noch: Mit den feinsinnigen Messinstrumenten kann man das gesamte TheoriegebĂ€ude der modernen Physik auf Risse untersuchen, zum Beispiel testen, ob die fundamentalen Naturkonstanten tatsĂ€chlich ĂŒber beliebige ZeitrĂ€ume konstant sind. Wegen solcher Kontrollaussichten interessieren sich neben den staatlichen Zeitverwaltern immer mehr Grundlagenforscher fĂŒr die Chronometer, darunter Atomphysiker, Teilchenexperten und Kosmologen.

Einige von ihnen tĂŒfteln bereits an der ĂŒbernĂ€chsten Uhrengeneration, die mit hochfrequenter Gammastrahlung getaktet sein soll, die also noch exakter ticken wird als ihr optischer VorgĂ€nger. "Theoretisch, laut Schulphysik, gibt es fĂŒr die PrĂ€zision beim Zeitmessen kein Limit", sagt Theodor HĂ€nsch vom Max-Planck-Institut fĂŒr Quantenoptik. Praktische Hindernisse werden dem SekundenzerstĂŒckeln aber wohl mit der Zeit doch eine Grenze setzen: Irgendwann reagieren die Uhren so empfindlich auf Schwankungen im Gravitationsfeld der Erde, dass jeder Gezeitenwechsel, jedes Schlechtwettergebiet mit wasserschweren Regenwolken ihren Rhythmus durcheinander bringt. Selbst optische Uhren sind gegen solche Fehler nicht mehr ganz gefeit.

Die meisten Zeitexperten vermuten deshalb, dass eine Neudefinition der Sekunde mit den optischen Chronometern frĂŒhestens in ein paar Jahren durchsetzbar sein wird. "Vorher mĂŒssen wir herausfinden", sagt HĂ€nsch, "wie sich die sensiblen GerĂ€te ĂŒber alle Kontinente und Höhenunterschiede hinweg synchronisieren lassen."

Ein Problem, an das Sandford Fleming bei seinem Werben fĂŒr ein weltweit abgestimmtes Zeitsystem gewiss nicht gedacht hatte. Der Ingenieur wollte schlicht das Alltagsleben seiner MitbĂŒrger ein bisschen besser koordinieren. Heute indes: "Gravitationsverschiebungen", "milliardstel Sekundenbruchteile" -- von der tagtĂ€glichen Zeitplanung hat sich das Finetuning der Uhren lĂ€ngst abgekoppelt.

Manche Wissenschaftler sehen sogar schon einen Gegentrend kommen: "Weil die meisten Menschen Handys haben, können sie sich jederzeit spontan verabreden und mĂŒssen keine punktgenauen Terminabsprachen mehr treffen", argumentiert etwa der MĂŒnchner WirtschaftspĂ€dagoge Karlheinz Geißler. Allen PrĂ€zisionsbemĂŒhungen zum Trotz -- im Alltag habe die PĂŒnktlichkeit nach der Uhr "ausgedient". Ob das dem akkuraten Fleming wohl gefallen hĂ€tte? (sma [1])


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