Die Kondensation des Wissens
Dass ein loser Haufen von Hobbyschreibern die professionelle Konkurrenz bei der Berichterstattung über eine der größten Naturkatastrophen der Geschichte hinter sich lässt, demonstriert das gewaltige Potenzial verteilter Geistesarbeit in Computernetzen
Am 26. Dezember 2004 brach die Flutkatastrophe über die Länder am Indischen Ozean herein - und unter den weihnachtlichen Rumpfbesetzungen der deutschen Fernsehredaktionen brach ziellose Hektik aus. Man sah mehrmalige Wiederholungen der CNN- und BBC-Footage, Live-Übertragungen von deutschen Flughäfen und Moderatoren, die verstört in die falsche Kamera blickten. Südostasien- Korrespondenten weilten im Heimaturlaub, erhoffte Gesprächspartner hatten ihre Handys deaktiviert. Journalisten interviewten sich gegenseitig.
Wer wissen wollte, was Sache war im Unglücksgebiet, schaltete besser von den Profis zu den Amateuren um, am besten ins Internet. Dort bot ihm die Online-Enzyklopädie Wikipedia einen nüchternen und stets aktuellen Lagebericht. Er konnte verfolgen, wie im Minutentakt neue Nachrichten in Einträge wie "Erdbeben im Indischen Ozean 2004" integriert, abgeglichen, umstrukturiert und gestrafft wurden. Unter dem vorher kaum gepflegten Stichwort "Tsunami" vertieften sich Wikipedia-Autoren in die Geophysik des Meeresbodens und rangen mit der Mechanik von Flachwasserwellen. Faktensammlungen verdichteten sich zusehends zu Lexikontext von solchem Gehalt, dass ihn auch Rechercheure etablierter Medien konsultierten.
Bemerkenswerter als die Geschwindigkeit der Wikipedia ist ihr Zustandekommen. Sie wächst weit gehend selbstorganisiert, ohne zentrale Steuerinstanz. Jeder Besucher ihrer Website kann nach Belieben hineinschreiben, ihre Texte bearbeiten und für andere Zwecke entnehmen. Klick auf das Feld "Artikel bearbeiten" genügt, und der Leser wird zum Autor. Dass ein loser Haufen von Hobbyschreibern die professionelle Konkurrenz bei der Berichterstattung über eine der größten Naturkatastrophen der Geschichte hinter sich lässt, demonstriert das gewaltige Potenzial verteilter Geistesarbeit in Computernetzen. Wobei es sich versteht, dass der Erfolg solcher Gemeinschaftsvorhaben von den Regeln abhängt, unter denen die Einzelleistungen zusammengeführt werden - und das bedeutet bei der Wikipedia: möglichst keine Regeln. Die "Wikisophie" besteht in einer Kombination von Anarchismus und Darwinismus: Die Erstellung und Prüfung der Einträge liegt allein beim Nutzerkollektiv, in der Annahme, dass sich nur korrekte, ausgewogene und gute Texte in dieser Selektion durchsetzen. Nur ein wackeres Grüppchen ehrenamtlicher Administratoren pflegt die Datenbanken, moderiert den Textwerdungsprozess und beseitigt gröbste Fehlentwicklungen. Das Tor für Saboteure steht weit offen. Wenn es nach der Alltagspsychologie der Massen ginge, müsste diese Konstruktion ins Chaos führen.
Die Kondensation des Wissens
Aber bisher funktioniert sie. Warum? Sicherlich nicht, weil im Netz plötzlich nur noch Gutmenschen unterwegs wären. Wie auch auf anderen öffentlichen Webseiten wird in der Wikipedia munter gespammt, gehoaxt und getrollt. Der wesentliche Unterschied ist, dass sich Vandalismus in der Wikipedia kaum lohnt. Jede Entstellung kann von aufmerksamen Lesern umgehend wieder revidiert werden. Ein Forscherteam von MIT und IBM hat die englische Wikipedia systematisch observiert und dabei festgestellt, dass die Hälfte aller massiven Löschungen, einem klassischen Vandalenakt, nach knapp drei Minuten behoben waren. Wenn anstelle des gelöschten Texts noch Obszönitäten platziert wurden, sank die mittlere Reparaturzeit unter zwei Minuten.
DER CHARME BESTEHT IN DER EINFACHHEIT
Das derzeit spannendste Wissensprojekt der Netzwelt wurde ausgerechnet zur Zeit des großen Dot-com-Massensterbens geboren, und zwar selbst als Kind eines Fehlschlags. Im Januar 2000 kam der Kalifornier Jim Wales, reicher Börsenspekulant und Internet-Unternehmer, auf die Idee, eine Online-Enzyklopädie in verteilter Arbeit schreiben zu lassen. Als Chefredakteur warb Wales den promovierten Philosophen Lawrence Sanger an, der wiederum bei dem Programmierer Ward Cunningham die so genannte Wiki-Software besorgte -- ein Werkzeug, dessen Charme in seiner Einfachheit liegt. Jeder Nutzer kann damit eine Datenbank auf einem zentralen Serverrechner beliebig einsehen und verändern, ohne dafür auf seinem eigenen Rechner ein Programm installieren zu müssen. Cunningham hatte die erste Wiki-Site 1995 hochgefahren, um sich mit Kollegen über wiederkehrende Software- Muster auszutauschen.
Innerhalb einer Woche hatte Sanger die "Nupedia" auf die Beine gestellt: eine im Prinzip offene und freie Enzyklopädie –- allerdings nach klassischer Manier rigoros begutachtet. Autoren mussten sich mit Lebenslauf bewerben und ihre Texte gründlicher Bearbeitung unterwerfen. Zu wenige Schreiber nahmen diese Prozedur auf sich. Nach drei Jahren bot die Nupedia nur 30 Artikel auf. Sie starb den stillen Tod - und ihr kleines Anhängsel Wikipedia gedieh. Ursprünglich nur als "Durchlauferhitzer" für Nupedia-Texte gedacht, bot sie völlig schrankenlosen Zugang.
Bis vor gut einem Jahr blühte die Wikipedia eher im Verborgenen. Dann, im Frühjahr 2004, kam plötzlich der große Hype. Die Massenmedien entdeckten das Projekt und beschlossen, es großartig zu finden. In Deutschland berichteten unter anderem "Der Spiegel" und die "Tagesthemen". Im Mai 2004 bekam die Wikipedia zudem zwei renommierte Auszeichnungen: den Prix Ars Electronica und den Webby Award.
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Der Wikipedia selbst verschaffte die massive Aufmerksamkeit einen Wachstumsschub. Phasenweise wuchs ihr Volumen um ein Prozent täglich. Die Zahl der Zugriffe verfünffachte sich. Die Wikipedianer gewannen einige langfristige Mitarbeiter, sahen andererseits ihr Projekt auch zunehmendem Vandalismus ausgesetzt. Der gemeine Wikipedia-Nutzer bemerkte die gestiegene Beachtung an deutlich längeren Zugriffszeiten und gelegentlich zusammenbrechenden Servern. Als die deutsche Wikipedia Anfang April als DVD erschien, schoss sie binnen Stunden auf Platz eins der Amazon-Verkaufsliste. Die erste Auflage war innerhalb von zwei Tagen ausverkauft. Inzwischen hat die Wikipedia an die 200 Sprachvarianten, seit jüngstem auch eine rätoromanische. Der Start einer sorbischen Ausgabe steht bevor. So konserviert das Projekt neben Weltwissen auch bedrohte Sprachen -- und wirkt der angloamerikanischen Kulturdominanz im Netz entgegen.
SPIEGEL ONLINE KLAUTE EINE GANZE PASSAGE
Aus dem Sprössling der digitalen Subkultur ist ein Nachschlagewerk von Weltrang geworden. Auch hauptberufliche Faktensucher wie das Team des ZDF-"heute-journals" starten ihre Recherchen routinemäßig in der Wikipedia. Renommierte Zeitungen wie die "New York Times" und die "Süddeutsche Zeitung" zitieren die Wikipedia ohne Scheu als Quelle. Die "Washington Post" soll kürzlich einen Faktenfehler aus dem englischen Wikipedia-Eintrag zum Lissabonner Erdbeben abgeschrieben haben. "Spiegel online" klaute gar eine ganze Passage zum Irak aus der Wikipedia, samt falsch gesetzter Kommas.
Der Erfolg der Wikipedia lässt immer mehr Unternehmen fragen, warum ihre IT-Systeme so kompliziert sind, wo es offenbar auch einfach geht. Wo schwerfällige und starr strukturierte Datenbankprogramme den unternehmensinternen Wissenstransfer mehr bremsen als fördern, versprechen "Enterprise Wikis" Bedienerfreundlichkeit und geringere Kosten.
"Der Charme der Wikis besteht in ihrer Einfachheit", sagt Alexander Linden, Vizepräsident für Emerging Trends and Technologies bei Gartner. "Die Lernkurve der Benutzer ist flach, und sie erzeugen wenig administrativen Aufwand." Linden schätzt, dass die "hyperverlinkten Kreidetafeln" das unternehmensinterne E-Mail-Aufkommen um immerhin "fünf bis zehn Prozent" verringern: keine Revolution, aber allemal eine sinnige Ergänzung vorhandener Systeme zum Wissensmanagement. Konkret kann etwa eine Entwicklergruppe den Stand ihres Projekts in einer Wiki darstellen. Jedes Mitglied kann sich selbst und den gemeinsamen Statusbericht auf dem Laufenden halten -- und sobald das Projekt abgeschlossen ist, ist es dokumentiert. Der professionelle Einsatz von Wikis hat schon einige Jahre Tradition. Seit 1999 nutzen die Computeradministratoren der "New York Times" Wikis zur Dokumentation ihrer Systeme. Im gleichen Jahr begann Motorola, interkontinentale Teams von Chipdesignern mit Wikis zusammenzuspannen.
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DIE WIKIPEDIA DES 18. JAHRHUNDERTS
Die Methode, Nachschlagewerke in verteilter Arbeit zu verfassen, ist viel älter als das Internet. Schon im 18. Jahrhundert ließ der Leipziger Verleger Johann Heinrich Zedler eine Enzyklopädie von freiwilligen Helfern schreiben. Wie die Wikipedia stellte das "Große vollständige Universal Lexicon" gemessen am Umfang alles Frühere in den Schatten. Mit rund 500.000 Stichwörtern erreichte es etwa den heutigen Stand der englischen Wikipedia. Und wie bei der Wikipedia ist die Identität der Verfasser unklar: "Vermutlich stammen die meisten Texte vom akademischen Proletariat in Leipzig", sagt Ulrich Schneider von der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel. "Die Zedler-Enzyklopädie war die Wikipedia des 18. Jahrhunderts", sagt Schneider, "das erste kollektiv erstellte Buchprojekt der Weltgeschichte."
Die französischen Enzyklopädisten Diderot und d'Alembert ließen ihre Artikel von prominenten Gelehrten schreiben und übertrafen damit zwar die Qualität des Zedler'schen Werks, blieben aber in der Umfassendheit weit dahinter zurück. Es waren Diderot und d'Alembert, die im historischen Gedächtnis blieben. "Zedler ist quasi untergegangen", bedauert Schneider.
EIN TEIL DER DATENFÜLLE WANDERT ZU YAHOO
Erst mit dem Internet fand das verteilte Schreiben sein Heimatmedium. Inzwischen entstehen Lehrbücher, Wörterbücher, Zeitungen und Landkarten in Kollektivarbeit. Menschen, die sich untereinander nicht beim Namen kennen, verfassen gemeinschaftlich Reiseführer und Romane. In Jurawiki und Gründerwiki formiert sich berufsspezifisches Wissen. Aber keines dieser Projekte erreicht annähernd den Umfang der Wikipedia. Mit mehr als 520 000 Lemmata ist die englische Ausgabe eine der größten Enzyklopädien der Geschichte. Der Vergleich der verschiedenen Wiki-Projekte offenbart ihr zentrales Erfolgskriterium: Je klarer sein Format definiert ist, desto besser entwickelt sich das Wiki. Jeder hat eine Vorstellung, wie ein Lexikonartikel auszusehen hat. Bei einem Romankapitel gehen die Meinungen auseinander, weshalb Romancierskollektive mitunter mehr gegeneinander als miteinander arbeiten.
Der Fleiß der Leser und Schreiber der Wikipedia fordert so viel Rechnerkapazität, dass die Administratoren nun einen Teil der überbordenden Datenfülle in Unternehmenshände geben. Die Bestände wandern im Juni auf Server von Yahoo in Asien. Es hatten sich insgesamt acht Organisationen als Gastgeber der Wikipedia angeboten, darunter Google und der belgische Internet-Provider Belnet.
Mit dem Jawort an Yahoo mögen die Wikipedianer in den Augen mancher Open-Source-Puristen ihre Unschuld verwirkt haben, aber sie sind weiterhin auf der Hut vor einseitigen Bindungen. Kooperationen mit anderen Unternehmen sind keineswegs ausgeschlossen - jetzt erst recht nicht: "Das ist kein Entweder-oder", sagt Mathias Schindler, Vorstandsmitglied der deutschen Wikimedia-Stiftung, "wir unterhalten uns weiter mit Google."
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WIKIPEDIA ALS ÖFFENTLICHE BEDÜRFNISANSTALT
Erklärte Absicht von Wales und seinen Wikipedianern ist, die kommerziellen Enzyklopädien zu übertrumpfen, und nach den bloßen Zahlen ist dieses Ziel erreicht. Die Wikipedia enthält mehr Artikel als Brockhaus und Encyclopedia Britannica zusammen. Aber wenn deren Vertreter die Hobbybescheidwisser fürchten, lassen sie es sich nicht anmerken. Zwar nutzt Brockhaus-Sprecher Klaus Holoch die Wikipedia privat gern als "nette Informationsquelle", aber als Konkurrenz nimmt er sie nicht ernst: "Wir gehen auf Qualität statt auf Masse."
Ungehaltener ist der Ton, den man in der Britannica- Redaktion gegen die Wikipedia anschlägt. "Die Annahme der Wikipedia ist, dass stetige Verbesserung zur Perfektion führt, und das ist völlig unbewiesen", schnaubte Britannica-Herausgeber Ted Pappas, und sein früherer Kollege Robert McHenry verglich die Do-it-yourself- Konkurrenz in einem letztjährigen Online-Kommentar mit einer "öffentlichen Bedürfnisanstalt": Man könne nie wissen, wer sie vorher benutzt hat. Konkret bekrittelte er Formulierungsschwächen und Widersprüche zum Geburtsjahr im Wikipedia-Eintrag zum US-Verfassungsjuristen Alexander Hamilton -- und lieferte damit ein unfreiwilliges Musterbeispiel für die Funktion der Wikipedia. McHenrys Kritik war am 15. 11. 2004 online. Tags darauf waren die betreffenden Schwachstellen in der Wikipedia behoben.
ABSEITIGE THEMEN WERDEN BREITGETRETEN
Der Name "Wiki" kommt vom hawaiianischen Adjektiv für Schnelligkeit -- und trifft damit genau die Stärke der Wikipedia. Als Papst Karol Wojtyla am 2. April um 21 Uhr 37 starb, dauerte es keine halbe Stunde, bis sein Todesdatum in der deutschen Wikipedia verzeichnet war. Mit der schnellen Absorption eines Ereignisses ist es freilich noch nicht gut beschrieben. Enzyklopädien sollen vor allem konzis sein, dann erst kommt die Aktualität. Ausführlichkeit stört eher. Gerade die Wikipedia-Artikel zu abseitigen Themen zeichnen sich oft durch epische Breite aus. So ist der Dominion-Krieg aus der Science-Fiction-Serie "Star Trek" in der englischen Wikipedia ausführlicher beschrieben als manch realer Waffengang. Artikel zu allgemeinen Stichworten wie "Physik" oder "Literatur" werden in endlosen Diskussionen -- dokumentiert auf den Wikipedia- Seiten -- breitgetreten bis zur Unlesbarkeit. Während Britannica und Brockhaus abwägen können, welche Gebiete sie mit synoptischen Artikeln abdecken und welche sie besser in Einzelartikel aufteilen, neigt die Wikipedia zur Zersplitterung. Mittelständische Unternehmen und ländliche Gemeinden legen gern Einträge über sich an und füllen sie mit Werbetext.
Die Betreuer der Wikipedia steuern solchen Defiziten nach Kräften gegen. In einer "Qualitätsoffensive" lenken sie die Aufmerksamkeit ihrer Mitschreiber auf fehlende oder verbesserungswürdige Artikel und preisen ihnen "exzellente Artikel" als beispielhaft an. Fragwürdige Passagen geben sie zur Begutachtung an Fachleute. Weil sie schwerlich hunderttausende Artikel mit eigenen Augen im Blick behalten können, haben sie clevere technische Hilfsmittel entwickelt. Sie messen den Vernetzungsgrad des Artikelbestands durch Hyperlinks und die Zahl der schon verlinkten, aber noch ungeschriebenen Artikeldummys –- schlechte Vernetzung zeigt ein Qualitätsproblem an. Wenn der Computer zu viele Ausrufezeichen in einem Beitrag zählt, meldet er ihn als potenziell faul. Wenn wenige Benutzer einen Artikel mehrmals wechselweise ändern, könnte einer der gefürchteten Redigierkriege entbrannt sein, wie sie verfeindete Meinungslager über "Ozonloch", "Abtreibung" oder "Evolutionstheorie" ausfechten.
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WIKIPEDIA-SCHREIBEN IST MÄNNERSACHE
Was für Menschen genau zu den Wikipedia-Seiten beitragen, war bisher ein Rätsel, weil sie völlig anonym bleiben können. In einer ersten systematischen Untersuchung haben nun Würzburger Psychologen die Wikipedianer um Angaben zu ihrer Person und zu den Motiven ihres Engagements gebeten. Demnach ist Lexikonschreiben Männersache: Der Frauenanteil erreicht nur ein Zehntel. Der Durchschnitts-Wikipedianer ist 33 Jahre alt und widmet der Mitmach-Enzyklopädie täglich zwei Stunden -- wobei ein Hauptmotiv in der Verbesserung des eigenen Wissens besteht. Ein Viertel sind Studenten. Während man aus der deutschen akademischen Elite kaum ein offenes Bekenntnis zum Wikipedia-Gebrauch hört, zieht die freie Enzyklopädie in den USA erkennbar in den Hochschulalltag ein. Zunehmend taucht sie in den Bibliografien von Forschungsarbeiten auf, und es kommt vor, dass Autoren wissenschaftlicher Bücher ihre Manuskriptfragmente zur Vorprüfung in die Wikipedia stellen.
Allerdings ist die wachsende Bedeutung der "glaubensbasierten Enzyklopädie" nicht bei allen Akademikern jenseits des Atlantiks gern gesehen. Denn worauf bezieht man sich, wenn man die Wikipedia zitiert? Kein Verfasser zeichnet sich verantwortlich, allzu selten ist die Herkunft der Angaben belegt. Und selbst wenn alles seine Richtigkeit hatte: Sobald ein Leser einen als Quelle angegebenen Eintrag nachschlägt, kann dort etwas ganz anderes stehen.
Doch getreu dem Wikipedia-Prinzip können die Betreuer ihre Mitschreiber nur freundlich zu besserer Quellenarbeit anhalten, aber nicht dazu verpflichten. Gleichwohl beharren sie auf der reinen Lehre der Wikisophie. "Wir glauben, dass unser Verfahren zu den besten Lexikontexten führt", sagt Ober-Wikipedianer Mathias Schindler. "Wenn jemand einen besseren Weg findet, dann würden wir ihn gehen." Vielleicht sind Schindler und Kollegen auf diesem Weg weiter, als sie sich eingestehen. In der Praxis ist die Wikipedia schon heute weniger egalitär als in der Theorie. Der "harte Kern" der Wikipedia-Mitarbeiter, also jene, die schon mehr als hundertmal in das Werk eingegriffen haben, zählt in Deutschland keine 500 Köpfe -- verschwindend wenig gemessen an der Zahl der Zugriffe. 138 Nutzer haben Administratorenrechte für die deutsche Wikipedia, und mit den wachsenden Qualitätsanstrengungen bestimmt dieser Zirkel zunehmend die Entwicklung des Gemeinschaftswerks.
"Das Prinzip der Selbstorganisation hat sich hohl gelaufen", sagt der Germanist Wolf-Andreas Liebert von der Universität Konstanz. Die Wikipedia wird sich demnächst vom Dogma der radikalen Offenheit verabschieden müssen, meint Liebert: "Sie wird nur dann hoch qualifizierte Autoren gewinnen können, wenn sie den Erhalt guter Texte sicherstellt." Ein Anknüpfungspunkt dafür könnte eine Funktion zur Bewertung von Einträgen liefern, die für eine demnächst kommende Version der Wikipedia-Software vorgesehen ist. Eine solche Funktion macht es möglich, hochwertigen Inhalt vor Verschlimmbesserung zu schützen, indem man den aktiven Zugriff darauf kontrolliert, während weniger wertiger Inhalt zur allgemeinen Bearbeitung frei bleibt. Andererseits zeigt die Erfahrung mit der Nupedia, wie leicht die Arbeitsfreude der Nutzer erstickt. Das ist das Gleichgewicht, das die Wikipedia finden muss: Bei zu viel Laisser-faire droht die Stagnation im gehobenen Mittelmaß, übermäßige Strenge erstickt die Arbeitsfreude. Fehlbarkeit liegt in der Natur der Wikipedia, und man verzeiht sie gern, solange die kollektive Texttüftelei zu dauerhaften Verbesserungen führt, nicht nur zu mehr Lebhaftigkeit.
(Entnommen aus aus Technology Review Nr. 5/2005 [1]; das Heft können Sie hier [2] bestellen) (wst [3])
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