Der drahtlose Wozniak
Apple-Mitbegründer Steve Wozniak hat mit Wheels of Zeus eine Firma gegründet, die GPS-Navigationstechnik rund ums Zuhause einsetzen will.
Apple-Mitbegründer Steve Wozniak hat mit Wheels of Zeus eine Firma gegründet, die GPS-Navigationstechnik rund ums Zuhause einsetzen will.
Die offizielle Entstehungslegende von Steve Wozniaks Firma, Wheels of Zeus, erzählt sich ungefähr so: Nicht einmal elektrische Zäune konnten die Hunde des legendären Erfinders am Weglaufen hindern. Da müsste es doch eine Möglichkeit geben, dachte der Tüftler, sie trotzdem im Auge zu behalten - vielleicht auf elektronischem Wege?
So, oder so ähnlich, kam Wozniak die Eingebung zu seinem jüngsten Projekt: dem Einsatz von GPS-Navigationstechnik rund ums Zuhause. GPS und Funkchips seien inzwischen so billig, dass sie nach neuen Einsatzfeldern quasi schreien, sagt Wozniak. "Mir fielen schnell schöne Anwendungsbeispiele für eine völlig neue Produktkategorie ein."
Seine Idee nennt er "vernetztes GPS", und sie läuft darauf hinaus, preiswerte und unauffällige GPS-Geräte an Autos, Haustieren oder sogar Kindern und älteren Menschen anzubringen, die verloren gehen könnten. Die Überwachung der Sensoren übernehmen irgendwelche Drahtlosgeräte. So könnten sich etwa ein PC, ein Telefon, Handy oder PDA melden, wenn die Tochter sicher am verabredeten Ort angekommen ist oder der Hund sich vom Grundstück entfernt.
"Sollte Ihr Hund einmal weglaufen, während Sie bei der Arbeit sind, bekommen Sie sofort einen Anruf. Anschließend können Sie seine Bewegungen mit dem PDA genau verfolgen", erzählt Wozniak während eines Gesprächs in Los Gatos, Kalifornien, wo Wheels of Zeus, im Oktober 2001 gegründet, sich niedergelassen hat. Der Name kommt natürlich nicht von ungefähr: Computerfans kennen "Woz" - so die Abkürzung des Firmennamens - bereits seit Jahrzehnten als das technische Genie hinter dem ersten Apple-Rechner.
Obwohl Wheels of Zeus bereits 9,7 Millionen Dollar Risikokapital in zwei Finanzierungsrunden aufnehmen konnte, gilt die Grundidee, GPS mit Drahtlosgeräten zu kombinieren, nicht als neu. Dienste wie der von der Firma uLocate aus Newton in Massachusetts nutzen bereits jetzt Handys mit eingebautem GPS. Andere Unternehmen wie Wherify aus Redwood Shores in Kalifornien verkaufen tragbare GPS-Geräte. Einige davon sind auch speziell für Kinder gedacht. Sie kosten allerdings normalerweise mehr als 100 Dollar pro Stück.
Wozniaks Idee ist ambitionierter und stärker auf den Heimbereich zugeschnitten. Die Wheels-of-Zeus-Geräte werden weniger Funktionen haben als etwa Handys mit GPS. Wozniak will die Kosten so stark reduzieren, dass ein Nutzer gleich zehn statt eines oder zwei dieser Geräte betreiben kann. Statt Handynetze zu nutzen, wie etwa Wherify das tut, will Wozniak ein schmalbandiges Netzwerk mit geringer Leistung bauen, das die GPS-Daten an Endnutzer schickt. Dieses so genannte wOzNet würde örtliche Hot Spots miteinander verbinden, denn jede Basisstation eines Benutzers versorgt gleich auch noch die Nutzer in seiner Umgebung mit: Ein "sich selbst fortpflanzendes Netzwerk", nennt das ein Wheels-of-Zeus- Investor. Je mehr Kunden den Dienst in Anspruch nehmen, umso größer und leistungsfähiger wird das Netz.
Der drahtlose Wozniak
Wheels of Zeus will sowohl Lizenzen für seine Technologie verkaufen als auch seinen Dienst Endkunden anbieten und dafür Abogebühren nehmen. Im Januar lizenzierte man erstmals an Motorola. Der Elektronikkonzern soll die wOzNet-Hardware herstellen und vertreiben. Ende des Winters war allerdings noch nicht klar, wann die ersten Geräte auf den Markt kommen. "Es könnte noch in diesem Jahr sein", sagt Wozniak. Wieder versucht er, komplizierte Technik einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Das hat er schon einmal mit großem Erfolg getan, dafür ist Wozniak bekannt.
Auch mit 53 Jahren ist Wozniak noch immer als der bärtige Junge erkennbar, der Mitte der 1970er Jahre im berühmten US-Rechnerbastlerverein Homebrew Computer Club auftauchte und dort sein intuitives Ingenieurstalent ausspielte. Sein Büro bei Wheels of Zeus zeigt seine Begeisterung für clevere Technik: So hat ein "Segway Scooter", eine Erfindung seines Freundes Dean Kamen, an einer Wand seinen Ehrenplatz.
Auf seiner Website und auf Papier gibt sich Wozniak gern warmherzig und offen. Persönlich wirkt er ernster und konzentrierter. Er beklagt den Zeitdruck, unter dem er steht: Unzählige Fragen und E-Mails gehen jede Woche ein. Sobald man ihn nach seiner Meinung über grundlegende Themen wie Innovation und Erfindungsgeist fragt oder gar nach einer Analyse seines bisherigen Lebens, weiten sich seine Augen. Er wirkt überrascht und fast erschrocken, als habe er sich nie mit diesen Themen beschäftigt.
Seit dem Beginn seiner Karriere gilt Wozniak als Genie, wenn es etwa um das Herunterbrechen eines Schaltdiagramms auf das Wichtigste geht - ohne Performance-Einbußen selbstverständlich. "Als ich in der sechsten oder achten Klasse war, habe ich schon kapiert, was Effizienz bedeutet: mehr Output bei geringerem Input", sagt er. "Und Effizienz treibt Technik auf dieser Welt."
Diese Ideen stammen bereits aus den Sechziger- und Siebzigerjahren, in denen einer Pioniergeneration von Computerbauern klar wurde, welche Auswirkungen billigere Rechnerressourcen haben würden. Wozniak, der das College noch nicht abgeschlossen hatte, als er die ersten Apple-Entwürfe fertig stellte, ließ sich von grauer Theorie nicht beeindrucken. Ihm war nur klar, dass die Chips etwa alle sechs Monate immer wieder besser wurden - und er reagierte. "Immer wenn es einen neueren und besseren Chip gab, fragte ich mich, wie ich diesen in meinen alten Designs anwenden könnte, um Komponenten zu sparen."
Wozniaks Ziel war immer, kleinere, schnellere und leichtere Geräte zu bauen. Das "Woz-Gesetz" lautet etwa so: "Immer zu niedrigen Kosten". Diese hartnäckige Suche nach Vereinfachung hat er sich antrainiert - jahrelang lernte er für sich selbst, was er als eine Art Wettstreit mit seinem eigenen Verstand betrachtete. "Das war wie ein Spiel. Du arbeitest härter und härter, und dein Gehirn denkt tiefer und tiefer. Gewonnen hast du, wenn du es schaffst, weniger Komponenten oder weniger Codezeilen zu verwenden. Der Wettbewerb mit anderen Menschen läuft anders. Da geht es nur darum, den besseren Job zu machen und sagen zu können, dass man gesiegt hat. Niemand ginge zurück und würde fragen, was er noch besser machen könnte."
Wozniak erkannte, dass kleinere und billigere Geräte Technik auch normalen Menschen näher bringen. "Wann können schlaue Dinge günstig hergestellt werden?", fragt er sich immer. Für ihn hat Wheels of Zeus mit seiner vernetzten GPS-Technik vor allem deshalb Charme, weil man Heimsysteme bald für ein paar hundert Dollar kaufen kann.
Normalen Kunden Produkte mit echtem Nutzen zu liefern, ist das Mantra fast aller Wozniak-Projekte. Das berühmteste Kind dieses Prinzips dürfte der Apple I sein, den Wozniak 1976 im Homebrew Club vorstellte. Damals gab es die Maschine nur als Blockdiagramm, das Schnittstellen für eine Tastatur und einen Bildschirm vorsah. Den Mikroprozessor des Rechners hatte Wozniak ausgewählt, weil er nur 20 Dollar kostete. Im Club reichte Wozniak die Schaltpläne herum, die so einfach waren, dass fast jedes Mitglied sie nachbauen konnte.
Der drahtlose Wozniak
Neben ernsthaften Anwendungen sollte der Rechner auch spielen können. Wozniak war schon damals in seiner Umgebung als Schlitzohr bekannt. Als junger Mann baute er so genannte Blue-Boxen, um den Leuten das kostenlose Telefonieren über die Netze des Telefonanbieters AT&T zu ermöglichen. Seinen Anrufbeantworter baute er zu einem telefonischen Witzeservice um, der in der Bay Area zur Legende wurde. Aus Ataris berühmtem "Pong" machte er innerhalb von vier Tagen ein wesentlich fortschrittlicheres "Breakout"-Spiel - für seinen Freund Steve Jobs, der damals für Atari arbeitete.
Wozniak gibt zu, dass er am besten in Umgebungen arbeitet, in denen er tun kann, was ihm gefällt - wie in den Anfangstagen bei Apple. "Ich entdeckte, wie man den Aufbau eines Rechners vereinfachen konnte - und durfte das dann sofort tun." So ist er oft schneller als das Team, in dem er arbeitet. Im Gegensatz zu seinen Freunden im Homebrew Club war er bereits in den Siebzigern ein Fan der Speichertechnik DRAM (Dynamic Random Access Memory) - weil sie billiger als statisches RAM war. DRAM erforderte allerdings viel mehr technisches Wissen, als die meisten Bastler hatten. Die letzten 30 Jahre der PC-Entwicklung gaben ihm aber Recht: DRAM ist heute die am weitesten verbreitete Speicherart in Computern.
Wheels of Zeus gibt Wozniak die gleiche Autonomie, wie er sie einst bei Apple genoss. Als Gründer darf er beschwingt sagen, dass die Firma bloß aus einer "coolen Idee" entstand. Das Konzept folgt aber konsequent dem "Woz-Gesetz": GPS so verpackt, dass es "kleiner, mobiler und billiger ist - zu einem erträglichen Preis". Interessant ist das Konzept aber auch, weil es clever und überzeugend klingt. "Das Ziel ist es, eine saubere Lösung zu entwickeln, die trotzdem Spaß macht."
Seitdem Wozniak Apple 1985 verlassen hatte, kann er nicht gerade viele Technologieerfolge vorweisen. Er gründete nur eine einzige weitere Firma - das erfolglose Unternehmen CL9, das eine Universalfernbedienung produzierte und nach ein paar Jahren aufgeben musste. Aber sowohl Wozniak als auch seine Investoren glauben an sein Talent, Technik auf ihre wesentlichen Elemente zurückzuführen.
Und das könnte aus seinem Projekt Wheels of Zeus einen Erfolg machen. Die echte Herausforderung wird sein, wOzNet am Markt zu platzieren. Der WLAN-Sektor, der dem, was Wozniak bauen will, noch am nächsten kommt, erwirtschaftete im vergangenen Jahr Umsätze in Höhe von 2,5 Milliarden Dollar. Zwei Drittel davon kamen von Endkundengeräten im Bereich der Heimvernetzung. Wozniaks Geldgeber glauben, dass sie die Unterschiede zu WLAN aufzeigen können - weil wOzNet speziell für GPS-Anwendungen gedacht ist und sich daher für solche Tracking-Dienste besser eignet.
"Ich mag die Idee eines Consumer-Geräts, das wenig Bandbreite braucht und GPS nutzt", sagt Greg Galanos, Top-Manager bei Mobius Venture Capital, das insgesamt 5,5 Millionen Dollar in Wheels of Zeus steckte. "Weil wir den Endkundenmarkt anstreben, werden wir die Produktionskosten wahrscheinlich stark drücken können. Außerdem kann Steve in diesem Bereich seine Stärken als Erfinder ausspielen."
Tim Barajin, Präsident der Marktforschungsfirma Creative Strategies, meint, dass es fraglos genügend Anwendungen für die Technik gäbe. "Bei all der Angst der Leute vor dem Kidnapping ihrer Kinder befriedigt sie unmittelbar ein urmenschliches Bedürfnis." Damit kann Woz gut leben. (sma [1])
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