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Geheimnisvolle Ordnung

Dr. Wolfgang Stieler

Der Chemie-Nobelpreis geht in diesem Jahr an den israelischen Physiker Daniel Shechtman fĂŒr die Entdeckung der so genannten Quasikristalle.

Der Chemie-Nobelpreis geht in diesem Jahr an den israelischen Physiker Daniel Shechtman [1] fĂŒr die Entdeckung der so genannten Quasikristalle.

Quasikristalle sind Festkörper, in denen die Atome zwar regelmĂ€ĂŸig angeordnet sind, die aber kein periodisches Kristallgitter aufweisen. Bis zu ihrer Entdeckung 1982, galt es als gesichert, dass solche Festkörper nicht existieren. Wegen ihrer fehlenden Translationssymmetrie weisen Quasikristalle eine sehr geringe elektrische und thermische LeitfĂ€higkeit auf. Außerdem sind die Materialien extrem hart, spröde, Ă€ußerst bestĂ€ndig gegen Korrosion und besitzen einen sehr geringen Reibungs- und Benetzungskoeffizienten.

Neben der rein technischen dĂŒrfte aber die methodische Bedeutung der Entdeckung viel schwerer wiegen. Die außergewöhnliche Entdeckung habe "das VerstĂ€ndnis der Chemiker von Feststoffen fundamental verĂ€ndert", heißt es in der BegrĂŒndung des Nobelkomitees. FĂŒr Shechtman ist der Preis aber auch eine Art spĂ€ter Wiedergutmachung, denn seine Arbeit galt lange als umstritten - er wurde aus seiner Forschungsgruppe ausgeschlossen und musste kĂ€mpfen, um seine Resultate zu veröffentlichen.

In einem Video [2] der American Technion Society erzĂ€hlt Shechtman die beinahe dramatische Geschichte seiner Entdeckung: Er war zu dieser Zeit im National Bureau of Standards fĂŒr ein Forschungssemester - und hatte gerade das Beugungsbild einer Aluminium-Mangan-Legierung vor sich: "Ich zĂ€hlte die Punkte", sagt Shechtmann. "Ich kam auf zehn. Und ich sagte zu mir: Das kann nicht sein. Ich zĂ€hlte noch einmal: Das Ergebnis war richtig.Ich dachte, ich muss das jemand zeigen. Aber da war Niemand. Der ganze Korridor war leer".

Konventionelle Festkörper kann man sich als dreidimensionale Gitter vorstellen, an deren Ecken die Atome sitzen. Die kleinste Einheit eines solchen Gitters ist eine so genannte Elementarzelle. Verschiebt man diese Zelle und dreht sie um einen bestimmten Winkel - der Winkel ist abhÀngig von der Art des Kristallgitters - ist das Ergebnis deckungsgleich mit der benachbarten Zelle.

Die regelmĂ€ĂŸige Gitterstruktur der Atome sorgt dafĂŒr, dass Röntgenstrahlen an Festkörpern "gebeugt" werden, also in einem bestimmten Winkel regelmĂ€ĂŸige Punktmuster erzeugen. Der deutsche Physiker Max von Laue hatte den Effekt 1912 entdeckt und daraus eine Methode zur Bestimmung der Kristallgitter abgeleitet: Denn Laue konnte zeigen, dass die Symmetrie des Beugungsbildes die Symmetrie des Kristallgitters widerspiegelt. Nach dem Winkel der Drehung, die man ausfĂŒhren muss, um eine Elementarzelle auf ihre Nachbarzelle abzubilden, kann man unterschiedliche Kristallgitter unterscheiden: Es gibt so genannte zweizĂ€hlige Gitter, die gegenĂŒber einer Drehung von 180 Grad symmetrisch sind, dreizĂ€hlige (120 Grad), vierzĂ€hlige (90 Grad) und sechszĂ€hlige (60 Grad). Bis 1982 war die Kristallographie der Auffassung, dass fĂŒnfzĂ€hlige Gitter nicht existieren, weil sich aus solchen Drehungen kein Gitter ableiten lĂ€sst, dessen AbstĂ€nde periodisch sind - sich also regelmĂ€ĂŸig wiederholen.

Daraus aber folgte: Shechtman musste irgendeiner TÀuschung aufgesessen sein - die Beugungsbilder, die er veröffentlichen wollte, zeigten irgendein kompliziertes Artefakt. "Die Leute waren regelrecht feindselig" berichtete Shechtman. Der NobelpreistrÀger Linus Pauling beispielsweise habe noch bis zu seinem Tode 1994 öffentlich behauptet, "der Shechtman erzÀhlt Unsinn".

Eine erstes Paper wurde - offiziell wegen mangelnder Relevanz fĂŒr die Wissenschaft - zunĂ€chst zurĂŒckgewiesen. Erst 1984 gelang es Shechtman gemeinsam mit drei Kollegen einen Aufsatz [3] in den renommierten Physical Review Letters zu platzieren.

"Dann brach die Hölle los", sagt Shechtman. Vielen Arbeitsgruppen gelang es nicht nur, die Ergebnisse zu reproduzieren, sondern auch Ă€hnliche Legierungen zu erzeugen. Mittlerweile sind ĂŒber 60 Legierungen [4] bekannt, die eine quasikristalline Phase aufweisen. Eine mathematische ErklĂ€rung fĂŒr die Existenz dieser Festkörper lieferte schließlich die sogenannte Penrose-Parkettierung - benannt nach dem britischen Mathematiker Roger Penrose, der bereits in den 1960 Jahren zeigen konnte, dass sich aus zwei verschiedenen Rhomben mit gleicher KantenlĂ€nge und 36 beziehungsweise 72 Grad-Winkel ein regelmĂ€ĂŸiges Muster bilden lĂ€sst, das zwar die Ebene lĂŒckenlos fĂŒllt, aber keine Translationssymmetrie zeigt. Vom Interviewer nach der Lehre aus diesen Erfahrungen gefragt, antwortet Shechtman: "Wenn Du ein Wissenschaftler bist, der an seine Ergebnisse glaubt, dann musst Du auch dafĂŒr kĂ€mpfen." (wst [5])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-1355155

Links in diesem Artikel:
[1] http://materials.technion.ac.il/shechtman.html
[2] http://www.youtube.com/watch?v=EZRTzOMHQ4s&feature=relmfu
[3] http://www.google.de/url?sa=t&source=web&cd=1&ved=0CCcQFjAA&url=http%3A%2F%2Fwww.lif.univ-mrs.fr%2F~fernique%2Fqc%2Fshechtman.pdf&ei=6keMTtbMDImUOpfm_L0F&usg=AFQjCNGLdJJqCeynvlsvspcopGAa-lJFcA&sig2=1Qq6eWCDZCIVWgVx-G7SEw
[4] http://www.wissenschaft-online.de/spektrum/projekt/quasi17.htm
[5] mailto:wst@technology-review.de