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"Es gibt noch genĂĽgend Forschungsbedarf bei der Endlagerung"

Dr. Wolfgang Stieler

An der TU Clausthal ging in dieser Woche das erste deutsche Institut an den Start, das sich allein mit der Endlagerung chemotoxischer und nuklearer Abfälle beschäftigt. Technology Review sprach mit dem Leiter, Professor Kurt Mengel.

Professor Kurt Mengel ist geschäftsführender Leiter des frisch gegründeten Instituts für Endlagerforschung [1] an der TU Clausthal. Das bundesweit erste und einzige Institut für Endlagerforschung ging am Montag im Rahmen einer Feierstunde offiziell an den Start.

Neben der Forschungstätigkeit bietet die Einrichtung ab dem Wintersemester 2007/08 auch den weltweit einzigartigen Studiengang "Management radioaktiver und umweltgefährdender Abfälle" an. Das Institut erhält dazu eine von der Gesellschaft für Nuklearservice (GNS) für sieben Jahre finanzierte Stiftungsprofessur für Endlagersysteme. Technology Review sprach mit Mengel über seine Arbeit und den Ansatz des neuen Instituts.

Technology Review: Professor Mengel, Sie sind Geschäftsführer des kürzlich gegründeten ersten deutschen Instituts für Endlagerforschung. Ich war ein wenig verblüfft darüber, dass es bislang noch kein Institut dieser Art in Deutschland gab. Können Sie vielleicht zunächst ein wenig zur Vorgeschichte der Einrichtung sagen?

Kurt Mengel: Richtig ist, dass es bislang kein Universitäts-Insitut gab – nicht in der Bundesrepublik und meines Wissens auch nicht in der EU –, welches sich in Forschung und Lehre den Fragen der Endlagerung gefährlicher Abfälle besonders widmet. Selbstverständlich gibt es eine Reihe von Organisationen, die alle von Dritten bezahlt werden, sei es von Landes-, Bundes- oder EU-Seite, die sich mit Endlagerung beschäftigen. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass wir nach Artikel fünf des Grundgesetzes an einer Universität völlig frei sind in Lehre und Forschung.

TR: Dass heißt, Sie beschäftigen sich an ihrem Institut nicht nur mit radioaktiven Abfällen, sondern auch mit der Endlagerung von weiteren gefährlichen Stoffen?

Mengel: Von chemotoxischen Abfällen, ja. Insbesondere in unserem Studiengang "Radioactive and hazardous waste management" steht "hazardous" für chemotoxische Abfälle – ein Problem, das übrigens viel größer ist als das der radioaktiven Abfälle.

TR: Im Moment wird ja auch gerade viel über die Speicherung von CO2 in tiefen Gesteinsschichten diskutiert. Damit beschäftigen Sie sich nicht?

Mengel: Nein. Das könnte man zwar durchaus auch als gefährlichen Abfall definieren. Aber die Forschungen zu diesem Thema laufen an der TU Clausthal im Institut für Erdöl- und Erdgastechnik. Das ist nicht Gegenstand unserer Arbeiten.

TR: Nun gibt es ja hier in Deutschland schon relativ lange Pläne, hochradioaktiven Abfall in Salzstöcken zu lagern. Wo ist also der noch offene Forschungsbedarf?

Mengel: Jeder Salzstock, und auch jede andere Gesteinsformation, muss so untersucht werden, dass nach eingehenden Betrachtungen der naturwissenschaftlichen und auch der technischen Seite sämtliche Fakten über die Langzeitsicherheit des Standortes nachprüfbar auf den Tisch gelegt werden können.

Dazu bedarf es natĂĽrlich eines Konzeptes, wie man dabei ĂĽberhaupt vorgehen muss. Und wenn man ein solches Konzept hat, dann arbeitet man die Fragen, die man beantworten muss, nach und nach ab. Im Erkundungsbergwerk Gorleben hat man so ein Konzept nicht unmittelbar und stringent verfolgt.

TR: Wenn man das im internationalen Vergleich betrachtet – die Skandinavier setzen auf Lagerung in Granitformationen, die Amerikaner auf Tuffstein, in Deutschland werden Salzformationen betrachtet – ist die Frage nach dem besten Speichermedium wissenschaftlich eigentlich beantwortet?

Mengel: Die Forschung ist keineswegs zu einem solchen Schluss gekommen. Der Umstand, dass sich Finnland und Schweden für eine Endlagerung in Granit entschieden haben, liegt schlicht und einfach an der Geologie dieser Länder. Dort gibt es keine Salzvorkommen und nur mindere Tonvorkommen. In den USA gibt es sehr wohl ein Lager im Steinsalz - die WIPP-Site im Süden des Landes. Dass die USA auf ein Endlagergestein Tuff gekommen sind, liegt wohl zunächst einmal daran, dass es sich anbot, einen Standort zu finden, der ohnehin schon einschlägig genutzt war – nämlich Yucca Mountain – wo man nicht erst Eigentumsrechte klären musste.

Deutschland hat als einziges europäisches Land eine große Variation von Salzstöcken, die man in Betracht ziehen kann. Wir haben gleichwohl auch Granit, wie in Schweden und Finnland, aber auch ausgedehnte Tongesteinsformationen wie sie in der Schweiz und Frankreich für die Endlagerung diskutiert werden. Es ist also mithin auch ein Ergebnis der regionalen Geologie, in welcher Formationen verschiedene Staaten ihre gefährlichen Abfälle unterbringen müssen.

TR: Dass heiĂźt, auch fĂĽr Deutschland ist die wissenschaftliche Frage, welche Formationen am besten geeignet sind, nach wie vor offen?

Mengel: Da Tongesteine in Deutschland bei weitem nicht so intensiv untersucht worden sind wie Salzstöcke, kann man hier keine abschließende Betrachtung anführen. Bis heute sind große Anstrengungen unternommen worden, den Salzstock in Gorleben zu untersuchen. Für Granit und Ton ist in Deutschland vergleichsweise wenig passiert.

Wir können also nicht einen gut erkundeten Salzstock mit kaum erkundeten Gesteinsformationen vergleichen, in dem wir sagen, die eine Formation ist besser geeignet als die andere. Wenn man eine solche Entscheidung treffen wollte, wäre ein gleich hohes Niveau an Informationen für die betreffenden Formationen bzw. Standorte erforderlich.

TR: Im Zusammenhang mit der Lagerung von hochradioaktiven Abfällen ist gelegentlich auch von Verfahren wie der Transmutation zu lesen, bei der man versucht, die wirklich gefährlichen Stoffe noch im Reaktor umzuwandeln. Sehen Sie da ein Potenzial?

Mengel: Das geht mit der jetzigen Generation von Kraftwerken definitiv nicht. Es müsste eine neue Generation von Kernkraftwerken entwickelt werden. Man ist aber nach meiner Ansicht – ohne, dass ich nun ein Experte auf diesem Gebiet bin – noch weit davon entfernt, ein schlüssiges, technisches Konzept für eine solche völlig neue Generation von Kraftwerken zu haben. Jedoch ist auch in diesem Falle eine sichere Endlagerung der radioaktiven Abfälle erforderlich.

TR: Sie bieten erstmals auch einen Studiengang zum "Radioactive and Hazardous Waste Management". Dass heiĂźt, Sie gehen auch davon aus, dass es Bedarf in der Wirtschaft dafĂĽr gibt?

Mengel: Lassen Sie mich die Frage von einer anderen Sichtweise aus beantworten. Heutzutage weiß niemand, der ein Studium anfängt, wie seine Berufsaussichten sind – Stichwort: Schweinezyklus. Die Verbringung von gefährlichen Abfällen in tiefe geologische Formationen wird aber ein Dauerthema der nächsten zwei Generationen sein.

Wie die Genehmigung des Endlagers in Schacht Konrad zeigt, kann es durchaus 30 Jahre dauern, bis es zu einer Einlagerung von gefährlichen Abfällen in einem Endlager kommt. In dieser Zeit ist viel Forschung und Entwicklung notwendig; bei Forschungsinstituten, bei der beteiligten Industrie und auch bei Behörden. Würden wir jetzt nicht dafür sorgen, dass der wissenschaftliche Nachwuchs erhalten bleibt und das Know-How in die Zukunft transportiert wird, bekommen wir irgendwann einen Fadenriss und können nicht mehr auf dem aufbauen, was wir bis heute erarbeitet haben. Das ist übrigens auch einer der Gründe, warum uns die Industrie mit einer Stiftungsprofessur geholfen hat, diesen Studiengang zu betreiben: Kompetenzerhalt.

TR: Es gibt also keinen unmittelbaren Zusammenhang damit, dass vielerorts davon gesprochen wird, dass die Atomkraft vor einer Renaissance steht?

Mengel: Nein, das hat damit überhaupt nichts zu tun. Ich gebe folgendes zu bedenken: Für den Fall, dass heute der große Hebel umgelegt und sämtliche AKWs heruntergefahren würden, hätten wir doch das Problem des Abfalls zu lösen. Das, was bis zur Laufzeit 2020 noch dazu kommt, ist durchaus nicht wenig, aber wir haben schon eine große Menge Abfall angesammelt, die es sicher endzulagern gilt.

TR: Sie haben vorhin erwähnt, dass das Problem der chemischen Abfälle sehr viel größer sei als das der radioaktiven Abfälle. Wie begründen Sie diese Einschätzung?

Mengel: Zwei Stichworte: Zunächst ist deren Volumen um mindestens drei Zehnerpotenzen größer. Zum anderen haben chemotoxische Abfälle – wenn wir von vielen organischen Abfällen mal absehen – die uncharmante Eigenschaft, eben nicht zu zerfallen. Während wir davon ausgehen, dass hochradioaktive Abfälle nach etwa einer Million Jahren ein Aktivitätsniveau erreicht haben, von dem keine unmittelbare Gefahr mehr ausgeht, zersetzen sich chemotoxische Abfälle eben nicht, sie bleiben giftig – für alle Zeiten.

TR: Letze Frage: Gerade im Zusammenhang mit Endlagerforschung gibt es immer wieder Streit um die Objektivität dieser Forschung. Und natürlich gibt es auch immer wieder den Versuch, auf die Ergebnisse politischen Einfluss zu nehmen. Wie können Sie sicherstellen, dass das an Ihrem Institut nicht passiert?

Mengel: Das können wir ganz einfach steuern. Wir können uns die Geldgeber, die uns unsere Projekte finanzieren, aussuchen. Wir haben in den letzten Jahren relativ umfangreiche Forschungsprojekte vom Bundeswirtschaftsministerium bekommen, sowohl unter der rot-grünen Regierung als auch unter der jetzigen.

So ist unsere Forschung völlig unabhängig von dem, was in Berlin gerade politisch passiert. Wenn uns jemand ein unanständiges Angebot machen sollte, würden wir das natürlich niemals annehmen, weil wir damit unsere Freiheit der Forschung und Lehre aufgeben würden. (bsc [2])


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[1] http://www.ielf.tu-clausthal.de/de/ueber-uns/
[2] mailto:bsc@heise.de